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Kilians [Fight The Start]

26°, Halbschatten, Vanilleeis, Bikini. Aus den Lautsprechern dudelt „Fight the start“. Es gibt Musik, die dem perfekten Tag noch den letzten Schliff verleihen kann, sozusagen die Potenzierung des absoluten Glücks.


"i got something on my mind tonight."
(something to arrive)


Heute ist es passiert, so sollte er aussehen, ein ewiger Sonntag ohne Wochenanfang. Was mir hier zu Ohren kommt ruft sofort Erinnerungen wach, fünf junge Burschen mit Gitarre, Bass und Schlagzeug auf einem schäbigen Bus, hinter ihnen geht nach regnerischen Stunden die Sonne am blauen Himmel unter- es ist fast zu kitschig um wahr zu sein. Das waren die Kilians auf dem Haldern Pop-Festival 2006, der Eindruck den sie hinterließen ist bleibend, die Vorfreude auf die vorliegende EP „ Fight The Start“ groß.

Die Kilians, das sind die fünf Freunde aus Dinslaken, sie haben Gitarren und jede Menge Elan und Spielfreude im Gepäck, klingen so gar nicht deutsch und klettern seid einigen Monaten immer höher auf der Karriereleiter Pop. Und trotz einer bis dato relativ kurzer Bandhistorie verfügen die jungen Männer über eine anständige Medienpräsenz, die wohl nicht zuletzt von der Begeisterungsfähigkeit eines gewissen Herrn Uhlmann herrührt.

Tomte-Papa Thees Uhlmann attestierte den Kilians schon 2006 großes Potential, rührte kräftig die Werbetrommel und bewies mit seinem Engagement wieder mal ein glückliches Händchen in Sachen Talentsuche.

Die Kilians haben schon früh die Presse auf den Plan gerufen , man fühlte sich bemüßigt bisweilen weit hergeholte Vergleiche aus dem Hut zu zaubern und leichtfertig alt und neu über den gleichen Hype- Kamm zu scheren, da wurde analysiert was das Zeug hält. Das Ergebnis sind Zeilen wie “schon jetzt besser als Mando Diao“, “die zweiten Strokes“, die es dem Hörer schwer machen dem ersten Eindruck subjektiv und unvoreingenommen zu lauschen.

Eigentlich unerhört, erst so kurz im Geschäft und schon von Vergleichen verzerrt, da wird eine Band von vorneherein auf die Gemeinsamkeiten zu anderen Vertretern der Britpop / Indie-Pop-Szene reduziert. Will die Presse eigentlich nur loben, reflektieren diese augenscheinlich schmeichelhafte Kommentare doch die Müdigkeit der Öffentlichkeit sich mit Musiken auseinander zu setzen die im ersten Moment Verwandtschaft zu anderen Kollegen bekunden. Waghalsig proklamiert man Scheinwahrheiten und entsagt der Band letztlich den eigenen Ideenfundus, die Fähigkeit aus eigener Kraft in den Rock 'n' Roll Himmel aufzusteigen. Zu verleugnen sind die Ähnlichkeiten zu besagten Bands dennoch nicht ganz und die Kilians haben diese Assoziation eigenhändig geschürt, durch - das muss auch eingestanden sein-, sehr ordentliche Coverversionen von Übervätern und Vorbildern Strokes.

Doch diese haargenaue Gegenüberstellung entpuppt sich als hinfällig, die Kilians machen sich den von Bands wie The Hives oder eben Strokes gepflegten Garage-Punk zu Eigen, und spezifizieren in nur vier Titeln eine kleine neuartige Machart die man bei anderen Größen auch zwischen den Zeilen nicht entdecken kann.

