Geburtstagsfeierei
Das Melt! zelebrierte einen runden Geburtstag und sehr viele waren gekommen. Reizüberflutung und Postmoderne, ein überreichliches Programm und ein ebenso vollgestopftes Festivalgelände. Herzlichen Glückwunsch!
"can you hear the power?"
(fraktus)Zehn Jahre, das kann eine lange Zeit sein für ein kleines Festival. Das finanzielle Risiko ist hoch, die Sicherheiten sind gering und der Aufwand ist enorm. Nun feierte das Melt! seinen 10. Geburtstag und es ist klar, dass da etwas Besonderes entstanden ist. Die Anfänge waren klein und rein elektronisch, doch nach finanziellen Engpässen und einem Ausfall im Jahr 2003 stieg das Intro-Magazin ein und das Melt! durchlief eine Metamorphose mit der Öffnung für gitarrenlastigere Acts. Auch die Größenverhältnisse änderten sich, seit 2002 haben sich die Besucherzahlen verdoppelt, eine Entwicklung die für das Festival spricht, allerdings auch neue Herausforderungen mit sich bringt.
In diesem Jahr wurde alles noch mal ein bisschen größer. Vier reguläre Bühnen sollten gleichzeitig bespielt werden, dazu gesellte sich noch ein reiner DJ-Floor. Nicht lumpen lassen wollte man sich, die Ankündigungen der Geburtstagsfeierlichkeiten waren vollmundig und euphorisch, auch wenn mit der Bekanntgabe der ersten Acts lange gewartet wurde. Doch als erst einmal das Name-Dropping begann, fand es gar kein Ende mehr. Elektronischer als noch 2006 klang es in allen Ohren, auch wenn übergroße Headliner wie die Pet Shop Boys oder Aphex Twin nicht vertreten waren. Stattdessen waren eine Reihe exklusiver Festivalauftritte angekündigt, unter anderem von Autechre, The Notwist, Motorpsycho oder Trentemøller, der gar mit Band anreiste. Dass Frankie Says Melt!, ein aus namensrechtlichen Gründen umbenannter Verschnitt von Frankie Goes To Hollywood, kurzfristig absagte, schmerzte hingegen nicht wirklich. Denn Highlights gab es bereits auf dem Papier genug: Ob Tocotronic oder Deichkind, Digitalism oder UNKLE mit Band, Mouse On Mars oder The Thermals, die Liste wollte einfach nicht enden. Dazu wurde das Melt! um eine weitere Facette bereichert, denn mit Dendemann, Dizzee Rascal und Lady Sovereign wurde erstmalig ein größerer Akzent auf Hip Hop und Konsorten gesetzt. Die größte Überraschung war aber die Ankündigung des Auftritts von Kelis, mit ihr hatte wohl kaum jemand gerechnet.
Der vorgesehene Zeitplan ließ aber das Dilemma offenbar werden, das ein so großes und fantastisch besetztes Line-Up mit sich bringt: Bereits vor dem Festival musste sich der geneigte Besucher darauf einstellen nur einen Teil der favorisierten Acts sehen zu können, denn Überschneidungen waren nicht nur unvermeidlich sondern die Regel.
Eröffnet wurde das Melt! am frühen Freitag Abend von Olli Schulz auf der Hauptbühne, dessen vorgetragene Geschichten zwischen den im Bandkontext auf die Bühne gebrachten Songwriter-Stücken allerdings etwas zu einstudiert und routiniert wirkten. Im Anschluss allerdings bereiteten I’m From Barcelona die Besucher stilgerecht auf die kommenden 36 Stunden vor: Die Hälfte der vielköpfigen schwedischen Band bestand aus Background-SängerInnen, die unermüdlich auf der Bühne umhersprangen und das Publikum mit Konfetti-Ballons beglückten, während Sänger Emanuel Lundgren schon beim ersten Song das Crowdsurfen übte. Ausgelassen, glücklich machend und mit einem hedonistischem Touch, so ließe sich auch das Melt! beschreiben. So war Owen Pallett aka Final Fantasy wohl der einzig leise Act auf dem gesamten Festival, was soundtechnisch manche Probleme bereitete. Auf der Gemini Stage spielend wurde Pallett von gleich zwei Seiten bedrängt. Von rechts dröhnte Jamie T herüber, von links waren es die DJs der Big Wheel Stage. Man musste also weit vorne stehen, um auch nur annähernd in die wunderbare Klangwelt des Owen Pallett eintauchen zu können. Doch mit jedem Stück gewann er an Kraft und irgendwann konnte man sich der so zurückhaltenden und doch charismatischen Musik nicht mehr entziehen. Ausgerechnet der leiseste Act stellte sich als einer der Größten heraus.
