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Woog Riots [Interview: "Ein bisschen Frieden"]

Wie subversiv sind Irokesen? Warum lachen Amerikaner über Elefanten? Und warum kann man mit Nicoles „Ein bisschen Frieden“ keine Revolte mehr starten? Die Woog Riots haben sich für uns die Zeit genommen, um diese und andere Fragen zu beantworten. Mehr nach dem Klick!


"once i made a record / i did it for you all"
(woog riots)


Der Akt der juvenilen Verweigerung gegenüber dem – nicht immer im Einklang mit dem eigenem Weltbild befindlichen – Kodex der Elterngeneration wird zugegebenermaßen immer schwieriger. Selbst Irokesen verlieren ihren Reiz in einer dezidiert heterogenen Gesellschaft. Womit soll man noch schocken, wenn selbst der Schock ins Nachmittagsprogramm überführt wurde? Gestern erst wieder einen tapezierten Bankier mit mittellangen Haaren gesehen. Endlich, will man da sagen! Doch: gegen was und womit soll man nur rebellieren, wenn selbst Frisuren keinen subversiven Charakter vermitteln können? Geschlechterdispositionen? Anbiederung? Niedlichkeit? Nichts? Bitte kreuzen Sie an!

Die Formelhaftigkeit der Rebellion tragen Silvana Battisti-Rudow und Marc Herbert alias Woog Riots bereits im Namen und mag man den vielen Rezensenten ihres aktuellen Albums PASP vertrauen, so scheinen sie auch eine aktive, kritische Ader für sich gepachtet zu haben. Das will man gerne glauben, denn hinter PASP (People, Animals, Society, Places) verbergen sich wahrlich unumgängliche kritische Positionen, die es erst einmal aufzuzeigen gilt. Der Song „People Working With Computers“ ist in etwa eine stoische Allegorie auf den Fabrikarbeiter, der seinen Blaumann gegen eine Tastatur eingetauscht hat; ein anderes Beispiel ist „Paul McCartney“ – ein Abgesang auf den Patriotismus. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Und sie fortzusetzen würde bedeuten den eigentlichen Akteuren hinter den Texten nicht gerecht zu werden. Denn die Woog Riots sind weit mehr als bloße Problemaufzeiger und weit mehr als systemkritischer DIY-Riot-Pop. Silvana Battisti-Rudow und Marc Herbert haben sich ihr eigenes Referenzsystem geschaffen, in dem es vor allem um gleichberechtigte Bereiche geht. Da steht Kritik neben Komik neben Authentizität und der eigenen musikalischen Sozialisation. Ständig blinzelt es von der Bühne, ständig wird versucht einen ebenen Raum zwischen Künstler und Publikum zu schaffen, ja die Grenzen aufzuweichen. Um diese Bereiche geht es auch in unserem Interview, dass wir mit den Woog Riots geführt haben.

Live

Ihr ward vor kurzem für ein paar Gigs auf der Insel. Im Prinzip war das ja nicht euer erster Ausflug in das vereinigte Königreich. Wie werdet ihr in England aufgenommen?
Woog Riots: Das war unsere dritte Woog Riots Tour durch UK, abgesehen von ein paar vereinzelten Konzerten, die wir zuvor bereits in London hatten. Gerade die letzte Tour wurde sehr euphorisch vom Publikum aufgenommen. Die „Crowds“ waren nicht riesig, was aber eher daran lag, dass wir die Tour über Freunde und befreundete Bands organisiert hatten, ohne große PR Unterstützung.

Gibt es Unterschiede zwischen dem deutschen und dem englischen Publikum?
WG: Die „native speaker“ freuen sich über die Texte und wir werden ganz oft nach den Konzerten begeistert angesprochen. Da kommen Doppeldeutigkeiten zutage, die uns selbst noch gar nicht aufgefallen sind. So geschehen auf unserer diesjährigen USA-Tournee, wo der Song „Elephants & Mirrors“ wegen der Textzeile „my trunk is so long“ besonders gut ankam. Im UK hat die Popkultur einen viel größeren Stellenwert als bei uns. Da kann man noch mit der Oma des Veranstalters über z.B. The Smiths fachsimpeln.

Wenn man euch live erlebt, kommt man nicht um den Begriff der Intimität umhin. Ihr erzählt persönliche Anekdoten, verteilt Instrumente und sucht den Kontakt zum Publikum. Dass allerdings ganz unkonventionell und unprätentiös – was durchaus als Kompliment aufzufassen ist. Das Ganze mutet auch oft wie ein Versuch an, die Grenzen zwischen Publikum und Künstler aufzuheben. Den Raum, sozusagen in einen ebenen zu verwandeln, in dem die Größenunterschiede nur noch anatomischer und nicht mehr künstlicher Natur sind. Ist das ein bewusster Akt?
WG: Es ist ein bewusster Akt, da wir uns nicht mit gespielter Coolness über unser Publikum stellen möchten. Je mehr Publikum vorhanden, desto schwieriger wird das dann allerdings. Das Publikum soll teilhaben an dem, was auf der Bühne geschieht. Das finden wir auch gut, wenn wir selbst im Publikum stehen, da wir sehr oft auf Konzerte anderer Künstler gehen. Da wird das Rock’n’Roll Schema schnell mal langweilig. Am liebsten ist es uns natürlich, wenn wir es schaffen, dass alle tanzen.

Wie wichtig ist euch Authentizität auf der Bühne? Oder anders gefragt: was versteht ihr unter Authentizität?
WG: Die eigene Ausstrahlung ist wichtig. Was nützt ein aufgesetztes Hochglanz-Image, wenn es nicht zu unseren kritischen Texten passt. Wir verstehen uns in gewisser weise ja auch als politisch. Manchmal sind wir allerdings schon hin- und hergerissen und überlegen, ob wir mal so auftreten sollten wie Kraftwerk oder Who Made Who. Wir hatten bereits ein Arbeitsgespräch mit einer befreundeten Theater-Regisseurin und da kam genau diese Frage auf, wie authentisch wir sein möchten. Schafft man eine Kunstfigur geht der enge Kontakt zum Publikum verloren. Da spricht dich keiner mehr an nach dem Konzert, das wäre dann auch schade.

Wie wichtig ist euch der Dialog mit dem Publikum?
WG: Nach dem Konzert unterhalten wir uns sehr gerne und sind offen für Fragen und Gespräche. Während des Konzerts animieren wir, mit uns in musikalischen oder tänzerischen Dialog zu treten. Der Dialog mit dem Publikum ist uns also sehr wichtig.

PASP

Auf eurem aktuellen Album PASP nehmt ihr vielfach Stellung zu zeitgeschichtlichen oder prekären Fragen. Das allerdings in einer ziemlich ungewöhnlichen Art und Weise. Manchmal werden Geschichten erzählt. Manchmal verhandelt ihr ziemlich hintersinnig alltägliche Probleme und stellt diese in einen ungewöhnlichen Kontext. Und des Öfteren erhält der Text häufig durch die musikalische Umsetzung eine durchaus ironische Brechung. In „People Working With Computers“ oder „Backstage Lemonade“ kann man das beispielsweise sehr schön nachhören. Habt ihr solche Interpretationsansätze im Kopf, wenn ihr an den Songs arbeitet?
WG: Wir mögen es, in unseren Songs, Position zu beziehen. So werden Themen und Sichtweisen vorgegeben, wobei noch Raum für weitere Interpretationen bleiben soll. In „Backstage Lemonade“ beschreiben wir Rollenerwartungen an Mütter und wie diese angeblich nicht mit einem Leben als Künstlerin zu verbinden sind. Im catchy Refrain singen wir dann aber nur über die Limonade, die Backstage zusammen mit der Mutter getrunken wird.

Wie entstand eigentlich die Idee euer aktuelles Album in die vier Kernbereiche People, Animals, Society und Places einzuteilen bzw. was bezweckt ihr damit?
WG: Die Kernbereiche haben sich beim Schreiben der ersten Songs bereits herauskristallisiert. Es gab Stücke über Menschen, Tiere und Orte. Die Idee daraus ein Konzept zu machen entstand also in der ganz frühen Entwicklung des Albums. Dank des roten Fadens, kann man die Platte als Gesamtwerk sehen. Wer PASP verstehen will, braucht mehr als nur einzelne Downloads der besten Songs.

Wie erarbeitet ihr euch eure Texte?
WG: Zuerst gibt es Akkordfolgen, die mit Blindtext zu Melodien zusammen gefügt werden. Der Blindtext besteht aus Fantasie-Englisch und hat schon den passenden Flow zum Groove. Im nächsten Schritt wird der Blindtext mit Worten gefüllt. Die Themen ergeben sich aus alltäglichen Erfahrungen, Beobachtungen und Gesprächen zwischen uns. Wir schreiben die Texte dann tatsächlich im Zwiegespräch.

Welchen Stellenwert hat Komik bei den Woog Riots?
WG: Wir sind humorvolle Menschen. Daher tragen wir ernste Themen auch gerne mit einem Augenzwinkern vor. Reines Lamentieren und Anklagen ist nicht unser Ding.

Musikalische Sozialisation

Wo würdet ihr eure Wurzeln verorten? Was sind eure Einflüsse?
WG: Da gibt es vielfältige Wurzeln und Einflüsse. Vom musikalischen Pop und Underground der Sechziger bis hin zur Gegenwart. Beeindruckt sind wir von der Gegenkultur der 60er Jahre als Kunst, Literatur, Komik und Musik mehr miteinander verwoben waren. Beim Punk gab es zum ersten Mal die Ermächtigung Musik mit einem Do-It-Yourself Ansatz zu machen. Die Bandvorbilder reichen von Velvet Underground, Television Personalites bis zu LCD Soundsystem und Hot Chip.

Ich würde gern noch ein wenig bei eurer musikalischen Sozialisation verweilen. Unter anderem habt ihr 2004 eine eigens initiierte Compilation in die Wege geleitet und herausgebracht auf der ihr The Fall und im Speziellen Mark E. Smith huldigt („Perverted by Mark E“). Ein Blick in das Booklet und auf die Riege der vertretenen Künstler (u.a. Barabra Manning, Jeffrey Lewis, Rockformation Diskokugel, Preston School of Industry und Tocotronic) lässt erahnen, dass ihr in dieses Projekt eine Menge Herzblut und Zeit investiert habt. Was ist das Besondere an The Fall?
WG: Wir haben schon seit den 80ern The Fall gehört und waren fasziniert von Mark E. Smith. Die Radikalität seines nöligen Sprechgesangs, die permanente Repetition in Text und Musik, das Offensein für diverse Stilmittel wie z.B. Elektronika und Danceelemente ist wohl einzigartig. Die Idee zum Sampler kam nach einer Woog Riots Probe zustande. Wir stellten damals fest, dass wir schon einige Songs von befreundeten Bands über The Fall kannten. Zusammen mit unserem damaligen Bassisten Mathias Hill (Rockformation Diskokugel) haben wir dann alle möglichen Bands angeschrieben und um Songs über oder Coverversionen von The Fall gebeten. So kam dann schnell eine Doppel-CD zusammen.

Eure Zuneigung zum New Yorker Anti-Folk lässt sich nicht verheimlichen. Für den Song „Backstage Lemonade“ konntet ihr sogar Kimya Dawson gewinnen. Wie kam zu dieser Kooperation?
WG: Die Zuordnung zum New Yorker Antifolk ist eigentlich nie beabsichtigt gewesen. Wir mögen Moldy Peaches, weil die Art und Weise, wie der Gesang zwischen Kimya Dawson und Adam Green aufgeteilt wurde, uns sehr gut gefiel. Das interessanteste an der Antifolk-Szene ist das „Networking“. Man tauscht sich aus, geht gegenseitig auf Konzerte und hilft beim Buchen von Konzerten. Als Kimya auf Deutschland-Tournee war, hat sie einen „childsafe“ Übernachtungsplatz gesucht. Silvana hatte angeboten, dass sie bei ihr übernachten könne, da sie selbst Kinder hat. Der Song „Backstage Lemonade“ hat Kimya gleich gefallen, sie kannte die Problematik aus eigener Erfahrung. Wir haben ihre Vocals dann direkt nach dem Frühstück aufgenommen.