Da finden sich die kratzbürstige (und überdies außergewöhnlich charakterstarke) Stimme von Simon den Hartog, lautstarke yeah yeah yeahs, Gitarrensoli allererster Sahne, kaum verständliches Slanggerotze und treibende Rhythmen wohin das Ohr hört - da ziehen die Kilians alle Register spaßbesessener Publikumsmusik, flott und juvenil, auf englisch natürlich, Kelleratmosphäre bester Güte. Die Nebenwirkungen erscheinen ebenso vorhersehbar wie plausibel, auch die Kilians bedienen wie duzende von Bands vor ihnen das Klischee der Hipster-Generation, wo von spindeldürre Ärmchen in Lederjacken bis zu tanztauglichem Wuschelhaar alles aufgefahren wird um die korrekte musikalische Grundeinstellung nach außen zu tragen und man sich ignorant und überlegen gibt.

Das kennen wir mittlerweile und die gesunde Mehrheit lässt sich schon längst nicht mehr beeindrucken von snobistischen Gehabe vor - wie konsequentem auf hohem Ross sitzen - hinter der Bühne. Schon zu oft ist die Musikalität zugunsten äußerlicher Extravaganz gewichen, mit oft schmerzlich hörbarem Ergebnis, ein guter Haarschnitt eben befähigt niemanden zu einer rundum positiven Ausstrahlung, und schiefe Nasen und Haarausfall haben noch niemanden daran gehindert erfolgreich die Klampfe zu schwingen.

Doch Skepsis ist bei den Kilians nicht angebracht, denn lancieren sie auch mit größtem Geschick das Bild einer selbstbewussten, bisweilen sogar narzisstisch anmutenden Jungs-Bande, hinter der medienwirksamen Kulisse greift pures musikalisches Talent in intelligenten Charme und sympathische Natürlichkeit. Wohltuend endlich wieder eine junge Band zu hören, in welcher der Sänger jeden Ton sauber intoniert und das musikalische Repertoire sich nicht auf drei Akkorde beschränkt.

Und neben den schmissigen und sorglosen Tanz und Schunkel-Songs Fight The Start und Merely Marginal Juxtaposed die nicht die geringste Anstrengung abzuverlangen scheinen, offerieren die Kilians in Something To Arrive und Suburban Lies eine fast melancholische Ader und erzeugen spielend eine seltsam dringliche Beklemmung, ein herbstlich schwerer Blick in die Zukunft ohne den Blick abzuwenden. Da wäre man beinahe in die Falle Voreingenommenheit getappt. Denn diese Zeilen und Takte könnten niemals von den Strokes stammen. Die Attraktivität der Kilians lässt sich begreifen als kongruentes Wirken von innerlichem Befinden und öffentlichem Produkt. Sie spielen ohne jegliche Angst zuviel Preis zu geben auf, alles geht ohne Hemmschwelle impulsiv nach vorne ins Publikum, in die weite Welt, Simon den Hartog, Dominic Lorberg, Gordian Schulz, Michael Schürmann und Arne Schult üben sich nicht in vornehmer Zurückhaltung, sondern präsentieren der Hörerschaft die volle Breitseite extrovertierten Lebensgefühls. Jede Phrase pulsiert, Rhythmus und Dynamik auf den Punkt, befreiender Gesang, man merkt das hier Freunde am Werk sind. Eine Eigenschaft die keinesfalls selbstverständlich ist, jeder kennt das Bild der Band in der jeder für sich auf der Bühne steht, und die dröhnenden Gitarrenklänge trotz Lautstärke nach innen zu gehen scheinen.

Keinen Moment erwischt man den Eindruck eine Formation vor sich zu haben, die sich normalerweise rein auf Banddauer und Alter bezogen Newcomer band schimpft. Nein, der Begriff bedarf hier gründlicher Korrektur, dem sind die Kilians schon längst entwachsen.

Sie geben dem Zuschauer keine Zeit sie mögen zu lernen, Liebe auf den ersten Blick oder lebenslange Enthaltsamkeit, das ist Musik für die ersten Sekunden. Die Kilians wissen was sie wollen, und das ist mit Sicherheit keine Zukunft in Dinslaken, musikalische und persönliche Entwicklung geht ganz klar Richtung große Bühnen, hier strebt man mit aller Gewalt und Willensstärke nach oben, da gibt’s kein Pardon.

