Bestandsaufnahme der deutschen Independent-Szene? Ein Familientreffen, bei dem der jüngste Zuwachs präsentiert wird? Ein Ort der inhaltlichen Auseinandersetzung oder doch nur ein Wochenende lang mit Freunden feiern, die man lange nicht gesehen hat? Die 5. Pop Up Messe in Leipzig.
(messe slogan 2006)
Es gibt zwei Arten von Messen. Die Einen sind eine reine Warenschau, die jeweilige Branche präsentiert sich nach außen, man erhält einen Überblick über die Marktsituation, es werden Verträge abgeschlossen, der Charakter ist ein ökonomischer. Und dann gibt es noch die Anderen: Messen für Sammler, Liebhaber und Nerds, bei denen sich – meistens von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen – eine wie auch immer geartete „Szene“ trifft. Hier steht die Liebe zur Sache im Vordergrund, man trifft sich mit Gleichgesinnten, um sich auszutauschen, Raritäten zu ergattern oder Neues kennenzulernen, der positive ökonomische Effekt ist höchstens eine Randerscheinung. Die Pop Up Messe in Leipzig eindeutig gehört zu den Letzteren. Zwar wird man Hauptbahnhof mit einem „Willkommen in der Messestadt Leipzig“ begrüßt, doch von der Pop Up weiß kaum jemand. Die Poster für diese doch recht spezielle Veranstaltung gehen an den zahlreichen legalen und wilden Plakatierungsstellen in der Masse der angekündigten Veranstaltungen eher unter. Die meisten Leipziger Besucher antworten auf die Frage, woher sie von der Veranstaltung wüssten: „Ich weiß es eben.“
Laut eigener Definition will die Pop Up „eine Plattform für die Macher und Fans von Popkultur und –musik sein […] und – nicht zuletzt - allen eine Menge Spaß machen, denen Popmusik in all ihren Spielarten eine Herzensangelegenheit ist“. Ein jährlicher Treffpunkt also für den Teil der Musikszene, welcher sich nur allzu gerne das Wort Independent in großen Lettern auf die Fahne schreibt. Genau dieses Ziel verfolgte die unsägliche Popkomm ebenfalls mit dem sogenannten Labelcamp, eine Versuch, der von Vorneherein zum Scheitern verurteilt war. Doch bei der Pop Up, die heuer ihren fünften Geburtstag feierte, verhält es sich zum Glück anders. Im Wesentlichen gestützt von der vielfältigen Leipziger Musikszene hat sich ein für die Independent-Szene bemerkenswertes Forum entwickelt, das von Major-Unternehmen ignoriert wird und welche vermutlich auch keinen Stand bekommen würden.
Mehrere Tage lang traten verschiedenste elektronische wie gitarrenlastige Acts in den zahlreichen Clubs von Leipzig auf, doch die wichtigste Veranstaltung war selbstverständlich die eintägige Messe im Werk II. Schon beim Betreten der Halle wurde klar, weshalb sich die Welt in Bezug auf diese Veranstaltung in Wissende und Nichtwissende einteilen lässt. Die Besucher sind Konsumenten und Fachbesucher in einem, für Außenstehende hat die Atmosphäre einen starken Nerd-Charakter. Eigentlich ließ sich auch kaum zwischen Besuchern und Ausstellern unterscheiden, man unterhielt sich auf einer gemeinsamen Ebene. Hier versuchte weder eine Messehostess, dem ahnungslosen Kunden das scheinbar hochwertige Produkt näher zu bringen, noch wurden irgendwo Verträge oder wichtige weil ökonomisch vorteilhafte Zusammenarbeiten beschlossen. Stattdessen trafen sich ausschließlich Musikfans, die sich eher zufällig vor oder hinter den Standtischen befanden, welche schlicht aus Biertischgarnituren bestanden. Und so schien in der Halle ein riesiges Netz gespannt zu sein, überall fanden sich Verbindungen, man traf alte Bekannte und lernte neue Menschen kennen. Ob Wohnzimmer-Label, Independent-Vertrieb, Fanzine oder Besucher: Irgendwie waren alle miteinander verknüpft. Man traf Freunde und Kollegen, die man lange nicht mehr oder noch nie gesehen hatte, neue Kontakte wurden geknüpft, phasenweise schien das Werk II eher einem Familientreffen als einer Messehalle zu ähneln.
