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City Slang And Wichita Play Popkomm [Berlin, 08.10.2008]

Manchmal steht man am Rand eines Konzerts und sieht erstaunt, was im Publikum passiert. Und dann muss man sich entscheiden, ob man weiter nur am Rand stehen bleibt oder mitten rein will.


"huiuiui! hier ist aber was los!"
(h.obst)





Und manchmal entscheidet man sich doch für den Rand und macht Fotos. [Für die Fotogalerie bitte auf das Bild klicken]. Steht da und beobachtet auf der Bühne scheinbar wildgewordene Skandinavier, die gar keine sind (O'Death), während vor der Bühne der halbe Saal tanzt. Ausgelassen. Etwas schöneres kann es kaum geben, als dazu die Musik zu machen.

Und dann ganz zum Schluss findet man sich wieder mitten drin. Es ist schon nach Mitternacht, die Trompeten und noch mehr Geige und die bekannten Klänge der Band, wegen der man eigentlich da ist (Get Well Soon). Ruhiger stehen jetzt die Menschen da und hören. Und man hofft, dass sie sich genauso aufgehoben fühlen, wie man selbst und schließt die Augen.

Und vorher? Das hat man dann fast schon wieder vergessen. Das gefühlte Gedächtnis reicht nicht für sechs Konzerte an einem Abend. Aber das muss es auch nicht. Get well soon, Los Campesinos!, O'Death, Port O'Brien, Those Dancing Days und Sky Larkin beim City Slang and Wichita Play Popkomm Abend.
foto: uta bohls
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wichita records
get well soon
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los campesinos!
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popkomm

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Melt! Festival [Gräfenhainichen, 18.-20.07.2008]

Noch größer sollte das Melt! in diesem Jahr werden und hat infolgedessen mit manchen Widrigkeiten zu kämpfen. Doch großartige Performances von Björk und vielen anderen entschädigen.


"can you hear the power?"
(fraktus)



Festivals sind schrecklich. Unüberschaubare Massen von Menschen schieben sich wie eine riesige Bisonherde über schier endlose Äcker, Flughafen-Vorfelder oder Motorsport-Rennstrecken, um ihre Idole in Stecknadelgröße auf riesigen Bühnen herumturnen zu sehen. Zwischendurch sucht man wahlweise bei 30 Grad Celcius vergeblich nach Schatten auf dem weiten Feld oder ein Platzregen verwandelt die gesamte Veranstaltung in eine reine Schlammschlacht. Das Zelt, in dem man eigentlich schlafen wollte, ist entweder überflutet oder voller Stechmücken, während die Nachbarn Tag und Nacht Flogging Molly in Clublautstärke hören und einem die sowieso spärlichen Biervorräte klauen.

Wer Festivals aus diesen und vielen anderen Gründen hasst, der geht normalerweise aufs Melt!. Die Anzahl der Besucher ist ebenso überschaubar wie das Gelände, das mit seinen riesigen Tagebaubaggern eine verführerische post-apokalyptische Urbanität ausstrahlt. Dazu haben die Organisatoren, die aus dem Hause der Zeitschrift Intro stammen, eine Booking-Abteilung, die in der deutschen Festivallandschaft ihresgleichen sucht. Da nimmt man auch mal ein Wochenende lang das ungeliebte Camping auf sich. In den letzten beiden Jahren herrschte eitel Sonnenschein, was zum direkten Sprung vom Zelt in den See, der die Halbinsel Ferropolis umgibt, verführte. In diesem Jahr herrschte allerdings kaum Badewetter, weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinne, was sich allerdings im Vorfeld schon erahnen ließ. Zwar wurde mit Björk ein formidabler Headliner gebucht, dafür musste das Programm auf drei Tage gestreckt werden. Erstmals sollte nicht nur freitags und samstags die Nacht hindurch gefeiert werden, der Sonntag Abend sollte nun als Höhepunkt der Feierei die Krone aufsetzen. Passend dazu wurde Lützenkirchens drei Tage wach zur Melthymne erklärt, eine deutliche Abkehr vom bisher gepflegten Understatement.

Weg vom Understatement und hin zur Masse, diesen spontanen Eindruck vermittelte das Festivalgelände gleich im ersten Moment. Die Gemini Stage war von ihrem ursprünglichen Platz versetzt worden, um vor der Hauptbühne in der Veranstaltungsarena eine größere Zuschauerfläche als bisher zu schaffen, während der Melt!Klub am äußersten Rand des Geländes zwischen Zaun und Backstage-Bereich eingeklemmt lag. Die deutlich verlängerten Wege von Bühne zu Bühne schafften so gleichzeitig Platz für mehr Publikum. Dieser Eindruck bestätigte sich prompt: Wer nicht frühzeitig zu den ersten Acts aufs Festivalgelände gekommen war, sah sich mit einer scheinbar endlos lange Schlange am viel zu kleinen Bändchenstand konfrontiert. Die Wartezeit betrug teilweise bis zu drei Stunden, das Gedränge artete auf seinem Höhepunkt sogar in eine kleine Panik aus.

Zu diesem Zeitpunkt war das Programm bereits in vollem Gange, wer noch nicht auf dem Gelände war, verpasste auf der Hauptbühne Acts wie die Fotos, Lightspeed Champion oder Blood Red Shoes. Richtige Stimmung wollte aber zunächst nur auf der Gemini Stage aufkommen, die man an diesem Abend durchaus in Underaged Tent hätte umbenennen können. Dúné machten den Anfang, doch vor allem Late Of The Pier brachten das sehr junge Publikum schon früh zum Tanzen und Schwitzen. Bei all der gepflegten Gute-Laune-Langeweile, den die New-Rave-Welle versprüht, gehören die vier jungen Briten zu den wenigen Bands, die wirklich spannende Sounds generieren. Gefällig aber ebenso auch substanzlos präsentierten sich anschließend The Teenagers, deren Sänger neben all seiner Aufgedrehtheit vor allem durch Beschwerden wegen blendender Scheinwerfer auffiel.

Am späten Abend trat ein, was die Wetterprognosen hatten befürchten lassen und ein schwerer Platzregen ging über Ferropolis nieder. Der Auftritt von Kate Nash verzögerte sich nicht zuletzt aufgrund von technischen Problemen immer mehr, während das Publikum Schutz in den spärlichen Zelten oder dem Melt!Klub suchte, wo kurz darauf The (International) Noise Conspiracy mit ihrem Set begannen. Schnell wurde deutlich, dass die Band ihre besten Tage hinter sich hat, der wild gestikulierende und umherspringende Dennis Lyxzén wirkte wie ein lebender Anachronismus. Allerdings wurde der Eindruck durch einen grauenhaften Sound verstärkt, unter dem alle im Melt!Klub auftretenden Acts zu leiden hatten. Dann doch lieber Zoot Woman, die auf der Gemini Stage überraschend viel Freude bereiteten. Normalerweise für ihre sterilen Auftritte bekannt, wurden die Briten vom Publikum enthusiastisch gefeiert. Darauf folgte allerdings eine böse Überraschung: Zunächst wurde wie geplant das Set von Hercules and Love Affair, einem heimlichen Headliner des Abends, aufgebaut. Nach kurzer Zeit wurde die Bühne jedoch wieder freigeräumt und für Alter Ego präpariert. Ohne Ankündigung starteten diese mit ihrer Show und ließen zunächst das Publikum in Verwirrung ob der ungewöhnlichen Sounds erstarren. Nach einem größeren Schockmoment stellte sich das Publikum überraschend gut auf den unerwarteten Act ein und feierte den amtlichen Auftritt. Erst danach wurde offiziell verkündet, dass Hercules and Love Affair komplett ausfielen und Alter Ego für das um drei Stunden vorverlegte Set gedankt.

