Etta Streicher & Toby Hoffmann [Moralverkehr]

Von wegen Moral
Ein Dialog über den Dialog zwischen den Slampoeten Toby Hoffmann und Etta Streicher.


"betroffenheitsprosa kommt hier ja gut an."
(ich lese, also bin ich)


frannie says:
Bist Du gut nach Hause gekommen letzte Nacht?

I cee dead people says:
Nicht wirklich. Ich habe bei Sascha übernachtet, weil keiner von uns mehr imstande war, zu fahren.

frannie says:
Hört, hört! Very promising ;) Der Abend hatte es ja aber auch wirklich in sich.

I cee dead people says:
Allerdings. Ich war echt überrascht. Du weißt ja, dass ich mit diesen Spoken-Word-Geschichten im Grunde nicht allzu viel anfangen kann.

frannie says:
Naja, man darf das halt auch nicht mit Stefans Pseudo-Poetryslams im Café vergleichen; Toby und Etta machen das echt nach allen Regeln der Kunst. Wobei ich ja fand, dass 74 Minuten dann auch wirklich an der oberen Grenze liegen.

I cee dead people says:
Quatsch, ich hätte denen noch viel länger zuhören mögen. Was mich so unglaublich gepackt hat, war die Harmonie, die zwischen ihnen herrscht. Sind die eigentlich zusammen?

frannie says:
Nicht, dass ich wüsste. Aber es stimmt schon; man merkt, dass sie perfekt aufeinander abgestimmt sind. Und trotzdem haben mir die Stücke, die sie einzeln vorgetragen haben, viel besser gefallen. Kannst Du Dich noch an gsprch erinnern?

I cee dead people says:
Ne, hilf mir mal auf die Sprünge.

frannie says:
Als Etta sowohl Vokale, als auch Umlaute eines Monologs weggelassen hat? Ds Gnze ht sch dnn ngfhr s nghrt.

I cee dead people says:
Also, ich weiss nicht – Kunstgriff hin oder her – für mich war das dann halt auch fast wieder zu anstrengend, irgendwie. Einerseits finde ich es ja sehr originell und spitzfindig, wie die Beiden in bestimmten Tracks die Schwierigkeiten der Kommunikation von Kopf zu Kopf und vor allem die Tragweite der Bedeutung der Dinge, die dabei so verloren gehen, spielerisch aufzeigen, andererseits gab’s halt für mich auch mal Stellen, wo ich dann abgeschaltet habe, weil’s einfach nicht mehr ging. Teilweise war es ja auch wirklich unerhört, wie viel Information da auf einen einstürzte; ziemlich rasant, das Ganze.

frannie says:
Klar, aber gerade das macht es ja so charmant. Wie hat es eigentlich Sascha gefallen?

I cee dead people says:
Ich glaube, er hat es nicht ganz verstanden. Als wir bei ihm waren, habe ich ihn gefragt, wie er es fand und er meinte halt bloss: Von wegen Moral. Ach so ;)

frannie says:
Natürlich, war ja klar. Soviel zu seinem Sinn fürs Subtile. Nichts, was wir nicht schon gewusst hätten, also ;)

I cee dead people says:
Du sagst es.

frannie says:
Während die unsägliche problematik des daseins – übrigens auch eine Einzel-Performance von Etta – habe ich dauernd zu ihm rübergeschielt, weil ich wissen wollte, wie er reagiert, denn im Grunde ist das ja Eure momentane Situation, einfach in Worte gefasst.

I cee dead people says:
Ich bin erbärmlich, ich weiss, aber ich kann die Titel irgendwie nicht mehr so zuordnen; sagst Du mir nochmals kurz, worum’s da ging?

frannie says:
Sie meinte doch zuvor noch, die zweite Stimme des Dialogs sei unsichtbar. Weißt Du noch?

I cee dead people says:
Ach, okay, jetzt ist alles klar. Ja, das war toll! Ich meine, wer kommt auf solche Ideen?

frannie says:
Grosses Kino, definitiv. Für mich war das der Höhepunkt des Programms, ich glaube, so ehrlich hat Ettas Stimme während des ganzen Abends nicht mehr geklungen.

I cee dead people says:
Was hältst Du von Toby?

frannie says:
Er besitzt eine markante Stimme, aber eine sehr unaufdringliche Genialität. Das macht ziemlich viel aus, schätze ich; ich könnte nicht vielen Menschen so lange zuhören. Ich meine, er verpasst Dir und dem Rest der Welt sozusagen eine gesellschaftliche Ohrfeige nach der anderen – mehr als Etta, finde ich – aber er tut es so charmant, dass man einfach an seinen Lippen hängen bleibt.

I cee dead people says:
Wie meinst Du das?

frannie says:
In im immer mehr beispielsweise gab es diese hochtrabende Passage über "die enzyklopädische Ordnung des individuellen Universums in einer globalisierten, überbevölkerten High Tech Welt“, wo man sich ja erstmal überlegt hat, wie sehr dieser ganze intellektuelle Wortseiltanz nervt, aber nur 20 Sekunden später relativiert Toby das dann halt wieder gekonnt, indem er es zynischerweise selbst kommentiert.

I cee dead people says:
Tut mir Leid, aber ich muss los.

frannie says:
Ist etwas passiert oder so?