Mit wem aus der New Yorker Anti-Folk-Riege würdet ihr sonst noch gerne eine Kooperation eingehen?
WG: Am ehesten noch mit Beck, weil er es geschafft hat, klassisches Songwriting mit Dance- und Elektro-Elementen zu verbinden. Adam Green haben wir ja bereits auf unserer ersten Single mit „Friends of Mine“ gecovert.

In einem Interview soll Jonathan Richman mal gesagt haben: „Es gab in den Siebzigern keine größere Provokation, als nett zu sein!“ Etwas Ähnliches hat Intro-Redakteur Benjamin Walter über euch gesagt. Auf der einen Seite, beschreibt er einige eurer Songs vom Inhalt her als gesellschaftskritisch und auf der anderen Seite lobt er, dass man euch vordergründig auch einfach nur charmant finden kann. Liegt gerade in der Niedlichkeit ein Akt der Rebellion?
WG: Uns hat die Zuschreibung „Niedlichkeit“ eher geschadet. Wir hatten den Eindruck, dass wir in Deutschland dadurch weniger ernst genommen wurden und der Hörerkreis begrenzt blieb. In den Siebzigern mag das vielleicht noch provokant gewesen sein, aber seit Nicoles „Ein bisschen Frieden“ kann man damit auch keine Riots mehr starten.

Vielleicht verbirgt sich hinter dieser „Niedlichkeit“ auch eine sehr subversive Art der Kritik. Da kommt zum Beispiel so ein Song wie „People Working With Computers“, der unheimlich rhythmisch und tanzbar ist. Vom Text her wirkt er jedoch fast stoisch und beschreibt den modernen Fabrikarbeiter, der seinen Blaumann gegen eine Tastatur eingetauscht hat. Doch auch dieses Konzept geht auf, denn die Vortragsweise passt sich vielmehr dem Inhalt an. Wie schwierig ist es direkte Kritik zu üben?
WG: „Autobahn“ von Kraftwerk wurde nie als niedlich bezeichnet, obwohl der Text sehr einfach und eingängig war. So gesehen finden wir den Begriff „stoisch“ passender. „Click, Click, Click“, der Refrain von „People Working with Computers“ ist sehr einprägsam und funktioniert mittlerweile unter Fans wie ein Code. Gleichzeitig beschreibt „Click, Click, Click“ aber tatsächlich auch die Monotonie an vielen Bildschirmarbeitsplätzen. Also liegst Du ganz richtig mit Deiner Vermutung, dass wir eher subversive Kritik üben wollten, als falsch verstandene Niedlichkeit zu vermitteln. Direkte Kritik klingt dann eher nach Polit-Barde oder Deutsch-Punk, das ist uns zu wenig Pop. Direkte Kritik nach Art der Goldenen Zitronen finden wir allerdings sehr gut.

Noch eine Frage zum Schluss: Wann wird man wieder ein neues Album von den Woog Riots erwarten können?
WG: Im Herbst 2010 soll unser neues Album „Futurology“ erscheinen. Natürlich auch wieder ein Konzeptalbum ...

Danke für das Interview!
fotos: per schorn



woog riots
"pasp"
what's so funny about / indigo, 2008 CD
woog riots zuhause







woog riots
"strangelove tv"
what's so funny about / indigo, 2006 CD

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Get Well Soon

Was soll man Konstantin Gropper eigentlich noch fragen? Seit er als Get Well Soon im Januar sein Debütwerk veröffentlichte, überschlägt sich nicht nur die Musikpresse. Ein Konzert reiht sich an das nächste, und die Fragen sind auch alle zahlreich gestellt worden. Aber jetzt, fast ein Dreivierteljahr nach der ersten Euphorie, ist vielleicht Zeit, um zu sehen was bisher war, was ist und was werden wird. Und genau danach zu fragen…


"to the beat of my automatic heart you sing a song of life."
(tick tack goes my automatic heart)


Das erste Mal hörte ich Get Well Soon auf einem Konzert im April. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde, denn ich kannte die Musik vorher nicht. Und dann kam nach dem Prelude das zweite Stück You/Aurora/You/Seaside. Die Trompeten setzten ein, der Rhythmus, die Stimme und plötzlich war es wie abgeholt werden. Es hat mich völlig getroffen. Das war wie in der Musik baden und sich da gut aufgehoben fühlen. Sich reinfallen lassen und erst danach wieder auftauchen. Wow.

Das ist für mich die Musik von Get Well Soon. Nach wie vor. Ein größeres Kompliment kann ich nicht machen. Etwas objektiver könnte man sie als sehr vielschichtig, orchestral, unerwartet, melancholisch-schön, tief, opulent-melodiös bezeichnen. Dazu Texte, die in ihrer Essenz hoffnungsvoll sein sollen. You will get well soon. Auch wenn es nicht immer danach aussieht.

Ich traf Konstantin Gropper Anfang Oktober im Berliner Postbahnhof, wo abends, im Rahmen der Popkomm, der "City Slang and Wichita play Popkomm" Abend stattfand, auf dem neben Get Well Soon unter anderem noch Los Campesinos!, O’Death und Port O’Brien spielten. Es war mittags, es wurde auf den verspäteten Soundcheck gewartet und der Auftritt war noch fast zwölf Stunden entfernt.

Konstantin, wie geht es dir heute?
"Ganz gut. Ich hatte jetzt auch zwei Tage frei, wo ich zuhause war. Nach zehn Tagen im Bus ist das immer sehr entspannt. Bin jetzt sozusagen etwas erholt."

Als deine Platte 'rest now, weary head! you will get well soon' im Januar rauskam, wurde deine Musik als international kompatibel bezeichnet. Jetzt seid ihr in Europa unterwegs und mich würde interessieren, ob deine Musik in den unterschiedlichen Ländern auch unterschiedlich ankommt. Ob man zum Beispiel bei Konzerten Unterschiede merkt.
"Also ankommen, würde ich sagen, tut sie überall ungefähr gleich. Wir haben nach der Veröffentlichung ja erst in Deutschland gespielt und da war ich schon immer sehr überrascht und ich find’s sehr gut, dass die Leute extrem aufmerksam sind. Ich kann mir das auch selbst gar nicht erklären. Sie sind sehr, sehr ruhig und hören zu und das ist wirklich auch überall so. Naja, es kommen unterschiedlich viele Leute, das ist halt auch so, aber eigentlich ist die Reaktion überall ähnlich."

Ihr habt ja wirklich eine große Anzahl Konzerte gespielt dieses Jahr. Gab es ein Konzert, das dir auffallend gut in Erinnerung geblieben ist? Und auch eines vor dem du richtig Angst hattest?
"Naja, also Angst nicht. Also am aufregendsten war wahrscheinlich schon so der größte Auftritt dieses Jahr beim Melt! Festival. Das war aufregend. Eigentlich auch der Auftritt selber, weil man da halt auch durchgepfercht wird wie so Schlachtvieh."

War das auch das schönste Konzert oder nur das aufregendste?
"Das war das aufregendste, das schönste war’s nicht. Das war eher extrem anstrengend. Weil eben auch der Sound ganz schwierig war. Das schönste… weiß ich gar nicht. Ich fand glaub ich auf der Tour… Heidelberg. Weil das vorher so mein Hausclub war, wo ich halt immer hingegangen bin. Das war ein schöner Abend. Da war ich auch extrem aufgeregt."

Wie geht es deinen sechs Musikern? Die wussten ja am Anfang des Jahres vermutlich nicht, dass sie das ganze Jahr komplett durchspielen müssen bzw. dürfen. Und es sind auch nicht alles Profimusiker. Sind sie noch munter dabei?
"Ja, aber sie spielen auch in wechselnder Besetzung. Es gibt mittlerweile, glaub ich, fast für jeden zwei oder sogar drei Besetzungen. Einfach aus dem Grund, weil die eben auch noch was anderes machen. Ich bin eigentlich mehr oder weniger der einzige, der sonst nichts macht. Also get well soon halt. Die haben dann nicht immer Zeit. Aber sie versuchen sich auf jeden Fall immer Zeit zu nehmen. Wir hatten Mitte des letzten Jahres die Diskussion, ja so in dem Rahmen, wenn’s so und so oft ist, können wir schon spielen, aber wenn es dann so richtig losgeht, dann wird das nichts. Aber irgendwie hat es trotzdem geklappt. "

Was fehlt dir am meisten wenn du jetzt so viel unterwegs bist und auch gar nicht zwischendurch nach Hause kommen kannst?
"Mh. Was fehlt mir am meisten. Meine Freundin? Ansonsten brauch ich schon auch genügend Zeit für mich. Ich bin auch gern mal allein, was auf Tour eher schwierig bis unmöglich ist. Man ist halt wirklich 24 Stunden zusammen. In dem Fall jetzt mit neun Leuten, das ist der Regelfall grad. Die ich alle sehr gern mag, es gab auch überhaupt nie Streit oder so was. Aber trotzdem brauch ich auch Zeiten, wo ich mal allein sein kann. Das ist auf Tour schon anstrengend. Aber das geht allen so. Die Rückzugsmöglichkeit ist manchmal nur der Vorhang, den Du vor Deiner Schlafkoje hast."

Ich frage mich ja, ob ihr nicht auch wahnsinnig angeschmachtet werdet, weil ihr auf der Bühne eine sehr schön anzusehende Band seid. Oder lässt man dich da in Ruhe?
"Also mich ja. Ich hab da kaum Erfahrungen mit. Aber wir sprechen auch glaub ich...also ich hab immer den Eindruck, wir haben ein musikliebendes Publikum. Ich glaub, denen geht’s weniger um die Personen als um die Musik. Es ist auch, find ich immer, ein verhältnismäßig altes Publikum. Das sind einfach eher Leute, denen es um die Musik geht, denk ich mir."

Nach Weihnachten willst du ja dein zweites Album in Angriff nehmen und dann auch erstmal eine Konzertpause einlegen.
"Ich hoffs, ja. Ich brauch dann irgendwann auch mal Pause. Auf jeden Fall erst mal mindestens drei Monate, vor allem auch in Deutschland. Vielleicht wenn noch was Gutes im Ausland ist. Aber eigentlich ist nichts geplant."

Wie ist das bei dir? Dein erstes Album hat sich ja in der Entstehung über längere Zeit hingezogen. Hast du jetzt schon die Lieder im Kopf, die du dann gerne aufnehmen würdest oder gibt es sogar schon fertige Lieder?
"Ich hab schon viele Lieder, aber ich weiß gar nicht, ob ich die da drauf haben will. Ich will nicht wieder über einen längeren Zeitraum Lieder ansammeln und die dann zusammenstellen, sondern wirklich einen konzentrierten Zeitraum haben, in dem ich das schreibe und das dann zusammenhängend mache. Das wär mein Plan. Dann kann es natürlich sein, dass mir dann nichts einfällt, dann muss ich doch die, die ich jetzt schon hab, nehmen. (schmunzelt)"

Wie ist das musikalisch? Ich kann mir vorstellen, dass du auch ganz andere Sachen machen könntest. Bisher ist deine Musik ja sehr vielfältig instrumentiert und…gefüllt.
"Ja, das ist wahr. Eigentlich ist das nicht unbedingt immer so gewollt, das passiert mir immer. Aber ich versuch natürlich schon was anderes zu machen, ich will mich da ja auch nicht wiederholen. Verschiedene Instrumente ist bestimmt auch nach wie vor wichtig. Ich versuch mich da vielleicht auch noch zu verbreitern. Aber wie gesagt, so richtig drüber nachgedacht, also ich versuche nicht drüber nachzudenken, sagen wir mal so. Weil ich es ja dann tun will, wenn ich das Album mache."

Die erste Platte hast du in Heimarbeit alleine am Computer "getippt" und auch die Instrumente später dort eingespielt. Kannst du dir noch vorstellen ohne Computer zu komponieren und willst du diesmal in einem Studio aufnehmen?
"Ich hab mir schon überlegt, das an einem anderen besonderen Ort aufzunehmen. Aber ich weiß es noch nicht. Wahrscheinlich so die Schreibarbeit wird schon nach wie vor wieder Zuhause sein und auch am Computer, einfach weil sich die Arbeitsweise für mich jetzt bewährt hat, weil es so meine Arbeitsweise ist. Und weil das Schreiben halt immer schon auch relativ weit geht, was Sachen wie Arrangement und Instrumentierung angeht und was ich dann am Computer alleine machen muss. Das heißt die Zeit nur so mit Gitarre bleibt sehr kurz eigentlich. Das geht dann relativ schnell schon in Richtung dem Klang, den es dann am Schluss auch haben soll. Das wird auch so bleiben. Ursprünglich bei der ersten Platte war ja auch schon der Plan, dass ich das erst mal für mich mache und dann vielleicht noch mit einer Band ins Studio gehe und die das dann sozusagen nachspielt. Dazu ist es dann nicht gekommen. Aber vielleicht mach ich das dieses Mal so. Das hatte ich auf jeden Fall vor. Das Ding ist, was den Sound angeht, will ich mich auch nicht unbedingt, was die Platte angeht, auf diese Besetzung der Band festlegen."