Doch wo sich die Familie trifft, dürfen nicht nur Kaffee und Kuchen gereicht werden, es muss auch Inhaltliches geschehen. Dazu sollten die Foren dienen, in denen auf einem Podium Beteiligte des Kulturbetriebes unterschiedliche Themenfelder beackerten. Ausgerechnet beim inhaltlichen Input lief nicht alles rund. Das Forum "Blog Party", welches das Verhältnis von Blogs und Musikjournalismus behandelte, bewegte sich auf einem zwei Jahre alten Diskussionsstand, ein Fortschritt war nicht zu erkennen. Bei "Landunter im Themenpark" brachten verschiedene Musikjournalisten zwar spannende und erheiternde Anekdoten zum Besten, eine ausreichende Erklärung für das Phänomen des "heißen Acts des Moments" konnte jedoch nicht gefunden werden. Doch ausgerechnet das vielversprechendste Forum, "I Bet You Look Good On Our Coverstory", enttäuschte am Stärksten. Nur wenig Substantielles und Neues gab es zum politischen Gestus der Independent-Szene zu sagen.
Erfreulicher hingegen war so mancher Auftritt bei den abendlichen Konzerten. Das Messepublikum konnte insbesondere freitags und samstags zahlreiche Acts in rund einem dutzend Clubs begutachten. Nur wenige größere Namen wie Blackmail oder Sophia waren dabei, doch die wirklich spannenden Momente spielten sich sowieso in den kleineren Lokalitäten ab, so zum Beispiel der Louisville-Loob-Labelabend in der Halle 5. Leider spielte Florian Horwath die Halle buchstäblich leer, bevor Oliver Welter nur mit Akustikgitarre Naked Lunch-Songs zum Besten gab. Vor allem aber feuerten Klez.e ein energiegeladenes Set ab, welches viel Lust auf das kommende Album machte. Andernorts waren Bands wie Ostinato, Brockdorff Klanglabor oder auch Sometree zu bestaunen, auch wenn letztere mit erheblichen technischen Problemen zu kämpfen hatten. Dreh- und Angelpunkt der abendlichen Musikunterhaltung war jedoch zweifelsohne Ilses Erika. In diesem engen und verwinkelten Kellerclub wurden vier Nächte zum Tag gemacht. Deren Höhepunkt wiederum waren die (Mini) Monsters Of Spex: Zwar wussten die Dänen von Epo-555 durchaus zu begeistern, doch verblasste deren Auftritt im Schatten der vermutlich heißtesten Band des gesamten Pop Up: Amusement Parks On Fire machten klar, weshalb es sich nur für diese eine Band gelohnt hätte, nach Leipzig zu fahren. Riesige Gitarrenwände und neblige Gesangslinien durchfuhren den eigentlich viel zu kleinen Raum, der Auftritt ließ jeden Körper Adrenalin und Glückshormone in rauen Mengen ausschütten. Und ist es nicht letztendlich das, worum es bei so einer Veranstaltung gehen muss?
foto: simon traut
(pop up
(Pop Up Messe [Leipzig, 18.-21.06.06]
Naked Lunch [Wiesbaden, 02.04.2005]
Loneliness is where we’ve been.
Die Österreicher Naked Lunch zelebrieren ihre eigene Vergangenheit und unterstreichen, dass auch ein steiniger Weg in eine positive Gegenwart führen kann.
(first man on the sun)
Die Bandgeschichte von Naked Lunch liest sich wie eine Abhand-lung über die Stereotype eines Rock’n’Roll-Lebens. Ihre Mitglieder durchlebten sämtliche Höhen und Tiefen eines Musikerlebens. 1990 in der österreichischen Provinzstadt Klagenfurt gegründet landet die Band schnell in London und New York und der ganz große Durchbruch scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Stattdessen folgt allerdings der tiefe Fall und Naked Lunch stehen 1999 ohne Plattenvertrag oder gar Management da. Nach einer langen musikalischen Auszeit veröffentlichten sie im Jahr 2004 "Songs For The Exhausted", ein Album das zumindest im deutschsprachigen Raum wieder auf relativ große Resonanz stieß. Ende März wurde nun die EP "Stay", dessen Titelsong auch auf dem aktuelle Album zu finden ist, veröffentlicht, welche als Anlass für eine kleine Tour diente.
Doch zunächst betritt der österreichische Songwriter Florian Horwath die Bühne des gut gefüllten kleinen Saals im Wiesbadener Schlachthof. Seine Band besteht aus einem Gitarristen und einem Drummer, er selbst greift mal zur Gitarre, mal zum Tambourin. Die Songs klingen zunächst in klassischer Songwritermanier, sind jedoch von zu vielen Brüchen durchzogen. Es sind unaufdringliche Spielereien, die kaum Spannung aufbauen und teilweise etwas konzeptlos erscheinen. Florian Horwath versucht, die Musik in körperliche Posen umzusetzen, was einen Zuhörer zu der Aussage veranlasst, auf der Bühne stehe wohl der leibhaftige Jesus. Tatsächlich haftet seinen artifiziellen Gebärden auch etwas Spiritualität an, ein Schweben in anderen Sphären, dennoch scheint ein roter Faden besonders auf musikalischer Ebene zu fehlen. Das Publikum zeigt sich nichtsdestotrotz begeistert von dieser mystischen Atmosphäre und honoriert es dementsprechend.
