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Melt! Festival [Gräfenhainichen, 13.-15.07.2007]

Geburtstagsfeierei
Das Melt! zelebrierte einen runden Geburtstag und sehr viele waren gekommen. Reizüberflutung und Postmoderne, ein überreichliches Programm und ein ebenso vollgestopftes Festivalgelände. Herzlichen Glückwunsch!


"can you hear the power?"
(fraktus)


Zehn Jahre, das kann eine lange Zeit sein für ein kleines Festival. Das finanzielle Risiko ist hoch, die Sicherheiten sind gering und der Aufwand ist enorm. Nun feierte das Melt! seinen 10. Geburtstag und es ist klar, dass da etwas Besonderes entstanden ist. Die Anfänge waren klein und rein elektronisch, doch nach finanziellen Engpässen und einem Ausfall im Jahr 2003 stieg das Intro-Magazin ein und das Melt! durchlief eine Metamorphose mit der Öffnung für gitarrenlastigere Acts. Auch die Größenverhältnisse änderten sich, seit 2002 haben sich die Besucherzahlen verdoppelt, eine Entwicklung die für das Festival spricht, allerdings auch neue Herausforderungen mit sich bringt.

In diesem Jahr wurde alles noch mal ein bisschen größer. Vier reguläre Bühnen sollten gleichzeitig bespielt werden, dazu gesellte sich noch ein reiner DJ-Floor. Nicht lumpen lassen wollte man sich, die Ankündigungen der Geburtstagsfeierlichkeiten waren vollmundig und euphorisch, auch wenn mit der Bekanntgabe der ersten Acts lange gewartet wurde. Doch als erst einmal das Name-Dropping begann, fand es gar kein Ende mehr. Elektronischer als noch 2006 klang es in allen Ohren, auch wenn übergroße Headliner wie die Pet Shop Boys oder Aphex Twin nicht vertreten waren. Stattdessen waren eine Reihe exklusiver Festivalauftritte angekündigt, unter anderem von Autechre, The Notwist, Motorpsycho oder Trentemøller, der gar mit Band anreiste. Dass Frankie Says Melt!, ein aus namensrechtlichen Gründen umbenannter Verschnitt von Frankie Goes To Hollywood, kurzfristig absagte, schmerzte hingegen nicht wirklich. Denn Highlights gab es bereits auf dem Papier genug: Ob Tocotronic oder Deichkind, Digitalism oder UNKLE mit Band, Mouse On Mars oder The Thermals, die Liste wollte einfach nicht enden. Dazu wurde das Melt! um eine weitere Facette bereichert, denn mit Dendemann, Dizzee Rascal und Lady Sovereign wurde erstmalig ein größerer Akzent auf Hip Hop und Konsorten gesetzt. Die größte Überraschung war aber die Ankündigung des Auftritts von Kelis, mit ihr hatte wohl kaum jemand gerechnet.

Der vorgesehene Zeitplan ließ aber das Dilemma offenbar werden, das ein so großes und fantastisch besetztes Line-Up mit sich bringt: Bereits vor dem Festival musste sich der geneigte Besucher darauf einstellen nur einen Teil der favorisierten Acts sehen zu können, denn Überschneidungen waren nicht nur unvermeidlich sondern die Regel.

Eröffnet wurde das Melt! am frühen Freitag Abend von Olli Schulz auf der Hauptbühne, dessen vorgetragene Geschichten zwischen den im Bandkontext auf die Bühne gebrachten Songwriter-Stücken allerdings etwas zu einstudiert und routiniert wirkten. Im Anschluss allerdings bereiteten I’m From Barcelona die Besucher stilgerecht auf die kommenden 36 Stunden vor: Die Hälfte der vielköpfigen schwedischen Band bestand aus Background-SängerInnen, die unermüdlich auf der Bühne umhersprangen und das Publikum mit Konfetti-Ballons beglückten, während Sänger Emanuel Lundgren schon beim ersten Song das Crowdsurfen übte. Ausgelassen, glücklich machend und mit einem hedonistischem Touch, so ließe sich auch das Melt! beschreiben. So war Owen Pallett aka Final Fantasy wohl der einzig leise Act auf dem gesamten Festival, was soundtechnisch manche Probleme bereitete. Auf der Gemini Stage spielend wurde Pallett von gleich zwei Seiten bedrängt. Von rechts dröhnte Jamie T herüber, von links waren es die DJs der Big Wheel Stage. Man musste also weit vorne stehen, um auch nur annähernd in die wunderbare Klangwelt des Owen Pallett eintauchen zu können. Doch mit jedem Stück gewann er an Kraft und irgendwann konnte man sich der so zurückhaltenden und doch charismatischen Musik nicht mehr entziehen. Ausgerechnet der leiseste Act stellte sich als einer der Größten heraus.