Erst 19-24-jährig gelingt es ihnen ihr Debüt über Major-Plattenlabel Vertigo zu vertreiben und in die Großfamilie Grand Hotel Van Cleef einzuheiraten; ein schönes weiches Polster für kommende Monate und Jahre. Hoffen wir also auf weitere Knüller aus Richtung Ruhrpott mit ein bissen Bodenhaftung aber ohne falsche Anständigkeit. Auf weitere Festivaleindrücke und Sommertage im Liegestuhl mit Soundtrack! Die Kilians machen das schon, ich bin mir sicher.
foto: thekilians.de



kilians
"fight the start"
grand hotel van cleef 2007 cd
kilians

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Hansen Band [Keine Lieder Über Liebe]

"Und erst recht nicht dieses hier".
Die Hamburger Band Hansen, eigentlich dem Film Keine Lieder Über Liebe des Regisseurs Lars Kraume entsprungen, bewegt sich zwischen gekünstelt real und authentisch gespielt.



"na klar hab ich angst. die können mich trotzdem am arsch lecken!"
(markus hansen)


Die "Rocklopedia Fakebandica" von T. Mike Childs beschäftigt sich biographisch mit denjenigen populären Bands, welche nur in dem Paralleluniversum des Films existieren. Dazu gehören natürlich Spinal Tap genauso wie Fuck You Yankee Blue Jeans aus Kevin Smith’s "Clerks" oder Barry Jive and the Uptown Five aus "High Fidelity". Was die Hansen Band anbelangt, so sind diese ein hochspezieller Fall, der sich zwischen unserer Wirklichkeit und eben jener Scheinwelt bewegen. Keiner der vielen Konzertbesucher der inszenierten Clubtour der Band aus dem Hamburger Grand Hotel Van Cleef kann deren Wahrhaftigkeit bestreiten. Dennoch leben sie auch in und durch den pseudodokumentarischen Film "Keine Lieder Über Liebe" von Lars Kraume. Wenn dort Sänger Markus Hansen sagt, dass sich das letzte Album der Band nicht sonderlich gut verkauft habe und sie auf der anstehenden Tour einfach nur eine gute Zeit haben wollen, dann klingt das selbstverständlich authentisch, bis auf den Aspekt, dass das vorliegende Album der Hansen Band in unserer Welt tatsächlich deren Debüt Album ist. Und es fraglich sein dürfte, ob diesem noch ein weiteres Folgen wird. Nicht, weil es sich wie das fiktive Vorgänger Album schlecht verkauft, sondern vielmehr, weil es fraglich ist, ob die einzige fiktive Person der Band, eben jener namengebende Markus Hansen, in unserer Welt als Schauspieler Jürgen Vogel tätig, tatsächlich Zeit für eine weitere Aufnahme mit der Band haben wird. Das alles nur zur einleitenden, allgemeinen Verwirrung.

Selbstverständlich ist jedem, der sich mit dem auseinandersetzt, was weitläufig als deutschsprachiger Indie Rock subsumiert wird klar, dass sich hinter dem Namen Hansen keine Geringeren als Tomte’s Thees Uhlmann, Kettcar’s Marcus Wiebusch, Olli Schulzes Hund Max Martin Schröder und Home Of The Lame Singer/Songwriter Felix Gebhard verbergen. Und eben Jürgen Vogel, aka Markus Hansen als Sänger. Somit sind Hansen ein wenig wie die Blues Brothers, eine aus einem Film herausgewachsene Band, die es mit der echten Welt aufzunehmen weiß.