I cee dead people says:
Nein, Sascha ist bloß gerade aufgewacht.
foto: sprechstation



etta streicher & toby hoffmann
"moralverkehr"
Sprechstation Verlag 2006 cd
etta streicher
toby hoffmann

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Sonntag Nachmittag [Dezember 2006]













fotos: manuel kaufmann

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Polaroid Liquide [Polaroid Liquide]

Kabale und Liebe
Gefühl ist mehr als Denken; das sagten sich wohl die neuen Stürmer und Dränger aus Berlin.



"discover my heart"
(she)


Natürliche Prosasprache anstelle von fünffüßigen Jamben, Gefühl statt Ratio und liebenswertes Chaos anstatt klassischer Dramentheorie. Den jungen Dichtern ist es offensichtlich ein Anliegen, sich aus dem Gestrüpp der vorherrschenden Regeln und Bindungen zu lösen, um ihre Individualität entfalten zu können. Im Einklang dazu steht ihre deutliche Sprache, welche, ohne sich den gängigen Klischees zu bedienen, die Anliegen vierer Herzen vertont, die im Grunde bloß eines möchten: Musik machen. Am liebsten ohne künstliche Konserven und übliche Kunstgriffe, dafür mit Gefühl und von Herzen.

Wie die von Goethe einst beschriebene Tatkraft, die sich aus Mangel an Einflussmöglichkeiten im politischen Leben im reißenden Strom der Literatur ergießt, schaffen sich Polaroid Liquide eine eigene Welt der neuen Empfindsamkeit auf der Bühne und in den ätherischen Gefilden der Kunst, auf die sich ihre ganze Leidenschaft und Tätigkeit beziehen. Aristoteles würde sich vermutlich im Grabe umdrehen, denn die vier Künstler missachten dabei jede einzelne seiner dramentheoretischen Vorschriften und erzählen Geschichten voller Nebenhandlungen, Zeitsprünge und Ortsveränderungen.

Sie stellen uns Ti Jean und gleich darauf Eddy vor, wagen eine zerstreutere Sequenz in Dreaming Me und schweben, der Einheit der Zeit zum Trotz, von Berlin nach New York City und wieder zurück. Free Pop nennen sie das, und haben damit ganz Recht.

Die Achillesferse vieler Alben - die Exposition - meistern Polaroid Liquide im Rahmen von Quiet For The Start vortrefflich, denn: Nomen est Omen und somit wird der Hörer behutsam, und für einmal so gar nicht in typischer Sturm und Drang-Manier, in die Welt geführt, aus der er später nicht mehr hinausfinden soll.

Die Audienz, die sich schon mit der Aussicht auf eine homogene und insgesamt eher beschauliche Folge von Augenblicken zufrieden gegeben hat, erlebt bereits bei den ersten Klängen von The Mall das so genannte erregende Moment; die Konfliktauslösende Handlung und somit den Haken, an dem man bis zum Punkt der subversiven Peripetie – Relieve – hängen bleibt.

Auch das darauf folgende Dreaming Me macht seinem Namen alle Ehre und ist folglich in diesem zeitgenössischen Berliner Drama das, was der Literat als retardierendes Moment bezeichnen würde. Ungeduld und Klimax reichen sich an dieser Stelle die Hand und harren so bis zur entwirrenden Lysis, NYC Revisited, aus. Bereits der Anfang dieses Stücks weist auf das Finale hin. Etwas leise, etwas drohend und immer mit dem Sinn für Empfindung werden lose Enden zusammengeknüpft und unfertige Geschichten zu Ende erzählt. Am Schluss angelangt und noch immer ein wenig benommen von den Impressionen, kann man sich nicht recht zwischen Lachen und Weinen, Komödie und Tragödie entscheiden.

Eines kann man aber mit großer Sicherheit behaupten: Das war ganz großes Kino. Verteidigungslinien bröckeln, Grenzen werden abgetastet und schließlich überschritten; Polaroid Liquide singen Lieder über das Kabale, das Leben und die Liebe im 21. Jahrhundert, wo die Lage ernst, aber nicht hoffnungslos und ein wenig Sturm vielleicht genau das Richtige ist.
foto: polaroid liquide



polaroid liquide
"polaroid liquide"
tumbleweed records 2006 cd
polaroid liquide

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Sonntag Nachmittag [November 2006]







fotos: manuel kaufmann

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Andreas Michalke [Bigbeatland]

Der Berliner Reprodukt Verlag hat eine Sammlung der Comicstrips von Andreas Michalke heraus gebracht, die unter dem Titel „Bigbeatland“ bislang in der Wochenzeitung Jungle World veröffentlicht wurden.



