Posts mit dem Label wichita werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label wichita werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

City Slang And Wichita Play Popkomm [Berlin, 08.10.2008]

Manchmal steht man am Rand eines Konzerts und sieht erstaunt, was im Publikum passiert. Und dann muss man sich entscheiden, ob man weiter nur am Rand stehen bleibt oder mitten rein will.


"huiuiui! hier ist aber was los!"
(h.obst)





Und manchmal entscheidet man sich doch für den Rand und macht Fotos. [Für die Fotogalerie bitte auf das Bild klicken]. Steht da und beobachtet auf der Bühne scheinbar wildgewordene Skandinavier, die gar keine sind (O'Death), während vor der Bühne der halbe Saal tanzt. Ausgelassen. Etwas schöneres kann es kaum geben, als dazu die Musik zu machen.

Und dann ganz zum Schluss findet man sich wieder mitten drin. Es ist schon nach Mitternacht, die Trompeten und noch mehr Geige und die bekannten Klänge der Band, wegen der man eigentlich da ist (Get Well Soon). Ruhiger stehen jetzt die Menschen da und hören. Und man hofft, dass sie sich genauso aufgehoben fühlen, wie man selbst und schließt die Augen.

Und vorher? Das hat man dann fast schon wieder vergessen. Das gefühlte Gedächtnis reicht nicht für sechs Konzerte an einem Abend. Aber das muss es auch nicht. Get well soon, Los Campesinos!, O'Death, Port O'Brien, Those Dancing Days und Sky Larkin beim City Slang and Wichita Play Popkomm Abend.
foto: uta bohls
fotogalerie

city slang
wichita records
get well soon
o'death
los campesinos!
postbahnhof
popkomm

weiterlesen...

Get Well Soon

Was soll man Konstantin Gropper eigentlich noch fragen? Seit er als Get Well Soon im Januar sein Debütwerk veröffentlichte, überschlägt sich nicht nur die Musikpresse. Ein Konzert reiht sich an das nächste, und die Fragen sind auch alle zahlreich gestellt worden. Aber jetzt, fast ein Dreivierteljahr nach der ersten Euphorie, ist vielleicht Zeit, um zu sehen was bisher war, was ist und was werden wird. Und genau danach zu fragen…


"to the beat of my automatic heart you sing a song of life."
(tick tack goes my automatic heart)


Das erste Mal hörte ich Get Well Soon auf einem Konzert im April. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde, denn ich kannte die Musik vorher nicht. Und dann kam nach dem Prelude das zweite Stück You/Aurora/You/Seaside. Die Trompeten setzten ein, der Rhythmus, die Stimme und plötzlich war es wie abgeholt werden. Es hat mich völlig getroffen. Das war wie in der Musik baden und sich da gut aufgehoben fühlen. Sich reinfallen lassen und erst danach wieder auftauchen. Wow.

Das ist für mich die Musik von Get Well Soon. Nach wie vor. Ein größeres Kompliment kann ich nicht machen. Etwas objektiver könnte man sie als sehr vielschichtig, orchestral, unerwartet, melancholisch-schön, tief, opulent-melodiös bezeichnen. Dazu Texte, die in ihrer Essenz hoffnungsvoll sein sollen. You will get well soon. Auch wenn es nicht immer danach aussieht.

Ich traf Konstantin Gropper Anfang Oktober im Berliner Postbahnhof, wo abends, im Rahmen der Popkomm, der "City Slang and Wichita play Popkomm" Abend stattfand, auf dem neben Get Well Soon unter anderem noch Los Campesinos!, O’Death und Port O’Brien spielten. Es war mittags, es wurde auf den verspäteten Soundcheck gewartet und der Auftritt war noch fast zwölf Stunden entfernt.

Konstantin, wie geht es dir heute?
"Ganz gut. Ich hatte jetzt auch zwei Tage frei, wo ich zuhause war. Nach zehn Tagen im Bus ist das immer sehr entspannt. Bin jetzt sozusagen etwas erholt."