Kaum kontrastreicher könnte da der Auftritt von Quasi sein. Das Keyboard von Sänger Sam Coomes liegt noch eingefasst in einem Transportcase aus Holz, auf dem Fragile Musical Instrument gestempelt steht. Doch das Duo aus Portland/Oregon rumpelt und scheppert durch das dreißigminütige Set, als würde es kein Morgen geben, von Zerbrechlichkeit keine Spur. Zu Beginn ist der Sound sehr mäßig, das Keyboard und der Gesang gehen zunächst in einem Schlagzeuginferno völlig unter, was sich aber im Laufe der Zeit bessert. Drummerin Janet Weiss, die ansonsten bei Sleater Kinney die Stöcke schwingt, versprüht grenzenlose Energie, die Dynamik des Spiels und der kraftvollen Bewegungen ist mitreißend. In minimaler Besetzung lassen die Beiden krachige Soundwände entstehen. Irgendwo im Schrammeluniversum zwischen schrägem Keyboard und polternden Drums machen Quasi klar, dass es weder Gitarre noch Bass bedarf, um ordentlich zu rocken.
"Picture yourself in a room with no one left to talk to..."
Zunächst allein und mit gesenktem Haupt betritt Oliver Welter die Bühne, symbolisch für all das stehend, was Naked Lunch in den Jahren ihrer Existenz durchlitten haben. Einsamkeit und Schmerz vermittelt dieses Bild, das mehr als nur eine Pose ist. Es kommt aus dem tiefsten Innern und ist stark durchdrungen von einer Geschichtlichkeit, welche zu einem essentiellen Fixpunkt geworden ist, um den sich die Musik nun dreht. Wunderbar fügt sich da die Band nach den ersten beiden solo gespielten Stücken in die Atmosphäre ein. In blaues Licht gehüllt, welches sich in einem Alufolien-Vorhang an der Rückwand spiegelt beginnt ein Set von großer Intensität, eine Leidensgeschichte wird erzählt, jedoch ohne in aufmerksamkeitshaschenden Pathos zu verfallen.
"Not the slightest chance of relief, no escape, he's paralyzed..."
Langsam wird ein großer Spannungsbogen aufgebaut, der sich in auch in Instrumentierung und verstärkten Bewegungen auf der Bühne widerspiegelt. Der Sound nimmt im Laufe der Zeit eine kräftigere Gestalt an, immer wieder verlieren sich die Stücke in breiten Klangteppichen, um anschließend wieder in eine weiche Fragilität zurückzukehren. Stärker noch als auf den Studioaufnahmen wird hierbei die künstlerische Verwandtschaft mit Weilheim offenbar, Soundschnipsel und sanfte elektronische Beats werden bei Stücken wie Man Without Past oder Lost It All von der spielerischen Facette zu einem bestimmenden Element umgewandelt. Gleichzeitig löst sich die Band langsam aus ihrer geistigen Blase der Einsamkeit, die Stimmung des Publikums wird aufgenommen und Oliver Welter kommuniziert zunehmend gelöst. Wie in dem Video zu Stay erklimmen Naked Lunch einen imaginären Berg, diesmal scheitern sie jedoch nicht. Jeder Schritt wird einfacher und als der naked lunch Wolkenschleier schließlich durchbrochen ist, gibt es kein Halten mehr. Nach nur 45 Minuten erreichen sie mit Solitude bereits den ersten Gipfel, eine riesige Soundwand wird aufgeschichtet und fällt abschließend in sich zusammen, nicht mehr als ein zartes Keyboardsample hinterlassend.
"Stay here, let your love come over."
Immer stärker nähern sich die Band und das Publikum in ihrer musikalischen Wahrnehmung, die Zuhörer werden aus der Beobachterrolle in ein selbstbewusstes Mitfühlen gedrängt. So bittet Oliver Welter um einen Applaus für Scott Walker, bevor dessen Klassiker The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore als zweite Zugabe gespielt wird. Mit dem Verweis auf den Zeitdruck durch eine nachfolgende Tanzveranstaltung wird zum scheinbaren Abschluss First Man On The Sun gespielt, doch zuletzt zwingt der frenetische Applaus des Publikums die Band ein letztes Mal auf die Bühne. Naked Lunch sind wieder angekommen im Leben, doch der Boden der Tatsachen erweist sich dieses Mal offensichtlich als ein weicher Untergrund.
"Lay down cause you know it will last."
foto: kwentin
naked lunch
florian horwath
quasi
schlachthof wiesbaden