"du kannst doch nicht für den teufel medienindustrie arbeiten
und gleichzeitig für das freie radio!
"
(subkommandante markus)


Pop-Linke sind Linke, die Entertainment als Mittel von Politik verstehen. Meist ist es herablassend gemeint, so wie Popper“, erklärt eine jener Figuren, die in ihrem Aussehen ein wenig an Fix und Foxi und maorische Tiki Figuren erinnern. Anthropomorphe Hunde und Katzen, Füchse und vielleicht auch ein Schlumpf. Andreas Michalke, seines Zeichens 1999 mit dem Independent Preis des ICOM ausgezeichnet, bedient die alte und in Deutschland eigentlich nur rar gesäte Kunstform des Comicstrips. Seit 2002 veröffentlicht die, dieser Tage mit Existenzangst hadernde Wochenzeitung Jungle World, farbige Strips des 1966 in Hamburg geborenen Künstlers. In "Bigbeatland" betrachtet Michalke auf gelungene Weise maßgeblich musikbezogene, linksorientierte Subkulturen in einer beliebig besetzbaren Großstadt Deutschlands; die „Rock-Linken“ Johnny und Sandro mit ihrer Sendung im freien Radio, um deren Sendezeit immer wieder aufs neue gekämpft werden muss, der totenköpfige, linksradikale Markus Meier, der nicht nur von seinen Genossen Hans, Otto und Hermann „Subkommandante“ genannt wird, oder Sandra Al Djardo, Deutsch-Irakerin und VJane beim Musiksender "BlaBla". Da sich das Geschehen in Bigbeatland nicht klassisch um eine zentrale Figur, sondern eine Vielzahl bewusst oder unbewusst miteinander vernetzter Charaktere dreht, wird oft die Lindenstrasse als Verweis angeführt, auch wenn sie in diesen Fällen für Bigbeatland liebevoll mit „links“ attributiert wird. Tatsächlich ergeben sich, wie in der Fernsehserie, auch hier aus den episodischen Handlungssträngen der verschiedenen Protagonisten immer wieder neue Dramaturgien, greifen die unterschiedlichen kleinen Erzählungen in einander.

Was seine Serie jedoch wirklich beachtenswert macht, sind zwei Fähigkeiten von Michalke: Zum einen weiß er nicht nur wovon er erzählt, sondern stattet seine Zeichnungen mit einer Liebe zum Detail aus, die auf den ersten Blick in dem recht einfachen und karikaturistisch anmutenden Zeichenstil kaum auffallen. Von der schwarzen Hornbrille, den Lippenpiercing über das Eso-Ying-Yang Shirt, den Seitenscheitel und die Haarspange bis zum Habitus und markanten Redeweisen, verleiht er den jeweiligen Charakteren stilechte Ausdrucksmerkmale, weiß mit den zeitgenössischen kulturellen Codes innerhalb der jeweiligen Szene zu spielen. Er nimmt sich sogar die Zeit – im grafischen Sinne eines Panels -, um immerwieder lange Auszüge (mit Quellenangabe) der gespielten Stücke in Johnny und Sandros Radiosendung abzubilden. Michalke gelingt es damit die linke Perspektive kritisch und humorvoll zu betrachten, ohne sie preiszugeben. (Auch wenn die ein oder andere Pointe eher platt daherkommt.) Zum anderen lesen sich die in der Sammlung zusammengestellten Strips wie ein alternativer Jahresrückblick von Sommer 2002 bis Herbst 2006. Bleibt der Ort der Handlungen auch beliebig, so sind es die politischen und kulturellen Ereignisse nicht; von den Bundestagswahlen 2002 („Stoiber will einen Gottesstaat auf deutschen Boden errichten. Er nennt seine Frau Muschi!“), über den ausbrechenden Irakkrieg, den Tod Jassir Arafats, die Atompolitik Nord Koreas bis zur Fussballweltmeisterschaft im letzten Sommer, konfrontiert Michalke seine Charaktere liebevoll mit nationalen und globalen Ereignissen, in dem Bewusstsein, – so Dietrich Diedrichsen in seinem Vorwort – „dass ein solcher Zusammenhang heute nur als Karikatur zu haben ist“. Gerade durch diese Herangehensweise „generiert sein Humor und die Lässigkeit der Bezugnahmen genau die Attraktivität von Lebensformen, die die Leute in der ewigen Provinz von Aufbrüchen träumen lässt – und über diese Träume lachen“.

"Bigbeatland" ist so zu einer Ausnahmeerscheinung im deutschen Comicstrip Umfeld geworden, welche eine reflektierte Zielgruppe junger Leser anzusprechen und intelligent zu bedienen weiß. Durch die vorliegende Sammlung als vorläufiges Gesamtwerk aus dem Hause Reprodukt, ist der zeitgenössische Blick auf die „Unzufriedenen und Radikalen, die sich in der linken Szene und den musikalischen Subkulturen tummeln“ (Klappentext) in seinem ganzen, wunderbar skurrilen Umfang zu bewundern.
foto: comicsalon.de / zeichnung: bigbeatland



andreas michalke
"bigbeatland"
reprodukt verlag 2006
andreas michalke
jungle world

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Bilderdisko [Glósóli]

En er svo ekki neitt.

















"Nú vaknar þú
Allt virðist vera breytt
Eg gægist út
En er svo ekki neitt"


"Glósóli"

Sigur Rós
aus: "Takk..."
Capitol, 2005
Umgesetzt von
Martina Drignat / Taubenstrasse
Hamburg


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Julius & Mindmoon [Marburg / Warburg, 12./14.10.2006]

Sänger Schrägstrich Songschreiber ist auf dem Plakat zu lesen, das mit Klebeband an der Innenwand des kleinen Clubs befestigt ist. Beziehen will sich die Aussage auf Mindmoon und Julius und auf beide Herren trifft dies wohl irgendwie zu.