Abgesehen von der zu großen Dichte zur Gemini Stage während dem Auftritt von Final Fantasy bot die Big Wheel Stage allerdings nur Grund zur Freude. Tobias Thomas brachte bereits gegen 18 Uhr die Ersten zum Tanzen und dieser Zustand sollte sich bis zu Richie Hawtins Set am frühen Samstag morgen auch nicht mehr ändern. Besonders Mathias Kaden und Onur Özer legten gemeinsam ein famoses Set auf und so konnte man bereits gegen 22 Uhr die körperliche Extase riechen, eine beißende Geruchsmischung aus Schweiß und Alkohol machte sich breit. Nur die in diesem Jahr vergrößerte Bühne inklusive Pressegraben wirkte zu mächtig. Während 2006 der Übergang zwischen DJ-Kanzel und Tanzfläche fast noch fließend war, wurde nun eine stärkere Trennung vorgenommen, welche den Auftritten deutlich an Intimität nahm.

Während auf Der Big Wheel Stage also die Feierei bereits am frühen Abend begann, tobten sich auf der Hauptbühne erst einmal Gitarrenacts aus. Ein erster Höhepunkt waren The Notwist mit einem ihrer raren Auftritte. Neue und alte Songs spielten sie und berührten dabei einmal mehr ganz tief. Die Schwierigkeit, ihre massiven wie zerbrechlichen Stücke in ihrer vollen Intensität vom Studio auf die Bühne zu übersetzen, meisterten sie auf sympathischste Art und Weise. Da war es fast vergessen, dass man dafür den Auftritt der Puppetmastaz verpasste und von Ladytron nur noch die letzten Minuten erleben konnte. Den Auftritt von Lady Sovereign konnte man ebenso abhaken, denn sie spielte kurz darauf im Melt!Klub auf der Zeltbühne, wo häufig schon vor Beginn der Acts kaum noch ein Hineinkommen war.

Doch die Qual der Wahl hatte man dennoch: Sollte man sich lieber von Motorpsycho oder Autechre bedröhnen lassen, zu Tiefschwarz abgehen oder Dendemanns Performance auf der Hauptbühne sehen? Aufgrund von Zeitverzögerungen konnte man sich kaum noch auf den Zeitplan verlassen, Spontaneität und eine gewisse Gelassenheit ob der vielen verpassten guten Acts waren essentiell. Zum Glück lagen die Bühnen sehr nah beieinander, so dass man im Zweifelsfall zwischen den einzelnen Shows hin- und herspringen konnte. Dies war im Melt!-Ambiente eine wahre Freude. Die über den Bühnen thronenden Schaufelradbagger wurden in verschiedenen Farben illuminiert und erzeugten eine Atmosphäre zwischen urbaner Postmoderne und Endzeitstimmung a là Mad Max.

Und dann spielten da noch The Thermals im Zelt, wo sie eine außerordentliche Stimmung erzeugten, ohne besonders viel dafür tun zu müssen. Bei diesem Festivalpublikum schien das aber auch kaum notwendig, fast jede Band wurde mit außerordentlichem Enthusiasmus empfangen. So wurde auch Dendemann auf der Hauptbühne entsprechend abgefeiert, auch wenn dessen Präsenz sich genau auf die Bühnenmitte beschränkte. Kaum einer benötigte weniger Raum, doch auch mit minimalem Aktionsradius wurde er dem Anspruch, momentan einer der besten und wichtigsten Rapper deutscher Sprache zu sein, gerecht.