Als deine Platte 'rest now, weary head! you will get well soon' im Januar rauskam, wurde deine Musik als international kompatibel bezeichnet. Jetzt seid ihr in Europa unterwegs und mich würde interessieren, ob deine Musik in den unterschiedlichen Ländern auch unterschiedlich ankommt. Ob man zum Beispiel bei Konzerten Unterschiede merkt.
"Also ankommen, würde ich sagen, tut sie überall ungefähr gleich. Wir haben nach der Veröffentlichung ja erst in Deutschland gespielt und da war ich schon immer sehr überrascht und ich find’s sehr gut, dass die Leute extrem aufmerksam sind. Ich kann mir das auch selbst gar nicht erklären. Sie sind sehr, sehr ruhig und hören zu und das ist wirklich auch überall so. Naja, es kommen unterschiedlich viele Leute, das ist halt auch so, aber eigentlich ist die Reaktion überall ähnlich."

Ihr habt ja wirklich eine große Anzahl Konzerte gespielt dieses Jahr. Gab es ein Konzert, das dir auffallend gut in Erinnerung geblieben ist? Und auch eines vor dem du richtig Angst hattest?
"Naja, also Angst nicht. Also am aufregendsten war wahrscheinlich schon so der größte Auftritt dieses Jahr beim Melt! Festival. Das war aufregend. Eigentlich auch der Auftritt selber, weil man da halt auch durchgepfercht wird wie so Schlachtvieh."

War das auch das schönste Konzert oder nur das aufregendste?
"Das war das aufregendste, das schönste war’s nicht. Das war eher extrem anstrengend. Weil eben auch der Sound ganz schwierig war. Das schönste… weiß ich gar nicht. Ich fand glaub ich auf der Tour… Heidelberg. Weil das vorher so mein Hausclub war, wo ich halt immer hingegangen bin. Das war ein schöner Abend. Da war ich auch extrem aufgeregt."

Wie geht es deinen sechs Musikern? Die wussten ja am Anfang des Jahres vermutlich nicht, dass sie das ganze Jahr komplett durchspielen müssen bzw. dürfen. Und es sind auch nicht alles Profimusiker. Sind sie noch munter dabei?
"Ja, aber sie spielen auch in wechselnder Besetzung. Es gibt mittlerweile, glaub ich, fast für jeden zwei oder sogar drei Besetzungen. Einfach aus dem Grund, weil die eben auch noch was anderes machen. Ich bin eigentlich mehr oder weniger der einzige, der sonst nichts macht. Also get well soon halt. Die haben dann nicht immer Zeit. Aber sie versuchen sich auf jeden Fall immer Zeit zu nehmen. Wir hatten Mitte des letzten Jahres die Diskussion, ja so in dem Rahmen, wenn’s so und so oft ist, können wir schon spielen, aber wenn es dann so richtig losgeht, dann wird das nichts. Aber irgendwie hat es trotzdem geklappt. "

Was fehlt dir am meisten wenn du jetzt so viel unterwegs bist und auch gar nicht zwischendurch nach Hause kommen kannst?
"Mh. Was fehlt mir am meisten. Meine Freundin? Ansonsten brauch ich schon auch genügend Zeit für mich. Ich bin auch gern mal allein, was auf Tour eher schwierig bis unmöglich ist. Man ist halt wirklich 24 Stunden zusammen. In dem Fall jetzt mit neun Leuten, das ist der Regelfall grad. Die ich alle sehr gern mag, es gab auch überhaupt nie Streit oder so was. Aber trotzdem brauch ich auch Zeiten, wo ich mal allein sein kann. Das ist auf Tour schon anstrengend. Aber das geht allen so. Die Rückzugsmöglichkeit ist manchmal nur der Vorhang, den Du vor Deiner Schlafkoje hast."