"das nächste, ist mein vorletztes lied."
(sowohl julius als auch mindmoon)


Hünenhaft trifft es vielleicht ein wenig, wenn man die Statur des hochgewachsenen Oliver Lehne beschreiben möchte. Aber Äußerlichkeiten sind wenig relevant. Weder für seine Person noch für seine Musik. Viel mehr etwas von einem kleinen Jungen hat es, wenn er lächelnd, etwas schüchtern wirkend das Publikum begrüßt, nachdem er sich auf den Hocker gesetzt, das Mikrofon auf sich ausgerichtet und die Gitarre umgehängt hat. Teilweise begleitet von Phillip Warneke am Cello, erzählt er von T-Shirt-, und Augenfarben, dem Gefühl als dritte Dimension, dem alltäglichen Bemühungen sich gegen Gewohnheiten zur Wehr zu setzen oder von dem Unterschied der oft ungeachtet synonym verwendeten Adjektive "schön" und "hübsch". All das klingt viel sanfter, als es hier zu lesen ist. Nüchternheit gehört nicht zu den bittersüßen Betrachtungsweisen von Mindmoon, die sich dem eigenen und fremden Leben widmen. Eine seltsam schöne, poetische Diskrepanz zwischen dem filigranen Dasein in den Augen des Betrachters und der lakonischen Wirklichkeit erschließt sich, wenn man auf das zaghafte Spiel mit den Worten acht gibt. "Und die Schönste geht nicht aus; sie sitzt ganz allein zu Haus; ihre Augen schönt der Regen." (Die Schönste) "Das Cello", so gesteht er, "verleiht den Songs so viel Tiefe, dass man sie gar nicht mehr ohne spielen möchte". Kaum mag man ihm widersprechen und stattdessen erstaunt bemerken, dass Oliver und Phillip erst seit fünf Wochen eine handvoll Proben gemeinsam begangen. Die Bekanntschaft mit Julius hingegen besteht schon etwas länger.
Abwechselnd eröffnet man für einander bei den Auftritten und fühlt sich ein wenig wie eine Band auf Tour, erscheint das Leben als Sänger/Songschreiber doch sonst eher introvertiert und einsam.

Julius Kowarz hat diese äußerst seltene Begabung, einen Song bis ins Mark zu durchdringen und die darin manches Mal leider verborgene Schönheit zu Tage zu fördern. Wenn er etwa Time After Time von Cyndi Lauper singt, ein Stück der begabten und von ihm geschätzten amerikanischen Sängerin Deb Talan oder gar Driving Nowhere von Helmet, mit der Akustikgitarre auf seine Weise interpretiert. Und jedes Mal widmet er sich den Stücken mit ehrfürchtigem Respekt, spart jeden noch so leichten Griff zum entstellend Ironischen, zur Lächerlichkeit aus. "Das ist ja alles im Kopf", bemerkt er knapp, angesprochen auf das homogene einbetten einiger Zeilen des Stücks Your Ex-Lover Is Dead der kanadischen Stars in seinem Florida. So faszinierend plausibel und durchdacht wird dort mit Zitaten gespielt, als würde es kein Original geben. Wirklich Bemerkenswert sind aber diese feinen Details, diese höchst fragilen Momente, wenn Julius nüchterne Alltagsbeobachtungen so sensibel und bedacht anstellt und erlaubt, sie frei von Euphemismen durch seine Augen zu betrachten. Das sind die wirklich großen Momente. Wenn er erzählt. Wenn man ihm zuhören darf. Wenn er zusätzlich die Gedanken mit seinen Zwischenansagen erdet. "Imagine these three minutes would become a lifetime and you are the only one who knows that." (Press Repeat)

Eine selbst geplante Tour durch acht Orte, acht immer unterschiedliche Plätze mit fremden Gesichtern und sich ändernden Mentalitäten, führt die drei Herren gleichsam durch entlegene Winkel und vertraute Stätten. Zwischen Berlin und Röbel, Göttingen und Warburg, Antiquariat Poeterey und Schkeuditzer Kreuz, Donnersdance und Lebensmittelgeschäft Drude. Das Navigationsgerät als seltsam anmutendes Hightech Tool wird ein vertrauter Begleiter. Wenn man sich in so rascher Zeit so vielen unterschiedlichen Orten annährt, erschließt man sie unterbewusst mit Vergleichen; Hier ist das Essen besser, die Matratze ist dort aber weicher, gestern wurde man aber freundlicher empfangen. Solche Vergleiche scheinen die drei Herren weniger zu beschäftigen. Mit strahlendem Lächeln, wenn auch manches Mal müden Augen, begegnet man dem neuen Publikum. Aufgeschlossen, mit wacher Neugier, nicht mit gleichgültiger Routine. Dafür ist man zu sehr Musiker und zu wenig Profi. Manchmal ist das Publikum so ruhig, dass man Stecknadeln fallen hört. Ein anderes Mal ausgelassener. Lauter. Mitgerissen. Bewegt. Niemals gleich. Selbst vor einem Publikum, das Subversion für einen Energydrink halten mag, weiß man die Form zu wahren und höflich sein - in beiden Fällen - intimes Set darzubieten. "Ficken", grölt hier, am letzten Abend, jemand entfesselt, als Oliver von schönen Dingen spricht, die man tun kann. Und wenn dann doch die ein oder andere bissige Bemerkung durch die Lautsprecherboxen hallt, wirkt das weniger arrogant, als vielmehr fein und ehrlich bemerkt. "Alte Liebe rostet niemals", singt Julius im gleichnamigen Lied. "Das befürchte ich auch", fährt er fort. "Also hört nicht auf Mia. und die armen Schweine, haltet’s lieber mit Heinrich Heine: Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin in ich um den Schlaf gebracht." Es ist so kurz wie ernüchternd präzise auf den Punkt gebracht, und das rasche Ende wird vom Publikum beinahe überhört. Dass diese Zeilen von den sich teilweise abgewandten Zuhörern nicht verstanden werden, macht sie vielleicht noch kostbarer. Ein schönerer Abschluss für eine gemeinsame Tour wäre ihnen vergönnt gewesen, aber es bleiben ja schöne Menschen in den Erinnerungen.
foto: kugellager röbel