Hansen erscheinen zwar wie ein Allstar Projekt des Hotel Labels, schließlich sind die drei Köpfe des Hauses, Uhlmann, Wiebusch und Reimer Burstorf – letzterer nicht leibhaftig, aber als Liedschreiber anwesend – involviert. Da sich im allgemeinen jedoch die Stimme als überblendendes Charakteristikum durchsetzt, klingen sie auch ein wenig nach einer tomtekettcaraffinen Coverband, einer jener Bands, die es sich auf dem Trittbrett einer populären musikalischen Ausrichtung bequem gemacht haben, um hier und da Aufmerksamkeit und Verträge einfahren zu wollen. Dies dürfte unzweifelhaft daran liegen, dass die Stücke von Thees Uhlmann nun einmal eindeutig nach Tomte klingen, selbst wenn der notorisch mürrisch daherkommende Uhlmann nicht persönlich am Mikrofon steht; Jürgen Vogel hat eindeutig von ihm gelernt, denn diese melancholisch gequälte Stimme intoniert auch dieser in Frankreich einwandfrei. hansen Und Marcus Wiebusch, der als Songschreiber schon Parallelen zwischen seiner alten Band …but Alive und der Jetzigen kaum von der Hand weisen kann, erfindet sich für Hansen ebenfalls nicht neu. Das wäre auch schwer vorzustellen, schließlich fischt man mit der Band in den gleichen Gewässern wie eben erwähnte. (Mit Strand hat man sogar ein Stück im Programm, welches nicht nur wie ein Alternate Take des alten Non-Album Tracks Hippie von Kettcar klingt, sondern tatsächlich bis auf ein paar Detail Veränderungen am Text und einem überarbeiteten musikalischen Arrangement Kettcar ist.) So erinnern Zeilen wie "Und niemand ist gerne alleine / Wenn ein Krieg ausbricht / Und niemand ist gerne zu dritt / wenn eine Träne fließt" (Frankreich) nicht von ungefähr an den kantigen Seelenschmerz von Tomte Songs, oder "Und was man verdient / Ist nicht was man bekommt / Willkommen an der Front" (18. Stock) an die optimistische Midlifecrisis Theatralik von Kettcar Stücken. Lediglich die von Max Martin Schröder geschriebenen Beiträge klingen ein wenig neu, ein wenig nach dem Stil, den man Hansen vielleicht zuschreiben möchte, würden sie denn tatsächlich existieren. Dies liegt aber vermutlich eher daran, dass Schröder mehr als Backgroundmusiker hinter seinem Bandkollegen Olli Schulz steht, und sein persönlicher musikalischer Output weniger geläufig ist.

Das Songwriting ist natürlich nicht alles, und so sticht Jürgen Vogel als Besonderheit ins Auge. Nur vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte der Band, des Films, seiner selbst als Figur des Markus Hansen, kann Vogel tatsächlich überzeugen. Kann damit überraschen, dass man es ihm nicht zugetraut hätte. Dass man die vielen singenden Schauspieler und Schauspielerinnen kaum ernst nehmen möchte, ob der vielen gescheiterten Versuche, auch wenn sich darunter immer wieder unerwartete Überraschungen wie zuletzt Julia Hummer verbergen. Fühlt mit, wenn er hinter der Bühne Salz in Wunden gestreut bekommt und dann doch raus muss. Freut sich über den Enthusiasmus der so authentisch rüberkommt und der Angst die sich lampenfiebrig in seinen Augen spiegelt. Lässt man all dies jedoch beiseite ist Vogel ein mittelmäßiger Sänger, der kaum wirklich zu überzeugen weiß. Das ist aber genau der Aspekt, den es zu betrachten gilt. Während man im Film mit großen Augen die Akteure auf den Clubbühnen unseres Landes verfolgt, verlieren sich diese visuellen Bestandteile des Konzeptes Hansen auf Platte gepresst. Kein zwischenmenschliches Drama hinter der Bühne nachdem Markus Hansen mit Tränen in den Augen trotzig auf die Bühne kommt, ganz der Profi, ein pflichtbewusstes "Ich muss da jetzt raus" auf den Lippen.