Ärgerlich war der Ausfall sicherlich, doch vor allem war dessen Vermittlung symptomatisch für die mangelnde Kommunikation zwischen Organisation und Publikum: Über die reichlichen Verschiebungen im Zeitplan wurde man nicht informiert, obwohl diese bereits um Mitternacht auf fast jeder Bühne bis zu einer Stunde betrugen. Zwar wurde jede Band und jeder DJ mit teilweise großartigen Visuals auf hinter den Bühnen angebrachten Leinwänden bedacht, auf gleiche Art und Weise Aktualisierungen des Zeitplans anzukündigen, kam den Machern allerdings nicht in den Sinn. Einzig der Big Wheel Floor versorgte die Masse ununterbrochen und zuverlässig mit Beats, im Rahmen eines Kompakt-Specials legten unter anderem Größen wie Burger/Voigt, Gui Boratto oder Sascha Funke auf.

Im Laufe der Nacht klarte der Himmel zunehmend auf und mit der Trockenheit füllte sich auch das Veranstaltungsgelände immer mehr. So war der Platz vor der Hauptbühne ausschließlich bei den Editors einigermaßen voll, Robyn stieß anschließend trotz einer sehr angenehmen Bühnenpräsenz nur auf mäßige Resonanz. Währenddessen platzte bei Alexander Marcus der Melt!Klub aus allen Nähten und auch die Gemini Stage war zeitweise völlig überlaufen. Eine paradoxe Situation war durch die Neuaufteilung des Geländes entstanden, die aus der Erhöhung der Publikumszahlen resultierte.

Am Samstag war wettertechnisch keine Besserung in Sicht, was Anlass zu Sorge gab. Zwar ist Ferropolis in weiten Teilen betoniert, doch das übrige Gelände versank nun im Matsch. Das Streuen von Sägespänen oder Rindenmulch hätte sicherlich manches bewirken können, doch wurde dies vom Veranstalter schlicht versäumt. Den Mittag vertrieben sich Eingeweihte und zufällig Vorbeischlendernde beim Audiolith-Parkplatzrave, der auf einer provisorischen Bühne vor dem Eingangsbereich stattfand. Zum offiziellen Beginn auf der Hauptbühne, den Peter Licht gestaltete, setzte prompt Nieselregen ein. Dies sollte sich bis zum Auftritt von The Notwist kaum ändern, als der Regen zu einem mächtigen Schauer anwuchs. Wie auch am Freitag klarte sich der Himmel bereits kurz nach dem Gewitter auf und die Show konnte mit ordentlicher Zeitverzögerung weitergehen. Die Weilheimer spielten jedoch nur 45 Minuten, ein viel zu kurzes Set. Gerade hatten sie sich musikalisch aufgewärmt, da mussten sie die Bühne schon wieder verlassen.

Wenig später schien das halbe Festivalpublikum in den Melt!Klub zum Auftritt von The Whitest Boy Alive zu drängen, dem inoffiziellen Geheimtipp des Abends. Wie auch schon vor zwei Jahren an gleicher Stelle war die Räumlichkeit viel zu klein, so dass nur die Wenigsten die Band um Erlend Øye tatsächlich zu sehen bekamen. Offizieller Headliner des Samstages waren Franz Ferdinand, die allerdings mächtig enttäuschten. Zwar waren sie bemüht, doch der Sound war völlig drucklos, die Rhythmussektion schien vor lauter Behäbigkeit fast einzuschlafen. Ganz anders hingegen Roisin Murphy: Die ehemalige Sängerin von Moloko gab die Diva, wechselte zu fast jedem Song ein Kleidungsstück, setzte ihren eigenen elektronischen Popentwurf gekonnt in Szene. Ihr Auftritt war extravagant und mitreißend, ohne je aufgesetzt zu wirken.

Auf den übrigen Bühnen war zu diesem Zeitpunkt das Partyprogramm bereits in vollem Gange. Die Crookers brachten den intimen Music Academy Floor mit ihrer italienischen Version von Electro House zum kochen. Ein kurzer Blick auf die Gemini Stage genügte, um festzustellen, dass Uffie tatsächlich die Paris Hilton der Elektro-Szene ist und kaum mehr vermag, als naiv mit den Hintern zu wackeln. Bei Boys Noize schien das Publikum ganz selbstreferentiell jeden Track abzufeiern, was ein wenig clownesk anmutete. Entspannter ging es da auf dem Big Wheel Floor zu, wo Mathew Johnson allerdings ein wenig Anlauf brauchte, um in Fahrt zu kommen.

Der erste Sonntag der Meltgeschichte konnte nach zwei durchfeierten Nächten zunächst zu kaum mehr als Entspannung oder Abreise dienen. Mancher Gast haderte neben dem regnerischen Wetter mit der in diesem Jahr leider völlig unzureichenden Organisation. Neben dem Bändchenchaos sorgten insbesondere schlechtes Zeitmanagement und kaum existente Informationspolitik für Aufregung. Probleme mit der Security und unzureichende Sanitäranlagen waren schon im letzten Jahr von vielen beanstandet worden, nun hatte sich die Situation noch verschlimmert. Doch die frustbedingte vorzeitige Abreise wurde womöglich von manchen bereut, denn ausgerechnet der Sonntag zeigte sich erstaunlich wetterstabil. Das Konzertprogramm wurde nur noch auf der Hauptbühne absolviert, während das Kollektiv Berlin Battery die Gemini Stage beschallte. Man konnte sich gemütlich im Sonnenschein fläzen Los Campesinos!, Neon Neon und Get Well Soon beim Musizieren zusehen, ohne ständig den Himmel im Auge zu habe oder die Regenjacke auspacken zu müssen. So richtig füllen wollte sich die Veranstaltungsarena allerdings erst zu Battles, deren anspruchsvoller Math-Rock überraschend gut ankam. Die Melt-Dauergäste von Hot Chip bemühten sich zwar redlich, hatten aber mit einem matschigen Sound und Technikpoblemen zu kämpfen, gestikulierten immer wieder wild in Richtung Bühnentechniker.

Danach gab es nur noch das Warten auf den unumstrittenen Festivalhöhepunkt. Eine angenehme Spannung machte sich breit und das gesamte Publikum schien sich nur auf einen Moment zu konzentrieren. Die Bagger verschwanden erstmals im Dunkeln, während die Bühne mit bunten Fahnen und Bildschirmen ausgestattet wurde. Schließlich marschierte Björk mit großem Blechbläserensemble auf und löste die Anspannung der Vorfreude in einem wohligen Schauer auf. In 80 Minuten entschädigte sie für all die unangenehmen Momente des Festivals. Ob Bläser-Arrangements oder bollernde Beats, das Publikum war völlig verzaubert.

Das Melt fand so einen versöhnlichen Abschluss, auch wenn es zuvor manchen Ärger gegeben hatte. Das Festival zehrte von der großartigen Kulisse, tollen Bands und Künstlern und nicht zuletzt von dem guten Ruf, den es sich in den letzten Jahren aufgebaut hatte. Die Vergrößerung auf über 20.000 zahlende Gäste hat der Veranstaltung nicht gut getan, vor allem schien die Organisation mit der Masse überfordert. Der Nimbus als einzigartiges Festival von überschaubarer Größe und nahezu intimem Charakter ist jedenfalls verloren. Im nächsten Jahr werden die Macher jedenfalls einiges an Energie aufwenden müssen, um das verloren gegangene Vertrauen wiederzugewinnen, sonst droht es im allgemeinen Festivalsumpf stecken zu bleiben.
foto: uta bohls


melt! festival
intro

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Haldern Pop [Rees-Haldern, 02.-04.08.2007]

Es gibt, im Leben eines jeden Menschen nur sehr wenige prägnante Orte, an den es ihn immer wieder zurückzieht und an denen die Dauer von einem Besuch zum nächsten zu einer undurchsichtigen, kaum existenten Spanne verschwimmt.