mindmoon
julius

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Söhnke Wortmann [Deutschland. Ein Sommermärchen]

2006: Deutschland ist wieder wer. Weltmeister der Herzen allemal und wenn "Angie" "Klinsi" küsst und Ballak zum "männlichsten Mann Deutschlands" wird, findet eine ganze Nation wieder zu sich selbst. Nicht nur "du", wir alle sind Deutschland. Die große Mär von Söhnke Wortmann.


"noch nie ist ein event so emotional und global dargestellt worden."
(joseph s. blatter, fifa präsident)


Das tobende Meer an schwarz-rot-goldenen Fahnen wird nur sehr langsam aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden. Nicht nur hier, sondern auf der ganzen Welt wurden dank der modernen Vernetzung die Bilder der friedlich feiernden Freunde betrachtet. Mit Sönke Wortmanns Film werden jetzt diese „vier unbeschreiblich schönen Wochen“ - so der Pressetext - noch einmal aufgegriffen. Man sagt erneut „Danke“, diesmal nicht nur - wie auf der Berliner Fan Meile am 9. Juli – den „Helden“ (Kino Trailer), sondern auch dem zwölften Mann auf dem Platz, den Fans. Stichwort "Teamgeist 82 Mio". Um die Bedeutung des Films und nicht zuletzt der Weltmeisterschaft selbst näher zu beleuchten, haben wir uns mit Tobias Funske, dem Pressesprecher der Initiative "I Can´t Relax In Deutschland" unterhalten. Leider war kein von uns eingeladener Mitarbeiter des Magazins für Fußballkultur "11Freunde" dazu bereit, sich an dem Gespräch zu beteiligen.

„Deutschland. Ein Sommermärchen.“ Nach dem Premierenwochenende zeichneten sich bereits Rekordergebnisse an den Kinokassen ab. Ist das der Kassenschlager, den die klagende Filmindustrie in Deutschland benötigte? Vielleicht ein Anstoß zum gemeinsamen Aufbruch, den sich die gesamte Wirtschaft wünscht? Oder ist der als märchenhaft attributierte „Summer of Heimatliebe“ (Christian Jostmann) nicht eher verklärend und wenig überraschend?
"Roger Behrens (Philosoph, Sozialwissenschaftler und Mitherausgeber der Testcard, Anm. d. Redaktion) zitiert in seinem Text Gottfried Mergner, der 1998 folgendes schrieb: 'Wir beobachten daher heute eine Renaissance von Chauvinismus und Nationalismus, und zwar überall dort, wo sich moderne Staatlichkeit und Industrialisierung in Krisen durchsetzt oder sich in Krisen zu behaupten versucht.' Behrens erklärt im Folgenden trefflich, dass der neue Nationalstolz politisch und zivilgesellschaftlich auf den Konsens der neuen Mitte trifft. Wohl nicht zufällig steht die heute gepriesene 'Wirtschaftswunderhemdsärmeligkeit' dabei im auffälligen Kontrast zum Abbau des Rechts- und Sozialstaates, von der Asylrechtspraxis bis zu Hartz IV."