Abgesehen von der zu großen Dichte zur Gemini Stage während dem Auftritt von Final Fantasy bot die Big Wheel Stage allerdings nur Grund zur Freude. Tobias Thomas brachte bereits gegen 18 Uhr die Ersten zum Tanzen und dieser Zustand sollte sich bis zu Richie Hawtins Set am frühen Samstag morgen auch nicht mehr ändern. Besonders Mathias Kaden und Onur Özer legten gemeinsam ein famoses Set auf und so konnte man bereits gegen 22 Uhr die körperliche Extase riechen, eine beißende Geruchsmischung aus Schweiß und Alkohol machte sich breit. Nur die in diesem Jahr vergrößerte Bühne inklusive Pressegraben wirkte zu mächtig. Während 2006 der Übergang zwischen DJ-Kanzel und Tanzfläche fast noch fließend war, wurde nun eine stärkere Trennung vorgenommen, welche den Auftritten deutlich an Intimität nahm.
Während auf Der Big Wheel Stage also die Feierei bereits am frühen Abend begann, tobten sich auf der Hauptbühne erst einmal Gitarrenacts aus. Ein erster Höhepunkt waren The Notwist mit einem ihrer raren Auftritte. Neue und alte Songs spielten sie und berührten dabei einmal mehr ganz tief. Die Schwierigkeit, ihre massiven wie zerbrechlichen Stücke in ihrer vollen Intensität vom Studio auf die Bühne zu übersetzen, meisterten sie auf sympathischste Art und Weise. Da war es fast vergessen, dass man dafür den Auftritt der Puppetmastaz verpasste und von Ladytron nur noch die letzten Minuten erleben konnte. Den Auftritt von Lady Sovereign konnte man ebenso abhaken, denn sie spielte kurz darauf im Melt!Klub auf der Zeltbühne, wo häufig schon vor Beginn der Acts kaum noch ein Hineinkommen war.
Doch die Qual der Wahl hatte man dennoch: Sollte man sich lieber von Motorpsycho oder Autechre bedröhnen lassen, zu Tiefschwarz abgehen oder Dendemanns Performance auf der Hauptbühne sehen? Aufgrund von Zeitverzögerungen konnte man sich kaum noch auf den Zeitplan verlassen, Spontaneität und eine gewisse Gelassenheit ob der vielen verpassten guten Acts waren essentiell. Zum Glück lagen die Bühnen sehr nah beieinander, so dass man im Zweifelsfall zwischen den einzelnen Shows hin- und herspringen konnte. Dies war im Melt!-Ambiente eine wahre Freude. Die über den Bühnen thronenden Schaufelradbagger wurden in verschiedenen Farben illuminiert und erzeugten eine Atmosphäre zwischen urbaner Postmoderne und Endzeitstimmung a là Mad Max.
Und dann spielten da noch The Thermals im Zelt, wo sie eine außerordentliche Stimmung erzeugten, ohne besonders viel dafür tun zu müssen. Bei diesem Festivalpublikum schien das aber auch kaum notwendig, fast jede Band wurde mit außerordentlichem Enthusiasmus empfangen. So wurde auch Dendemann auf der Hauptbühne entsprechend abgefeiert, auch wenn dessen Präsenz sich genau auf die Bühnenmitte beschränkte. Kaum einer benötigte weniger Raum, doch auch mit minimalem Aktionsradius wurde er dem Anspruch, momentan einer der besten und wichtigsten Rapper deutscher Sprache zu sein, gerecht.