Ich frage mich ja, ob ihr nicht auch wahnsinnig angeschmachtet werdet, weil ihr auf der Bühne eine sehr schön anzusehende Band seid. Oder lässt man dich da in Ruhe?
"Also mich ja. Ich hab da kaum Erfahrungen mit. Aber wir sprechen auch glaub ich...also ich hab immer den Eindruck, wir haben ein musikliebendes Publikum. Ich glaub, denen geht’s weniger um die Personen als um die Musik. Es ist auch, find ich immer, ein verhältnismäßig altes Publikum. Das sind einfach eher Leute, denen es um die Musik geht, denk ich mir."

Nach Weihnachten willst du ja dein zweites Album in Angriff nehmen und dann auch erstmal eine Konzertpause einlegen.
"Ich hoffs, ja. Ich brauch dann irgendwann auch mal Pause. Auf jeden Fall erst mal mindestens drei Monate, vor allem auch in Deutschland. Vielleicht wenn noch was Gutes im Ausland ist. Aber eigentlich ist nichts geplant."

Wie ist das bei dir? Dein erstes Album hat sich ja in der Entstehung über längere Zeit hingezogen. Hast du jetzt schon die Lieder im Kopf, die du dann gerne aufnehmen würdest oder gibt es sogar schon fertige Lieder?
"Ich hab schon viele Lieder, aber ich weiß gar nicht, ob ich die da drauf haben will. Ich will nicht wieder über einen längeren Zeitraum Lieder ansammeln und die dann zusammenstellen, sondern wirklich einen konzentrierten Zeitraum haben, in dem ich das schreibe und das dann zusammenhängend mache. Das wär mein Plan. Dann kann es natürlich sein, dass mir dann nichts einfällt, dann muss ich doch die, die ich jetzt schon hab, nehmen. (schmunzelt)"

Wie ist das musikalisch? Ich kann mir vorstellen, dass du auch ganz andere Sachen machen könntest. Bisher ist deine Musik ja sehr vielfältig instrumentiert und…gefüllt.
"Ja, das ist wahr. Eigentlich ist das nicht unbedingt immer so gewollt, das passiert mir immer. Aber ich versuch natürlich schon was anderes zu machen, ich will mich da ja auch nicht wiederholen. Verschiedene Instrumente ist bestimmt auch nach wie vor wichtig. Ich versuch mich da vielleicht auch noch zu verbreitern. Aber wie gesagt, so richtig drüber nachgedacht, also ich versuche nicht drüber nachzudenken, sagen wir mal so. Weil ich es ja dann tun will, wenn ich das Album mache."

Die erste Platte hast du in Heimarbeit alleine am Computer "getippt" und auch die Instrumente später dort eingespielt. Kannst du dir noch vorstellen ohne Computer zu komponieren und willst du diesmal in einem Studio aufnehmen?
"Ich hab mir schon überlegt, das an einem anderen besonderen Ort aufzunehmen. Aber ich weiß es noch nicht. Wahrscheinlich so die Schreibarbeit wird schon nach wie vor wieder Zuhause sein und auch am Computer, einfach weil sich die Arbeitsweise für mich jetzt bewährt hat, weil es so meine Arbeitsweise ist. Und weil das Schreiben halt immer schon auch relativ weit geht, was Sachen wie Arrangement und Instrumentierung angeht und was ich dann am Computer alleine machen muss. Das heißt die Zeit nur so mit Gitarre bleibt sehr kurz eigentlich. Das geht dann relativ schnell schon in Richtung dem Klang, den es dann am Schluss auch haben soll. Das wird auch so bleiben. Ursprünglich bei der ersten Platte war ja auch schon der Plan, dass ich das erst mal für mich mache und dann vielleicht noch mit einer Band ins Studio gehe und die das dann sozusagen nachspielt. Dazu ist es dann nicht gekommen. Aber vielleicht mach ich das dieses Mal so. Das hatte ich auf jeden Fall vor. Das Ding ist, was den Sound angeht, will ich mich auch nicht unbedingt, was die Platte angeht, auf diese Besetzung der Band festlegen."