Sich auf die These beziehend, dass es dem Film gänzlich an kritischer Distanz und Analyse fehle, wirft Klaus Walter in seinem Rolling Stone Artikel (11/06) die Frage auf, ob Sönke Wortmann wirklich mehr als die "Fortsetzung der synergetisch gepushten Deutschland Party" wollte.
"Wir sehen hier keine Fortsetzung, sondern ein nicht unterbrochenes Kontinuum einer deutschen Ideologie, welche sich bis in das frühe neunzehnte Jahrhundert zurückverfolgen lässt und dort seinen ideologischen Ursprung findet. Fraglich ist ferner die These, hier hätte man etwas 'gepusht'. Das klingt nach einem eingeschworenen Kreis, der die 'blinde' Masse verführt. Ich bin jedoch vielmehr der Ansicht, es wird einem gesellschaftlich existenten Gefühl Ausdruck verliehen. Das erklärt auch die verschiedenen Ausdrucksformen die sich der Nationalismus bahnt. Ob in der Popkultur – von Musik über Mode und Fotografie bis hin zu Ausstellungen und Leinwand – oder im Sport. Schließlich sind Kultur als auch Sport keine von der Gesellschaft losgelösten Orte, die sich vom aufkeimenden Nationalismus isoliert betrachten ließen. Gerade Popkultur spiegelt stets Diskurse wieder, wie sie um Volk, Heimat und Nation geführt werden. Deutsche Künstler appellieren an das nationale Kollektiv (Heppner, van Dyke: 'Wir Sind Wir') und widmen Deutschland ihr Liebeslied (Mia: 'Es Ist Was Es Ist'). Erinnert man sich dazu an die Diskussion um die Flick-Kollektion in Berlin oder Wortmanns Filme wie vor allem 'Das Wunder Von Bern', in dem eine 'wir-sind-wieder-wer'-Haltung völlig kontextlos auf der Leinwand zu sehen war, oder 'Der Untergang' und unzählige 'History'-Dokumentationen, in denen deutsches Leid inszeniert wurde, erkennt man, dass es sich nicht bloß um eine kulturell-künstlerische Bewegung handelt, sondern einem gesellschaftlich lange da gewesenen Gefühl Ausdruck verliehen wird. Daher sind wir auch in unserem Buch zu dem Ergebnis gekommen, dass all diese Phänomene nur Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung sind. Die Verknüpfung zwischen Kultur und Nation hat Roger Behrens in seinem Buchbeitrag treffend dargestellt und kommt zum Schluss, dass Kultur und Nation zum selben Komplex bürgerlicher Ideologie gehören. Das gilt also auch für Popkultur und die modernen Formen des Nationalismus."

Mit dem von dir erwähnten "Wunder Von Bern" näherte sich Wortmann bereits 2003 sowohl dem Thema Fußball, als auch dem Thema Deutschland und Identität an. Hat sich der geschichtliche und gesellschaftliche Kontext zwischen diesen beiden Ereignissen verändert? Und inwiefern erscheint es, als habe Wortmann mit beiden Filmen – auch rekurrierend auf Kampagnen wie „Du bist Deutschland“ – einen bewusst vereinenden Blick auf Deutschland provoziert?
"Ich sehe keine gesellschaftlichen oder geschichtlichen Unterschiede zwischen 1954 und 2006. Der Grund ist banal. Man kann die gesellschaftliche und geschichtliche Entwicklung Deutschlands nicht losgelöst voneinander betrachten. Das ist ja gerade auch das Problem des neuen Nationalismus. Um sich positiv auf Deutschland beziehen zu können, wird sich der negativen Vergangenheit entsorgt. Schließlich passt die piefig-zipfelmützige Altlast nicht ins gewollt-flippige und oberflächlich-hippe Deutschland-Weltbild. Nur der Bruch mit der Vergangenheit und der Verzicht auf einen kritischen Umgang mit ihr machen einen positiven Heimatbezug möglich. Sinistra Frankfurt führt in ihrem Beitrag aus, was über eine allgemeine Kritik der Nationalstaatlichkeit hinaus als deutsche Spezifik ins Blickfeld gehört. Wofür steht der Begriff 'deutsch' überhaupt und was unterscheidet den hier auftretenden Nationalismus von anderen Ländern?
Ob jemand bewusst provoziert oder unreflektiert sein fetischistisches Verhältnis zur Nation ausdrückt, kann ich schlecht beantworten. Wortmann als ausgewiesener Deutschland-Fan lag sicher weniger an Provokation von etwas, von was er verbissen träumt. Die Kampagne „Du Bist Deutschland“ trat ebenso wenig provokant denn vielmehr verklärend romantisch auf. Durch dieses Stilmittel gewinnen Zustände wie etwa Rausch oder Traum an Bedeutung. Und neu waren die Form und Intention von 'Du Bist Deutschland' Ende 2005 längst nicht mehr. Die Kampagne konkretisierte lediglich, was andere schon mehrere Jahre einforderten.
Kennzeichen des neuen Nationalismus sind nicht vorrangig Rassismus und Straßengewalt. Im Gegenteil, diese dienen hegemonial sogar als Negativschablone. Repräsentativ verwendet die Werbung Afrodeutsche, die mit Deutschland-Fahne und Chips auf der Couch jubeln; Erinnert sei auch noch einmal an Gerald Asamoahs Auftreten im Rahmen der 'Du bist Deutschland'-Kampagne. Der gegenwärtige Patriotismus ist kein Nationalismus. Patriot, so eine gängige Behauptung, sei jemand der sein Land liebe, Nationalist dagegen jemand, der andere Länder herabwürdige. Nun wird einem jeder, der sich selbst Nationalist nennt, gerne bestätigen, dass dies mitnichten der Fall sei und, froh dass er auch mal was gefragt wird, seine ethnopluralistische Leier herunterspulen. Macht man den Unterschied daran fest, dass Patriotismus ein Gefühl der Verbundenheit zum eigenen Land bezeichnet, Nationalismus hingegen eine politische Ideologie, bei der das Volk oder die Nation als Zweck allen Handelns betrachtet wird, so schließt das eine das andere nicht aus und es wird klar, womit man es bei den schwarz-rot-goldenen Scharen zu tun hat. Infantile Pop-Patriot/innen, die auf der Jagd nach wohligen Gemeinschaftserlebnissen die hedonistische Seite der Staatsbürgerschaft entdecken, mit Politik in ihrer Eigenschaft als Fans aber bitte nichts zu tun haben wollen."