Wie sieht es mit Filmmusik aus? Im November läuft der neue Wim Wenders Film "Palermo Shooting" an, zu dem du zwei Stück beigesteuert hast. Du spielst aber nicht mit, oder?
"In dem Film? Neinnein. Der Film war ja dann auch schon relativ fertig, als die Musik dazu kam. Ich hab ihn auch noch gar nicht gesehen, den Film. Ich war jetzt auch nicht da bei der Pressevorführung. Ich hab nur einzelne Szenen bekommen zu denen ich dann was machen sollte, aber die sind sehr kurz und waren auch nicht so besonders aussagekräftig für den Film. Dann hab ich noch für einen Dokumentarfilm komplett die Musik gemacht. ('Der Entsorgte Vater' von Douglas Wolfsperger). Der wird auch nächstes Jahr irgendwann im Kino anlaufen. Und dann noch zum Teil für einen österreichischen. ('Contact High' von Michael Glawogger) Die haben einen Song verwendet und noch ein paar kleinere Stücke. Der wird glaub ich im Frühjahr anlaufen.

Hast Du schon mal einen Kinofilm gesehen, bei dem du gedacht hast, dass du dazu gerne die Filmmusik geschrieben hättest?
"Nein, das ist eher so, dass für mich Musik schon sehr wichtig ist in einem Film. Ich glaub wenn ich einen Film von der Stimmung her gut finde, dann muss die Musik auch schon gut sein. Dann denk ich nicht drüber nach, ob ich das gekonnt hätte."

Welche Filmmusik findest du besonders gelungen?
"Naja, also Kubrick hat ja meistens immer Originalmusik verwendet und die Art wie er mit Musik eben umgeht, fand ich immer sehr sehr spannend, vor allem weil er das auch sehr stark dramatisch macht. Oder musikalisch perfekt fand ich auch 'Punch-Drunk Love' von Paul Thomas Anderson. Da hat Jon Brion die Musik gemacht und die Musik war sozusagen Teil der Handlung. Sie war ständig so präsent, dass es dem Zuschauer das Gefühl vermittelt hat, das eigentlich der Hauptdarsteller ständig hat."

Was hörst du privat grad am liebsten? Hörst du überhaupt Musik wenn du unterwegs bist oder brauchst du Ruhe, wenn du selber Musik machst?
"Nee, ich hör viel Musik. Auch gerade auf der England Tour hab ich viele Platten gekauft, weil die da immer billiger sind. Also in letzter Zeit hab ich viel Beach Boys gehört. Und Bon Iver. Sind meine Entdeckung des Jahres. Kann ich sehr empfehlen."

Du hast eine gute Coverversion von Underworlds "Born Slippy" gemacht. Welche Coverversionen von anderen Künstlern findest du besonders gelungen?
"Mh….also das ist eher so dieses eine Beispiel, wo tatsächlich und bekannterweise die Coverversion besser ist als das Original: 'Hallelujah' von Jeff Buckley. Obwohl ich Jeff Buckley überhaupt nicht mag und dafür riesen Cohen Fan bin."

Leonhard Cohen, den du auch als einen deiner musikalischen Einflüsse benzeichnest, ist ja grad nach langer Abstinenz wieder in Europa unterwegs. Zeitgleich mit euch.
"Ja, ich hab’s ja leider verpasst, als er hier war, weil ich da unterwegs war. Ich wäre sehr gerne hingegangen."

Noch mal zurück zu euren Auftritten. Eure Bühnenkleidung ist anders als das, was ihr privat tragt. Ist dir das wichtig als Abgrenzung?
"Ja, also Abgrenzung einerseits schon. Andererseits kann man sich ja schon Gedanken dazu machen wie man… (schmunzelt) Also wenn man sich schon auf eine Bühne stellt, dann kann man sich auch überlegen wie. Und ich glaub das hilft auch irgendwie, wenn man sich umzieht. Dann kommt man besser rein. Als wenn man seine Arbeitsklamotten anzieht. Das ist genauso. Es ist auch tatsächlich so, die Sachen, die ich live anhabe, zieh ich privat nicht an."

In deinen bisherigen Videos orientierst du dich optisch an der Vergangenheit und du hast mal gesagt, dass du die Zeit um 1900 spannend findest. Was genau fasziniert dich an zurückliegenden Zeiten?
"Naja, ich würde nicht sagen, dass ich grundsätzlich von zurückliegenden Zeiten fasziniert bin oder sie faszinierender finde als die Gegenwart. Aber ich fand um 1900 war es vor allem was die Kunst angeht sehr spannend, weil die Kunst da einfach einen großen Sprung gemacht hat. Hin zur abstrakten Kunst und in der Musik zur atonalen Kunst. Das war halt einfach eine Zeit, wo Künstler mehr oder weniger gleichzeitig das Bedürfnis hatten, wirklich etwas Neues zu schaffen. Nicht wie die Romantik, die eher noch wieder die mittelalterlichen Bilder genommen hat und die Renaissance die antiken Bilder. Und wo wir uns selber ja auch jetzt wieder in diesen immer kürzer werdenden Retrozirkeln und -situationen befinden. Da fand ich halt an dieser Zeit diesen unbedingten Fortschritt, diese Avantgarde-Idee einfach spannend."

In dem Zusammenhang würde mich interessieren, wie du zu Traditionen stehst. Nicht nur in Bezug auf Kunst, sondern auch gesellschaftliche Traditionen und da du auf dem Land aufgewachsen bist, ländliche.
"Also ich bin kein traditioneller Mensch, aber ich find Traditionen irgendwie auch faszinierend, glaub ich. Gerade auch auf dem Land find ich sie dann immer eher amüsant. Also was so gesellschaftliche Traditionen angeht, davon halte ich eigentlich nicht so wahnsinnig viel. Ich weiß nicht, man kann ja auch sagen man steht 'in der Tradition von irgendwas'."

In welcher stehst dann du?
"Das weiß ich nicht, aber ich mein, es gibt ja immerhin die Binsen-Weisheit, die da sagt: man muss ja erstmal die Regeln kennen, um sie zu brechen. Also wenn man sozusagen in überhaupt einer Tradition steht, dann heißt es, dass man irgendwie weiß, was vorher da war und in welchem Zeit-Raum-Moment man sich selbst befindet. Das gilt vor allem in der Kunst, aber auch generell für die Gesellschaft. In der Kunst oder Gesellschaft find ich es auf jeden Fall wichtig um das Jetzt zu kennen, muss man auch die Traditionen kennen. Denk ich. Ob die immer gut sind, weiß ich nicht, wahrscheinlich nicht, aber kennen sollte man sie wahrscheinlich."

Zum Abschluss habe ich noch einige Entweder-Oder-Fragen. Sekt oder Selters heißt das, wie ich gestern gelernt habe. Deshalb fang ich damit auch an:
Sekt oder Selters?
"Selter, Sekt mag ich nicht."

Morgens oder abends?
"Morgens, zumindest was die Arbeit angeht. Früher anfangen, früher aufhören. Das liegt glaub ich an meinem Biorhythmus. Nach 18h krieg ich nichts hin."
Karibik oder Alaska?
"Alaska. Sonne vertrag ich nicht. Gar nicht."
Entscheiden oder noch ne Nacht drüber schlafen?
"Noch ne Nacht drüber schlafen. Ich bin sehr entscheidungsunfreudig."
Hier oder woanders?
"Eigentlich egal. Hier. Ich leg da nicht so viel wert drauf, wo ich bin."
Bunt oder schwarz/weiß?
"Bunt."
Geben oder Nehmen?
"Geben."
Strandkorb oder Berghütte?
"Berghütte, wegen der Sonne."
Schokolade oder Weingummi?
"Gar nichts Süßes."
Reden oder Schweigen?
"Schweigen."
Beatles oder der alte Mann?
"Beatles."
Scooter oder DJ Bobo?
"Scooter, geht gut ab."



foto: uta bohls



get well soon






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Sprechstation Verlag

The points are not the point; The point is poetry.
Der viel zitierte Ausspruch des Slampoeten Allan Wolf weist auch den Weg des Sprechstation Verlages, der sich seit 2003 mit Künstlern aus der Poetry Slam- und Spoken Word-Szene befasst.



"und das plakat ist wie ein spiegel deiner selbst; zerrissen und kaputt und die reste treibt der wind."
(menschliche fackel)


Poetry Slams haben eine lange Geschichte, die man ihnen heute, wenn sie im Privatfernsehen oder als VHS Workshop daherkommen vielleicht nicht mehr ansieht. Zurück bis zur performativen und subversiven Kraft der Beat Generation in den 50er und 60er Jahre der USA – man denke etwa an Allen Ginsbergs Lesung seines brachialen Gedichtes "Howl" - bis schließlich zum Entstehungsmythos und Marc Smith, dem Slampapi, im Chicago der 80er Jahre, geht die Spoken Word Bewegung, bis sie in den frühen 90er Jahren auch in Deutschland angelangte. Smith, der als Schöpfer dessen, was wir heute als Poetry Slam kennen, gilt, war ein begeisterter Besucher von sowohl Jazzkonzerten als auch Lieteraturlesungen und bemängelte an letzteren das Ausbleiben der Spontaneität, Kreativität, Improvisation und Begeisterung ersterer. Durch das Aufstellen von Regeln, die bis heute Gültigkeit haben, gelang es ihm Open Mike Darbietungen mit eben jenen Mitteln zu würzen, die aus der verstaubten Tisch-und-Wasserglas-Borniertheit einen dynamischen, unvorhersagbaren, interagierenden Showcharakter heraus kitzelten. „My first rule was never allow a poet to overstay his or her welcome. I encouraged the audience to boo, hiss, groan and snap them off the stage“, lässt sich Smith zitieren. Das Publikum als Jury einzusetzen ist neben einem strikten Zeitlimit, der eignen Urheberschaft des dargebotenen Textes und der „No-Props-Regel“, die es dem Slammer untersagt Requisiten einzubinden, der formale Eckstein, derden Poetry Slam sowohl reglementiert als auch definiert. Die allein formale Beschränkung erlaubt eine immense Stilvielfalt, die von klassischen Stabreim-Gedichten, über rhythmischem Rap bis zum interagierenden Freestyle reicht und dem Slampoeten inhaltlich prinzipiell eben soviel Freiheiten zugesteht.

In der „sozialen wie kulturellen Gefriertruhe (Martin Büsser) Deutschland der 90er Jahre, entwickelte sich eine eigenständige literarische Bewegung, die in ihrer Heterogenität an die amerikanische Beat Generation erinnerte und gleichsam von dieser geprägt war: Social Beat. Das Anliegen war es, den akademischen Literaturbetrieb und dessen angeprangerte konservative Unbeweglichkeit aufzubrechen, nicht zuletzt mittels sozialkritischer Texte, die sich inhaltlich am Rand der Gesellschaft ansiedelten. Wenige Jahre später ging das Netzwerk Social Beat im emporkommenden Poetry Slam auf, der sich bis heute in den Städten des Landes etabliert hat und sogar als aufgepeppte Lyrikvariante im Schulunterricht der Mittelstufe Einzug gehalten hat.