Wie sieht es mit Filmmusik aus? Im November läuft der neue Wim Wenders Film "Palermo Shooting" an, zu dem du zwei Stück beigesteuert hast. Du spielst aber nicht mit, oder?
"In dem Film? Neinnein. Der Film war ja dann auch schon relativ fertig, als die Musik dazu kam. Ich hab ihn auch noch gar nicht gesehen, den Film. Ich war jetzt auch nicht da bei der Pressevorführung. Ich hab nur einzelne Szenen bekommen zu denen ich dann was machen sollte, aber die sind sehr kurz und waren auch nicht so besonders aussagekräftig für den Film. Dann hab ich noch für einen Dokumentarfilm komplett die Musik gemacht. ('Der Entsorgte Vater' von Douglas Wolfsperger). Der wird auch nächstes Jahr irgendwann im Kino anlaufen. Und dann noch zum Teil für einen österreichischen. ('Contact High' von Michael Glawogger) Die haben einen Song verwendet und noch ein paar kleinere Stücke. Der wird glaub ich im Frühjahr anlaufen.

Hast Du schon mal einen Kinofilm gesehen, bei dem du gedacht hast, dass du dazu gerne die Filmmusik geschrieben hättest?
"Nein, das ist eher so, dass für mich Musik schon sehr wichtig ist in einem Film. Ich glaub wenn ich einen Film von der Stimmung her gut finde, dann muss die Musik auch schon gut sein. Dann denk ich nicht drüber nach, ob ich das gekonnt hätte."

Welche Filmmusik findest du besonders gelungen?
"Naja, also Kubrick hat ja meistens immer Originalmusik verwendet und die Art wie er mit Musik eben umgeht, fand ich immer sehr sehr spannend, vor allem weil er das auch sehr stark dramatisch macht. Oder musikalisch perfekt fand ich auch 'Punch-Drunk Love' von Paul Thomas Anderson. Da hat Jon Brion die Musik gemacht und die Musik war sozusagen Teil der Handlung. Sie war ständig so präsent, dass es dem Zuschauer das Gefühl vermittelt hat, das eigentlich der Hauptdarsteller ständig hat."

Was hörst du privat grad am liebsten? Hörst du überhaupt Musik wenn du unterwegs bist oder brauchst du Ruhe, wenn du selber Musik machst?
"Nee, ich hör viel Musik. Auch gerade auf der England Tour hab ich viele Platten gekauft, weil die da immer billiger sind. Also in letzter Zeit hab ich viel Beach Boys gehört. Und Bon Iver. Sind meine Entdeckung des Jahres. Kann ich sehr empfehlen."

Du hast eine gute Coverversion von Underworlds "Born Slippy" gemacht. Welche Coverversionen von anderen Künstlern findest du besonders gelungen?
"Mh….also das ist eher so dieses eine Beispiel, wo tatsächlich und bekannterweise die Coverversion besser ist als das Original: 'Hallelujah' von Jeff Buckley. Obwohl ich Jeff Buckley überhaupt nicht mag und dafür riesen Cohen Fan bin."

Leonhard Cohen, den du auch als einen deiner musikalischen Einflüsse benzeichnest, ist ja grad nach langer Abstinenz wieder in Europa unterwegs. Zeitgleich mit euch.
"Ja, ich hab’s ja leider verpasst, als er hier war, weil ich da unterwegs war. Ich wäre sehr gerne hingegangen."

Noch mal zurück zu euren Auftritten. Eure Bühnenkleidung ist anders als das, was ihr privat tragt. Ist dir das wichtig als Abgrenzung?
"Ja, also Abgrenzung einerseits schon. Andererseits kann man sich ja schon Gedanken dazu machen wie man… (schmunzelt) Also wenn man sich schon auf eine Bühne stellt, dann kann man sich auch überlegen wie. Und ich glaub das hilft auch irgendwie, wenn man sich umzieht. Dann kommt man besser rein. Als wenn man seine Arbeitsklamotten anzieht. Das ist genauso. Es ist auch tatsächlich so, die Sachen, die ich live anhabe, zieh ich privat nicht an."