Die politische Rezeption des Großereignisses wurde aus Sicht vieler trotzdem als übertrieben, ja gar hysterisch abgetan. Die Frage stellt sich jedoch ganz im Gegenteil, ob eine Betrachtung der WM und all ihrer Sequels überhaupt auf einer unpolitischen Ebene möglich ist, nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass die Premiere des Films in Berlin am Tag der deutschen Einheit gefeiert wurde.
"Der Nationalismus, auch in seiner Pop- oder Sportvariante, dient der Identifikation mit dem Kollektiv. Paradox laut Roger Behrens ist dabei, dass die Identifikation aber misslingt, da das 'identifikatorische Zwangskollektiv' die Identifikation des freien Individuums mit sich selbst und seiner Selbstbestimmung gerade verhindert.
Das nationalistische Kontexte nicht ohne eine notwendige politische - weil ideologisch beladene - Ebene auskommen, erklärt sich schon daraus, dass das Wort 'Deutsch' nicht einfach nur eine leere Begriffshülse ist. Überhaupt kommt weder die Nation allgemein noch die deutsche im Besonderen als blütenweißes Papier daher, das sich beliebig beschreiben ließe."

Die aus dem Sommer resultierende "konsensfähige Nationalidylle" (Christian Jostmann) führte auch dazu, dass das zuvor noch erzürnte Volk in eine euphemistische Hysterie zu verfallen schien. Man freute sich mit Kaiser und Kanzlerin, schrie kryptische Zahlen gemeinsam mit den „Sporties“, hielt dankbar und besonnen mit Xavier Naidoos Hymne inne und lies die verkrampfte Haltung hinter sich. Endlich lernte man zu feiern, zu leben, komme was wolle. Was hat dieses emotionale Wir-Gefühl tatsächlich bewirkt?
"Das moderne, weltoffene Deutschland hat seine Scham abgeworfen und in der so genannten 'Verantwortung' das passende Heilmittel für den historischen Schlussstrich und neues Selbstbewusstsein gefunden. Anstatt wie bisher Auschwitz eher zu verharmlosen oder zu leugnen, wurden die deutschen Verbrechen nun instrumentell benutzt, um eigene Machtinteressen durchzusetzen; Erinnert seien an die Begründung des Kosovokrieges. Das rot-grüne Deutschland sah sich nun als Land, das sich für Menschenrechte einsetzt. Der Staat und seine Nationalisten stehen nicht mehr für den Zivilisationsbruch Auschwitz, sondern legen als Aufarbeitungsweltmeister die gesellschaftliche Befugnis zu patriotischen Regungen vor. Wir kritisieren dieses entspannte 'zu-sich-kommen'. Damit wurde für die Meisten zum feuchten Traum, was Heinrich Heine noch in seinem 'Deutschland. Ein Wintermärchen' um den Schlaf brachte."

Nachtrag:
Am 5. Dezember 2006 wird Sönke Wortmann für seinen Film der Leibniz-Ring des Presse Club Hannover verliehen. Der Preis wird jährlich an eine Persönlichkeit oder Institution übergeben, die durch eine herausragende Leistung auf sich aufmerksam macht. Mit seiner Betrachtung habe Wortmann "ein Ereignis dokumentiert, das Deutschland - auch aus dem Blickwinkel des Auslands - positiv verändert hat", so begründete das Kuratorium unter Vorsitz von Sabine Christiansen die einstimmige Entscheidung.
foto: kinowelt

söhnke wortmann
"deutschland. ein sommermärchen"
2006
i can't relax in deutschland
unterm durchschnitt
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sinistra! frankfurt
presse club hannover


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Sonntag Nachmittag [Oktober 2006]







fotos: manuel kaufmann

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Lo-Fi-Fnk [Helsinki, 30.09.2006]

Black Jack?
Erdige Rockmusik?
Lo-Fi-Fnk?
Wie soll das denn bitte funktionieren?


"boy, it's great to be back home, the city that's where we belong."
(leo drougge)

Elektro-Pop ist der letzte Schrei, er ist neben der britischen Retro Rock 'n' Roll Welle offensichtlich das Gebot der Stunde. Ein Act spriesst neben dem anderen aus dem Boden, wie der Samen, der lange im Boden lag, auf einmal die Bodenkrume durchbricht und sich vor aller Augen zu einer Pflanze entwickelt. Der Vergleich hinkt zugegebenermaßen, denn Scheinwerferlicht ist kein Qualitätssiegel und im Untergrund gedeiht viel Wunderbares, das niemals größere Aufmerksamkeit erregt. Das schwedische Duo Lo-Fi-Fnk könnte aber diesen Weg gehen, den akut eine längere Europa- und US-Tour von September bis November abzeichnet. Von dieser Tour blieb auch Helsinki nicht verschont. Seltener als andere europäischen Metropolen kommt die finnische Hauptstadt in den Genuss internationaler Bands und Kuenstler, so zeichnet sie sich aus subkultureller Perspektive zwar durch einen hohen Hipness-Faktor aus, doch geographisch gesehen befindet sich die Stadt eindeutig in einer Randlage.