Der 2003 gegründete Konstanzer Sprechstation Verlag, heute geleitet von Charlotte Rieber und Thomas Geyer, veröffentlicht unter anderem audiovisuelle Publikationen dessen, was an kreativem Potential bei Slammern und Spoken Word Poeten im deutschsprachigen Raum hervor sticht. Mit einer sehr gelungenen Dokumentation des German International Poetry Slams 2003 mit dem Titel "Poesie Auf Zeit" als DVD, nahm der kleine Verlag seine Arbeit auf. Die Auswahl der vertretenen Künstler auf den folgenden CD Veröffentlichungen - Bas Böttcher, Toby Hoffmann, Etta Streicher, Gabriel Vetter und Jaromir Konecny seien hier exemplarisch genannt – besticht nicht nur durch stets schön gestaltete Cover und Innovationen in rezeptionsästhetischer Hinsicht, sondern kann auch als zeitnaher Beleg dafür angesehen werden, dass Popliteratur nicht immer blasierte Attitüde und das unbedingte heraufbeschwören von generationsdefinierenden Kollektiverlebnissen sein muss. Sowohl im geschickten sprachlichen Erfindungsreichtum von Etta Streicher und Toby Hoffmann, als auch im gelungenen Verbinden von Musik und Lesung bei den Beatpoeten, zeichnen sich die jüngsten Sprechstation Veröffentlichungen durch eine anspruchsvolle Auswahl aus. Inhaltlich weiß man ebenfalls einen Kontrast zum comedyesken Literaturklamauk und seiner Beliebigkeit zu setzen, der das Format Poetry Slam bei oberflächlicher Behandlung recht schnell auf seine amphitheaterhafte Showattitüde reduzieren kann.

Als einige terminliche Schwierigkeiten überwunden waren, konnte ich ein ausführliches Gespräch mit Charlotte Rieber über den Stand der Dinge in Sachen Poetry Slam und Spoken Word führen.

Du betreibst den 2003 gegründeten Sprechstation Verlag gemeinsam mit Thomas Geyer. Ihr kommt beide aus dem akademischen Betrieb - Thomas als Soziologe, du als Literatur- und Medienwissenschaftlerin -, eben jenen vermeintlich festgefahrenen Mechanismen, von denen sich sowohl Slam Poetry als auch seine Vorgänger zunächst zu distanzieren versuchten. Betrachtet man dies, scheint es eine recht seltsame Konstellation zu sein.
"Gar nicht seltsam! Man könnte sagen, dass mit der Idee zum Poetry Slam der Versuch einher geht, eine literarische Welt abseits des elitären Literaturbetriebs zu etablieren, was auch halbwegs gelingt. Unabhängig davon erlebt das Veranstaltungsformat in Deutschland gerade einen großen Boom und wird mit steigendem Bekanntheitsgrad zunehmend auch von wissenschaflicher Seite rezipiert. Und dagegen konnte sich über kurz oder lang noch keine künstlerische Form wehren. Die Wissenschaft würde ich auch nicht als Mechanismus bezeichnen, eher als Werkzeug der Beobachtung. Und dazu kommen wir nicht über die Uni zum Slam. 2002 haben wir angefangen, Poetry Slams und Lese-Shows in Konstanz zu veranstalten. Und 2004 den Verlag gegründet."

Inwiefern spielen in der gegenwärtigen Poetry Slam Szene noch Wurzeln wie die Beat Generation der 1950er in den USA oder Social Beat der 1990er Jahre in Deutschland ein Rolle? Dass zumindest erstere in Einzelfällen noch im Bewusstsein sind, lässt sich aus Verweisen schließen, wie etwa der Ginsberg Homage "Allen Ginsberg Is Dead" von Toby Hoffmann oder der Nachempfindung des Covers der 1991 erschienen Ausgabe von Jack Kerouacs "On The Road" bei der aktuellen CD Veröffentlichung der Beatpoeten aus Eurem Hause.
"Das hängt sehr vom jeweiligen Autor ab. Poeten wie Toby Hoffmann oder Egge von den Beatpoeten stellen sich bewusst in diese Tradition und orientieren sich in ihrem Schreiben ganz klar an Beat-Autoren . Aber im Slam treffen so viele Einflüsse, Textformen und Vortragsstile zusammen, da ist der Beat nur eine von vielen literarischen Strömungen, die aufgegriffen werden. Die Slam-Szene zeichnet sich meiner Meinung nach vor allem dadurch aus, dass in ihr so viele verschiedene literarische Traditionen zusammenkommen und vermischt werden - total postmodern eben..."

Poetry Slam hat sich gerade in den letzten Jahren an vielen Stellen in den Alltag eingeschlichen oder - je nach Sichtweise - beispiellos vom Mainstream verwässern lassen. Inwiefern nehmen TV Sendungen wie "Slam Tour mit Sarah Kuttner" oder ähnliche massenmedialen Formate Einfluss auf Form und Inhalt des Poetry Slams dieser Tage und inwiefern ist dies begrüßenswert oder bedenklich?
"Da bin ich zwiegespalten. Ich selbst bin kein Freund von Slam im Fernsehen. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich generell kein Freund vom Fernsehen bin. Letztendlich ist es mir egal. Klar dass ein weltweit funktionierendes, neuartiges Veranstaltungsformat auch von der Welt des Mainstream adaptiert wird, das hat aber in meiner Wahrnehmung keinen Einfluss auf die sonstige Slam-Veranstaltungswelt. Eher wird damit ein Slam-fernes Publikum an die Sache herangeführt, was nicht verkehrt sein muss und Projekten wie unserem Verlag nur dienlich ist. Die Szene im deutschsprachigen Raum ist nach wie vor recht übersichtlich, die Veranstalter von Slams sind in der Regel Privatleute mit viel Begeisterung für die Sache. Mein persönliches Horrorszenarium wäre ein Massen-Event-Slam in Berlins neuer O2-Arena, aber sowas schreckliches wird es bestimmt nie geben. Ich finde die Fernsehshows bestätigen: Slam ist mal besser mal schlechter, hat Ecken und Kanten, ist en gros nicht massentauglich und erscheint in der glatten Welt der Kai Pflaumes und Johannes B. Kerners fehl am Platz."

Was hätte man deiner Meinung nach wann anders machen sollen?
"Das Fernsehformat hätte vielleicht mehr Charme gehabt, wenn man in die Planung Szenekenner mit einbezogen hätte. In der WDR-Show stellt Jörg Tadeusz komische Fragen, die den Eindruck erwecken, dass er zum einen keine Ahnung von der Szene hat und sich auch nicht für die Leute interessiert. Und dann wird mit abartigen Schnitten und Kameraeinstellungen versucht, den Text noch visuell zu unterfüttern. Da entsteht aber leicht der Eindruck, dass man die vermeintlich mangelnde Qualität der Texte durch beeindruckende Kameratricks aufzuwerten trachtet. Kuttners Konzept geht wesentlich besser auf, da sie vor allem als Slam-Besucherin in Erscheinung tritt und tatsächliche Veranstaltungsorte aufsucht, also dahin geht wo Slam 'for real' stattfindet und funktioniert. Aber eine Slam-Show im Stil von Nightwash, moderiert von Markim Pause, das wäre sicher schön. Wobei das letztendlich auch keiner braucht, weil wer einen guten Slam sehen will, geht am besten einfach hin."

Ab wann könnte diese Entwicklung bedenklich werden?
"Eine Crew wie 'Drei glorreiche Hallunken', mittelmäßige Slammer die von einem großen Label gehyped werden, das finde ich – bedenkenswert? – naja, vor allem total unnötig."

Die Offenheit der gewählten Inhalte und der darstellerischen Methoden auf der einen Seite, und die Abhängigkeit des Erfolges vom Publikum auf der anderen Seite, werden von verschiedenen Beobachtern als zwei Seiten einer Medaille im Bezug auf Poetry Slams betrachtet: Größtmögliche Freiheit vs. inhaltlicher Manierismus. Inwiefern kann ein solches Format die subversive Sprengkraft der dargebotenen Literatur untergraben, im schlimmsten Falle sogar auflösen? Und: Inwiefern würde das überhaupt als Problem wahrgenommen, wird eine Gegenbewegung zum unbeweglichen Establishment überhaupt als notwendig erachtet?
"Der Erfolg beim Publikum spielt wohl doch eher nur eine kleine Rolle. Wie gesagt, die Szene ist immernoch übersichtlich, die Poeten freuen sich in der Regel bei Slams die Kollegen zu treffen, der Preis ist mit wenigen Ausnahmen ein symbolischer, eine Flasche Alkohol, Bücher oder CDs. Im Wesentlichen geht es beim Slam darum, Menschen zu ermöglichen kurze, selbstgeschriebene Texte einem Publikum zu präsentieren. Den Wettkampf nehme ich nur als den spielerischen Rahmen für diesen Kerngedanken wahr. Und die meiste Slampoetry zielt auch nicht unbedingt darauf ab, subversiv zu sprengen, sondern in irgend einer Weise als eine gute Show zu unterhalten ohne borniert zu sein."

Franz Dobler behauptet in einer Bemerkung: "Es gibt viel Literatur, die eigentlich nur live existieren will -- was ja auch okay ist. Aber was auf der Bühne fetzt und die Leute begeistert, weil jemand es intensiv bringt, so wie bei einer Band, das muss im Buch nicht unbedingt funktionieren." Disqualifiziert dieses Live-Argument auch Eure Verlagsarbeit, wenngleich ihr keine Bücher sondern CDs, bzw. DVDs veröffentlicht? Was hältst du dagagen?
"Genau darin liegt unser Ansatz: Live-Literatur die fetzt medial vermittelbar zu machen. Schon bei den ersten Slams, die ich gesehen habe, wollte ich am liebsten ein paar der Texte mit nach Hause nehmen. Als dann immer mehr Buch-Anthologien herauskamen, hat mir das nicht gereicht, weil ich eben auch überzeugt bin, der bloße Abdruck gibt häufig nur den Bruchteil eines Slam-Textes wieder. Von der live erlebten Poetry bleibt da oft beinahe nichts mehr übrig. Aus solchen Erfahrungen entstand die gemeinsame Idee einen eigenen Verlag zu gründen, mit dem Ziel Produkte zu schaffen, die einer von der Schriftlichkeit losgelösten literarischen Form gerecht werden. Mit unserer ersten Veröffentlichung, der DVD 'Poesie auf Zeit' haben wir einen Versuch unternommen, Slam audiovisuell einzufangen und auch im Wohnzimmer erlebbar zu machen. Vom Ergebnis waren wir nur mäßig überzeugt. Aus vielen Gründen haben wir danach nur noch CDs gemacht. Und auch wenn das Medium CD offensichtlich ausstirbt, denke ich, das Audioformat ist im Moment die beste und praktikabelste Lösung um grandiose Live-Literatur abseits der Bühne zu vermitteln, zu reproduzieren und damit nicht zuletzt auch zu archivieren."
foto: sprechstation


sprechstation verlag
etta streicher
toby hoffmann
beatpoeten
bas böttcher
gabriel vetter
jaromir konecny

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Mit [Coda]

Ein Oxymoron ist eine rhetorische Figur, die zwei gegensätzliche oder sich scheinbar ausschließende Wörter oder Begriffe miteinander verbindet und in einen neuen Begriffszusammenhang setzt. Als Beispielsatz soll gelten: „Die frenetisch gefeierten MIT sind zurück, mit ihrem ersten Album „Coda". Nun ja, der Widerspruch liegt klar sichtbar auf der Hand: Wie kann eine Band mit ihrem ersten Album zurückkehren?

"nirgendwo kein stück blau, wir werden neu gebaut."
(gebaut)

In der deutschen Fachpresse war schon viel zu hören, noch bevor die Aufnahmen zu "Coda" überhaupt begannen. Schon anlässlich der 2006er EP "Deine Eltern" wurde den Köln-Berlin-Pendlern Edi (Vocals, Bass), Tamer (Moog) und Felix (Drums) schon die Möglichkeit einer baldigen Titelgeschichte in der INTRO vor Augen geführt. Einzige Bedingungen: Sie sollten sich mit dem Album Zeit lassen und in aller Ruhe Songs schreiben.. Im Winter nach New Rave hat das Warten ein Ende: MIT veröffentlichen mit "Coda" ihr erstes Album, fernab der gängigen Electro-Referenzbands und mit einer sprachlichen Tiefe, die vergeblich ihresgleichen sucht.

Warum hat es mit "Coda" so lange gedauert? Wolltet ihr alles richtig machen oder habt ihr einfach auf den richtigen Moment gewartet.
Tamer: "Da wir immer viel unterwegs waren, hatten wir nie die Zeit uns Gedanken über ein Album zu machen. Man kann schon sagen, dass wir es ein wenig vor uns her geschoben haben. Als wir dann letztes Jahr in die Gewölbe des Kölner Hauptbahnhofs eingeschlossen wurden entstand 'Coda'".