In deinen bisherigen Videos orientierst du dich optisch an der Vergangenheit und du hast mal gesagt, dass du die Zeit um 1900 spannend findest. Was genau fasziniert dich an zurückliegenden Zeiten?
"Naja, ich würde nicht sagen, dass ich grundsätzlich von zurückliegenden Zeiten fasziniert bin oder sie faszinierender finde als die Gegenwart. Aber ich fand um 1900 war es vor allem was die Kunst angeht sehr spannend, weil die Kunst da einfach einen großen Sprung gemacht hat. Hin zur abstrakten Kunst und in der Musik zur atonalen Kunst. Das war halt einfach eine Zeit, wo Künstler mehr oder weniger gleichzeitig das Bedürfnis hatten, wirklich etwas Neues zu schaffen. Nicht wie die Romantik, die eher noch wieder die mittelalterlichen Bilder genommen hat und die Renaissance die antiken Bilder. Und wo wir uns selber ja auch jetzt wieder in diesen immer kürzer werdenden Retrozirkeln und -situationen befinden. Da fand ich halt an dieser Zeit diesen unbedingten Fortschritt, diese Avantgarde-Idee einfach spannend."

In dem Zusammenhang würde mich interessieren, wie du zu Traditionen stehst. Nicht nur in Bezug auf Kunst, sondern auch gesellschaftliche Traditionen und da du auf dem Land aufgewachsen bist, ländliche.
"Also ich bin kein traditioneller Mensch, aber ich find Traditionen irgendwie auch faszinierend, glaub ich. Gerade auch auf dem Land find ich sie dann immer eher amüsant. Also was so gesellschaftliche Traditionen angeht, davon halte ich eigentlich nicht so wahnsinnig viel. Ich weiß nicht, man kann ja auch sagen man steht 'in der Tradition von irgendwas'."

In welcher stehst dann du?
"Das weiß ich nicht, aber ich mein, es gibt ja immerhin die Binsen-Weisheit, die da sagt: man muss ja erstmal die Regeln kennen, um sie zu brechen. Also wenn man sozusagen in überhaupt einer Tradition steht, dann heißt es, dass man irgendwie weiß, was vorher da war und in welchem Zeit-Raum-Moment man sich selbst befindet. Das gilt vor allem in der Kunst, aber auch generell für die Gesellschaft. In der Kunst oder Gesellschaft find ich es auf jeden Fall wichtig um das Jetzt zu kennen, muss man auch die Traditionen kennen. Denk ich. Ob die immer gut sind, weiß ich nicht, wahrscheinlich nicht, aber kennen sollte man sie wahrscheinlich."

Zum Abschluss habe ich noch einige Entweder-Oder-Fragen. Sekt oder Selters heißt das, wie ich gestern gelernt habe. Deshalb fang ich damit auch an:
Sekt oder Selters?
"Selter, Sekt mag ich nicht."

Morgens oder abends?
"Morgens, zumindest was die Arbeit angeht. Früher anfangen, früher aufhören. Das liegt glaub ich an meinem Biorhythmus. Nach 18h krieg ich nichts hin."
Karibik oder Alaska?
"Alaska. Sonne vertrag ich nicht. Gar nicht."
Entscheiden oder noch ne Nacht drüber schlafen?
"Noch ne Nacht drüber schlafen. Ich bin sehr entscheidungsunfreudig."
Hier oder woanders?
"Eigentlich egal. Hier. Ich leg da nicht so viel wert drauf, wo ich bin."
Bunt oder schwarz/weiß?
"Bunt."
Geben oder Nehmen?
"Geben."
Strandkorb oder Berghütte?
"Berghütte, wegen der Sonne."
Schokolade oder Weingummi?
"Gar nichts Süßes."
Reden oder Schweigen?
"Schweigen."
Beatles oder der alte Mann?
"Beatles."
Scooter oder DJ Bobo?
"Scooter, geht gut ab."



foto: uta bohls



get well soon






weiterlesen...