Erwarten konnte man auch viel von Dizzee Rascal, doch das von seinem Sidekick ewig wiederholte „Germany, make some noise!“ nervte mit der Zeit gewaltig. Dafür schwang er anschließend noch mit den verbliebenen Zuschauern vor der Hauptbühne zu Goldie & MC LowQui ordentlich die Hüften, während bereits die Sonne aufging. Gegen sieben Uhr morgens wurde dann auch den Wighnomy Brothers und Richie Hawtin der Saft abgedreht und wer noch immer nicht genug hatte, konnte noch auf den Sleepless Floor außerhalb des Geländes gehen. Kaum zu glauben, wie viele Endorphine manche Menschen über eine Nacht hinweg ausschütten können und anschließend noch immer genug Energiereserven besitzen, um morgens weiter zu tanzen…

Aber an schlafen war am Samstag morgen auch kaum zu denken. Die Sonne schien wie schon lange nicht mehr und bis zum Mittag stieg das Thermometer auf über 35 Grad Celsius, immerhin versprach der See reichlich Abkühlung. Umso beliebter war das Baden, da es zudem nur sehr wenige sanitäre Anlagen vorhanden waren. Diese Problematik hatte es bereits im letzten Jahr gegeben. Da hatte der Veranstalter eindeutig verschlafen, zumal in diesem Jahr noch mehr Tickets verkauft worden waren. Als Walter Schreifels am späten Nachmittag die Hauptbühne für die zweite Runde eröffnete, war von der großen Gästeanzahl noch nicht viel zu sehen, gerade eine Handvoll Menschen lauschte seinen Songs. Bei den Rifles, die gegen 19.30 Uhr mit ihrem Set begannen, standen jedoch bereits mehr Menschen vor der Hauptbühne, als bei den Hauptacts in der Nacht zuvor. Bemerkenswert für ein Festival, bei dem der Zenit des Feierns in der Regel nicht vor 2 oder 3 Uhr überschritten wird. Doch offensichtlich wurden für Samstag eine Menge Tageskarten verkauft, die Masse der Menschen nahm immer weiter zu. Hot Chip galten vielen als ein heimlicher Höhepunkt des Festivals, doch gleichzeitig wurden die weiteren Bühnen von Stereo Total, Jake The Rapper und Erase Errata bespielt. Letztere traten im Zelt vor vergleichsweise kleinem Publikum auf, doch die Resonanz des Auftritts war völlig zu Recht überwältigend.

Lo-Fi-Fnk hingegen hatten eine Menge Pech. Den ersten Song mussten sie fünf Mal anspielen, da die Musik immer wieder aussetzte und auch danach hörte sich der Sound an, als würde ein Küchenradio verstärkt werden. Dennoch wurden sie frenetisch gefeiert, das Publikum tanzte und johlte ununterbrochen.

Die Masse der Besucher vergrößerte sich zusehends und bald war das Gelände an allen Ecken und Enden vollgestopft mit Menschen. Nach Angaben des Veranstalters war die Platzaufteilung optimiert worden, um dem großen Besucherandrang gerecht zu werden, doch das Gelände war dafür eindeutig zu klein. Überall drängten sich die Menschen, es gab kaum noch Sitzgelegenheiten oder etwas freien Raum zur Entspannung. Das große Interesse ließ sich aber einfach mit dem fantastischen Line-Up erklären, dessen Höhepunkte besonders am Samstag stattfanden. Wegen ihres aktuellen Albums war natürlich der Auftritt von Tocotronic von besonderem Interesse doch dafür musste man auf Goose und Hey Willpower verzichten. Letzteres war der erste Act, der eine Zugabe spielen durfte, da die Fans trotz einsetzender Hintergrundmusik nicht zu jubeln aufhörten. Im Anschluss musste man sich zwischen dem Black Rebel Motorcycle Club und Mouse On Mars entscheiden, während die Big Wheel Stage bei Booka Shade völlig überlaufen war.