"die ohnmacht der möglichkeiten"
(festival motto 2007)
Etwas überrascht stellt man fest, man fühle sich als sei man gerade erst hier gewesen und entwickelt in Null Komma nichts bequemes, häusliches Benehmen. Jene Örtlichkeiten werden im Laufe der Jahre zu wahren Lebenskonstanten, für die man sich ohne wenn und aber verbürgt und blindlings auf die Glücksmomente, die man sich verspricht, einstellt.

Das Haldern-Pop Festival am Niederrhein ist für Hunderte ein solcher Ort, an dem sich seid 24 Jahren Verfechter des eher unabhängigen, kleinen Indiepop zusammentreffen, sich auf liberalste und oft liebenswürdige Art, drei Tage Campingplatz und Dixieklos teilen und mit dem Gefühl abreisen, Teil eines unbeschreiblichen Ganzen gewesen zu sein, dass einen überschwänglich nach Hause fahren lässt und noch nach Wochen und Monaten kribbelige, glückliche Momente der Erinnerung beschert.

Das Geheimnis diese Festivals liegt seid jeher in dem Zusammenspiel der unterschiedlichsten Größen und Instanzen; Hier bilden Festivalorganisatoren mit Dorfbewohnern, dessen Kindern, Bands und Feuerwehrmännern eine homogene Gruppe, die allesamt das Bestreiten eines friedlichen und fröhlichen Festivals vor Augen haben und diesem Ziel mit Elan und Eloquenz alles entgegenbringen, was sie zu bieten imstande sind. Diese Kompromissbereitschaft und freiwillige Aufopferung zugunsten der Besucher ist eine Charaktereigenschaft, die man als Ankömmling schon weit vor dem Gelände auf dem alten Reitplatz in Haldern unweigerlich zu spüren bekommt. Schon kurz nach der Autobahnausfahrt weisen selbstgemalte Schilder mit roten Pfeilen den Weg, im Ort selbst wird man mit bunten Plakaten sehr herzlich und gleich auf mehreren Sprachen begrüßt. Da liegt der Spaß und die Liebe für dieses Musikfest in jedem Pinselstrich, man fühlt sich willkommen und weiß ganz genau, man ist es auch. Bei kaum einen anderem Festival ist dieses herzerwärmende Drumherum so wichtig und ausgeprägt, wie beim Haldern; Der aufgeschlossenen Atmosphäre kann sich das Publikum an keiner Stelle entziehen.

Primär ist und bleibt das Halden natürlich ein Festival, aber sekundär ist es immer ein bisschen Urlaub und auch zu hause, da wo man ungeniert im Schlafanzug kochen oder einkaufen kann, und das ganze Dorf fröhlich gestimmt die Festivalbesucher begrüßt. Zu den vielen kleinen und profanen Geschenken, die es für den Zuschauer gibt (wie zum Beispiel in diesem Jahr der Eiswagen auf dem Campingplatz oder der Traktor mit „Popwasser“ zur Erfrischung) kann das Haldern schon seit einigen Jahren mit einer Bühne der besonderen Art aufweisen: Das Spiegelzelt. In diesem verspiegelten, zirkuszeltähnlichen Großzelt treten neben der großen Bühne auf dem Reitplatz eher kleinere und oft ruhigere Bands ins Rampenlicht. Der Andrang für dieses einmalige Erlebnis mit Atmosphäre-Garantie ist jedes mal riesig. Da steht man ganz freiwillig mal zwei Stunden an. Wer schon ein paar Jährchen dabei ist weiß um die spezielle, sehr fein ausgesuchte Bandauswahl, die dem Festival seinen einmaligen Ruf und den Organisatoren regelmäßig eine ausverkaufte Wiese einbringt. Dank seines unkommerziellen Formates verzichtet das Haldern auf Vergrößerung vom Kartenkontingent, und auch die Bands haben oftmals ihre großen Zeiten noch vor sich, sind eher unbekannt und meistens angenehm unberührt von Hype-Wellen derzeitiger Popströmungen.

Dieses Mal, ein Jahr vor dem großen 25-jährigen Jubiläum, ging einiges – ähnlich einer Generalprobe - von Anfang an nicht ganz so glatt wie die Jahre zuvor. Erst sehr spät begann die Organisationsspitze rund um Stefan Reichmann mit der Veröffentlichung der bestätigten Bands; Die von vielen heiß erwarteten Editors sagten ab und je knapper die Zeit wurde, desto mehr wuchs ein Programm heran, dass besonders durch die Quote von gänzlich unbekannten Bands auffiel und durch die Bestätigung eines absoluten Haldern-Neulings: Jan Delay. Dessen Auftritt rechtfertigte man dann noch mal in der Haldern-Zeitung „Datt Blatt“ mit dem Wortlaut, das Haldern müsse sich auch auf neue Klänge einlassen und sich nicht beschränken. Im Prinzip richtig. Aber, verwundert über diese Zeilen darf man bei der Geschichte und dem Anspruch des Festivals doch sein, denn das Haldern findet man ja gerade so toll, weil es sich einer unkonventionellen Musikrichtung zugeschrieben hat, nämlich im weitesten Sinne Indie. Diese Selbstverständlichkeit des gelungenen Programms, das eben nicht jedem gefällt aber auch nicht jedem gefallen soll, gehört bisher mit zu den Vorteilen des Festivals und zu den Gründen jedes Jahr wieder zukehren. Wer große Namen und Musik von Hard Rock bis Hip Hop hören möchte soll zu Massenveranstaltungen wie Rock am Ring gehen. Das Haldern, dachte man, bleibe verschont von dem Drang jedem gerecht zu werden.

Natürlich darf man Jan Delay und seinen Auftritt hier nicht verunglimpfen, bezeichnend jedoch ist die Tatsache, dass dieser Auftritt der vom Menschenaufgebot der umjubeltste war, und durch dessen Anwesenheit und Pole-Position andere, sehr schöne und bemerkenswerte Bands wie Polarkreis 18 oder Voxtrot an akutem Publikumsmangel litten und ihre Auftritte auf ein fast schon unverschämtes Maß an fünf Songs (Polarkreis 18) beschränken mussten. Trotz einiger wunderschöner Auftritte wie zu Beispiel der Maccabees im Spiegelzelt, oder der sympathischen Schweden Shout Out Louds erschien das Programm ein wenig zerstückelt, und lieblos zusammengesucht - mit rühmlichen Ausnahmen wie Malajube aus Kanada oder auch den Architecture in Helsinki. War das musikalische Programm gewöhnlich rund und in sich abgestimmt wirkte so manche Band fehl am Platz, wie zum Beispiel die enttäuschende langweiligen Ripchord oder Paul Steel.

Zu bemerken ist, dass Genreausflüge zu Top-Acts, die zum restlichen Programm einen völligen Widerspruch darstellen Auswirkungen auf das Publikum und leider auch auf die Besucherzahlen für andere Bands sowie das Festival insgesamt haben. Zum ersten Mal seit vielen Jahren erreichte das Festival nicht die maximale Besucherzahl, ein deutliches Indiz für die Unzufriedenheit mit dem Programm.

Trotz dieser kleinen Enttäuschung ist und bleibt das Haldern ein Festival des guten Geschmacks, was sollte man auch gegen ein Fest zu sagen haben, wo Kinder wie Ameisen umherwuseln, wo man mit Poptalern bezahlt und ein belustigter Holländer jeden Auftritt individuell und stürmisch ansagt.

Dieses Jahr büßt das Haldern erstmals etwas von seiner Authenzität ein, hoffen wir also, dass wir nächstes Jahr zum Jubiläum wieder das alte Haldern antreffen dürfen, mit ebenso viel Sonne wie in diesem Jahr und der Treffsicherheit in Sachen Musikauswahl der letzten Jahre.
foto: marcus beine


haldern pop

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Melt! Festival [Gräfenhainichen, 13.-15.07.2007]

Geburtstagsfeierei
Das Melt! zelebrierte einen runden Geburtstag und sehr viele waren gekommen. Reizüberflutung und Postmoderne, ein überreichliches Programm und ein ebenso vollgestopftes Festivalgelände. Herzlichen Glückwunsch!


