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Jeph Jacques [Questionable Content]

Gut geführte Dialoge, Feingefühl für unaufdringlich gesetzte Pointen, eine charmante Auswahl an empfohlener Musik und liebenswerte Charaktere machen Jeph Jacques Webcomic zu einer obligaten Empfehlung. "Fragwürdig" bleibt dabei eigentlich kaum etwas.



"hey, i like the killers! - sshh, don't say that aloud! they might hear you and make another terrible album!""
(raven und faye)


Über die amerikanische Sitcom Seinfeld sagte man einst, dass es dabei eigentlich um nichts gehe. "The show about nothing". Alltägliche Probleme, so trivial und unspektakulär, wie sie spannend sind. Drei Männer, eine Frau. Nichts Besonderes. Und doch übte die Serie einen gewissen Reiz auf die Zuschauer aus. Heute wird sie gern herangezogen um die ironische und egozentrische Kultur der Neunziger darzustellen. Vielleicht auch deshalb – da müssen wir uns nichts vormachen - weil sich das eigene Leben oft auch mehr um die Nichtig- als die Wichtigkeiten dreht. Identitätsstiftend mögen die Einen sagen. Eher das Gegenteil die Anderen. Im Endeffekt spielt es aber keine Rolle. Transportiert man dieses „nichts Besondere“ der Alltäglichkeiten von New York an einen fiktiven Ort, macht aus den Yuppies und Freaks junge Erwachsene, vertauscht die serienintern diskutierten Themen von Großstadtfrust und gesellschaftlicher Konventionen mit Musikleidenschaft und Zynismus und letztlich Kamera und Beleuchtung mit Stift und Farbe, ist man längst nicht bei "Questionable Content" angelangt, aber vielleicht auf einem guten Weg dorthin.

Der vierundzwanzig Jährige Jeph Jacques hat eine der besseren – um bei diesem Genre übergreifenden Terminus zu bleiben – Sitcoms erschaffen und setzt diese überzeugend in Form eines Webcomic um. In den vier Panels jeder Ausgabe geht es um Wortspiele, Kaffee, Erwachsen werden, Beziehungen, Alltäglichkeiten und eine Vielzahl von Referenzen und geführten Diskussionen über Bands, von dessen bestehen man bis dato oft nichts ahnte.

Die Erzählstruktur funktioniert dabei auf einer Ebene, bei welcher man die Pointe auch dann versteht, wenn man sich eine Folge wahllos herausgreift. Und selbst dann, wenn man nicht Popmusik studiert hat. Andererseits ist es eine nette Zugabe wenn man bemerkt, dass dort ein Zitat von Pavement stammt. Oder den Archers Of Loaf. Stilsicher bewegt sich der junge Zeichner, der sich seit seinen Anfängen im August 2003 sowohl künstlerisch als auch erzählerisch explosionsartig entwickelte, auf hohem Niveau mit einem ausgeprägten Feinsinn für subtilen Humor und sich langsam entwickelnden, unaufdringlichen Running Gags.

Im Kern geht es um Marten, einem Indie Nerd Anfang Zwanzig, der mit der gut aussehenden und äußerst smarten Faye in einem Appartement lebt. Die Beziehung zwischen den beiden scheint stets in der Schwebe zwischen intensiver Freundschaft und intimen Näher kommen. Dora, die exzentrische und äußerst sarkastische Besitzerin eines stylischen Cafés – dem Coffee of Doom – ist gleichzeitig Fayes Chefin, als auch die obligatorisch dritte Person in dieser Dreiecksgeschichte. Den Bruch zur Realität stellt die Figur von Pintsize dar, einem "AnthroPC" – irgendwo zwischen Futuramas Bender und einem iPod mit dem Feingefühl von Alf – der so überdreht unrealistisch erscheint, als würde er aus einem anderen Comic stammen und sich doch sehr passend in die Geschichte einreiht. Die Eigenheiten und Wesenszüge der Charaktere und deren Bewältigung besagter Alltagssituationen lassen diese zu zentralen Elementen der jeweiligen Folge werden.

Die Assoziation mit einer Fernseh Sitcom kommt nicht von ungefähr; die Geschichten spielen an wenigen, unterschiedlichen Settings, wie dem Appartement oder Café, an denen bestimmte Perspektiven, wie Kameraeinstellungen eingenommen werden. Auch der Verlauf der Geschichte ähnelt einer solchen Produktion. "'QC' hat einen übergeordneten, inhaltlichen Rahmen, in dem ich bei den Details und Entwicklungen aber sehr flexibel arbeiten kann", beschreibt Jeph seine Struktur. "Das ganze wächst mit der Zeit, die Charaktere entwickeln sich und gewinnen an Dimensionen. Als ich mit dem Comic begann, sollte er eigentlich maßgeblich von Marten und Pintsize handeln, aber dann tauchte plötzlich Faye auf, und Dora, und jetzt habe ich diese beträchtliche Anzahl an Personen, die alle in meinem Kopf herumgeistern."