Eure Musik ist relativ ortsungebunden: man liest viel von euch in englischen Blogs, außerdem habt ihr in Japan bereits ein Album veröffentlicht. Hattet ihr nicht Angst, dass ihr im Ausland auf taube Ohren stoßen würdet?
"Da wir nie beabsichtigt haben ins Ausland zu gehen, hatten wir keine Erwartungen. Wir waren natürlich schon sehr erschrocken als erste Anfragen aus England kamen und wir das erste Mal (2 Monate nach Bandgründung) dort spielen sollten. Jetzt ist es so, dass wir regelmäßig in England spielen und wir schnell gemerkt haben, dass wir uns nicht auf Deutschland beschränken wollen."

Wie ist das Label in Japan eigentlich auf euch aufmerksam geworden? War das wieder dieses kosmopolitische Myspace-Phänomen: 'Ey, eure Musik klingt spitze, kommt doch mal vorbei und spielt in einem unserer Clubs und wir sorgen dafür, dass man euch auch zuhört?'
"Vor ungefähr einem Jahr hatten wir eine E-Mail vom unserem Bekannten und sehr geschätzen Label rallye/Klee aus Japan im Postfach. Es ging um ein Album-Release in Japan. Natürlich stimmten wir sofort zu."

Der erste Durchlauf von "Coda" erzeugte bei mir auf der einen Seite ein warmes Wohlbefinden im Ohr, aber gleichzeitig hatte sich im Gegensatz zu den EPs auch so viel verändert. Ist das nach all der Aufregung eine große Verweigerungshaltung à la Von Spar oder eher eine längst fällige Weiterentwicklung eures musikalischen Ansatzes?
"'Coda' ist für uns der Stand der Dinge. Als wir im Sommer anfingen das Album zu schreiben war uns schnell klar, dass wir keine Lust mehr hatten für uns alte Songs weiterzuführen. Das war nie unsere Idee. Wir haben bisher immer so gearbeitet. Man muss sich von Dingen lösen können. Wir hören uns jetzt eben anders an als vor 2 Jahren. Komisch, dass es verwundert. Wir tragen auch nicht zwei Jahre dieselben Hosen."

Wie wichtig sind Brüche oder Veränderungen in eurem musikalischen Schaffen?
"Brüche bedeuten mir nicht viel. Wenn man sich entscheidet, die Musik zu verändern, passiert es eben. Es geht ja noch immer um uns: Edi, Tamer und Felix. 2008 ist 'Coda' und 2009 ist 'Coda' vielleicht schon alt."

Wie sehr definiert ihr euch über eure Texte?
"Texte sind für uns Mittel zum Zweck. Wir haben schon früh gemerkt, dass wir die Stimme als Instrument nutzen wollen. Thematisch gibt es sicherlich einen bestimmten Rahmen in dem wir uns bewegen."

Und diesen Rahmen gibt es mit Sicherheit. Thematisch erzählt "Coda" in vielerlei Hinsicht von der Großstadt und ihren Menschen. In kleinen Worthülsen spiegelt sich so alles Gelebte wieder: von der schieren Unmöglichkeit der Möglichkeiten, bis hin zu dem Gefühl der Zeitlosigkeit des urbanen Lebens. Und obwohl Tamer von MIT das Stadtleben als "unser Leben" bezeichnet – als Sinnbild des Gegebenen – so schwingt dennoch eine klare Widersprüchlichkeit in den Worten Edis. Ein Widerspruch zwischen dem Verdruss und der Auflehnung des Einzelnen. Diese Gegensätze finden sich in nahezu jedem Song auf "Coda". Während in Park und Genau An Diesem Abend von Menschen die Rede ist, die halbverloren in Straßen und Clubs umherirren, weist Edi in Gebaut sogar auf einen Individualitätsverlust hin: "nirgendwo kein Stück blau, wir werden neu gebaut". Im Laufe des Albums verfestigen sich diese Ansätze zu einem bunten Flickenteppich von Stadtimpressionen. Es scheint sogar, als ob die Stadt zum eigentlichen Protagonisten von "Coda" wird.

Doch vielleicht ist das zu viel des Guten, zu viel Beiwerk, zu viel Interpretation. Was bleibt ist "Coda": ein wirklich ausgereifter Erstling, der gleichzeitig viel gibt und doch nicht viel verlangt. MIT haben alles richtig gemacht und legen so mal eben frei aus der Hüfte die Messlatte für intelligente elektronische Musik ein wenig höher.
foto: lukas hoffmann



mit
"coda"
haute areal 2008 cd
mit

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Tele

Die Neuberliner Tele ("Wir Brauchen Nichts" 2007, "Wovon Sollen Wir Leben" 2004) haben sich kurz vor ihrem Auftritt beim diesjährigen ASTA-Sommerfestival in Paderborn Zeit genommen, um den wahrscheinlich nervösesten Interviewer ein paar Fragen zu beantworten. Es folgen Offenbarungen über den Wunsch mal nichts zu hören, über ostwestfälische Volksfeste und wechselnde Hörgewohnheiten.


"es geht ein riss durch die welt."
(fieber)


Aller Anfang ist schwer und so ist es nicht verwunderlich das gute Interviews nicht auf Bäumen wachsen oder wie reife Trauben darauf warten vom Fragensteller gepflückt zu werden. Vor allen Dingen ist es wichtig, die richtigen Fragen für die richtige Laune zu stellen.

Dann wird man von den nächsten Hindernissen eingeholt: Wie wird es ablaufen? Lässt man sich ein Special einfallen? Welche Tiefe soll das Interview haben? In welchen subjektiven Gefilden lohnt es sich den Gegenüber zu lotsen: Journalistische Distanz oder doch eher persönliche Empfindsamkeit? Doch was am Wichtigsten ist: Wie überwinde ich den eigenen Schweinehund, um mir nicht anmerken zu lassen, dass ich mir vor Nervosität fast in die Hosen mache.

Dann ist es soweit. 10 Minuten bis zum Interview. MD-Player und Mikro gut verstauen, Bandbus suchen, Interviewpartner notfalls kontaktieren. Ich bin bereit. Warum schauen die mich so grimmig an? Unsicherheit! Und dann passiert das, was man eigentlich umgehen wollte. Das Gehirn malt sich alle möglichen Schreckensszenarien aus. Erste Anzeichen eines fragmentarischen Sprachverlustes setzen ein. Der Dialekt bricht durch, den man sich so schön wegtrainiert hat, die Beine werden weich.

Wie ist die Atmosphäre auf dem Festival? Habt ihr heute euren sicheren Bandbus schon einmal verlassen?
Jörg Holdinghausen (Bass): "Ich war sehr verwundert. Von einem ASTA-Fest hätte ich nie so was Großes, Kommerzielles erwartet. Das ist jetzt nicht so mein Ding, ehrlich gesagt. Wenn ich über’s Fest gehe, dann hab ich eher den Eindruck von einem Rummelplatz."

Da ist schon eine gewisse Ähnlichkeit zu einem Volksfest mit Grillbuden und Losständen!
J: "Also im Gegensatz zu gestern, dass war ein ASTA-Fest in Köln, das stand unter dem Motto: 'Contra La Racisme', das war sehr klein und kam mir viel studentischer vor."

Ich ward beim Bundesvision Song Contest. Wie steht ihr eigentlich zu dieser Veranstaltung? Zum Wettbewerb an sich und zu der Art, wie er ausgetragen wird?
Patrick Reising (Keyboard): "Als wir gefragt wurden, ob wir da mitmachen wollen, gab es nicht die Entscheidung: „Machen wir das oder nicht?“, sondern es war von Anfang an klar, dass wir das machen würden. Aus musikalischer Hinsicht, ist es natürlich nicht unbedingt die Sache, die einen als Band voran bringt, sondern das ist eher eine große Veranstaltung, die bekannt macht. Dieses Format, was Stefan Raab dort ins Leben gerufen hat, ist immerhin noch eine Sache von den Dingen, die immerhin noch etwas mit Musik zu tun haben. Weil man ihm noch anmerkt, dass er noch wirklich an der Musik interessiert ist und in seiner Sendung noch richtige Kontraste schafft."

(Nach den ersten Eindrücken werde ich mutig und steigere den Grad an Subjektivität, vielleicht auch Dilettantismus, das wird sich zeigen. Ich bin neugierig, wie sie damit umgehen. Ich will alles wissen und sehen, ob sie auch über sich selbst lachen können. Man nennt das Selbstironie, ich nenne das investigativen Journalismus. Wir sollten öfter lachen.)

Für die nächste Frage muss ich ein wenig ausholen. Meine erste Begegnung mit Tele war der Versuch meiner Schwester mir einen Sound unterzujubeln, den ich nicht verstand. Da fehlten die Kanten, das Rohe – beim ersten Hören war die Musik so weich und formbar. Heute empfinde ich da anders und es kotzt mich wirklich an, dass meine Schwester Recht behalten hat. Ist es nicht manchmal schrecklich, dass Schwestern des Öfteren viel weiter sind als man selbst und man sich zurückblickend seine Sturheit eingestehen muss?
J: "Ich hatte keine Schwester, ich kann das nicht so beurteilen. Aber ich hatte einen älteren Bruder, der war viel weiter als ich und ich hab total davon profitiert. Er ist 7 Jahre älter als ich, hat sich schon immer für Musik interessiert, hat coole Bands angebracht und mich wahnsinnig beeinflusst."
P: "Ich hab ne kleine Schwester. Die ist sechs Jahre jünger als ich und bei mir war das immer anders herum. Aber ich hab noch drei Brüder und mit denen habe ich sogar zeitweilig in einer Band gespielt."

Wer hat sich die Choreografie für euer neues Video „Fieber“ ausgedacht? War das so eine bandinterne Sache?
J: "Meinst du das ganze Video?"

Nein, ich meine den Schritt, den eure Gitarren-Sektion am Anfang des Videos in einen wahren Foxtrott-Himmel hebt. Der erinnert mich persönlich ein wenig an die Aaron Carter Moves. Kennt ihr noch 'Crazy Little Party Girl'?
P: "Ich kenne Aaron Carter, aber ich kenne nur dieses Lied, wie heißt das noch gleich… [überlegt] 'Crush on you'?
P: "Ich habe es bestimmt schon einmal gehört. Aaron Carter ist mir noch gut im Gedächtnis. Das ist der kleine Bruder von Nick Carter. Meine Schwester war großer Backstreet Boys-Fan."
J: "Wenn überhaupt kommt das aus dem Breakdance, das hab ich früher gemacht und wir haben das für das Video übernommen. Allerdings kenne ich den Move nicht, es kann ja sein, dass er genauso aussieht."

Na ja, ich wollte nur provozieren, bei Aaron Carter sieht’s eher so aus.
(Und jetzt kommt der größte Fehler, ich bewege meine Arme in merkwürdig kreisenden Bewegungen um meinen Körper und singe dazu: "Crazy little party girl / How I love her / Partying around the world - she wants to dance!")
Egal bei euch sieht das ganz anders aus. Wir sind ja hier auf dem ASTA-Sommerfestival. Habt ihr eigentlich einen studentischen Hintergrund?
P: "Ich habe lange in Freiburg studiert: Musikwissenschaften, Informatik und Literatur auf Magister. Dann kam der Umzug nach Berlin, aber dort war der Schwerpunkt schon von Anfang an bei ganz anderen Sachen."
J: "Bei mir ist es anders. Ich hab nie das Studentenleben genießen können. Ich habe ziemlich früh gemerkt, dass ich Musiker werden will, deswegen war meine schulische Karriere auch nicht gerade glorreich. Ich bin dann in der 11. Klasse auch vom Gymnasium geflogen. Aber da kamen auch gewisse Dinge zusammen. Ich bin Vater geworden und hab mich ganz anders orientiert. Dann kam eine schulische Ausbildung in Musik. Später habe ich dann viel gejobbt: Hilfsarbeiten, im Theater gearbeitet, in der Fabrik und bin jetzt bei der Musik gelandet."