Als ein designierter Hauptact und mit dementsprechend obligatorischer Verspätung betrat Kelis die Bühne und sorgte für viel Wirbel. Musikalisch nur mäßig spannend wusste sie aber durch eine Menge Attitüde und ihr Interesse für „weird German porn“ aufzufallen. Dabei wirkte sie ungleich sympathischer als der unvermeidliche Jan Delay, dessen Ansagen ungefähr dem Niveau seiner öffentlichen Statements entsprach. Aber zum Glück bot das Meltfestival reichlich Alternativen: Trentemøller und UNKLE traten je live mit Band auf, Shitdisco und The Presets brachten das Zelt zum Toben. Doch ein absoluter Höhepunkt waren sicherlich Simian Mobile Disco auf der Big Wheel Stage: Zwei Silhouetten sprangen um einen runden mit elektronischen Arbeitsgeräten angerichteten Tisch herum und feuerten einen Elektronik-Bastard auf das Publikum, der wohl niemanden stehen ließ. Da fiel selbst das während dem Auftritt über dem Gelände gezündeten Feuerwerk zum Melt!-Geburtstag kaum auf. Ein großes Ding hat sich da angebahnt, dass noch deutlich frischer als die kurz darauf auf der Hauptbühne feiernden Deichkind. Vor deren Show sorgte erstmal das als fiktive Technolegende Fraktus auftretende Studio Braun für einige Verwirrung. Danach rastete eine riesige Menge kollektiv aus, während Deichkind auf der Bühne wieder einmal alle Konventionen über Bord warfen. Wenn man sie allerdings schon mehrfach gesehen hatte, dann verlor dieser riesige Kindergeburtstag für Jungs deutlich an Spannung. Stattdessen konnte man aber auch zu DJ Hell oder dem Cereal/Killers-Kollektiv in den Tag hineintanzen. Da hatten sch auch schon die Platzverhältnisse vor und zwischen den Bühnen etwas entspannt. Besonders am Samstag war der Zeitplan überreichlich mit spannenden Auftritten gefüllt, doch eine überreichliche Anzahl an Besuchern war die negative Folge dessen. 16.000 Karten waren laut Veranstalter abgesetzt worden, die Grenzen der Auslastung sind dabei fast schon überschritten worden. Der Atmosphäre war diese Masse aber in jedem Fall abträglich, da beengte Platzverhältnisse für unnötige Anspannung sorgen. Ein großer Reiz des Melt! ist die Symbiose von Reizüberflutung durch das Ambiente und relativer Intimität durch Überschaubarkeit und Nähe zu den Bands und DJs. Durch das Wachsen des Festivals wird dieses Verhältnis strapaziert, aber vor diesem Dilemma steht wohl jeder Veranstalter, dem nicht nur Wirtschaftlichkeit sondern auch gelungenes Festival am Herzen liegt. Es bleibt also nur noch zu sagen: Herzlichen Glückwunsch liebes Melt!, es war wunderschön auf Deinem runden Geburtstag.
foto: uta bohls


melt! festival
intro

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Hansen Band [Keine Lieder Über Liebe]

"Und erst recht nicht dieses hier".
Die Hamburger Band Hansen, eigentlich dem Film Keine Lieder Über Liebe des Regisseurs Lars Kraume entsprungen, bewegt sich zwischen gekünstelt real und authentisch gespielt.



"na klar hab ich angst. die können mich trotzdem am arsch lecken!"
(markus hansen)


Die "Rocklopedia Fakebandica" von T. Mike Childs beschäftigt sich biographisch mit denjenigen populären Bands, welche nur in dem Paralleluniversum des Films existieren. Dazu gehören natürlich Spinal Tap genauso wie Fuck You Yankee Blue Jeans aus Kevin Smith’s "Clerks" oder Barry Jive and the Uptown Five aus "High Fidelity". Was die Hansen Band anbelangt, so sind diese ein hochspezieller Fall, der sich zwischen unserer Wirklichkeit und eben jener Scheinwelt bewegen. Keiner der vielen Konzertbesucher der inszenierten Clubtour der Band aus dem Hamburger Grand Hotel Van Cleef kann deren Wahrhaftigkeit bestreiten. Dennoch leben sie auch in und durch den pseudodokumentarischen Film "Keine Lieder Über Liebe" von Lars Kraume. Wenn dort Sänger Markus Hansen sagt, dass sich das letzte Album der Band nicht sonderlich gut verkauft habe und sie auf der anstehenden Tour einfach nur eine gute Zeit haben wollen, dann klingt das selbstverständlich authentisch, bis auf den Aspekt, dass das vorliegende Album der Hansen Band in unserer Welt tatsächlich deren Debüt Album ist. Und es fraglich sein dürfte, ob diesem noch ein weiteres Folgen wird. Nicht, weil es sich wie das fiktive Vorgänger Album schlecht verkauft, sondern vielmehr, weil es fraglich ist, ob die einzige fiktive Person der Band, eben jener namengebende Markus Hansen, in unserer Welt als Schauspieler Jürgen Vogel tätig, tatsächlich Zeit für eine weitere Aufnahme mit der Band haben wird. Das alles nur zur einleitenden, allgemeinen Verwirrung.