Erwarten konnte man auch viel von Dizzee Rascal, doch das von seinem Sidekick ewig wiederholte „Germany, make some noise!“ nervte mit der Zeit gewaltig. Dafür schwang er anschließend noch mit den verbliebenen Zuschauern vor der Hauptbühne zu Goldie & MC LowQui ordentlich die Hüften, während bereits die Sonne aufging. Gegen sieben Uhr morgens wurde dann auch den Wighnomy Brothers und Richie Hawtin der Saft abgedreht und wer noch immer nicht genug hatte, konnte noch auf den Sleepless Floor außerhalb des Geländes gehen. Kaum zu glauben, wie viele Endorphine manche Menschen über eine Nacht hinweg ausschütten können und anschließend noch immer genug Energiereserven besitzen, um morgens weiter zu tanzen…
Aber an schlafen war am Samstag morgen auch kaum zu denken. Die Sonne schien wie schon lange nicht mehr und bis zum Mittag stieg das Thermometer auf über 35 Grad Celsius, immerhin versprach der See reichlich Abkühlung. Umso beliebter war das Baden, da es zudem nur sehr wenige sanitäre Anlagen vorhanden waren. Diese Problematik hatte es bereits im letzten Jahr gegeben. Da hatte der Veranstalter eindeutig verschlafen, zumal in diesem Jahr noch mehr Tickets verkauft worden waren. Als Walter Schreifels am späten Nachmittag die Hauptbühne für die zweite Runde eröffnete, war von der großen Gästeanzahl noch nicht viel zu sehen, gerade eine Handvoll Menschen lauschte seinen Songs. Bei den Rifles, die gegen 19.30 Uhr mit ihrem Set begannen, standen jedoch bereits mehr Menschen vor der Hauptbühne, als bei den Hauptacts in der Nacht zuvor. Bemerkenswert für ein Festival, bei dem der Zenit des Feierns in der Regel nicht vor 2 oder 3 Uhr überschritten wird. Doch offensichtlich wurden für Samstag eine Menge Tageskarten verkauft, die Masse der Menschen nahm immer weiter zu. Hot Chip galten vielen als ein heimlicher Höhepunkt des Festivals, doch gleichzeitig wurden die weiteren Bühnen von Stereo Total, Jake The Rapper und Erase Errata bespielt. Letztere traten im Zelt vor vergleichsweise kleinem Publikum auf, doch die Resonanz des Auftritts war völlig zu Recht überwältigend.
Lo-Fi-Fnk hingegen hatten eine Menge Pech. Den ersten Song mussten sie fünf Mal anspielen, da die Musik immer wieder aussetzte und auch danach hörte sich der Sound an, als würde ein Küchenradio verstärkt werden. Dennoch wurden sie frenetisch gefeiert, das Publikum tanzte und johlte ununterbrochen.
Die Masse der Besucher vergrößerte sich zusehends und bald war das Gelände an allen Ecken und Enden vollgestopft mit Menschen. Nach Angaben des Veranstalters war die Platzaufteilung optimiert worden, um dem großen Besucherandrang gerecht zu werden, doch das Gelände war dafür eindeutig zu klein. Überall drängten sich die Menschen, es gab kaum noch Sitzgelegenheiten oder etwas freien Raum zur Entspannung. Das große Interesse ließ sich aber einfach mit dem fantastischen Line-Up erklären, dessen Höhepunkte besonders am Samstag stattfanden. Wegen ihres aktuellen Albums war natürlich der Auftritt von Tocotronic von besonderem Interesse doch dafür musste man auf Goose und Hey Willpower verzichten. Letzteres war der erste Act, der eine Zugabe spielen durfte, da die Fans trotz einsetzender Hintergrundmusik nicht zu jubeln aufhörten. Im Anschluss musste man sich zwischen dem Black Rebel Motorcycle Club und Mouse On Mars entscheiden, während die Big Wheel Stage bei Booka Shade völlig überlaufen war.
Als ein designierter Hauptact und mit dementsprechend obligatorischer Verspätung betrat Kelis die Bühne und sorgte für viel Wirbel. Musikalisch nur mäßig spannend wusste sie aber durch eine Menge Attitüde und ihr Interesse für „weird German porn“ aufzufallen. Dabei wirkte sie ungleich sympathischer als der unvermeidliche Jan Delay, dessen Ansagen ungefähr dem Niveau seiner öffentlichen Statements entsprach. Aber zum Glück bot das Meltfestival reichlich Alternativen: Trentemøller und UNKLE traten je live mit Band auf, Shitdisco und The Presets brachten das Zelt zum Toben. Doch ein absoluter Höhepunkt waren sicherlich Simian Mobile Disco auf der Big Wheel Stage: Zwei Silhouetten sprangen um einen runden mit elektronischen Arbeitsgeräten angerichteten Tisch herum und feuerten einen Elektronik-Bastard auf das Publikum, der wohl niemanden stehen ließ. Da fiel selbst das während dem Auftritt über dem Gelände gezündeten Feuerwerk zum Melt!