Zum Schluss noch eine leidige Standardfrage: Was hört ihr so im Moment für Musik?
J: "Hauptsächlich das, was ich jetzt mal Weltmusik nennen würde: Country, Jazz – im Moment –, aber eigentlich alles. Außer vielleicht Heavy Metal und Techno."
P: "Ich höre sehr, sehr wenig Musik. Ich bin eigentlich total froh, wenn ich mal keine Musik hören muss. Wenn man den ganzen Tag mit Musik beschäftigt ist und auch viel Musik macht, dann ist es auch ganz wichtig mal nichts zu hören oder die Ohren auszuputzen. Das ist, wie wenn man zu lange in die Sonne schaut: Irgendwann musst du dir eine Sonnenbrille aufsetzen oder in einen dunkleren Raum gehen. Deswegen höre ich zu Hause relativ wenig Musik. Aber wenn dann Sachen bei mir hängen bleiben, sind es solche, die ich außergewöhnlich finde."

Mission accomplished, nach 16 Minuten und einigen kurzzeitigen Aussetzern, bedanke ich mich, mache noch schnell ein Foto für die kleine Schwester zu Hause und natürlich auch für mich selbst und verabschiede mich dann von Jörg und Patrick. Auf dem Rückweg überfällt mich ein Schauer aus Freude und der leidigen Gewissheit, dass es doch gar nicht so schlimm war, nur der Kopf wiegt viel zu sehr und zieht den Körper in Mitleidenschaft.
foto: frank eidel

tele

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Explosions In The Sky

Ein Gespräch nicht mit sondern über die vier Texaner von Explosions In The Sky.


"das talent, in instrumentaler form zu kommunizieren."
(jan erik waider)


"Wenn ich aus welchen Gründen auch immer, auf alle Alben bis auf eines verzichten müsste, wäre es die Scheibe 'The Earth Is Not A Cold Dead Place', die ich am Ende in den Händen halten würde - das Album ist einfach unbeschreiblich und hat mich schon durch so viele Lebenssituationen begleitet. Es gehört irgendwie mittlerweile einfach fest zu meinem Alltag." Da liegt Leidenschaft in der Stimme, wenn Jan Erik Waider über die vier Texaner spricht. Um etwas mehr über die Band und über deren Wirkung und Ausstrahlung zu erfahren, habe ich mich mit Jan Erik unterhalten, der nicht nur für ein gefragtes Forum zum Thema Postrock verantwortlich ist, sondern auch die einzige deutschsprachige Fanseite der Band betreibt.

Wie bist du das erste Mal auf Explosions In The Sky gestoßen? Kannst du dich daran erinnern, was du bei ihrer Musik empfunden hast?
"Ich kann mich leider nicht mehr genau erinnern... Allerdings weiß ich, dass es eine Weile gedauert hat, bis der Funken übergesprungen war – ähnlich wie bei Godspeed You! Black Emperor, die ich ungefähr zur gleichen Zeit entdeckte. Für mich war Postrock 'damals' ein weitgehend unbekanntes Terrain und anfangs habe ich mich auch nicht richtig auf die Musik eingelassen, sie als relativ anstrengend bzw. schwer zugänglich empfunden. Doch irgendwann hat es mich dann gepackt und ich habe mir direkt alle verfügbaren CDs bestellt – naja und diese Faszination hält bis heute an."

Was machen EITS für dich aus? Was ist das charakteristische an dieser Band, bzw. inwiefern grenzt du sie von anderen Bands aus dem Postrock bereich ab?
"Die Frage lässt sich für mich nur schwer beantworten, da ich generell von Post-Rock absolut besessen bin – man kann es nicht anders sagen. Und jede Band hat für mich ihren vollkommen eigenen Reiz und auch ihre eigene Sprache - von Mono über Mogwai und Godspeed bis eben zu Explosions In The Sky. Wenn ich auch ungern die Bands wertend übereinander stellen möchte, ist EITS dennoch auf Platz eins, da die Band irgendwie etwas besitzt, das ich noch bei keiner anderen Band so intensiv entdecken konnte. In erster Linie ist es wohl Ihr Talent, in instrumentaler Form zu kommunizieren. Daneben begeistert mich immer wieder aufs Neue die Intensität und Gewalt Ihrer Musik, die nur durch vier relativ schmächtige und unscheinbare Jungs erzeugt wird."

Die Band selbst ist noch relativ jung, sie lassen sich vergleichsweise viel Zeit für ihre Platten. Wie schätzt du ihre Entwicklung ein?
"Ich weiß von der Band, das Ihnen das Songwriting sehr schwer von den Händen geht und teilweise ziemlich frustrierende Phasen hat. Oftmals versuchen Sie es einfach „auf gut Glück“, in der Hoffnung dass am Ende etwas Hörenswertes dabei entsteht. Dafür finde ich es umso beeindruckender, dass in nunmehr sieben Jahren vier Alben, ein Mini-Album sowie ein Soundtrack zu einem Hollywood-Film entstanden sind und darüber hinaus andere Titel zu mehreren Independent-Filmen. Ganz nach dem Motto „Gut Ding will Weile haben“, sollte man den Jungs die Zeit lassen – bisher konnte jede Scheibe die sie am Ende aus dem Studio gebracht haben, absolut überzeugen."

Die Platten - auch das vielleicht ein Grund, weshalb man EITS gut in Vergleich mit Bands wie Godspeed, Do Make Say Think oder Mono setzen kann - tragen, ähnlich wie die einzelnen Stücke, eher kryptische Titel. Ich will es nicht als Slebstläufer abtun, dass Bands, die (fast) ausschließlich instrumentale Stücke schreiben vielleicht das Bedürfnis haben, sich durch Titel mitzuteilen. Wie schätzt du die Titel ein? In welcher Verbindung könnten sie zu den Werken stehen und was bedeuten sie letztendlich für dich?
"Einer der Hauptgründe, weshalb mich Explosions In The Sky – speziell das Album 'The Earth Is Not A Cold Dead Place' – so faszinieren, ist deren Talent, vollkommen ohne Worte 'Geschichten' zu erzählen. Das Beste Beispiel ist für mich das Stück First Breath After Coma, das vom Aufbau und dem Einsatz der Instrumente so strukturiert ist, dass die Assoziation zu einem Menschen, der aus einem Komaschlaf erwacht, für mich auch wirklich nachvollziehbar ist. Ein Mensch erwacht und realisiert erst allmählich was passiert ist und wo er sich befindet - sieht sich langsam um und wird sich seiner Umwelt bewusst, von der er gleichzeitig fasziniert wie verängstigt ist. Das habe ich bisher bei keiner anderen Band so intensiv erlebt wie bei EITS und beinahe jeden Track-Titel konnte ich mit dem musikalischen und meinen Emotionen, die ich während dem Hören hatte, in Verbindung bringen. Ich finde die Titel von EITS im Gegensatz zu beispielsweise Godspeed You! Black Emperor weniger kryptisch, sondern für mich persönlich in der Regel stimmig und nachvollziehbar bzw. zugänglich(er). Ich denke, für EITS haben die Titel eine sehr große Bedeutung und werden mit viel Bedacht gewählt – es ist quasi die Chance, die 'Botschaft' Ihrer Titel (sofern sich das so sagen lässt) zu unterstreichen. Wobei ich Ihre Musik sicher auch vollkommen ohne Titel auskommen würde – das hätte seinen vollkommen eigenen Reiz, wie beispielsweise das Album 'Untitled' von Sigur Rós beweist."

Dass EITS 2002 eine der legendären Peel Sessions aufnehmen durften, ist gleichbedeutend mit einem gewissen Ruhm. Dennoch sind sie in der Öffentlichkeit eher unscheinbar. Dann kam der Soundtrack zu einem Film über American Football in den USA. Du beobachtest die Band schon relativ lang, wie schätzt du ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit, zu Erfolg ein? Und wie den Kreis der Rezipienten der Band gegenüber?
"Ich denke, dass der Teenager-Footballfilm 'Friday Night Lights' von Peter Berg für die Band quasi eine Art Durchbruch darstellte. Der Streifen und die auf dem Film basierende, gleichnamige NBC-Serie genießen in den USA eine sehr hohe Beliebtheit. Der Kinofilm ging dagegen in Europa mehr oder weniger unter, was sicherlich größtenteils auf die Thematik 'American Football' zurückzuführen ist. Aber durch die nun vorhandene Präsenz im TV, fand/findet EITS nun auch verstärkt Erwähnung in Medien wie Radio, Internet-Blogs oder populären Musikmagazinen – für die Band eher unübliche Kanäle. Ich selber bin auch ein großer Fan vom Kinofilm und neuerdings auch der Serie und meistens fügt sich Ihre Musik genial in die bewegten Bilder ein und nicht selten mit Gänsehauteffekt, wenn Your Hand In Mine einmal wieder anklingt oder das Team bei Have You Passed Through This Night über das Spielfeld jagt. Ihr Auftritt bei John Peel war sicher sehr bedeutend für die Band, aber ich denke Ihrer Popularität hat das im Gegensatz zu Friday Night Lights nicht zu großen Sprüngen verholfen. Die Peel Sessions hatten doch ein recht spezielles Publikum und John Peel folgte (glücklicherweise) niemals dem Massengeschmack. Die Band geht mit dem zunehmenden Erfolg und den ausverkauften Konzerten eher bescheiden um, als ich Sie darauf angesprochen haben, wirkten sie beinahe verlegen... Aber trotz allem habe ich das Gefühl, dass sie definitiv glücklich sind mit dem Verlauf der Dinge und anhand der ständig steigenden Zahl der Tourtermine sieht man auch, dass sie das nicht im Stillen Kämmerlein feiern wollen..."
foto: explosionsinthesky.com


explosions in the sky
deutsche fanseite
postrock forum

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Haute Areal

Théâtre du Nuit.
Das Berliner Label Haute Areal betrachtet die heterogene Auswahl ihrer Musiker als Konzept, welches jetzt mit einer eigens gestalteten Kompilation in Gänze präsentiert wird.


"´don't fuck with the man!"
(haute areal über the man no. 9)


Auf der höchsten Ebene, erhaben sozusagen, bewegt sich das Berliner Label Haute Areal. Zumindest dann, wenn man den französischen Namen betrachtet. Diese Plateau mag man auch im übertragenen Sinne als eine Plattform betrachten, welche die Berliner mit ihrem Label recht außergewöhnlichen Musikern bieten wollen.

Da sind beispielsweise Werle & Stankowski, ein Duo, welches vom Label selbst als "Bob Dylan trifft Aphex Twin in Kingston" beschrieben wird. Lauscht man den Stücken der beiden Herren, muss man dem seltsamen Statement mit einem Lächeln recht geben, obwohl weder die Stimme an den näselnden Bob Dylan, noch der Sound an den vertrackten Richard James direkt erinnern. Das New Yorker Duo Schwervon! hingegen dürfte in den umtriebigeren Indie und Anti-Folk Kreisen durchaus bekannt sein. Musikalisch in eine ganz andere Richtung geht dann wie selbstverständlich Sedlmeir, der 80er Jahre Synthies und Hardrockriffs vermengt und zum Tanz provoziert: "Schmeißt die Jacke weg, zieht die Nase hoch und haltet den Kindern die Ohren zu". Die reduzierte Besetzung der Bands im Hause Haut Areal wird lediglich durch The Man No. 9 durchbrochen, einer recht anarchischen achtköpfigen Band zwischen dem Go! Team, dem A-Team, Klingeltönen und White Trash Synthies. Schön!

Dieses bunte Konglomerat an unterschiedlichsten Spielweisen haben Haute Areal jetzt auf einer äußerst ästhetischen Label Kompilation vereinigt. Da man Wert auf guten Geschmack legt, tat man sich anlässlich der Veröffentlichung von "Théâtre de Nuit" mit dem Modelabel éveil zusammen, von welchem ein dezent gehaltenes T-Shirt in schwarz-weiß Optik entworfen wurde, um die Platte, die Musik, die Kunst und sich selbst gebührend zu feiern. Für uns Anlass in einem kurzen Gespräch mit Co-Labelchef Frederik Fröse mehr zu erfahren.