"can you hear the power?"
(fraktus)


Zehn Jahre, das kann eine lange Zeit sein für ein kleines Festival. Das finanzielle Risiko ist hoch, die Sicherheiten sind gering und der Aufwand ist enorm. Nun feierte das Melt! seinen 10. Geburtstag und es ist klar, dass da etwas Besonderes entstanden ist. Die Anfänge waren klein und rein elektronisch, doch nach finanziellen Engpässen und einem Ausfall im Jahr 2003 stieg das Intro-Magazin ein und das Melt! durchlief eine Metamorphose mit der Öffnung für gitarrenlastigere Acts. Auch die Größenverhältnisse änderten sich, seit 2002 haben sich die Besucherzahlen verdoppelt, eine Entwicklung die für das Festival spricht, allerdings auch neue Herausforderungen mit sich bringt.

In diesem Jahr wurde alles noch mal ein bisschen größer. Vier reguläre Bühnen sollten gleichzeitig bespielt werden, dazu gesellte sich noch ein reiner DJ-Floor. Nicht lumpen lassen wollte man sich, die Ankündigungen der Geburtstagsfeierlichkeiten waren vollmundig und euphorisch, auch wenn mit der Bekanntgabe der ersten Acts lange gewartet wurde. Doch als erst einmal das Name-Dropping begann, fand es gar kein Ende mehr. Elektronischer als noch 2006 klang es in allen Ohren, auch wenn übergroße Headliner wie die Pet Shop Boys oder Aphex Twin nicht vertreten waren. Stattdessen waren eine Reihe exklusiver Festivalauftritte angekündigt, unter anderem von Autechre, The Notwist, Motorpsycho oder Trentemøller, der gar mit Band anreiste. Dass Frankie Says Melt!, ein aus namensrechtlichen Gründen umbenannter Verschnitt von Frankie Goes To Hollywood, kurzfristig absagte, schmerzte hingegen nicht wirklich. Denn Highlights gab es bereits auf dem Papier genug: Ob Tocotronic oder Deichkind, Digitalism oder UNKLE mit Band, Mouse On Mars oder The Thermals, die Liste wollte einfach nicht enden. Dazu wurde das Melt! um eine weitere Facette bereichert, denn mit Dendemann, Dizzee Rascal und Lady Sovereign wurde erstmalig ein größerer Akzent auf Hip Hop und Konsorten gesetzt. Die größte Überraschung war aber die Ankündigung des Auftritts von Kelis, mit ihr hatte wohl kaum jemand gerechnet.

Der vorgesehene Zeitplan ließ aber das Dilemma offenbar werden, das ein so großes und fantastisch besetztes Line-Up mit sich bringt: Bereits vor dem Festival musste sich der geneigte Besucher darauf einstellen nur einen Teil der favorisierten Acts sehen zu können, denn Überschneidungen waren nicht nur unvermeidlich sondern die Regel.

Eröffnet wurde das Melt! am frühen Freitag Abend von Olli Schulz auf der Hauptbühne, dessen vorgetragene Geschichten zwischen den im Bandkontext auf die Bühne gebrachten Songwriter-Stücken allerdings etwas zu einstudiert und routiniert wirkten. Im Anschluss allerdings bereiteten I’m From Barcelona die Besucher stilgerecht auf die kommenden 36 Stunden vor: Die Hälfte der vielköpfigen schwedischen Band bestand aus Background-SängerInnen, die unermüdlich auf der Bühne umhersprangen und das Publikum mit Konfetti-Ballons beglückten, während Sänger Emanuel Lundgren schon beim ersten Song das Crowdsurfen übte. Ausgelassen, glücklich machend und mit einem hedonistischem Touch, so ließe sich auch das Melt! beschreiben. So war Owen Pallett aka Final Fantasy wohl der einzig leise Act auf dem gesamten Festival, was soundtechnisch manche Probleme bereitete. Auf der Gemini Stage spielend wurde Pallett von gleich zwei Seiten bedrängt. Von rechts dröhnte Jamie T herüber, von links waren es die DJs der Big Wheel Stage. Man musste also weit vorne stehen, um auch nur annähernd in die wunderbare Klangwelt des Owen Pallett eintauchen zu können. Doch mit jedem Stück gewann er an Kraft und irgendwann konnte man sich der so zurückhaltenden und doch charismatischen Musik nicht mehr entziehen. Ausgerechnet der leiseste Act stellte sich als einer der Größten heraus.

Abgesehen von der zu großen Dichte zur Gemini Stage während dem Auftritt von Final Fantasy bot die Big Wheel Stage allerdings nur Grund zur Freude. Tobias Thomas brachte bereits gegen 18 Uhr die Ersten zum Tanzen und dieser Zustand sollte sich bis zu Richie Hawtins Set am frühen Samstag morgen auch nicht mehr ändern. Besonders Mathias Kaden und Onur Özer legten gemeinsam ein famoses Set auf und so konnte man bereits gegen 22 Uhr die körperliche Extase riechen, eine beißende Geruchsmischung aus Schweiß und Alkohol machte sich breit. Nur die in diesem Jahr vergrößerte Bühne inklusive Pressegraben wirkte zu mächtig. Während 2006 der Übergang zwischen DJ-Kanzel und Tanzfläche fast noch fließend war, wurde nun eine stärkere Trennung vorgenommen, welche den Auftritten deutlich an Intimität nahm.

Während auf Der Big Wheel Stage also die Feierei bereits am frühen Abend begann, tobten sich auf der Hauptbühne erst einmal Gitarrenacts aus. Ein erster Höhepunkt waren The Notwist mit einem ihrer raren Auftritte. Neue und alte Songs spielten sie und berührten dabei einmal mehr ganz tief. Die Schwierigkeit, ihre massiven wie zerbrechlichen Stücke in ihrer vollen Intensität vom Studio auf die Bühne zu übersetzen, meisterten sie auf sympathischste Art und Weise. Da war es fast vergessen, dass man dafür den Auftritt der Puppetmastaz verpasste und von Ladytron nur noch die letzten Minuten erleben konnte. Den Auftritt von Lady Sovereign konnte man ebenso abhaken, denn sie spielte kurz darauf im Melt!Klub auf der Zeltbühne, wo häufig schon vor Beginn der Acts kaum noch ein Hineinkommen war.

Doch die Qual der Wahl hatte man dennoch: Sollte man sich lieber von Motorpsycho oder Autechre bedröhnen lassen, zu Tiefschwarz abgehen oder Dendemanns Performance auf der Hauptbühne sehen? Aufgrund von Zeitverzögerungen konnte man sich kaum noch auf den Zeitplan verlassen, Spontaneität und eine gewisse Gelassenheit ob der vielen verpassten guten Acts waren essentiell. Zum Glück lagen die Bühnen sehr nah beieinander, so dass man im Zweifelsfall zwischen den einzelnen Shows hin- und herspringen konnte. Dies war im Melt!-Ambiente eine wahre Freude. Die über den Bühnen thronenden Schaufelradbagger wurden in verschiedenen Farben illuminiert und erzeugten eine Atmosphäre zwischen urbaner Postmoderne und Endzeitstimmung a là Mad Max.

Und dann spielten da noch The Thermals im Zelt, wo sie eine außerordentliche Stimmung erzeugten, ohne besonders viel dafür tun zu müssen. Bei diesem Festivalpublikum schien das aber auch kaum notwendig, fast jede Band wurde mit außerordentlichem Enthusiasmus empfangen. So wurde auch Dendemann auf der Hauptbühne entsprechend abgefeiert, auch wenn dessen Präsenz sich genau auf die Bühnenmitte beschränkte. Kaum einer benötigte weniger Raum, doch auch mit minimalem Aktionsradius wurde er dem Anspruch, momentan einer der besten und wichtigsten Rapper deutscher Sprache zu sein, gerecht.