Jeph lebt in Northampton, Massachusetts, im Nordosten der Vereinigten Staaten und hat eigentlich einen Bachelor Abschluss in Musik. "Ich habe dieses Bedürfnis etwas Kreatives zu machen", erklärt er den Grund seiner jetzigen Tätigkeit. "Ich habe mal in einer Band gespielt, aber ich mag es nicht, abhängig von den Gewohnheiten anderer zu sein. Außerdem habe ich eine Zwangsneurose und da tut mir die kontinuierliche und geordnete Arbeitsweise bei meinem Comic sehr zu Gute." Ein erlesener Musikgeschmack spiegelt sich dennoch wie bereits erwähnt in seinem Comic wider (und auch in seiner anderen Arbeit, "Indietits", einem Comic über Vögel, die über Musik lästern). "In der Zeit die ich damit verbringe QC zu gestalten, höre ich die meiste Musik. Es läuft ständig etwas in iTunes, manchmal inspiriert mich die Musik sogar zu einer Episode". Im Augenblick seien dies maßgeblich "Return To The Sea" von den Islands und das Mogwai Album "Mr. Beast" ("it’s fuckin' awesome"), schildert er und erwähnt, dass er derzeit auch Geschmack an deutschen Produktionen gefunden hat. "A lot of weird German house music", erwähnt er, sowie Allen Allien und Notwist.

Um sich finanziell über Wasser zu halten setzte er einen Wunsch der Leser irgendwann in die Tat um: über seine Seite kann man die kurios bedruckten Shirts der Charaktere in kleinster Auflage und handverpackt bestellen und ein Statement in der Öffentlichkeit abgeben. TEH steht dann zum Beispiel darauf, , Music + Science = Sexy oder die grimmig drein schauenden Konturen eines Bärengesichts. Nach Sell-Out riecht das hier aber keines Falls. "Questionable Content" ist ein hell leuchtender Punkt am Horizont der unendlich großen Zahl an mehr oder minder ambitionierten Web Comics. Es geht um nichts Besonderes. Dinge geschehen hier und da ohne großes Aufsehen. Der wohl dosierte, smarte Humor neigt ob seiner Fülle an Querverweisen mehr zum verständigen Lächeln als zum großflächig angelegten Lachanfall, und keiner der Charaktere ist reizüberflutend genug, um im Vordergrund schlecht aufzufallen. "QC" ist ein Comic, der einen nicht auf Anhieb polternd und unumgänglich überzeugen muss, aber durch sein zurückhaltendes Auftreten mit der Zeit abhängig machen kann. "The comic about nothing", könnte man sagen, jedoch nicht abwertend, sondern ähnlich fasziniert erwartend wie bei Seinfeld.
foto: questionable content #482


jeph jacques
"questionable content"
webcomic
montag bis freitags, seit august 2003

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I Harth Darth [The Dark Side Is The Best Sauce]

A long time ago, in a galaxy far, far away...
Ein kleines, unbedeutendes Webblog, dass kurze Geschichten mit schemenhaften Figuren erzählt, gewinnt ohne jegliche Promotion binnen zwei Wochen über 5000 Leser.


"darth? darth? please turn off your helmets itunes when i'm talking to you!"
(imperator palpatine)


Für eine ganze Generation bedeutete Star Wars Alles, für eine weitere kann es nicht mehr bedeuten, als drei hoch produzierte Filme mit geringem Handlungsspielraum im Kanon der Spezial Effekte Hollywoods. Dennoch wurden die Erwartungen, vor allem zu Beginn der Prequels so enorm in die Höhe geschraubt, dass ein einfacher Film diese niemals hätte befriedigen können. Der amerikanische Regisseur und Schauspieler Kevin Smith beklagte kürzlich argwöhnisch im Rolling Stone Magazin eben jene zynisch, freudlosen Fans, "die mit der Erwartung an die Prequels marschieren, Lucas solle ihnen ihre verlorene Star Wars Jugend wiedergeben". Smith, selbst Fan des lucasschen Universums, überträgt in den Filmen seiner New Jersey Trilogie, wie "Chasing Amy", "Clerks" oder "Dogma", die Star Wars Mythologie in subtilere Betrachtungsebenen. In "Clerks" etwa diskutieren die beiden Hauptdarsteller über den Tod unzähliger unschuldiger Handwerker, Klempner und Elektriker, als die Rebellen in "Episode IV : Eine Neue Hoffnung", den noch im Bau befindlichen Todesstern des Imperiums zerstören. "Okay, stell dir mal vor: Du bist ein selbstständiger Elektriker, und dann kommt da dieser fette Regierungsauftrag daher. Du hast Frau und Kinder, und dieser Regierungsauftrag macht für dich und deine Familie vieles leichter. Und dann tauchen aus heiterem Himmel linksradikale Rebellen auf, feuern ihre Laser auf dich ab und löschen jedes Leben im Umkreis von drei Meilen. Du hast nicht darum gebeten! Du hast mit Politik nichts am Hut! Du willst einfach nur über die Runden kommen! Opfer eines Krieges, mit dem sie nichts zu tun hatten."