Selbstverständlich ist jedem, der sich mit dem auseinandersetzt, was weitläufig als deutschsprachiger Indie Rock subsumiert wird klar, dass sich hinter dem Namen Hansen keine Geringeren als Tomte’s Thees Uhlmann, Kettcar’s Marcus Wiebusch, Olli Schulzes Hund Max Martin Schröder und Home Of The Lame Singer/Songwriter Felix Gebhard verbergen. Und eben Jürgen Vogel, aka Markus Hansen als Sänger. Somit sind Hansen ein wenig wie die Blues Brothers, eine aus einem Film herausgewachsene Band, die es mit der echten Welt aufzunehmen weiß.

Hansen erscheinen zwar wie ein Allstar Projekt des Hotel Labels, schließlich sind die drei Köpfe des Hauses, Uhlmann, Wiebusch und Reimer Burstorf – letzterer nicht leibhaftig, aber als Liedschreiber anwesend – involviert. Da sich im allgemeinen jedoch die Stimme als überblendendes Charakteristikum durchsetzt, klingen sie auch ein wenig nach einer tomtekettcaraffinen Coverband, einer jener Bands, die es sich auf dem Trittbrett einer populären musikalischen Ausrichtung bequem gemacht haben, um hier und da Aufmerksamkeit und Verträge einfahren zu wollen. Dies dürfte unzweifelhaft daran liegen, dass die Stücke von Thees Uhlmann nun einmal eindeutig nach Tomte klingen, selbst wenn der notorisch mürrisch daherkommende Uhlmann nicht persönlich am Mikrofon steht; Jürgen Vogel hat eindeutig von ihm gelernt, denn diese melancholisch gequälte Stimme intoniert auch dieser in Frankreich einwandfrei. hansen Und Marcus Wiebusch, der als Songschreiber schon Parallelen zwischen seiner alten Band …but Alive und der Jetzigen kaum von der Hand weisen kann, erfindet sich für Hansen ebenfalls nicht neu. Das wäre auch schwer vorzustellen, schließlich fischt man mit der Band in den gleichen Gewässern wie eben erwähnte. (Mit Strand hat man sogar ein Stück im Programm, welches nicht nur wie ein Alternate Take des alten Non-Album Tracks Hippie von Kettcar klingt, sondern tatsächlich bis auf ein paar Detail Veränderungen am Text und einem überarbeiteten musikalischen Arrangement Kettcar ist.) So erinnern Zeilen wie "Und niemand ist gerne alleine / Wenn ein Krieg ausbricht / Und niemand ist gerne zu dritt / wenn eine Träne fließt" (Frankreich) nicht von ungefähr an den kantigen Seelenschmerz von Tomte Songs, oder "Und was man verdient / Ist nicht was man bekommt / Willkommen an der Front" (18. Stock) an die optimistische Midlifecrisis Theatralik von Kettcar Stücken. Lediglich die von Max Martin Schröder geschriebenen Beiträge klingen ein wenig neu, ein wenig nach dem Stil, den man Hansen vielleicht zuschreiben möchte, würden sie denn tatsächlich existieren. Dies liegt aber vermutlich eher daran, dass Schröder mehr als Backgroundmusiker hinter seinem Bandkollegen Olli Schulz steht, und sein persönlicher musikalischer Output weniger geläufig ist.