Those Dancing Days [Those Dancing Days]

Nase rümpfen gilt nicht.





"I wanna know how i think and what i’m feeling, what i want my life to be."
(hitten)


Schweden gilt ja schon seid langem als die Brutstätte hochwertiger, hausgemachter und unabhängiger Musik, als Heimat von Gitarrenhelden und Popmädchen, und scheint sowieso in jeglicher Hinsicht Garant für unkonventionelle und legitime Hipness geworden zu sein. So steht der skandinavische Staat nicht nur dank seiner Bands, sondern seines gesamten Lifestyles im allgemeinen für den guten Geschmack des jungen Indiehörers der Jetzt-Zeit. Schließlich kommt Ikea aus Schweden, die Sprache klingt witzig, und die Menschen sind nachdenklich und sehen besser aus als wir. Wer etwas auf sich hält, fliegt zu Konzerten in die schwedische Hauptstadt oder belegt zumindest einen Sprachkurs in der Uni. Soweit das Klischee.

Doch der Hype ist nicht ganz unbegründet. Tatsächlich scheint der Pop, der uns aus Richtung Norden erreicht irgendwie tiefer empfunden, innovativer und musikalisch geschickter als vergleichbares aus westliche Gefilden. Im Kopf klingeln Namen wie Tiger Lou, Jens Lekmann und Anna Ternheim und nur zu leichtfertig wird bei neuen Bands Nationalität mit Qualität gleichgesetzt. So sehr Bands wie Those Dancing Days von diesem Bonus und der Vorarbeit anderer profitieren, so sehr muss der Hörer aufpassen, unvoreingenommen an die Sache, bzw. die CD heranzugehen, bzw. hineinzuhören.

Erstmal die Fakten, fünf blutjunge Mädchen an klassischen Popinstrumenten machen klassischen Indiepop. Einfache Melodien, eingängige Rhythmusmuster, Teenietexte. All das untergebracht auf einer fünf Song-EP ergeben das musikalische Endprodukt der zweijährigen Zusammenarbeit der Schweden, die in erster Linie Freundinnen und nicht Musikerinnen sind. So weisen die Songs wenig an musikalisch Neuem oder technisch anspruchsvollem Material auf, das etwas zu hektische Schlagzeug ist bisweilen unrhythmisch und die Gitarre schrebbelt noch etwas uninspiriert auf seinen Akkorden herum.

Doch darf man auch nicht 18-jährige mit Endzwanzigern oder Dreißigern messen, dessen Anspruch doch ein ganz anderer ist und auch sein muss als der, den diese im wahrsten Sinne des Wortes „Anfängerinnen“ mitbringen. Hier geht es darum eigene Songs zu gestalten, auf den vorhandenen Fähigkeiten, die es in der Zufunkt noch auszubauen gilt.

Es geht um Popkultur und die Mode die eigenen Hör- und Tanzvorlieben zur Musik zu machen. So lässt sich auch die etwas hochnäsige und selbstbewusste Attitüde der Mädchen erklären, die einfach empfänglicher für Hype und Klamottenestile sind, als die mit mehr Lebenserfahrung ausgestatteten, abgebrühten "Oldies" im Musikgeschehen (und Oldie wird man hier immer schneller). Dass man hier der momentanen Mode um das Bild vom süßen Indiegirl mit Vintage-Kleidchen, Intelligenz und Gitarre aufsitzt, ist ebenso verständlich wie normal, und nicht unsympathisch. Noch nicht. Und tatsächlich haben die Songs, besonders Hitten (schwedisch: Hit) das Potential zu kleinen Popschlagern einer gewissen, und ganz bestimmt sehr jungen Klientel, was im ganz besonders hohen Maße der wahrlich außergewöhnlich interessanten und angenehm tief gefärbten Stimme der Sängerin Linnea zuzuschreiben ist. Schon jetzt ist die junge Band auf dem besten Weg zum internationalen Hype, wir warten brav vor dem Radio und verfolgen gespannt was da ganz bestimmt noch spannendes kommt.