Was hier also mit dem Album "Keine Lieder Über Liebe" vorliegt ist mehr eine Zusammenfassung, eine originell arrangierte Best Of Kompilation des Grand Hotel Van Cleefs, als eine eigenständige, innovative Neuerrungenschaft. Und über die Existenzberechtigung von Best Of Platten außerhalb ökonomischer Perspektiven darf man getrost streiten. Dann lieber die Tour besuchen oder gleich auf das neue Tomte Album warten, welches im Frühjahr erscheinen wird.
foto: felix gerhard


hansen band
"keine lieder über liebe"
grand hotel van cleef 2005 cd
hansen band

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Olli Schulz Und Der Hund Marie [Das Beige Album]

Seiltanz mit Hund.
Das beige Album von Olli Schulz und der Hund Marie ist zwar nicht das weiße Album der Beatles, hat aber seine ganz eigenen Vorzüge.


"denn wenn du bei mir bist, die zeit mit mir vergisst,
dann ist das ein gefühl, als wenn das glück mich küsst.
"
(bettmensch)

Die Virtuosität eines Seiltanzes kann man schlecht bestreiten. Graziöse Bewegungen, halsbrecherische Sprünge und immer die Gefahr zu fallen, rauben uns dem Atem. Seiltänzer erscheinen meist unwirklich, kann es doch nicht möglich sein, dass Menschen sich in Schwindel erregender Höhe in Gefahr bringen, und das ganze auch noch freiwillig.

Doch eigentlich ist es im gewöhnlichen Leben ja nicht anders. Denn trotz festem Boden unter den Füßen gilt: wer sich nicht halten kann, der fällt. Ständig lauern Gefahren, die uns besagten Boden und den Füßen wegreißen können, wie ein starker Windstoß dem Tänzer sein Seil. Es sind alltägliche Gemeinheiten, peinliche Fehler oder ach so oft die große Liebe, die uns vor den Kopf stoßen und uns umschmeißen. Doch da es dort unten nicht sonderlich behaglich ist, stehen wir wieder auf. Und wieder auf und wieder auf.

Olli Schulz hat diese Erfahrung bereits gemacht, hat in seinen 30 Jahren Lebenszeit schon einige Fehler gemacht und dabei doch nie seinen Mut zum Aufstehen verloren. Denn "trotzdem ist er irgendwo angekommen", singt trotzdem "zuversichtlich seinen Song". Jetzt Gerade Bist Du Gut ist eine Perle des neuen "Beigen Albums" von Olli Schulz und der Hund Marie und gerade gut, das ist er wirklich.

Trotzdem, ein bisschen spaltet der kleine Mann mit dem sympathischen Akzent die Geister: die einen halten ihn für einen begnadeten Geschichtenerzähler und tief schürfenden Musiker, die anderen finden ihn eigentlich nur albern. Und überhaupt, der Hund Marie? Dieser heißt in der wahren Welt Max Schröder, ist vielschichtiger Musiker und trägt manchmal auf der Bühne ein Hundekostüm. Und hat außerdem ein Talent dafür, Ollis Songwriter Stärken zu optimieren.

"Manchmal singt man Lieder, die hält man selbst kaum aus."