Das Songwriting ist natürlich nicht alles, und so sticht Jürgen Vogel als Besonderheit ins Auge. Nur vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte der Band, des Films, seiner selbst als Figur des Markus Hansen, kann Vogel tatsächlich überzeugen. Kann damit überraschen, dass man es ihm nicht zugetraut hätte. Dass man die vielen singenden Schauspieler und Schauspielerinnen kaum ernst nehmen möchte, ob der vielen gescheiterten Versuche, auch wenn sich darunter immer wieder unerwartete Überraschungen wie zuletzt Julia Hummer verbergen. Fühlt mit, wenn er hinter der Bühne Salz in Wunden gestreut bekommt und dann doch raus muss. Freut sich über den Enthusiasmus der so authentisch rüberkommt und der Angst die sich lampenfiebrig in seinen Augen spiegelt. Lässt man all dies jedoch beiseite ist Vogel ein mittelmäßiger Sänger, der kaum wirklich zu überzeugen weiß. Das ist aber genau der Aspekt, den es zu betrachten gilt. Während man im Film mit großen Augen die Akteure auf den Clubbühnen unseres Landes verfolgt, verlieren sich diese visuellen Bestandteile des Konzeptes Hansen auf Platte gepresst. Kein zwischenmenschliches Drama hinter der Bühne nachdem Markus Hansen mit Tränen in den Augen trotzig auf die Bühne kommt, ganz der Profi, ein pflichtbewusstes "Ich muss da jetzt raus" auf den Lippen.

Was hier also mit dem Album "Keine Lieder Über Liebe" vorliegt ist mehr eine Zusammenfassung, eine originell arrangierte Best Of Kompilation des Grand Hotel Van Cleefs, als eine eigenständige, innovative Neuerrungenschaft. Und über die Existenzberechtigung von Best Of Platten außerhalb ökonomischer Perspektiven darf man getrost streiten. Dann lieber die Tour besuchen oder gleich auf das neue Tomte Album warten, welches im Frühjahr erscheinen wird.
foto: felix gerhard


hansen band
"keine lieder über liebe"
grand hotel van cleef 2005 cd
hansen band

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Olli Schulz Und Der Hund Marie [Das Beige Album]

Seiltanz mit Hund.
Das beige Album von Olli Schulz und der Hund Marie ist zwar nicht das weiße Album der Beatles, hat aber seine ganz eigenen Vorzüge.


"denn wenn du bei mir bist, die zeit mit mir vergisst,
dann ist das ein gefühl, als wenn das glück mich küsst.
"
(bettmensch)

Die Virtuosität eines Seiltanzes kann man schlecht bestreiten. Graziöse Bewegungen, halsbrecherische Sprünge und immer die Gefahr zu fallen, rauben uns dem Atem. Seiltänzer erscheinen meist unwirklich, kann es doch nicht möglich sein, dass Menschen sich in Schwindel erregender Höhe in Gefahr bringen, und das ganze auch noch freiwillig.

Doch eigentlich ist es im gewöhnlichen Leben ja nicht anders. Denn trotz festem Boden unter den Füßen gilt: wer sich nicht halten kann, der fällt. Ständig lauern Gefahren, die uns besagten Boden und den Füßen wegreißen können, wie ein starker Windstoß dem Tänzer sein Seil. Es sind alltägliche Gemeinheiten, peinliche Fehler oder ach so oft die große Liebe, die uns vor den Kopf stoßen und uns umschmeißen. Doch da es dort unten nicht sonderlich behaglich ist, stehen wir wieder auf. Und wieder auf und wieder auf.

Olli Schulz hat diese Erfahrung bereits gemacht, hat in seinen 30 Jahren Lebenszeit schon einige Fehler gemacht und dabei doch nie seinen Mut zum Aufstehen verloren. Denn "trotzdem ist er irgendwo angekommen", singt trotzdem "zuversichtlich seinen Song". Jetzt Gerade Bist Du Gut ist eine Perle des neuen "Beigen Albums" von Olli Schulz und der Hund Marie und gerade gut, das ist er wirklich.

Trotzdem, ein bisschen spaltet der kleine Mann mit dem sympathischen Akzent die Geister: die einen halten ihn für einen begnadeten Geschichtenerzähler und tief schürfenden Musiker, die anderen finden ihn eigentlich nur albern. Und überhaupt, der Hund Marie? Dieser heißt in der wahren Welt Max Schröder, ist vielschichtiger Musiker und trägt manchmal auf der Bühne ein Hundekostüm. Und hat außerdem ein Talent dafür, Ollis Songwriter Stärken zu optimieren.