Erwarten konnte man auch viel von Dizzee Rascal, doch das von seinem Sidekick ewig wiederholte „Germany, make some noise!“ nervte mit der Zeit gewaltig. Dafür schwang er anschließend noch mit den verbliebenen Zuschauern vor der Hauptbühne zu Goldie & MC LowQui ordentlich die Hüften, während bereits die Sonne aufging. Gegen sieben Uhr morgens wurde dann auch den Wighnomy Brothers und Richie Hawtin der Saft abgedreht und wer noch immer nicht genug hatte, konnte noch auf den Sleepless Floor außerhalb des Geländes gehen. Kaum zu glauben, wie viele Endorphine manche Menschen über eine Nacht hinweg ausschütten können und anschließend noch immer genug Energiereserven besitzen, um morgens weiter zu tanzen…

Aber an schlafen war am Samstag morgen auch kaum zu denken. Die Sonne schien wie schon lange nicht mehr und bis zum Mittag stieg das Thermometer auf über 35 Grad Celsius, immerhin versprach der See reichlich Abkühlung. Umso beliebter war das Baden, da es zudem nur sehr wenige sanitäre Anlagen vorhanden waren. Diese Problematik hatte es bereits im letzten Jahr gegeben. Da hatte der Veranstalter eindeutig verschlafen, zumal in diesem Jahr noch mehr Tickets verkauft worden waren. Als Walter Schreifels am späten Nachmittag die Hauptbühne für die zweite Runde eröffnete, war von der großen Gästeanzahl noch nicht viel zu sehen, gerade eine Handvoll Menschen lauschte seinen Songs. Bei den Rifles, die gegen 19.30 Uhr mit ihrem Set begannen, standen jedoch bereits mehr Menschen vor der Hauptbühne, als bei den Hauptacts in der Nacht zuvor. Bemerkenswert für ein Festival, bei dem der Zenit des Feierns in der Regel nicht vor 2 oder 3 Uhr überschritten wird. Doch offensichtlich wurden für Samstag eine Menge Tageskarten verkauft, die Masse der Menschen nahm immer weiter zu. Hot Chip galten vielen als ein heimlicher Höhepunkt des Festivals, doch gleichzeitig wurden die weiteren Bühnen von Stereo Total, Jake The Rapper und Erase Errata bespielt. Letztere traten im Zelt vor vergleichsweise kleinem Publikum auf, doch die Resonanz des Auftritts war völlig zu Recht überwältigend.

Lo-Fi-Fnk hingegen hatten eine Menge Pech. Den ersten Song mussten sie fünf Mal anspielen, da die Musik immer wieder aussetzte und auch danach hörte sich der Sound an, als würde ein Küchenradio verstärkt werden. Dennoch wurden sie frenetisch gefeiert, das Publikum tanzte und johlte ununterbrochen.

Die Masse der Besucher vergrößerte sich zusehends und bald war das Gelände an allen Ecken und Enden vollgestopft mit Menschen. Nach Angaben des Veranstalters war die Platzaufteilung optimiert worden, um dem großen Besucherandrang gerecht zu werden, doch das Gelände war dafür eindeutig zu klein. Überall drängten sich die Menschen, es gab kaum noch Sitzgelegenheiten oder etwas freien Raum zur Entspannung. Das große Interesse ließ sich aber einfach mit dem fantastischen Line-Up erklären, dessen Höhepunkte besonders am Samstag stattfanden. Wegen ihres aktuellen Albums war natürlich der Auftritt von Tocotronic von besonderem Interesse doch dafür musste man auf Goose und Hey Willpower verzichten. Letzteres war der erste Act, der eine Zugabe spielen durfte, da die Fans trotz einsetzender Hintergrundmusik nicht zu jubeln aufhörten. Im Anschluss musste man sich zwischen dem Black Rebel Motorcycle Club und Mouse On Mars entscheiden, während die Big Wheel Stage bei Booka Shade völlig überlaufen war.

Als ein designierter Hauptact und mit dementsprechend obligatorischer Verspätung betrat Kelis die Bühne und sorgte für viel Wirbel. Musikalisch nur mäßig spannend wusste sie aber durch eine Menge Attitüde und ihr Interesse für „weird German porn“ aufzufallen. Dabei wirkte sie ungleich sympathischer als der unvermeidliche Jan Delay, dessen Ansagen ungefähr dem Niveau seiner öffentlichen Statements entsprach. Aber zum Glück bot das Meltfestival reichlich Alternativen: Trentemøller und UNKLE traten je live mit Band auf, Shitdisco und The Presets brachten das Zelt zum Toben. Doch ein absoluter Höhepunkt waren sicherlich Simian Mobile Disco auf der Big Wheel Stage: Zwei Silhouetten sprangen um einen runden mit elektronischen Arbeitsgeräten angerichteten Tisch herum und feuerten einen Elektronik-Bastard auf das Publikum, der wohl niemanden stehen ließ. Da fiel selbst das während dem Auftritt über dem Gelände gezündeten Feuerwerk zum Melt!-Geburtstag kaum auf. Ein großes Ding hat sich da angebahnt, dass noch deutlich frischer als die kurz darauf auf der Hauptbühne feiernden Deichkind. Vor deren Show sorgte erstmal das als fiktive Technolegende Fraktus auftretende Studio Braun für einige Verwirrung. Danach rastete eine riesige Menge kollektiv aus, während Deichkind auf der Bühne wieder einmal alle Konventionen über Bord warfen. Wenn man sie allerdings schon mehrfach gesehen hatte, dann verlor dieser riesige Kindergeburtstag für Jungs deutlich an Spannung. Stattdessen konnte man aber auch zu DJ Hell oder dem Cereal/Killers-Kollektiv in den Tag hineintanzen. Da hatten sch auch schon die Platzverhältnisse vor und zwischen den Bühnen etwas entspannt. Besonders am Samstag war der Zeitplan überreichlich mit spannenden Auftritten gefüllt, doch eine überreichliche Anzahl an Besuchern war die negative Folge dessen. 16.000 Karten waren laut Veranstalter abgesetzt worden, die Grenzen der Auslastung sind dabei fast schon überschritten worden. Der Atmosphäre war diese Masse aber in jedem Fall abträglich, da beengte Platzverhältnisse für unnötige Anspannung sorgen. Ein großer Reiz des Melt! ist die Symbiose von Reizüberflutung durch das Ambiente und relativer Intimität durch Überschaubarkeit und Nähe zu den Bands und DJs. Durch das Wachsen des Festivals wird dieses Verhältnis strapaziert, aber vor diesem Dilemma steht wohl jeder Veranstalter, dem nicht nur Wirtschaftlichkeit sondern auch gelungenes Festival am Herzen liegt. Es bleibt also nur noch zu sagen: Herzlichen Glückwunsch liebes Melt!, es war wunderschön auf Deinem runden Geburtstag.
foto: uta bohls


melt! festival
intro

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The Blood Brothers [Berlin, 10.02.2007]

Wie ein warmer Schlag ins Gesicht.
Ein Blick auf die elektrisierenden Blood Brothers und ihr attraktives Publikum im Postbahnhof zu Berlin.



"the world's got no end and it's got no beginning."
(lazer life)





text: Uta Bohls + Tobias Lehnert
foto: uta bohls
fotogalerie


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Reeperbahnfestival [Hamburg, 21.-23.09.2006]

Das erste Reeperbahnfestival zu Hamburg.
Eindrücke des vom texanischen South By Southwest inspirierten Festivals, von Donnerstag Abend bis Freitag Nacht in Bildern festgehalten.