Die Kluft zwischen anspruchsvoller Alltagstragik und fast schon peinlichem Scherzen kann man wirklich erahnen, wenn Olli beispielsweise in The Message eine Mitteilung in schlechtestem Englisch macht, die so albern ist, dass sie ihm wohl irgendwann selbst zu blöd wird. Doch Olli Schulz und sein Hund Marie halten die Balance zwischen Tragikomik, aufrichtigem Herzschmerz und abstruser Komik. Kein Mensch kann wie er über Affenbären, Plastiktüten und Pyjamas singen, ohne dabei albern oder kindisch zu klingen. Der frühere Roadie von beispielsweise Peter Maffay schafft geschickt eine gelungene Mischung aus zarten Songs über Liebe, Sehnsucht oder die kleinen Glücksmomente des Lebens und "den Mut, es mit allem Schwachsinn, den dieser Planet zu bieten hat, aufzunehmen". So sind einerseits eindringliche Balladen auf dem "Beigen Album", wie das unter die Haut gehende Der Film Beginnt ("Nimm es hin, es macht Sinn, die besten Szenen kannst nur Du sehen") oder das traurig-schöne Lange Was Defekt, welches allein mit Gitarre begleitet den schmerzhaften Untergang einer Liebe erzählt. Ein wenig eigenartig kommt der Affenbär daher, welcher angelehnt an den Hasen Harvey aus dem 1950er Film "Mein Freund Harvey" als unsichtbarer Freund den "erfolglosen Songwriter 'Stube'" begleitet. Das mag albern klingen, heraus kommt jedoch ein poetischer Song über Einsamkeit und Freundschaft. Neben diesen eher ruhigeren Nummern gibt es andererseits aber auch Songs, zu denen man ungestört gemeinsam mit dem Klappskalli, oder wie die wieder aufgeweckten Leichen in Jetzt Gerade Bist Du Gut durchs Zimmer tanzen kann. In Dann Schlägt Dein Herz singt Olli zwar, dieses Land sei "nicht für Rock 'n' Roll gemacht", die Band beweist mit ihrer bluesigen Rockmusik aber das Gegenteil. Und wer nach der Ankunft Der Marsianer, dem selbsternannten schnellsten Countrylied der Welt, immer noch nicht überzeugt ist, gehört eben zu den Bösen und wird vom Superhelden Bettmensch - halb Bett und halb Mensch - verschlafen. Ach nein, bestraft.

Das "Beige Album" ist ein ehrliches Album, dessen besonderer Charme gerade in der Kombination aus Ernsthaftigkeit und Komik liegt. Vielleicht sind, ähnlich dem Bettmensch, gerade die Schwächen seine Stärken. Ohne Frage ist Olli Schulz jedenfalls der neue alte Stern des Grand Hotel van Cleef und uneingeschränkt zu empfehlen. Die Welt bräuchte mehr solcher sympathischer Songschreiber, die sich selbst und die Welt nicht zu wichtig nehmen, trotzdem die Herzen bewegen und dabei so natürlich sind, dass man sie gerne als Nachbar hätte.
Wer behauptet da noch, Hunde könnten nicht seiltanzen?
foto: felix gebhard



olli schulz und der hund marie
"das beige album"
grand hotel van cleef 2007 cd
olli schulz und der hund marie

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Kettcar [Von Spatzen Und Tauben, Dächern Und Händen]

Befindlichkeitsfixation Strikes Again.
Kettcar wollen mit ihrem neuen Album Niemandem sagen, dass es einfach sein würde, meistern jedoch meist den Balanceakt zwischen hintergründigem Wortspiel und platter Attitüde.


"der kuchen ist verteilt, du spürst, die krümel werden knapp."
(deiche)

[Herbst 2002: Ein Bekannter sagt im Bezug auf das Kettcar Debüt, dass seine Gedanken das letzte Mal so intensiv mit den vorgetragenen Betrachtungen einhergingen, als er die erste Tocotronic Platte gehört hatte. Ohne diese beiden Bands in einen musikalischen oder inhaltlichen Zusammenhang bringen zu wollen, aber dieses Identitätsstiften, dieses jagenausoistesdoch, wie es viele mit Tocotronic popkulturell sozialisierte Men-schen beim Hören von deren Platten empfanden, erschließt sich auch der Hörergemeinschaft der Kettcar Fans.]