"Manchmal singt man Lieder, die hält man selbst kaum aus."

Die Kluft zwischen anspruchsvoller Alltagstragik und fast schon peinlichem Scherzen kann man wirklich erahnen, wenn Olli beispielsweise in The Message eine Mitteilung in schlechtestem Englisch macht, die so albern ist, dass sie ihm wohl irgendwann selbst zu blöd wird. Doch Olli Schulz und sein Hund Marie halten die Balance zwischen Tragikomik, aufrichtigem Herzschmerz und abstruser Komik. Kein Mensch kann wie er über Affenbären, Plastiktüten und Pyjamas singen, ohne dabei albern oder kindisch zu klingen. Der frühere Roadie von beispielsweise Peter Maffay schafft geschickt eine gelungene Mischung aus zarten Songs über Liebe, Sehnsucht oder die kleinen Glücksmomente des Lebens und "den Mut, es mit allem Schwachsinn, den dieser Planet zu bieten hat, aufzunehmen". So sind einerseits eindringliche Balladen auf dem "Beigen Album", wie das unter die Haut gehende Der Film Beginnt ("Nimm es hin, es macht Sinn, die besten Szenen kannst nur Du sehen") oder das traurig-schöne Lange Was Defekt, welches allein mit Gitarre begleitet den schmerzhaften Untergang einer Liebe erzählt. Ein wenig eigenartig kommt der Affenbär daher, welcher angelehnt an den Hasen Harvey aus dem 1950er Film "Mein Freund Harvey" als unsichtbarer Freund den "erfolglosen Songwriter 'Stube'" begleitet. Das mag albern klingen, heraus kommt jedoch ein poetischer Song über Einsamkeit und Freundschaft. Neben diesen eher ruhigeren Nummern gibt es andererseits aber auch Songs, zu denen man ungestört gemeinsam mit dem Klappskalli, oder wie die wieder aufgeweckten Leichen in Jetzt Gerade Bist Du Gut durchs Zimmer tanzen kann. In Dann Schlägt Dein Herz singt Olli zwar, dieses Land sei "nicht für Rock 'n' Roll gemacht", die Band beweist mit ihrer bluesigen Rockmusik aber das Gegenteil. Und wer nach der Ankunft Der Marsianer, dem selbsternannten schnellsten Countrylied der Welt, immer noch nicht überzeugt ist, gehört eben zu den Bösen und wird vom Superhelden Bettmensch - halb Bett und halb Mensch - verschlafen. Ach nein, bestraft.

Das "Beige Album" ist ein ehrliches Album, dessen besonderer Charme gerade in der Kombination aus Ernsthaftigkeit und Komik liegt. Vielleicht sind, ähnlich dem Bettmensch, gerade die Schwächen seine Stärken. Ohne Frage ist Olli Schulz jedenfalls der neue alte Stern des Grand Hotel van Cleef und uneingeschränkt zu empfehlen. Die Welt bräuchte mehr solcher sympathischer Songschreiber, die sich selbst und die Welt nicht zu wichtig nehmen, trotzdem die Herzen bewegen und dabei so natürlich sind, dass man sie gerne als Nachbar hätte.
Wer behauptet da noch, Hunde könnten nicht seiltanzen?
foto: felix gebhard



olli schulz und der hund marie
"das beige album"
grand hotel van cleef 2007 cd
olli schulz und der hund marie

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Olli Schulz Und Der Hund Marie [Kassel, 04.06.2004]

Ein Mann und sein Hund.
In der Zwischenwelt von Singer/Songwriter und Stand-Up Comedian.



"und bruce spielt wieder ohne e-street band."
(weil die zeit sich so beeilt)

Waldorf und Stadler sitzen seit jeher fest in ihrer roten Loge und machen es keinem der darbietenden Schauspieler auf der großen Muppetbühne leicht, sie angemessen zu unterhalten. Eine urbanere Analogie dieser beiden stets sarkastischen Handpuppen stand auf dem Olli Schulz und der Hund Marie Konzert direkt vor mir: ein langhaariger, dunkel bekleideter Freund des harten Gitarrenrock, und sein Koteletten bestückter Kompadre aus dem Rockabilly Lager mit Flammen auf dem Hemd und Fifties Grease Frisur.