Die Musiker auf Haute Areal sind trotz sehr unterschiedlicher Spielweise und Genres doch insofern unter den obligatorischen Hut zu bringen, dass sie in ihren jeweiligen Stilen sehr eigenständig sind und sich nicht von gängigen Klischees lenken lassen. Dennoch werden mit Musikern wie Sedlmeir auf der einen und Schwervon! auf der anderen Seite sehr unterschiedliche Hörergewohnheiten bedient. Ist Heterogenität Teil des Konzeptes Haute Areal?
"So schön hat das bisher noch niemand gesagt. Ja, ich denke das ist so. Wir wollten einfach keine Band unter Vertrag nehmen, die einer unserer Bands ähnlich ist, weil sich sonst automatisch ein Vergleich und eine Abstufung ergeben hätte. Von ihrer Art ist jede unserer Bands die beste. Das ist es, was wir erreichen wollten. Es gibt keine Konkurrenz innerhalb der Familie."

"Marktführer". Recht ironisch, so will ich meinen, prangt da ein Begriff in eurem Pressetext, den ihr sowohl auf euch selbst, als auch auf das Modelabel "éveil" bezieht. Aber im Ernst, wie schwierig ist es sich "am Markt" zu etablieren, wenn man sich auf die Fahnen schreibt, eher weniger zugängliche Musiker unter Vertrag zu nehmen? Und wie hat sich die Situation, die Intensität und der Arbeitsaufwand seit eurer Gründung 2001 verändert?
"Auf jeden Fall schwieriger als wir dachten. Man muss eben lange durchhalten, immer mehr investieren, einen Katalog aufbauen, Kontakte knüpfen und lernen. Wir arbeiten jetzt wesentlich mehr für das Label als früher. Damals war es bloss ein Scherz oder Hobby und jetzt ist es ein Fulltime-Job. Das mit dem "auf die Fahne schreiben..." haben wir sowieso abgelegt. Wir machen einfach was uns gefällt. Wenn uns was begeistert, dann unterstützen und machen wir das."

Gerade im Augenblick, in dem Indie als Schlagwort kontext- und somit auch belanglos zu werden scheint, die Ästhetik von LoFi und unabhängigen Produktionen genreübergreifend von der Industrie wie ein Schwamm aufgesaugt werden, erscheint es zunehmend schwerer zu werden, sich als Label zu behaupten und relevant zu bleiben. Wie seht ihr diese Entwicklung, bzw. geht ihr damit um?
"Das hat es ja immer schon gegeben. Die sind nur heute schneller. Ich glaube es zeigt sich bei näherer Betrachtung immer recht schnell ob ein Stil nur kopiert wird oder wirklich gelebt und mit Inhalt gefüllt wird. Außerdem ist es im Endeffekt auch egal. Man kann sich ja nicht allein auf irgendeine Szenenzugehörigkeit berufen, wenn es um die Qualität von Kunst geht. Entweder das Zeug ist gut oder eben nicht. Es gibt z.B. ganz grauenhafte Indie-Bands und im Gegensatz dazu ein paar Kommerzschweine, die echt spitze sind."

Im Zeitalter des digitalen Downloads, der nach den neuen Berichten der Musikindustrie kaum einen wirkungsvollen Beitrag zu dessen Niedergang geleistet zu haben scheint, wird immer weniger Wert auf Design, auf das künstlerische Element neben der bloßen Musik gelegt. Wie wichtig sind Zeichen wie eure Kompilation in diesen Tagen?
"Enorm wichtig. Der Vorteil von Pop gegenüber ernster Musik ist ja, dass die Inszenierung von der Namensgebung bis zum Artwork und der öffentlichen Haltung fester Bestandteil des Werkes ist. Das ist einer der Gründe warum wir das überhaupt alles machen. Sonst würden wir im stillen Kämmerlein für Player-Piano komponieren. Das ist auch cool."

"Théâtre de Nuit" lässt nicht nur vom Titel an den Film Noir der Vierziger und Fünfziger Jahre denken. Düster sind sowohl das Design des Covers, als auch das dazugehörige Shirt. Aber düster nicht im Sinne von Pessimismus, Entfremdung und Furcht, sondern auf sehr ästhetische, fragile Weise. Wie habt ihr euch konzeptionell auf das Thema, auf den Rahmen eurer Kollaboration geeinigt?
"Das hat komplett Markus Buddenbrock von eveil übernommen, aber er weiß was uns gefällt. Wir sind ja selber auch ziemlich fragil, vor allem der Ingo (Petraschewski, die zweite Hälfte der Chef Etage von Haute Areal, Anm. d. Ver.)."

Welche Art von Verbindung, außer dem Faible für das Französische, besteht ansonsten zwischen Haute Areal und éveil?
"Wir sind Freunde und haben einen ähnlichen Geschmack. Außerdem versucht er in seinem Bereich das Gleiche wie wir und es gibt wenig schöneres als sich gegenseitig zu featuren."
foto:



haute areal
éveil
werle&stankowski
schwervon!
sedlmeir
the man no. 9

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Hushpuppies

Endlich eine Band, deren Referenzen tatsächlich in die 60er zurückreichen. Obwohl in den 70ern geboren, sind die HushPuppies maßgeblich vom Sound von The Who und anderen Mod-Größen beeinflusst. Dennoch haben sie die Gegenwart nicht vollkommen aus den Augen verloren.


"i was born in the seventies."
(1975)


Seien wir doch einmal ehrlich: Bei der anhaltenden Rock’n’Roll Retro Welle, die noch immer nicht ihren Zenit überschritten zu haben scheint, weiß man meistens gar nicht so recht, was daran so wahnsinnig "retro" ist. Ohne die musikalische Integrität der meisten Acts in Frage stellen zu wollen, das groß auf der Stirn prangende Label wirkt in vielen Fällen reichlich fehl am Platz. Eine wirkliche Bezugnahme zu musikalischen Vorbildern insbesondere der Sixties lässt sich vermarktungstechnisch in der Regel höchstens über modische Versatzstücke - wahlweise James Dean-Look oder Anzüge für die gesamte Band - konstruieren, das oberflächliche Image ist ja leider schon lange kein zu vernachlässigender Faktor mehr.

Wie schön, dass es auch anders geht, bei den HushPuppies zum Beispiel. In Perpignan aufgewachsen wurden die Jungs von der dort sehr lebendigen Mod- und Garage-Kultur geprägt, was sie musikalisch zwangsläufig zu der Band formte, die sie jetzt sind. Das Plattencover ihres Debütalbums "The Trap", eine S/W-Fotografie der Band zur Tea Time in der Natur, spricht Bände. Doch auch der französische Zentralismus ging nicht spurlos an den fünf Jungs vorbei, irgendwann landeten sie alle in Paris. Ein Gespräch mit Olivier und Cyrille.

Cyrille: "Die eigentliche Bandgeschichte beginnt ja erst in Paris, die HushPuppies haben dort begonnen. In Perpignan spielten wir fast alle noch zusammen in einer Band namens The Likyds, aber wegen Studium und Jobs landeten alle von uns eher früher oder später in Paris. Wir transferierten die Band mehr oder weniger, es war so etwas wie ein sich zufällig ergebender Neubeginn."

Hat Paris einen großen Einfluss auf euch als Band?
C.: "Die Stadt beeinflusst uns nicht direkt, die Musik entsteht aus der Interaktion zwischen uns. Es ist das Ergebnis der Stimmungen innerhalb des Kollektivs. Man kann sagen, dass uns die Menschen beeinflussen die wir treffen, die Dinge die wir tun, so verändern wir uns und dementsprechend unser Output. Es ist weniger die Stadt, es ist mehr das Leben im Allgemeinen und was eben geschieht. Paris bildet da natürlich den Hintergrund."

Euren Bassisten habt ihr ja erst in Paris kennen gelernt, er ist der einzige, der nicht der Mod-Szene vonPerpignan entstammt. War es eine große Schwierigkeit ihn zu integrieren?
Olivier: "Eigentlich war es ziemlich einfach. Wir suchten zwei Jahre lang nach einem Bassisten, Guillaume war mein Mitbewohner und ein Freund der Band. Irgendwann kamen wir auf die Idee, dass er doch einsteigen könnte. Es hat sofort funktioniert, auch weil er Teil der Familie und nicht nur wegen der Musik dabei ist. Das unterstreicht den Charakter dieser Band, dass wir uns über mehr über die persönliche als über die musikalische Ebene definieren."

Seid ihr in Paris in größeren Zusammenhängen aktiv?
O.: "Da sind wir kaum integriert. Es gibt eine Menge junger Bands, 17-18jährige, die Rock’n’Roll-Szene ist entsprechend jung. Wir sind alle mehr als zehn Jahre älter, wir fühlen uns da nicht wirklich verbunden. Wir haben nicht die gleiche Wahrnehmung, wir sind durch eine andere Zeit geprägt. They play a different kind of rock. Wir spielen mit einer gewissen erwachsenen Attitüde, es ist nicht mehr so sehr mit Adoleszenz verbunden. Ich glaube wir sprechen damit auch mehr Menschen an, 17jährige und 37jährige."
C.: "Ich würde sagen, wir haben auch ein anderes Verständnis von Rock’n’Roll. Für uns geht es in erster Linie um Musik, darüber definiert sich dann auch der Rest des Lebens. In unserem Alter bedeutet in einer Band zu spielen ein anderes Leben zu führen. Die typische Lebensführung eines 35jährigen wird durch die Musik ausgestochen, man ist nicht wie jeder andere, man hat im Gegensatz zu den meisten keinen regelmäßigen Job. Das Arbeitsleben ist nicht so wichtig, sämtliche 'Freizeit' ist von der Musik bestimmt."

Da scheint der immer wieder angestellte Vergleich mit den Arctic Monkeys noch absurd zu sein, als ohnehin schon.
O.: "Der Punkt ist, wir machen ja ganz andere Musik. Vielleicht brauchen die Menschen Vergleiche, um Sicherheit im Umgang mit unbekannten Bands zu gewinnen. Sie hören sich die Musik nicht besonders gut an, stattdessen machen sie gleich eine Schublade auf. Die Monkeys haben ihren Hit und das war’s, in unserer Musik spiegelt sich eine viel größere Bandbreite wieder. Den einzigen wirklichen Vergleich in Bezug auf mehr oder weniger aktuellen Sound, den ich gelten lassen würde, sind die frühen Supergrass. Da gibt es Überschneidungen, auch wenn unser Sound nicht in den 90ern steckengeblieben ist. Obwohl wir tatsächlich vielmehr von Bands wie The Who oder den Kinks beeinflusst werden. Die meisten aktuellen Bands haben hingegen kaum einen Bezug zu den Sixties."

Welche Rolle spielt die Radio-Quote, die einen hohen ANteil an französischsprachiger Musik garantiert, für die unabhängige Musikszene?
C.: "Die Quote ist natürlich ziemlich schädlich. Wie kann man französische Kultur vermitteln, wenn man in Frankreich bleibt und nur auf französisch singt? Zudem, die Sprache des Rock'n'Roll ist einfach Englisch. Viele Bands haben Schwierigkeiten, auf sich aufmerksam zu machen, da sie auf Englisch singen. Sie werden nicht im Radio gespielt, da sie dort mit britischen und amerikanischen Bands konkurrieren müssen. Auch in Frankreich erfährt Rock'n'Roll eine Renaissance, was eine tolle Sache ist. Aber wenn eine Band mit den Arctic Monkeys oder Mando Diao um Airplay konkurrieren muss, dann hat sie praktisch keine Chance."

Überrascht euch da der eigene Erfolg nicht ein wenig?
C.: "Puh, schwierig zu sagen, unser Bekanntheitsgrad hält sich ja noch in Grenzen. Aber es ist schön, wenn man vor ein paar hundert Menschen spielt und die Leute auch mitsingen und wirklich enthusiastisch sind. Das haben wir auch schon bei den ersten Shows in Deutschland gemerkt, dass unsere Auftritte wirklich gut ankommen. Das ist ja das Wichtigste, dass die Menschen die gleiche positive Energie spüren, aus der heraus unsere Musik entsteht."
foto: marco dos santos

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Söhnke Wortmann [Deutschland. Ein Sommermärchen]

2006: Deutschland ist wieder wer. Weltmeister der Herzen allemal und wenn "Angie" "Klinsi" küsst und Ballak zum "männlichsten Mann Deutschlands" wird, findet eine ganze Nation wieder zu sich selbst. Nicht nur "du", wir alle sind Deutschland. Die große Mär von Söhnke Wortmann.