"das wird kein deutsches sxsw!"
(kritischer besucher)



"3 Tage, 20 Bühnen, 200 Acts", heißt es locker vom Veranstalter. Und der Hinweis, dass es lohnt sich durch die Clubs treiben zu lassen. Fazit nach 1 1/2 Tagen: nette Idee, aber viel zuviel für zu kurze Zeit. Der Abend hat sein Ende nach 0h erreicht und auch mobil mit Fahrrad ist keine Zeit für entspannte Konzerte. Zumindest nicht, wenn man mehr als eines erleben will und dazu den Veranstaltungsort wechseln muss. Zu eng gestrickte und nicht eingehaltene Zeitpläne und zu viele Überschneidungen der bekannten und gern gesehenen Bands am späteren Abend kommen noch hinzu.

Was bleibt ist eine gute Idee mit verbesserungswürdiger Umsetzung und dennoch angenehmer Atmosphäre.
text und fotos: Uta Bohls

reeperbahnfestival

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Immergut Festival [Neustreliz, 26.-27.05.2006]

Alle Jahre wieder: Mit dem Immergut Festival wird zum einen traditionell die Festivalsaison eingeläutet, zum anderen klopft regelmäßig am letzten Maiwochenende der Sommer an die Tür. Und auch dieses Jahr schien zunächst alles in gewohnten Bahnen zu laufen.


"you've got such a nice festival here."
(moneybrother)

Bereits Ende März waren sämtliche der rund 5000 Tickets vergriffen, auch das Line-Up nahm mit Bands wie den Yeah Yeah Yeahs, Okkervil River und Die Regierung bereits frühzeitig erfreuliche Konturen an. Doch ebenso wie das aktuelle Album von Blumfeld, die bemerkenswerter Weise zum ersten Mal in Neustrelitz auftraten, polarisierte schließlich doch noch das Buchen einer Band die Anhängerschaft des Festivals: Mia, die deutschpoppenden Kuschelpatrioten, waren eingeladen worden, ein kontroverser aber vor allem auch fragwürdigerer Act hätte wohl kaum angekündigt werden können. Da geriet auch die Regen versprechende Wettervorhersage fast schon in den Hintergrund. Besonders pikant war die Tatsache, dass ebenfalls auftretende Bands wie Blumfeld und Phantom/Ghost eine dezidiert antinationalistische Position vertreten, welche bis vor wenigen Jahren in der sich als progressiv empfindenden Independent-Szene noch Konsens war.

Dass ein Wandel nicht nur auf, sondern vor allem auch vor der Bühne stattfand, wurde bereits beim Betreten des Zeltplatzes deutlich: Neben den unvermeidlichen Kuba- und FDJ-Fahnen konnten auf einmal auch Deutschland-Flaggen gesichtet werden. Ob "
nur" die WM ihren langen Schatten voraus warf oder nicht: Der unangenehme Beigeschmack blieb. Doch flatterte der Stoff, in welchen patriotische Heimatduselei gehüllt wird, unbehelligt im Wind, der wider Erwarten zunächst keinen Regen mit sich brachte. Die Prognosen hatten Tags zuvor noch 70% Regenwahrscheinlichkeit versprochen, nun riss die dichte Wolkendecke immer wieder auf und es waren noch ein paar Sonnenstrahlen zu erhaschen.

Die Bands
Midlake und Klez.e ereilte das Schicksal, welches in der Regel alle eröffnenden Acts trifft: Dank Umleitungen, Stau und Einkauf waren so manche Besucher noch mit Taschenschleppen und Zeltaufbau beschäftigt, die Akustik auf dem Zeltplatz ließ aber erahnen, dass da durchaus zwei interessante Auftritte verpasst wurden. Bereits als dritter Act trat mit Radio 4 einer der größeren Namen auf, zu früh, wie sich herausstellen sollte. Die New Yorker gaben sich zwar engagiert, es wurde eine Tanznummer nach der anderen abgefeuert, doch der Funke wollte nicht recht überspringen. Zu groß schien die Bühne, zu weit der Raum davor. Zu später Stunde im Zelt wäre wohl ein angemessener Moment gewesen. Doch gerade am Freitag war das Line-Up hochkarätig besetzt.

Einen gefeierten wenngleich nur mäßig charismatischen Reunion-Gig boten die
Flowerpornoes, anschließend zeigten Art Brut, wie man eine Menge zum Feiern bringen kann. Der Drummer stehend, Eddie Argos torkelnd und ungezwungen locker: Die Band spielte wie die Fans feierten und ganz mit reichlich Augenzwinkern wurde das Erfolgsziel namens Top Of The Pops beschworen. Sympathischer kann Rock’n’Roll kaum sein.

Später betrat eine in gleißendem Weiß gekleidete und überaus gut gestimmte Band die Bühne, welche sich das Festivalteam schon seit Jahren ersehnte.
Blumfeld übertrugen eine Auswahl von Stücken aus einer ganzen Dekade Musikgeschichte auf die Bühne und witzelten selbst über ihren jüngsten Hit, den viel diskutierten Apfelmann. "Obst ist Kult", ging es einem fröhlichen Jochen Distelmeyer von den Lippen, wobei das Publikum ähnlich den vorangegangen Plattenkritiken zu Verbotene Früchte entweder jubelte oder nur entgeistert den Kopf schüttelte. Mehr Bipolarität war nie! Doch mit der Intonation ihres Über-Songs Verstärker zogen Blumfeld zum Schluss auch den skeptischen Teil des Publikums auf ihre Seite.

Als "
Your favourite vegan / straight edge band" wurden The Appleseed Cast angekündigt, doch statt brachialem Hardcore gab es ein Postrock-Gitarrengewitter auf die Ohren. Zum ersten Mal hatten die Mischer größere Probleme, zu stark verschwammen ausdifferenzierte Gitarrenwände in einem einzigen Soundbrei. Zwar stieß der Auftritt auf großes Interesse, doch verblasste er ein wenig angesichts des zu erwartenden Hauptacts. Die Yeah Yeah Yeahs scheinen im Moment wohl einer der relevantesten Acts überhaupt und dies unterstrichen sie eindrucksvoll. Karen O erhob sich in dämonischem Kostüm über dem Publikum, ihr Posing nahm eine artifiziell-dominante Charakteristik an. In durch und durch amerikanischem Soundverständnis fielen Keyboards und zerrissene Gitarrenriffs übereinander her, Lärmkaskaden wurden von der Bühne heruntergeschleudert. Dieser auftritt war von einer Größe, wie er auf dem Immergut zuletzt The Notwist im Jahr 2004 gelungen war.

Als deutlich verhaltenerer und intimerer Auftritt erwies sich wie erwartet das Konzert von
Gregor Samsa, die im Anschluss in der Zeltbühne ihre elegischen Stücke voller Poesie und Verzweiflung präsentierten. Einen minimalistischen Abschluss des Abends boten schließlich Phantom/Ghost. Dirk von Lotzow wirkte neben Thies Mynther ausgeglichen wie selten, auch wenn der Auftritt musikalisch ungewöhnlich stark holperte. Der einzige elektronische Act des Wochenendes war dennoch eine äußerst willkommene Abwechslung, wirkte der Auftritt doch so unbeschwert, als ob das Duo einen Wohnzimmergig unter Freunden spielte.

Nun war zwar für Samstag verhalten Sonnenschein vorausgesagt, doch stattdessen bedeckten dunkle Wolken den Himmel. Nichtsdestotrotz wurde das traditionelle Immergutzocken Fußballturnier abgehalten, eventuelle Badeseebesuche fielen jedoch buchstäblich ins Wasser. Den ganzen Tag über war immer wieder leichter Nieselregen zu spüren, wenn auch kaum jemand befürchten musste, vollkommen durchnässt zu werden. Gleichsam unspektakulär verliefen die ersten Auftritte im Nachmittagsprogramm, einzig die
Fotos stießen auf größeres Interesse. Anschließend wurde der Künstlerreigen aus dem Umfeld von Arts & Crafts eröffnet.