Der Hamburger Olli Schulz reiste ohne Hund Marie an, da die beiden kein Auto besitzen, und so nur die Hälfte der Band als Beifahrer auf Tour gehen konnte. Olli Schulz tauchte letztes Jahr plötzlich, auf dem nicht mehr länger als Geheimtipp gehandelten Label Grand Hotel Van Cleef auf, und überraschte mit frischen Liedern über den Alltag und allem was man damit verbindet. Musiktechnische Versiertheit sollte man bei diesem jungen Herrn jedoch vergebens suchen, vielmehr weiß er zu erzählen. Zwischen den Liedern sprach er mit dem Publikum über seine Ansichten was das persönliche und öffentliche Zeitgeschehen betrifft, und freute sich ausdauernd über den Olli Schulz T-Shirt Träger in der ersten Reihe. So erklärte er, dass er sich als Jugendlicher einmal auf einem Tracy Chapman Konzert wieder fand, und dort aufgrund seiner lauten Äußerungen sowohl vom dortigen Publikum als auch von der Band aufgefordert wurde, diese zu unterlassen. Ganz jugendlicher Anarchist, entgegnete er gelassen: "Ich bin Punkrock. Ich kann machen was ich will."

Auch die Fans, besonders die, welche sich mit einem autoreifengroßen Piercing in der Brust als Hardcore betrachten, aber nichts mit den eigentlichen Wurzeln zu tun haben, verachtete Olli Schulz an diesem Abend gelassen. Nichtsdestotrotz sollte er sich am nächsten Tag auf dem von allen Medien angepriesenen Rock am Ring Festival, vor einer Vielzahl eben dieser Zuschauer behaupten. Eine zweifelhafte Ehre, die ihm aufgrund des Absagens der dänischen Band Kashmir zu Teil wurde. Er möchte gern etwas Provokatives auf der dortigen Bühne machen, gab er an, aber er würde sich am Ende doch nicht trauen seinen wunderbaren Reim „Rock am Ring, lutsch mein Ding“ ins Mikrofon zu brüllen. Schade. Es hätte dem gemäßigten Anarcho-Liedermacher gut gestanden. Dennoch gefiel es ihm sichtlich in seinen zum Programm gehörenden Anekdoten, Wortspielen und Lügengeschichten ("Und das ist alles gar nicht wahr.") vermeintliche Alternative Stars, welche die Medien mitsamt der Bezeichnung hervorgebracht haben, mit einem Lächeln zu diskutieren: Als peinlichste Darbietung stellte er so die Münchner Band Emil Bulls da, welche auf einem Festival nach ihm auftraten, und das johlende Publikum mit den Worten "Ihr werdet springen. Ich weiß, ich werdet springen!" begrüßten. In seiner Situation ist es ihm ein leichtes sich hinter solche Musikindustrie kritischen Äußerungen zu stellen, und er nutz diese sehr zum Gefallen des Publikums immer wieder aus. Da wird über die Berliner Mia. gespottet, welche auf einem Festival nach einer Antifa Demonstration die Bühne nicht betreten wollen, und über den intellektuellen Ex Black Flag Sänger Henry Rollins entschuldigend die Worte "Henry Rollins hat keinen dicken Hals, nur einen kleinen Kopf" gesungen. Während er sowohl Stücke seiner neuen EP "Unten mit dem König", welche er mehrfach anpries, jedoch nicht ohne Stolz hinzufügen musste, dass sie auf seiner Tour bereits ausverkauft ist, und Liedgut aus früheren Tagen seiner einjährigen Karriere darbot, lauschte ihm das Publikum hingebungsvoll und lachte immer wieder an den Stellen, die er dafür vorgesehen hatte, oder schwelgte in der akustischen Schwermut.

"Und wir werden nicht verbrennen in den Fehlern die wir kennen / Nein so wollten wir nie werden und so werden wir nie sein."

Olli Schulz ist gut darin, den schüchternen Jungen mit der Gitarre zu spielen, der ab und zu unbekümmert seine Gedanken zum Ausdruck bringt. Und so waren am Ende selbst Hardrock Waldorf und Rockabilly Stadler begeistert.
foto:



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