David Sowka [Schätzchen, Verfälschen Wir Die Geschichte]

"Zynismus ist die Kunst, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollten", konstatierte Oscar Wilde. Der junge Österreicher David Sowka überspitzt diese Betrachtung und macht sie zum Programm in seinem ersten Buch.


"nicht nur das buch ist super, der autor sieht auch noch super aus."
(david sowka)


Betrachtet man die vielen Nischen der Popkultur wird schnell klar, dass es besonders schwer für jene Akteure ist, die sich im Bereich der Literatur bewegen wollen. Musikalisch kann man sich dem potentiell begeisterten Hörer als Support Band nähern oder seine Musik zum download im Internet anbieten. Auch visuelle Ideen können über das Internet veröffentlicht, Ausstellungen an den unwahrscheinlichsten Orten veranstaltet oder Werke im Foyer des lokalen Kulturzentrums ausgehangen werden. Bücher hingegen fristen aufgrund ihrer weniger raschen Konsumierbarkeit immer mehr das Dasein einer Randerscheinung, was ihnen weder gut zu Gesicht steht noch würdig erscheint.

Einen solchen Bereich der kreativen Entfaltung hat auch der junge Österreicher David Sowka gewählt, der nach Beiträgen für die Satire Zeitschrift Titanic und als Redakteur des Online Magazins Raketa.at jetzt sein erstes eigenes Buch veröffentlicht. "Schätzchen, Verfälschen Wir Die Geschichte" ist eine Sammlung von skurrilen Kurzgeschichten, Lebensweisheiten, Anekdoten und Anachronismen. Letter-Konglomerate nennt es der Buchrücken und verbindet die Attribute "knallharte Romantik“ und "herzzerreißende Brutalität", den Inhalt treffend widerspiegelnd.

Meist spielen bodenständige Charaktere die Hauptrolle in den Geschichten; Metzger, Polizisten, Bankbeamte, Bauern oder Rentner. Plump wirken sie in ihrem Umfeld und Sowka reduziert sie ganz beliebig auf wesentliche Merkmale. Und auf unterschwellige Triebe. Mordlust, Neid und Habgier werden des Öfteren so arglos beiläufig geschildert, wie der Besuch beim McDrive – an welchem überraschend Helmut Schmidt bedient – oder das Horoskop. Zu keiner Zeit wandelt der Autor aber auf Pfaden der Kriminalliteratur. "Diese vielen Leichen sind wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass einige Geschichten das ganze Leben des Protagonisten beschreiben und da gehört auch der Tod dazu", verdeutlicht Sowka. "Und weil ich beim Schreiben gerne mit dramaturgischen Brüchen arbeite, ist der Tod auch ein gutes Stilmittel."

Die Wortspiele, verdrehten Ansichten und haarsträubenden Argumente sind ein Genuss. "Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten", zitiert er die altbackene Pädagogenweisheit unter der Überschrift "Fragen kostet nichts". "Nach langen Recherchen bin ich zu dem Befund gekommen, dass diese Aussage richtig ist. Nehmen wir als Fallbeispiel Joseph Goebbles. Er fragte 1943 im Berliner Sportpalast, ob die Zuhörer nicht einen totalen Krieg wollten. Die Frage an sich ist nicht dumm. Es war eine Frage. Die Antwort war dann schon eher dumm, aber hinterher weiß man ja immer alles besser." Eine entwaffnende Betrachtung die Sowka mit einfachster Sprache macht und damit oft Dinge ganz naiv auf den Punkt bringt. "Leider ist es so, dass sich die meisten Menschen dumm halten", erläutert er auf die Frage nach dem Bezug seiner proletenhaft skizzierten, tumben Gesellschaft zur real Existierenden. "Ansonsten wäre die hohe Auflage der Bild in Deutschland und der Kronen Zeitung in Österreich nicht verständlich. Wenn sich die Menschen bilden würden gäbe es auch nicht für Paris Hilton 86.300.000 und bei Elfriede Jelinek nur 1.690.000 Treffer bei Google. Sogar so außergewöhnliche und bekannte Persönlichkeiten wie Fidel Castro liefern um 74.100.000 weniger Ergebnisse als Paris Hilton. Ist das nicht schockierend?"

Neben diesen besonderen Betrachtungen der Alltäglichkeiten konfrontiert der 1986 in Wien geborene Sowka in einer seiner stärksten Erzählungen auch Jesus (Christoph) mit den Banalitäten unserer Gegenwart, stellt ihn homosexuellen Priestern gegenüber, zeitgenössischen Haarmoden und auch der Frage, ob man Jesus jetzt duzen oder siezen solle. Gerade zur jetzigen Zeit, in der sich überspitzte religiöse Äußerungen von der Zensur bedrängt sehen, erscheint "Schätzchen, Verfälschen Wir Die Geschichte" die gesamte Diskussion zu einer Farce zu machen. Vielleicht zu Recht? "Theoretisch bin ich katholisch. Ich bin getauft. Aber ich bin aus der Kirche ausgetreten. Wie man an meinen Texten sieht bin ich mit der Politik der katholischen Kirche nicht einverstanden. Gegen das Christentum an sich habe ich aber nichts. Jesus war ein Revolutionär und ein guter Mensch, aber ich finde nicht, dass die Kirche ihn verkörpert", beäugt Sowka kritisch. "Heutzutage wäre Jesus als Linkspopulist verschrien und von der Kirche gehasst."

Dieses satirische Polemisieren gegen Kirche, Staat, Politik und Gesellschaft zieht sich durch weite Teile des Buches. Was zunächst äußerst amüsant und überraschend wirkt, nutzt sich mit der Zeit jedoch ab. Viele der Handlungen verlaufen nach ähnlichen Mustern, der Ausgang der Geschichten lässt sich immer schneller erahnen, wenn auch nicht im Detail, so doch zumindest in seiner Absurdität. Der erfrischend groteske Humor schafft es nicht über das ganze Buch hinweg zu überzeugen, wird hin und wieder von flachen Scherzen knapp ober- oder unterhalb der Gürtellinie verwässert. Rechtschreibfehler als Bewertungskriterium anzuführen sparen wir hier mal aus. Nichtsdestotrotz sind viele der Geschichten besonders bei der ersten Konfrontation erhellend. Zur gelegentlichen Lektüre scheint mir "Schätzchen, Verfälschen Wir Die Geschichte" wunderbar geeignet, zum kurzen Innehalten und um über Dinge zu lachen, über die man sich sonst nur grämt oder dafür in den Keller gehen muss.
foto: david sowka


david sowka
"schätzchen, verfälschen wir die geschichte"
novum verlag 2005