"noch nie ist ein event so emotional und global dargestellt worden."
(joseph s. blatter, fifa präsident)


Das tobende Meer an schwarz-rot-goldenen Fahnen wird nur sehr langsam aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden. Nicht nur hier, sondern auf der ganzen Welt wurden dank der modernen Vernetzung die Bilder der friedlich feiernden Freunde betrachtet. Mit Sönke Wortmanns Film werden jetzt diese „vier unbeschreiblich schönen Wochen“ - so der Pressetext - noch einmal aufgegriffen. Man sagt erneut „Danke“, diesmal nicht nur - wie auf der Berliner Fan Meile am 9. Juli – den „Helden“ (Kino Trailer), sondern auch dem zwölften Mann auf dem Platz, den Fans. Stichwort "Teamgeist 82 Mio". Um die Bedeutung des Films und nicht zuletzt der Weltmeisterschaft selbst näher zu beleuchten, haben wir uns mit Tobias Funske, dem Pressesprecher der Initiative "I Can´t Relax In Deutschland" unterhalten. Leider war kein von uns eingeladener Mitarbeiter des Magazins für Fußballkultur "11Freunde" dazu bereit, sich an dem Gespräch zu beteiligen.

„Deutschland. Ein Sommermärchen.“ Nach dem Premierenwochenende zeichneten sich bereits Rekordergebnisse an den Kinokassen ab. Ist das der Kassenschlager, den die klagende Filmindustrie in Deutschland benötigte? Vielleicht ein Anstoß zum gemeinsamen Aufbruch, den sich die gesamte Wirtschaft wünscht? Oder ist der als märchenhaft attributierte „Summer of Heimatliebe“ (Christian Jostmann) nicht eher verklärend und wenig überraschend?
"Roger Behrens (Philosoph, Sozialwissenschaftler und Mitherausgeber der Testcard, Anm. d. Redaktion) zitiert in seinem Text Gottfried Mergner, der 1998 folgendes schrieb: 'Wir beobachten daher heute eine Renaissance von Chauvinismus und Nationalismus, und zwar überall dort, wo sich moderne Staatlichkeit und Industrialisierung in Krisen durchsetzt oder sich in Krisen zu behaupten versucht.' Behrens erklärt im Folgenden trefflich, dass der neue Nationalstolz politisch und zivilgesellschaftlich auf den Konsens der neuen Mitte trifft. Wohl nicht zufällig steht die heute gepriesene 'Wirtschaftswunderhemdsärmeligkeit' dabei im auffälligen Kontrast zum Abbau des Rechts- und Sozialstaates, von der Asylrechtspraxis bis zu Hartz IV."

Sich auf die These beziehend, dass es dem Film gänzlich an kritischer Distanz und Analyse fehle, wirft Klaus Walter in seinem Rolling Stone Artikel (11/06) die Frage auf, ob Sönke Wortmann wirklich mehr als die "Fortsetzung der synergetisch gepushten Deutschland Party" wollte.
"Wir sehen hier keine Fortsetzung, sondern ein nicht unterbrochenes Kontinuum einer deutschen Ideologie, welche sich bis in das frühe neunzehnte Jahrhundert zurückverfolgen lässt und dort seinen ideologischen Ursprung findet. Fraglich ist ferner die These, hier hätte man etwas 'gepusht'. Das klingt nach einem eingeschworenen Kreis, der die 'blinde' Masse verführt. Ich bin jedoch vielmehr der Ansicht, es wird einem gesellschaftlich existenten Gefühl Ausdruck verliehen. Das erklärt auch die verschiedenen Ausdrucksformen die sich der Nationalismus bahnt. Ob in der Popkultur – von Musik über Mode und Fotografie bis hin zu Ausstellungen und Leinwand – oder im Sport. Schließlich sind Kultur als auch Sport keine von der Gesellschaft losgelösten Orte, die sich vom aufkeimenden Nationalismus isoliert betrachten ließen. Gerade Popkultur spiegelt stets Diskurse wieder, wie sie um Volk, Heimat und Nation geführt werden. Deutsche Künstler appellieren an das nationale Kollektiv (Heppner, van Dyke: 'Wir Sind Wir') und widmen Deutschland ihr Liebeslied (Mia: 'Es Ist Was Es Ist'). Erinnert man sich dazu an die Diskussion um die Flick-Kollektion in Berlin oder Wortmanns Filme wie vor allem 'Das Wunder Von Bern', in dem eine 'wir-sind-wieder-wer'-Haltung völlig kontextlos auf der Leinwand zu sehen war, oder 'Der Untergang' und unzählige 'History'-Dokumentationen, in denen deutsches Leid inszeniert wurde, erkennt man, dass es sich nicht bloß um eine kulturell-künstlerische Bewegung handelt, sondern einem gesellschaftlich lange da gewesenen Gefühl Ausdruck verliehen wird. Daher sind wir auch in unserem Buch zu dem Ergebnis gekommen, dass all diese Phänomene nur Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung sind. Die Verknüpfung zwischen Kultur und Nation hat Roger Behrens in seinem Buchbeitrag treffend dargestellt und kommt zum Schluss, dass Kultur und Nation zum selben Komplex bürgerlicher Ideologie gehören. Das gilt also auch für Popkultur und die modernen Formen des Nationalismus."

Mit dem von dir erwähnten "Wunder Von Bern" näherte sich Wortmann bereits 2003 sowohl dem Thema Fußball, als auch dem Thema Deutschland und Identität an. Hat sich der geschichtliche und gesellschaftliche Kontext zwischen diesen beiden Ereignissen verändert? Und inwiefern erscheint es, als habe Wortmann mit beiden Filmen – auch rekurrierend auf Kampagnen wie „Du bist Deutschland“ – einen bewusst vereinenden Blick auf Deutschland provoziert?
"Ich sehe keine gesellschaftlichen oder geschichtlichen Unterschiede zwischen 1954 und 2006. Der Grund ist banal. Man kann die gesellschaftliche und geschichtliche Entwicklung Deutschlands nicht losgelöst voneinander betrachten. Das ist ja gerade auch das Problem des neuen Nationalismus. Um sich positiv auf Deutschland beziehen zu können, wird sich der negativen Vergangenheit entsorgt. Schließlich passt die piefig-zipfelmützige Altlast nicht ins gewollt-flippige und oberflächlich-hippe Deutschland-Weltbild. Nur der Bruch mit der Vergangenheit und der Verzicht auf einen kritischen Umgang mit ihr machen einen positiven Heimatbezug möglich. Sinistra Frankfurt führt in ihrem Beitrag aus, was über eine allgemeine Kritik der Nationalstaatlichkeit hinaus als deutsche Spezifik ins Blickfeld gehört. Wofür steht der Begriff 'deutsch' überhaupt und was unterscheidet den hier auftretenden Nationalismus von anderen Ländern?
Ob jemand bewusst provoziert oder unreflektiert sein fetischistisches Verhältnis zur Nation ausdrückt, kann ich schlecht beantworten. Wortmann als ausgewiesener Deutschland-Fan lag sicher weniger an Provokation von etwas, von was er verbissen träumt. Die Kampagne „Du Bist Deutschland“ trat ebenso wenig provokant denn vielmehr verklärend romantisch auf. Durch dieses Stilmittel gewinnen Zustände wie etwa Rausch oder Traum an Bedeutung. Und neu waren die Form und Intention von 'Du Bist Deutschland' Ende 2005 längst nicht mehr. Die Kampagne konkretisierte lediglich, was andere schon mehrere Jahre einforderten.
Kennzeichen des neuen Nationalismus sind nicht vorrangig Rassismus und Straßengewalt. Im Gegenteil, diese dienen hegemonial sogar als Negativschablone. Repräsentativ verwendet die Werbung Afrodeutsche, die mit Deutschland-Fahne und Chips auf der Couch jubeln; Erinnert sei auch noch einmal an Gerald Asamoahs Auftreten im Rahmen der 'Du bist Deutschland'-Kampagne. Der gegenwärtige Patriotismus ist kein Nationalismus. Patriot, so eine gängige Behauptung, sei jemand der sein Land liebe, Nationalist dagegen jemand, der andere Länder herabwürdige. Nun wird einem jeder, der sich selbst Nationalist nennt, gerne bestätigen, dass dies mitnichten der Fall sei und, froh dass er auch mal was gefragt wird, seine ethnopluralistische Leier herunterspulen. Macht man den Unterschied daran fest, dass Patriotismus ein Gefühl der Verbundenheit zum eigenen Land bezeichnet, Nationalismus hingegen eine politische Ideologie, bei der das Volk oder die Nation als Zweck allen Handelns betrachtet wird, so schließt das eine das andere nicht aus und es wird klar, womit man es bei den schwarz-rot-goldenen Scharen zu tun hat. Infantile Pop-Patriot/innen, die auf der Jagd nach wohligen Gemeinschaftserlebnissen die hedonistische Seite der Staatsbürgerschaft entdecken, mit Politik in ihrer Eigenschaft als Fans aber bitte nichts zu tun haben wollen."

Die politische Rezeption des Großereignisses wurde aus Sicht vieler trotzdem als übertrieben, ja gar hysterisch abgetan. Die Frage stellt sich jedoch ganz im Gegenteil, ob eine Betrachtung der WM und all ihrer Sequels überhaupt auf einer unpolitischen Ebene möglich ist, nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass die Premiere des Films in Berlin am Tag der deutschen Einheit gefeiert wurde.
"Der Nationalismus, auch in seiner Pop- oder Sportvariante, dient der Identifikation mit dem Kollektiv. Paradox laut Roger Behrens ist dabei, dass die Identifikation aber misslingt, da das 'identifikatorische Zwangskollektiv' die Identifikation des freien Individuums mit sich selbst und seiner Selbstbestimmung gerade verhindert.
Das nationalistische Kontexte nicht ohne eine notwendige politische - weil ideologisch beladene - Ebene auskommen, erklärt sich schon daraus, dass das Wort 'Deutsch' nicht einfach nur eine leere Begriffshülse ist. Überhaupt kommt weder die Nation allgemein noch die deutsche im Besonderen als blütenweißes Papier daher, das sich beliebig beschreiben ließe."

Die aus dem Sommer resultierende "konsensfähige Nationalidylle" (Christian Jostmann) führte auch dazu, dass das zuvor noch erzürnte Volk in eine euphemistische Hysterie zu verfallen schien. Man freute sich mit Kaiser und Kanzlerin, schrie kryptische Zahlen gemeinsam mit den „Sporties“, hielt dankbar und besonnen mit Xavier Naidoos Hymne inne und lies die verkrampfte Haltung hinter sich. Endlich lernte man zu feiern, zu leben, komme was wolle. Was hat dieses emotionale Wir-Gefühl tatsächlich bewirkt?
"Das moderne, weltoffene Deutschland hat seine Scham abgeworfen und in der so genannten 'Verantwortung' das passende Heilmittel für den historischen Schlussstrich und neues Selbstbewusstsein gefunden. Anstatt wie bisher Auschwitz eher zu verharmlosen oder zu leugnen, wurden die deutschen Verbrechen nun instrumentell benutzt, um eigene Machtinteressen durchzusetzen; Erinnert seien an die Begründung des Kosovokrieges. Das rot-grüne Deutschland sah sich nun als Land, das sich für Menschenrechte einsetzt. Der Staat und seine Nationalisten stehen nicht mehr für den Zivilisationsbruch Auschwitz, sondern legen als Aufarbeitungsweltmeister die gesellschaftliche Befugnis zu patriotischen Regungen vor. Wir kritisieren dieses entspannte 'zu-sich-kommen'. Damit wurde für die Meisten zum feuchten Traum, was Heinrich Heine noch in seinem 'Deutschland. Ein Wintermärchen' um den Schlaf brachte."

Nachtrag:
Am 5. Dezember 2006 wird Sönke Wortmann für seinen Film der Leibniz-Ring des Presse Club Hannover verliehen. Der Preis wird jährlich an eine Persönlichkeit oder Institution übergeben, die durch eine herausragende Leistung auf sich aufmerksam macht. Mit seiner Betrachtung habe Wortmann "ein Ereignis dokumentiert, das Deutschland - auch aus dem Blickwinkel des Auslands - positiv verändert hat", so begründete das Kuratorium unter Vorsitz von Sabine Christiansen die einstimmige Entscheidung.
foto: kinowelt

söhnke wortmann
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