Those Dancig Days sind schnell, gehen vorwärts, und sind unruhig. So wie Jugend sein soll.
foto: motorfm



those dancing days
"those dancing days"
wichita 2008 ep
those dancing days

weiterlesen...

Clap Your Hands Say Yeah [Some Loud Thunder]

I leave New York for other cities which let me play with gas and fire.
Clap Your Hands Say Yeah und die Erzählung vom zweiten Album einer ambitionierten Band, die mit sich selbst und den Erwartungen zu kämpfen hat.


"you look so neat, everyday is your birthday."
(emily jean stock)


Als das selbstbetitelte Debüt Album des Quintetts aus New York im Januar 2006 verspätet in Deutschland erschien, hatten Clap Your Hands Say Yeah bereits einen gewissen Heldenstatus erreicht und die Geschichte war auf ihrer Seite. Eigentlich ist es die Geschichte von Mastermind, Gitarrist, Sänger und Kontrollfreak Alec Ounsworth. Darin geht es darum, nichts aus der Hand zu lassen. Kein Plattenvertrag, kein Label – nur für die Veröffentlichung in Europa lies man sich auf einen Vertrag mit dem kleinen, unabhängigen Label Wichita Records ein. Kaum fertige Songs eines Vier Track Demos sollten ausreichen, um ein nicht endendes Flüstern im Web anzustacheln und parallel dazu wagte man sich als Band mit einer handvoll selbstproduzierten Platten in den halböffentlichen Raum. Erst als die Bestellungen des Debüts in die zehntausender Einheiten gingen, öffnete Ounsworth sich ein wenig, und Clap Your Hands Say Yeah vertrauten sich der Alternative Distribution Alliance an. "Clap your hands! But it won’t do nothing?" (Clap Your Hands). Selbstbestimmung im Moloch Musikindustrie war also auch in den Nuller Jahren dieses Jahrtausends noch möglich. Dass diese Geschichte einer I(n)d(i)ealisierung nicht ganz so kohärent war, wie manch einer sich vielleicht wünschte, wurde deutlich, als man den Song Upon This Tidal Wave Of Young Blood plötzlich im Zusammenhang mit dem österreichischen Mobilfunkanbieters A1 hörte.

Die Geschichte von der zweiten Platte. Die Probleme sind weitläufig bekannt und ich verzichte an dieser Stelle darauf, sie zu erwähnen. "Some Loud Thunder" ist der Titel und die Songs sind teilweise Material aus der Zeit des Debüts, über welche Ounsworth damals sagte, es wären genügend gute Ideen vorhanden, um eine beachtliche Menge neuer Songs daraus wachsen zu lassen. Dieses Herauswachsenlassen bedeutet sich den Ideen zu widmen, ihnen Zeit zu geben reifen zu können. Die zwölf Monate zwischen dem Debüt und dessen Nachfolger verbrachte die Band beinahe ununterbrochen auf Tour. Um die täglichen Auftritte in ihrer Bedeutung erfassen zu können, greift Ounsworth in einem Interview auf das Bild des Murmeltiertages zurück; Ganz gleich was bei einem Konzert geschieht, am nächsten Abend wird man sich der gleichen Situation erneut stellen müssen. Diese absurde Endlosschleife bot die Möglichkeit Songs zu variieren, zu verändern, in der Konsequenzlosigkeit die Freiheit des Experiments für sich zu Nutze machen. Für einen Menschen wie Ounsworth kann dies jedoch auch mit dem schalen Beigeschmack des Kontrollverlusts einhergehen.