"
Ich finde es toll, dass ich hier bin, ich meine, ich habe nicht mal eine Platte veröffentlicht, lucky me", strahlte Amy Millan, deren countryeske Songwriter-Balladen von einer ganzen Horde von Musikern begleitet wurden. Die Frontsängerin der Stars beackerte hier ein Terrain, welches man von ihren bisherigen Projekten in keiner Weise kannte. Das Publikum applaudierte im weichenden Sonnenschein, als Band- und Labelmate Jason Collett die Bühne betrat. I Bring The Sun sang er dann zwar optimistisch, aber der Regen hielt an, der nach seinem Auftritt das Publikum noch schneller als gewohnt ins Zelt trieb. Dort lieferten die Texaner von Okkervil River einen enthusiastischen Auftritt ab, der schon bei den ersten Klängen Großes vermuten ließ. Furiose Hymnen über Herzensbrecher, Mörder und andere Außenseiter wurden mit melancholischem aber leidenschaftlichen Gestus erzählt, nur durch den dröhnenden Soundcheck auf der Hauptbühne unterbrochen. "Ladies and Gentlemen, this is Mia", konstatierte der smarte Will Sheff so auch in einer der gestörten ruhigen Augenblicke seiner Band. Im eigenen Befremden bestätigt waren so manche, als Mia mit Sprüchen wie "Wir finden es geil, wie ihr dem Regen trotzt" oder "Seid Ihr gut drauf?" einer doch recht großen Fanschar einheizten. Über Musikgeschmack lässt sich bekanntlich trefflich streiten, doch politisches Feingefühl ist eine Gabe, welche die Veranstalter hier offensichtlich missen ließen. Ironie des Schicksals war es wohl, dass ausgerechnet Die Regierung anschließend im Zelt ihre Reunion zelebrieren sollte, eine Band die der Zeit entstammt, in der sich die "Indieszene" zu Deutschland noch deutlich emanzipatorischer verhielt, nämlich mit kritischer Distanz. So war es kaum verwunderlich, dass das Publikum im Zelt frenetisch applaudierte, als Sängerin Mieze verkündete, dass Mia keine Zugabe spielen dürfe. Eben jenes Publikum sorgte ebenso dafür, dass ein betrunkener aber dennoch schlagfertiger Tilman Rossmy und seine Regierung gleich zweimal zurück auf die Bühne mussten, um eine Zugabe zum Besten zu geben. Dies könnte man als Festivaldemokratie bezeichnen, oder auch als klare Ansage gegen den patriotisch-heimatlichen Wohlfühlfaktor. "Gib Dich nicht mit weniger zufrieden!"

Der Wohlfühlfaktor, den
Tomte vermittelten, hatte zwar keinen negativen ideologischen Beigeschmack, doch mehr als Nettigkeit und der Erinnerung an vergangene Tage blieb nicht hängen. Vielleicht gibt ihnen der Erfolg Recht, doch bei aller Ehrlichkeit (und-sei-sie-nur-aus-Bier) und jahrelanger Rackerei: Der Auftritt zeigte in klarer Weise die Stagnation und Belanglosigkeit auf, der sich Tomte mittlerweile ergeben haben. Ein Großteil des Publikums fand Gefallen daran, aber alte Helden lässt man ja auch nur ungern fallen.

Bedeutend ungewöhnlicher und spannender hingegen war der Anblick der bezaubernden Leslie
Feist. Nur mit Gitarre und Loop Pedal ausgestattet spielte und sang sie, setzte einzelne Songspuren zusammen, bis sie ein Ganzes ergaben. In ihrem Minimalismus bot sie das Sequel zu Phantom/Ghost am Vortag und stimmte das Publikum dezent auf das große Finale auf der Hauptbühne ein. Dort traf sich zum Schluss die ganze Arts & Crafts Familie unter dem Banner der Broken Social Scene. Schaffte das Team der Kanadier noch beim mittäglichen Immergutzocken den Weg ins Finale, wirkten die Musiker gegen ein Uhr nachts sichtlich angeschlagen. Doch ein stellenweise überambitionierter Kevin Drew trieb die Band immer wieder an. Teilweise bis zu fünf Gitarren, Bläser, Bass, zwei Drummer, Violine und Keyboard erschufen einen riesigen Klangraum, der gelegentlich ein wenig außer Kontrolle geriet. Und so beschloss die Broken Social Scene ihren Auftritt erst nach zwei Stunden mit einem grandiosen Finale, bei welchem sich künstlerische Individuen wie Amy Millan und Stars Kollege Evan Cranley , Jason Collett oder Leslie Feist nahtlos einreihten, als sei dies ein Orchester, welches auf jeden einzelnen Part angewiesen ist.

So lässt sich von einem mehr als würdigen Abschluss für das immergut Festival 2006 sprechen, welches musikalisch einmal mehr über weite Strecken überzeugen konnte. Strukturell bleibt jedoch ein fader Beigeschmack, denn zu einem schönen Festival gehören nicht nur schöne Musik und gute Stimmung, sondern auch das Gefühl, den Menschen und Bands in innerer Haltung verbunden zu sein. Doch dies schien dieses Jahr ein wenig schwerer zu fallen als sonst.
text: Martin Boehnert + Simon Traut
foto: martina drignat



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Haldern Pop [Rees-Haldern, 05.-06.08.2005]

Auch wenn das Wetter nicht mitspielte: Ausverkauft!
Kaum ein Wort fiel im Vorfeld des 22. Haldern Pop Festivals so häufig, kaum ein Wort könnte Veranstalterherzen höher schlagen lassen und Vorfreude und Träume so vieler Erwerbswilligen platzen lassen.


"you've got such a nice festival here."
(moneybrother)

Bereits Mitte Juni waren die 5500 Karten restlos vergriffen, sieht man einmal von diversen Verlosungsaktionen ab. Doch bei diesem Line-Up verwunderte es nicht, hatten sich doch schließlich Bands wie Franz Ferdinand, Mando Diao, Polyphonic Spree oder die Kaiser Chiefs für das diesjährige Haldern Pop angesagt.

Und so traf man noch am Freitag Nachmittag vor dem Festivalgelände Scharen von Ticketsuchenden an, die zunächst vergeblich ihre gemalten Pappdeckel in die Höhe hielten. Begonnen hatte das Programm bereits am Donnerstag Abend. Für die Frühanreisenden spielten drei Bands im kleinen aber feinen Spiegelzelt. Ebenfalls dort traten am Freitag und Samstag um die Mittagszeit jeweils zwei Nachwuchsbands auf, was für viele die einzige Gelegenheit bot, das Zelt auch einmal von innen zu sehen, wie sich später herausstellen sollte. Angenehm durchmischt zeigte sich das Publikum, dessen Altersspanne ungefähr zwischen 14 und 55 lag, darunter entfiel ein angenehm geringer Anteil auf das Klischee des klassischen Festivalprolls.

Veranstaltungen unter freiem Himmel bergen immer einen großen Unsicherheitsfaktor: das Wetter. Die Prognose für das Wochenende war überaus ungünstig und tatsächlich setzte pünktlich um 16 Uhr zu Millionaire, der ersten Band auf der Hauptbühne, strömender Regen ein. Während die Belgier vor einem noch recht überschaubaren Publikum spielten, wandelte sich vor dem Eingang das Bild auf einmal. Die Ticketsuchenden waren verschwunden, an ihre Stelle traten Kartenverkäufer, denen offenbar bereits mit den ersten Tropfen die Füße nass geworden waren. Gleichzeitig verwandelte sich das Festivalgelände in eine knöcheltiefe Schlammgrube, vor dem braunen Matsch gab es kein Entrinnen. Der Stimmung tat dies jedoch glücklicherweise kaum einen Abbruch, schließlich gab es auch früh den ersten kleinen Höhepunkt in dem hochkarätigen Line Up. Art Brut waren als kurzfristiger Ersatz von Ocean Colour Scene angetreten, doch sie waren weit mehr als nur das. Solch eine frische und engagierte Rock’n’Roll-Show hätten die einstigen Britpop-Heroen wohl kaum geboten.