Auf dieser Metaebene der Diskussion über Star Wars bewegen sich auch die kurzen Comic Strips von I Harth Darth, wobei hier ein gewisser Sarkasmus und Zweckpessimismus im Vordergrund stehen. Die ganze Idee hinter den Comics basiere ein wenig auf dem Zynismus den man entwickeln musste, als man in Episode I nahe gelegt bekam, dass Anakin Skywalker aus der alles umgebenden Macht heraus entstanden und von einer Jungfrau geboren wurde, so wird mir in einem kurzen Interview erklärt. In jeweils fünf Panels wird eine kurze, anekdotenhafte Parodie auf die ein oder andere Szene der gesamten Saga erzählt, oder – der weitaus gelungenere Teil – werden die Charaktere aus dem eigentlichen Handlungsstrang herausgenommen, und in einem gesellschaftlichen Kontext des 21. Jahrhunderts gestellt.

Die Comics sind mit der Maus am PC gezeichnete Skizzen, und werden mit Sprechblasen und Texten versehen. "It all takes about 8 minutes." Vielleicht geht die Idee hinter I Harth Darth auch gerade vor dem Hintergrund der Special Effekt Exploitation der neuen Episoden von George Lucas auf, bei welchen dieser bis an die Grenzen des guten Geschmacks stößt. Der slapstickhafte Humor basiert selbstverständlich zu einem gewissen Anteil auf Insider Wissen, andererseits werden den Charakteren befremdliche Worte und Einstellungen in den Mund gelegt, welche selbst den Imperator sehr menschlich wirken lassen. Etwa wenn es ihm gelingt, Anakin für die dunkle Seite zu gewinnen; ("Save your wife? Phenomenal cosmic power? Red Lightsaber? – OMG! Sign me up!") Besonders gelungen scheinen die beiden retrospektivischen Analysen der Episoden I und II, welche vor allem durch die seichte Handlung und Dialogregie kritisiert wurden. In "Episode I : A RETROSPECTIVE" etwa, wird die gesamte Handlung auf den absurden Gedanken kompremiert, dass die bereits pubertierende Königin Padme, sich in einen blondschöpfigen Fünfjährigen verlieben soll.

Die deplazierten Alltagsbeobachtungen, zu denen sich die Star Wars Charaktere äußern machen den Humor der kurzen Comics aus. "Wenn ich ehrlich bin sprechen die Charaktere meistens in der Weise,i harth darth wie ich spreche", bekomme ich zu hören, als ich nach der Idee frage. "Ich denke, ich habe mich sogar während dem Film zu meinem Nachbar herübergebeugt, und eben genau diese Zeilen gesagt, die ich jetzt für die Comics verwende. Es steckt nicht viel Methodik hinter all den Geschichten. Das bin einfach ich, wie ich bin." Binnen weniger Wochen sprach sich das Blog herum, in dem die Geschichten um den jungen Anakin Skywalker, der in seiner Darth Vader Rüstungen iTunes vorinstalliert findet und immer wieder mit seiner Roboclaw experimentiert, ein bis zweimalwöchentlich veröffentlicht werden, und hat jetzt eine treue Fangemeinde mit über 5000 Mitgliedern. Die tatsächliche Anzahl der Mitglieder ist fraglich, da der Webcounter bei 4996+ mit seiner Zählung endet. "Ich erwartete niemals einen solchen Enthusiasmus, da die Comics ursprünglich eine Art Insider Scherz für mich und drei Freunde waren. Und ich habe es auch bis heute noch nicht richtig verstanden."

Die Person hinter den Comics hüllt sich in verschwörerische Anonymität. Darth Harth oder Harth Darth, wer auch immer dahinter steckt, begründet diesen Abstand damit, dass er oder sie nicht möchte, dass man "aufgrund von ein paar dummen Zeichnungen auf meine anderen, weitaus persönlicheren Projekte im Web stößt. Mich verwirrt das alles, je mehr die Community wächst. Ich bevorzuge die Anonymität, da so der Humor innerhalb der Comics bleibt, ohne sich mit Persönlichkeiten dahinter zu beschäftigen."

Bei einer steigenden Beliebtheit und der systemimmanenten Verbreitung durch Hyperlinks im Netz, ist es nur eine Frage der Zeit, wann George Lucas selbst auf die kleine Comic Reihe stoßen wird. "Ich denke, als Fanart sind die Comics akzeptabel." Es handle sich lediglich um Satire und es werde auch nicht beabsichtigt Geld damit zu verdienen. "Sobald ich jedoch eine Mahnung von LucasArts erhalten sollte, würde ich jeder Zeit damit aufhören."

In der Hoffnung, dass dies nicht so bald geschehen wird, betrachten wir den wohl beliebtesten Bösewicht der Filmgeschichte weiter, und erfahren mehr über ihn, sein Interesse an Spaziergängen am Strand, iTunes, seinen beiden Kindern und der dunklen Seite der Macht. And That’s why we ♥th Darth.
foto: i harth darth


i harth darth
webcomic
63 folgen, juni - oktober 2005

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