Was sich auch immer getan haben mag, in diesen zwölf Monaten, das Resultat wird in Form der vorliegenden elf Stücke subsumiert. "Some Loud Thunder" wird mit dem gleichnamigen Stück eröffnet, welches mit einer desolaten Klangqualität versehen ist. Maßlos übersteuert, hat das kaum etwas mit dem Charme einer unabhängigen Produktion zu tun, zumal man weiß, dass die Band nicht darauf angewiesen ist. "All this talking / You’d think I’d have something to say / But I’m just talking." Die Entscheidung, das Stück mit all seinen Spuren verzerrt auf das Album zu nehmen, bleibt mir auch als künstlerischer Anspruch, als Versuch der eigenen Dekonstruktion, verborgen, da er in seiner Form im Kontext des Albums eine isolierte Stellung einnimmt. Im Übrigen muss ich gestehen, dass mich die Qualität auch beim zweiten Versuch davon abhielt, mir das Stück ganz anzuhören, selbst wenn ich es als großes "Fuck Off!" oder "Grosse Erwartungen My Ass!" interpretieren möchte. (Nichtsdestotrotz wird es aufgrund dieser Unhörbarkeit eines der meist erwähnten Stücke in der Musikpresse werden.)

Die Entschädigung folgt im direkten Anschluss durch das vierminütige Emily Jean Stock; Ounsworths trunkener, gieriger, klagender Gesang wandert durch ein sich nur langsam entfaltendes Stück, bei dem sich zur bereits bekannten instrumentalen Vielfalt der Band, an den markantesten Stellen erneut die Übersteuerung gesellt. Ein schepperndes, verzerrtes Schlagzeug akzentuiert hier als Stilmittel, ohne wie im Vorgänger katastrophal Überhand zu nehmen, und schenkt dem Stück Lebendigkeit und Dynamik. Mama, Won’t You Keep Those Castles In The Air And Burning? hält die versöhnliche, melancholische Wärme als Grundstimmung bereit, die sich schon beim Debütalbum charakteristisch hervortat. Viele Bezugspunkte zu ihrem ersten Album sind offenkundig, dennoch weiß die Band ihr Repertoire zu erweitern, ohne den eignen Kontext zu verlassen. Mit Love Song No. 7 komponierte man eine leicht düstere Ballade, die in ihrer Harmonie Querverweise zu den späten Beatles provoziert. Und mit Upon Encountering The Crippled Elephant verweist man schließlich auf sich selbst, auf die kleinen, instrumentalen Intermezzi; Im vorliegenden Fall bedeutet dies, dass man eine fragile Melodie im Dreivierteltakt von Akkordeon und Harmonika von rechts nach links am Hörer vorüber trägt. Kurz zuvor durchkreuzen jedoch elektronische Störgeräusche, eskapistische Bläserversatzstücke, verquere Keyboard Soli, ein treibender Basslauf und ein dominantes Schlagzeug die Ruhe: Der Teufel bittet zum Tanz und wir werden folgen. "Damn right!" Satan Said Dance stellt vielleicht am ehesten einen Bruch zum letzten Album dar, ist aber eine äußerst willkommene Abwechslung, wenn auch auf einem Terrain, welches andere Bands deutlich klüger zu bedienen wissen.

Andere Songs hingegen fallen in Mittelmäßigkeit zurück, beinhalten zwar gute Ideen, schöpfen diese aber nicht gut genug aus. Yankee Go Home ist so ein Fall, der an die schlechtesten Ideen der White Stripes erinnert und naiv pompös auftrumpfen will, dabei aber auf die billigsten Klischees hereinfällt. Das kurze Arm & Hammer hingegen fällt erneut einem störenden Rauschen zum Opfer.

Clap Your Hands Say Yeah sind auch auf dem zweiten Album ambitioniert genug zu begeistern, erlauben sich jedoch einige unschöne Makel. Man wird sie ihnen verzeihen und das dritte Album abwarten müssen, um darüber nachdenken zu können, ob die Band auch in Jahren noch begeistern kann. Ob sie an ihr fulminantes Erscheinen und dem daraus folgenden Vorschussruhm anknüpfen können? Auch das gilt es abzuwarten. Der zweite Akt in der Erzählung zumindest, wird mit verhaltenerem Klatschen goutiert.
foto: wichita



clap your hands say yeah
"some loud thunder"
wichita 2007 cd
clap your hands say yeah

weiterlesen...