-Geburtstag kaum auf. Ein großes Ding hat sich da angebahnt, dass noch deutlich frischer als die kurz darauf auf der Hauptbühne feiernden Deichkind. Vor deren Show sorgte erstmal das als fiktive Technolegende Fraktus auftretende Studio Braun für einige Verwirrung. Danach rastete eine riesige Menge kollektiv aus, während Deichkind auf der Bühne wieder einmal alle Konventionen über Bord warfen. Wenn man sie allerdings schon mehrfach gesehen hatte, dann verlor dieser riesige Kindergeburtstag für Jungs deutlich an Spannung. Stattdessen konnte man aber auch zu DJ Hell oder dem Cereal/Killers-Kollektiv in den Tag hineintanzen. Da hatten sch auch schon die Platzverhältnisse vor und zwischen den Bühnen etwas entspannt. Besonders am Samstag war der Zeitplan überreichlich mit spannenden Auftritten gefüllt, doch eine überreichliche Anzahl an Besuchern war die negative Folge dessen. 16.000 Karten waren laut Veranstalter abgesetzt worden, die Grenzen der Auslastung sind dabei fast schon überschritten worden. Der Atmosphäre war diese Masse aber in jedem Fall abträglich, da beengte Platzverhältnisse für unnötige Anspannung sorgen. Ein großer Reiz des Melt! ist die Symbiose von Reizüberflutung durch das Ambiente und relativer Intimität durch Überschaubarkeit und Nähe zu den Bands und DJs. Durch das Wachsen des Festivals wird dieses Verhältnis strapaziert, aber vor diesem Dilemma steht wohl jeder Veranstalter, dem nicht nur Wirtschaftlichkeit sondern auch gelungenes Festival am Herzen liegt. Es bleibt also nur noch zu sagen: Herzlichen Glückwunsch liebes Melt!, es war wunderschön auf Deinem runden Geburtstag.
foto: uta bohls
melt! festival
intro
Melt! Festival [Gräfenhainichen, 13.-15.07.2007]
Motorpsycho [Black Hole / Blank Canvas]
God lived, live on.
Jenseits von Hypes bewegten sich Motorpsycho auf ihren Alben schon immer völlig selbstverständlich, und so können sie auch nach über drei Jähriger Pause einfach wieder da sein.
"through the mirror down the hole, lose your way but find your soul."
(with trixeene through the mirror, i dream with open eyes)Auf billigen Motorrädern fahren die drei Halbstarken durch die Einöde Kaliforniens auf der Suche nach dem schnellen Kick. Archetypen abgehalfterter Klischee Rocker, gesellschaftlicher Wracks, nach Ärger schreiend und Frauen anderer Männer belästigend. B-Movie Ästhetik. Film Noir. Low Budget. Motorpsycho.
Der 2004 verstorbene, brustfixierte König des Trashfilms Russ Meyer scheint von unzähligen Musikern in den frühen Neunzigern rezipiert worden zu sein, betrachtet man die Bandnamen, die in Anlehnung an seine Filme inspiriert worden sind. Mudhoney. Faster Pussycat. Oder eben Motorpsycho. Die Norweger haben den entliehenen Namen jedoch längst überdauert. Das ehemalige Trio aus der norwegischen Industriestadt Trondheim wusste stets neue stilistische Nischen aufzumachen und sich von Album zu Album zu entwickeln. Die Arbeitswut mit einem veröffentlichten Album pro Jahr ließ in letzter Zeit jedoch nach. Seit "It’s A Love Cult", dem letzten regulären Album, sind bereits dreieinhalb Jahre vergangen. Dann stieg 2005 Håkon Gebhardt aus der Band aus. Über die vierzehn Jahre hinweg, in denen er die Band begleitete war er mehr als der Schlagzeuger, schrieb verschiedene Stücke und involvierte manch skurrile Idee in die Musik. Mit dem Zerfall dieser Dreifaltigkeit musste ein Bruch entstehen. In dem mit Akustik Gitarre vorgetragenen Stück Fury On Earth wird – wenn auch mit gewollter Ironie - eben jener klar. "It's so much easier to move with the changes, whenn all the Daemons are let out of their box", heißt es dort. "The love cult selfimploded fat" und "no slow phaseouts". Rückbezüge auf vergangene Alben. Als Duo stehen Hans „Snah“ Magnus Ryan und Bent Sæther nun vor der weißen Leinwand. "Black Hole / Blank Canvas". Willkommen in Zweitausendsechs.
Im Vorfeld zu diesem neuen Doppel Album – dem dritten in der Bandgeschichte - las man des Öfteren Gerüchte, die Band würde musikalisch zu ihren Wurzeln, zur härteren Gangart, zu den frühen Tagen zurückkehren. Das Begehren zur ungestümen Jugend. Eine verfrühte Midlifecrisis. Vorbei sei die Zeit, in der man Streicher Arrangements mit den lauten, treibenden Gitarren verband, in der eins nach dem anderen ein Konzeptalbum entstand, in denen man mutig experimentierte und zwischen zärtlichen Balladen und ausufernden psychedelischen Improvisationen wechselte. Zwischen Sixties Allüren und Alternative Country. Stoner Rock und Jazz.