Diese kleinen Floskeln, diese Gedanken, die jedem irgendwann schon mal durch den Kopf gegangen sind als man mal wieder nur drei Schritte vom Abgrund entfernt war, kann wohl niemand anders als Marcus Wiebusch so wunderbar in einen lyrischen Gesamtzusammenhang bringen. Textzeilen die, jede für sich, ohne Bedenken auch im Kontext von Hauswänden, T-Shirts und Postkarten Bestand haben könnten, verbindet er mit einer plakativen Selbstverständlichkeit, die sowohl oberflächlich als auch bei intensiver Betrachtung zu funktionieren scheinen. Asso-ziationsketten die sich im Kern um die eigene Befindlichkeit drehen, denen es jedoch gelingt, aus der Befindlichkeitsfixation des Protagonisten heraus, stets auch genügend Raum für die persönliche Interpretation des Rezipienten zu lassen. Befindlichkeitsfixation. Eines der Wörter, die als unmöglich in einen Liedtext einzubringen betrachtet werden dürfen, im Debüt Album "Du Und Wieviel Von Deinen Freunden" jedoch gleich zweimal Einzug hielten. Bei dem neuen Album scheint dieser selbstreflektorische Ansatz jedoch ein wenig in den Hintergrund gerückt zu sein. Nicht von ungefähr scheinen die fünf Herren von Kettcar auf dem Plattencover im Gegenlicht zu stehen, nur als schattenhafte Silhouetten erkennbar, aber dennoch deutlich genug, um sagen zu können: das sind Kettcar.

"Zu erkennen dass man glücklich ist, ist Kunst" (Anders Als Gedacht).

Heraustretend aus dem allgemeinen medialen Tenor aus grenzenlosem Selbstmitleid und unabwendbarem Harzt IV Schicksal, und der daraus resultierenden resignierten Passivität der Bevölkerung, proklamieren Kettcar bewusst, einen positiven Ansatz im gegenwärtigen Unbill. Auf eine gewisse Art ist in dieser Hinsicht das Stück Einer etwa, ein politisches Statement, bei der sich die Band gegen die steten Schuldzuweisungen der Gesellschaft positioniert. "Counterstrike, Markus Merk, Mp3s, Courtney Love, deine Eltern, meine Eltern, Wind und Wetter, alle Eltern". "Ich würde aufhören, wenn aufhören heißt, es hört auf", bieten sie eine aussichtslose Kompromissbereitschaft an.

Kettcar transportieren in ihren Stücken eine scheinbar gnadenlos ehrliche Sicht der Dinge, und schaffen es immer wieder falschen Pathos, zu oft bediente Klischees und perfide Oberflächlichkeiten mit ihrer ganz eigenen, metaphorischen Art auszuweichen. Melancholie. Ratlosigkeit. Resignation. Verlorenheit. Ein Anliegen, was Mal mehr mal weniger gut gelingt. Aber doch immer mit der Hintertür der Hoffnung, die am Ende offen steht, weil man es auf dem Weg jenseits der Dreißig gelernt hat, Prioritäten zu setzen. Ehrlichkeit als Zünglein an der Waage zwischen Hoffnung und Enttäuschung. "Es ist besser für das was man ist gehasst, als für das was man nicht ist, geliebt zu werden." Und wenn sich Marcus Wiebusch in dem Stück Balu sogar der Liebe als solche nähert, der Liebe, die entsteht, wenn die Romantik vorüber ist, einer Liebe die sich den Hollywood und trivialliterarischen Verblümungen trotzig entgegenstellt, dann ist da dennoch ein Hauch von mittelständigem Pathos und Prä-Midlifekrisen Weisheiten zu spüren. In dem außergewöhnlichen Song Stockhausen, Bill Gates Und Ich - einem charismatischen Up Tempo Stück, welches eine Anekdote über Bill-Microsoft-Gates, dem Komponisten und Multi Tool Karlheinz Stockhausen und dem gebrochenen Daumen von Carlos Santana erzählt - erschwert man sich die bitter verdiente Ernsthaftigkeit im Auge des Betrachters, in dem man als Stilmittel im Refrain einen ganzen Kinderchor heranzieht, der zunächst zwar ein überraschtes ist-das-jetzt-Rolf-Zuckowski-Naserümpfen, später aber ein klares Gefühl von Selbstverständlichkeit provoziert. Aber wie sagte Rasmus Engler vom Intro so schön: "Der Wiebusch darf das."