Darauf folgten zwei Bands, die trotz einer gewissen Schnittmenge unterschiedlicher nicht sein könnten. The Robocop Kraus erfreuten wie so oft durch ihren natürlichen Charme, Entertainment ohne Rockstargehabe ist ihre große Stärke. Arrogantes Posing war dafür umso mehr Sache der Kaiser Chiefs, deren Überheblichkeit unwiderruflicher und notwendiger Teil ihrer Gesamterscheinung ist und genau deshalb so gut funktioniert. Der Lärmpegel in den vorderen Reihen nahm auf einmal mittels Kreischen rasant zu, der UK-Hype erreichte spätestens in diesem Moment auch das Haldern Pop. Auf der Bühne wurde einmal mehr deutlich, dass ihnen zumindest musikalisch ein ganz großer Popentwurf gelungen ist und auch der Regen endete ob dieses beeindruckenden Auftritts.

Schließlich riss der Himmel auf und färbte sich in tiefstem Rot, während Nada Surf ein recht gemächliches Set spielten. Dabei vermittelten sie den etwas bemitleidenswerten Eindruck eines Pausenfüllers, denn nach ihrem netten aber unauffälligen Set betrat das Kaizers Orchestra die Bühne. Bereits zum zweiten Mal in Haldern anwesend lieferten sie den mit Abstand bizarrsten Auftritt des Abends. Mit Sauerstoffmaske, Ölfässern und Akkordeon ausgestattet zogen die Norweger das Publikum in ihren Bann, ihre vertrackte Musik zwischen norwegischer Sprache, Rock’n’Roll und Klezmer wurde zudem von einer üppigen Light-Show wunderbar in Szene gesetzt.

So überzeugend die bisherigen Bands waren, so sehr enttäuschten Franz Ferdinand. Der Headliner des ersten Abends begann nicht nur mit reichlicher Verspätung, ihr Auftritt war schlicht und ergreifend langweilig. Zwar schienen sie bemüht, doch der Enthusiasmus fehlte. Neben Alex Kapranos’ vergleichsweise dünner Stimme wurde ebenfalls deutlich, wie limitiert die musikalischen Mittel der alten Stücke sind. Einziger Höhepunkt waren da die neuen Songs, die deutlich mehr Variabilität erkennen ließen. Doch selbst wenn der Auftritt mehr Spannung erzeugt hätte, in keinem Fall waren die dreisten Preise am Merchandising-Stand zu rechtfertigen. Denn 28 Euro für ein simples T-Shirt zu verlangen, ist nicht nur überzogen, sondern auch völlig stillos.

Zum Abschluss des Abends auf der Hauptbühne spielten die recht uninteressanten Saybia mit einer fast dreiviertelstündigen Verspätung, während fast gleichzeitig Zita Swoon im Spiegelzelt begannen. Dieses wunderschöne alte Zirkuszelt mit Holzverkleidung stand dieses Jahr bereits in Glastonbury und hatte von dort offensichtlich auch das Wetter mitgebracht. Noch ärgerlicher als dies war jedoch die Tatsache, dass das Fassungsvermögen sehr limitiert ist, und so entstand eine Schlange von hunderten von Menschen, die vergeblich um Einlass begehrten. Um 3 Uhr nachts vollführten dort schließlich British Sea Power nach eigener Aussage den Auftritt ihres Lebens. Diesmal ohne Laub und Geäst auf der Bühne spielten sie sich in einen Rausch, während dessen ein Karton voller Tulpenzwiebeln ins Publikum geworfen wurde und an dessen Abschluss eine kleine Zerstörungsorgie voller herrlich unsinniger Bühnenaktionen stand.

Wie der Freitag so begann auch der Samstag. Zwar ließ sich die Sonne am Vormittag noch blicken, doch als Saint Thomas die Bühne betraten, frischte es deutlich auf und die ersten Tropfen fielen vom Himmel. Zu allem Überfluss hatten die Magic Numbers auch noch eine derart große Verspätung, dass ihr Auftritt kurzerhand ins Spiegelzelt verlegt wurde. Dieser fiel somit auf die gleiche Zeit wie der von The Coral, welche beschwingt durch ihr Set glitten und eine große Portion Vielseitigkeit bewiesen.

Mädchenherzen höherschlagen ließ im Anschluss Moneybrother, der auf sehr sympathische Art mit dem Publikum kommunizierte und das Festival außerordentlich lobte. Fast schon demütig bedankte er sich für den Publikumszuspruch. Während der anschließend spielenden The House of Love leerte sich das Festivalgelände schlagartig, was vermutlich auf Namen und mangelnde Bekanntheit zurückzuführen war. Das Publikum kehrte jedoch pünktlich zu Phoenix wieder zurück und erlebte so den vielleicht besten Act des Festivals. Deutlich gitarrenlastiger als auf ihren Tonträgern brachten sie selbst die letzten Reihen zu intensivem Mitwippen und Kopfnicken, und so ließ sich selbst die Sonne für kurze Zeit blicken.

Ebenfalls begeistern konnten Tocotronic, die ihre betont locker-unterkühlte Pose, welche sie zwischenzeitlich eingenommen hatten, beiseite gelegt haben. Auch die ganz alten Songs schienen keine ungeliebte aber notwendige Dreingabe mehr zu sein, die Band hat ein gesundes Verhältnis im Bezug zum Spielen aller ihrer Stücke gefunden zu haben. Bloß das endlose Feedback gegen Ende ihres Auftritts hätten sie sich sparen können, wie schon vor Jahren wirkte diese Aktion seltsam deplaziert.

Eine hohe Hürde galt es für Mando Diao zu überspringen, denn praktisch deren gesamtes Equipment schien am Flughafen stecken geblieben zu sein. Und so wurde flugs Ersatz organisiert, um den Auftritt zu retten. Zwischendurch hatte erneut heftiger Regen eingesetzt, doch der Moderator kündigte an, spätestens beim dritten Song würde das schlechte Wetter ein Ende haben. Und tatsächlich trat diese Prophezeiung bereits während dem zweiten Stück ein, während über der Masse vor der Bühne eine gewaltige Dampfwolke schwebte. Begeisterung allerorten über die Schweden, die ohne große Umschweife mächtig rockten.

Kontroverser fiel da der abschließende Auftritt von The Polyphonic Spree aus. 24 Menschen in himmelblauen Roben und orchestral anmutender Besetzung, die ganz offensichtlich die Sonne anbeten, wenn das mal nicht nach amerikanischer Hippie-Sekte klang. Manch einer nahm dabei die Aufmachung wohl zu ernst, denn diese strahlte allenfalls Fröhlichkeit und augenzwinkernde Querverweise aus. Musikalisch irgendwo zwischen Band und Musical zu verorten schlug dem Publikum geballte positive Energie entgegen, die zum ersten Mal in ihrer ganzen Weite gefüllte Bühne bot einen unglaublich lebendigen Anblick. Und so waren The Polyphonic Spree ein mehr als würdiger Abschluss für das Haldern Pop. Danach spielten nur noch Emiliana Torrini und Francoiz Breut im Spiegelzelt, vor dem erneut mehr Menschen warteten als es von innen sahen.

Bemerkenswert ist letztlich, wie wenig Schaden die Stimmung durch das Wetter genommen hat. Gutgelaunte Gesichter strahlten aus Regenjacken, Gummistiefeln und umfunktionierten Mülltüten, auch wenn selbst die Abfahrt so manchen mit dem Auto im Schlamm Festsitzenden auf eine harte Probe stellte.
foto: Uta Bohls


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