Rahmen der Veranstaltung war der Kuningasklubi, eine monatliche Einrichtung in Helsinkis dienstältestem Rockschuppen Tavastia. Zumeist kleinere Acts aus Europa oder Übersee spielen gemeinsam mit einer lokalen Band, das Konzept erscheint auf den ersten Blick nicht gerade neu. Aber es ist wirksam, um auch unbekannte Bands finanzieren zu können, deren Reisekosten für einen einzigen Auftritt in Finnland nicht gerade gering sind. Und so kommen an diesem Abend über 400 Menschen, nicht zuletzt auch wegen dem finnischen Support Risto. Deren Brei aus erdiger Rockmusik in ihrer unangenehmsten Form und leicht jazzig angehauchtem Muckertum wirkt eintönig und uninspiriert. Die meisten Anwesenden sind vom Auftritt allerdings sichtlich begeistert. Der Hinweis, dass die (finnischen) Texte sehr wichtig für das Verständnis der Band sind, ist ein guter Anlass um sich doch lieber an der Bar im Vorraum zu flüchten, wohin das Geschehen auf der Bühne unnötigerweise mit Hilfe von Flachbildschirmen übertragen wird. Noch absurder erscheint allerdings der Black-Jack-Tisch, hinter dem tatsächlich ein Croupier im Smoking sitzt. Doch in einem Land, wo selbst in Supermärkten Glücksspielautomaten stehen, passen sich eben auch mittelgroße Clubs und Discos den realen Verhältnissen an.

An Kuriositäten mangelt es dem Abend wirklich nicht: Risto begeistern die Zuhörer so sehr, dass sie geschlagene 90 Minuten auf der Bühne stehen und spielen, als könnten sie damit eine imaginäre Sperrstunde noch ein wenig hinauszögern. Irgendwann beenden sie ihren Auftritt dann doch und das Publikum in den ersten fünf Reihen wird innerhalb kürzester Zeit komplett ausgewechselt. So verschieden die auftretenden Bands, so unterschiedlich ist auch das Erscheinungsbild der Zuhörer. Doch niemand stört sich an der musikalischen Mischung, sie wirkt geradezu selbstverständlich und scheint für die meisten zu funktionieren. Ein paar Anwesende können den Auftritt von Lo-Fi-Fnk kaum erwarten, bereits in der Umbaupause beginnen sie zu tanzen, während der DJ den Lautstärkeregler ziemlich weit nach oben schiebt. Als dann die Schweden dann die Bühne treten, bricht sofort ein kleiner Jubelsturm aus, vom vielbeschworenen kühlen skandinavischen Gemüt keine Spur.

Die beiden Jungspunde sind kaum über 20 Jahre alt, zu manchen Clubs in Helsinki hätten sie aufgrund der restriktiven Alterbegrenzung wohl noch nicht einmal Zutritt. Doch auf der Bühne sind sie genau richtig. Völlig unverkrampft und mit einer riesigen Portion guter Laune bedienen sie elektronische Drums, Synthesizer und Laptops, unterstützt von einer kaum älteren Bassistin.

"You got me feeling high, you got me from the low!"

Ein bis auf Gesang und einzelne Bassläufe vollständig digitales Liveset wird initiiert, Lo-Fi-Fnk sind quasi die Antipode zu Risto. Nicht Rock'n'Roll sondern der Funk bestimmt den Groove, dem altbackenen und zuweilen traditionalistisch anmutenden Rock wird eine gehörige Portion urbaner Freshness entgegengesetzt. Die musikalischen Wurzeln heißen Pet Shop Boys und Soft Cell, doch angekommen sind sie im 21. Jahrhundert. Als ersten Song feuern Lo-Fi-Fnk mit City direkt ihre bekannteste Songgranate ab, anstatt wie andere Bands damit bis zum Schluss zu warten. Dieses Auftreten hat Stil. Ausgelassen feiern sie mit dem Publikum eine große Party, wirken dabei aber weder routiniert noch abgehoben. Die Musik geht direkt in die Beine, die Stimmung wird immer ausgelassener, auf und vor der Bühne wird ordentlich getanzt. Elektronische Soundästhetik wird mit klassischem Songwriting gekreuzt, ein Hybrid mit extremem Genussfaktor. Ob Adore, Boylife oder End, der Spaßfaktor wird mit jedem Song konstant hochgehalten. Vor allem ist es aber auch der ungezwungene Auftritt der Schweden, welcher die Grenze zwischen Band und Publikum zumindest in den Köpfen verwischen lässt. Nach einer knappen Stunde ist die Show zu Ende, Lo-Fi-Fnk verlassen die Bühne, um nur kurze Zeit später auf der Tanzfläche weiterzufeiern. Vielleicht ist es auch gerade diese Tatsache, die ihrer Live-Performance so einen wunderbaren Charakter verleiht: Ihre Auftritte finden aus reinem Lustempfinden statt und dem Willen, Spaß auf einer guten Party zu haben. Umso besser, wenn sie dafür auch noch der Katalysator sind.
foto: lo-fi-fnk

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