[Frühjahr 2003: Tomte, Kettcar und Marr gehen auf Panzer Tour, und lachen schäbig über die dekadente Diskokugel und den Samtbehang im Hotel Reiss zu Kassel. Drei Männer, die, ob der alkoholgeschwängerten Luft, bei der Tour Planung, die Befürchtung hegen, nichts als verbrannte Erde zu hinterlassen – wie der Panzer, der durch die Strassen rollt - und somit ihrer Tour diesen martialischen Namen geben. Dürfen die sich solche Äußerungen denn erlauben?]

Als …But Alive damals "Hello Endorphine" herausbrachten, waren die Weichen bereits gestellt, und das Debüt Album von Kettcar war die logische Konsequenz, die sich aus einer Mischung von Unmut gegenüber alten Punk Traditionen und neugierigen Popbezügen destillieren sollte. Auf "Von Spatzen Und Tauben, Dächern und Händen" bewegen sich die fünf Hamburger noch einen Schritt weiter hin zum Pop als es der Vorgänger tat. Verzerrte Gitarren treten in den Hintergrund, melodiebetonte Arrangements, gern auch mit Streichern und Piano atmosphärisch inszeniert, ziehen das musikalische Augenmerk auf sich. Im Großen und Ganzen bleiben sie dem Weg, den sie mit "Du Und Wieviel Von Deinen Freunden" eingeschlagen haben treu, und sind damit trotzdem musikalisch Lichtjahre von alten …But Alive Weggefährten wie den Boxhamsters entfernt. Gern gesehen ist die Abwendung von dieser, Anfang der Neunziger konstruierten Szene jedoch nicht. Kettcar wussten von Beginn an zu polarisieren, eine Betrachtung die sich jedoch weniger auf die aktuelle Arbeit der Band, als vielmehr auf die eigenen Wurzeln besinnt. Auf dem aktuellen Album der Band Oma Hans ist die Zeile "Der Mainstream wie er leuchtet / Was früher war verglüht / Landungsbrücken sprengen / Depressive Anekdoten, die keinem etwas bringen außer Geld" nicht sonderlich gut versteckt. Natürlich ist ein noch größerer Erfolg des zweiten Kettcar Albums, im Gegensatz zum mittlerweile über dreißigtausend Mal verkauften Debüt, nicht unwahrscheinlich. Die Platte könnte auf der gegenwärtigen Woge der allgemeinen Offenheit, ja geradezu dem allgemeinen Dürsten nach deutschen Texten, tatsächlich in die Charts treiben. Das Grand Hotel als intelligenter, jedoch vielleicht unbeabsichtigter Nutznießer dieses, von der Musikindustrie geschmiedeten Hypes. Die Verteufelung des gegönnten Erfolges jedoch, steht dem peniblen, noch scheinbar lange nicht endgültig emanzipierten Indietums bereits jetzt in den Augen. Hierüber sind aber schon genug Zeilen verfasst worden, so dass ich es mir an dieser Stelle herausnehme, keine weiteren Ausführungen an dieser Stelle dazu fallen zu lassen.

[Frühling 2002: Durch einen gewöhnlichen Zufall stoße ich im Netz auf ein Stück Musik, bei dem zwei Menschen mit Gitarre und Fingerschnipsen in einer Radioaufzeichnung über Fußballspieler, Liebe und Sargnägel singen. Das Stück, so sehr es vom schwererträglich langen Titel Mein Skateboard Kriegt Mein Zahnarzt, Den Rest Kriegt Mein Friseur und auch vom Bandnamen Kettcar her, auf platte Spaß Punk Allüren schließen lässt, steckt so voller Wortwitz und Sentimentalität, dass ich nicht umher kann, und mein Interesse an der dazugehörigen Band, auf lange Zeit hin auf diese richten werde.]
foto: martina drignat


kettcar
[von spatzen und tauben, dächern und händen]
grand hotel van cleef 2005 cd / lp
kettcar

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