Dass "Black Hole / Blank Canvas" tatsächlich mehr Wert auf Gitarren und Rhythmus legt, lauter ist als die Pop und Jazz inspirierten Vorgänger "It’s a Love Cult", "Phanerothyme" und der "In The Fishtank" Kollaboration mit dem norwegischen Ensemble Jaga Jazzist, lässt sich nicht in Frage stellen und eine gute Beobachtungsgabe ist für diese Einsicht ebenfalls nicht von Nöten. Doch Motorpsycho würden einen qualitativ herben Rückschritt begehen, wäre dies alles, was man von dem neuen Werk sagen könnte. Was sich hier in den siebzehn Stücken entfaltet ist vielmehr eine Verbindung unterschiedlichster stilistischer Ausprägungen, deren Größe im Detail ruht. Die Band wandelt auf dem schmalen Grad zwischen gestern und heute. Tradition und Innovation. Und im Gegensatz zu anderen Duos aus ähnlichen musikalischen Gefilden beschränken sich die beiden keinesfalls auf Schlagzeug und wahlweise Gitarre oder Bass, sondern spielen die Instrumente einer sechsköpfigen Rockband mal eben selbst ein.
Das treibende, zunächst nur durch eine Akustik Gitarre im Rhythmus zusammengehaltene Devil Dog verbindet die vorlieben für Country und Südstaaten Verweise der Tussler Society mit frühen Bezügen zum dritten Album "Demon Box". Das Moondog bzw. Big Brother And The Holding Company Cover All Is Loneliness kommt dem Kenner in den Kopf. In Our Tree erinnert mit seinem gerade nach vorn gehendem Schlagzeug und dem dröhnenden Bass im Refrain an "Angels And Daemons At Play". Die Pop Anleihen von Kill Devil Hills weichen schnell einer psychedelischen Lärmorgie, kantig genug, um sich deutlich von derzeit populären Kompositionen abheben zu können. Und Hyena eröffnet die zweite Seite schließlich mit dem Song, den sich mancher Fan seit "Blissard" gewünscht hatte. Mit L.T.E.C. zitiert man sich im Titel selbst und lebt Seventies Blues Rock, der sich (auf Vinyl) endlos in Hall verliert. Bent Sæthers kratzige Stimme bereichert die Songs immer noch mit diesem lächelnden Unterton, dieser blumigen, verträumten Note, selbst wenn sein rumpelnder Bass vom Gegenteil zeugen will. Und Snahs mal ungestümes, mal zaghaftes Gitarrenspiel und sein zarter Gesang mit der nordisch akzentuierten, englischen Aussprache lassen das wunderschöne und scheinbar endlose Before The Flood in einem ganz besonderen Charme erstrahlen.
All diese Stücke sind aber weder Plagiate noch altbackene Reminiszenzen an alte Werke, es ist ein Experimentieren mit dem Bevorstehenden, ein Ausloten der Möglichkeiten, die einem als verbliebenes Duo nach dem Bruch offen stehen, und ein konstanter Schritt nach vorn, auch wenn er musikalisch eher zurück in die Neunziger zu gehen scheint. Wenn nach vier Minuten und siebenundzwanzig Sekunden in dem elegischen Stück The 29th Bulletin – verweisend auf einen Rundbrief Napoleons, in welchem dieser die Niederlage der französischen Armee in Russland eingestand – die Streicher gemeinsam mit Piano, Gitarren, Schlagzeug und Bass ein letztes Mal wehmütig losbrechen, die Zeilen "Beautiful, beautiful emptiness / Speachless and babbling / Just one big mess / Selfobsessed, immature and insecure" verlautet werden, dann ist klar, dass Motorpsycho immer noch an diese schwermütigen Großtaten wie Vortex Surfer oder The Golden Core anknüpfen können. Nur komprimierter. Die in Kopf und Herz nachhellenden Epen wie eben genannte bleiben aus. Die ausufernden Melodien, die sich zeitlupenartig entfaltenden Spannungsbögen sind für das Erste in den Hintergrund getreten. Stampfende Grooves und lautstark scheppernde Gitarrenriffs dominieren das Spielfeld der Engel und Dämonen zwischen schwarzem Loch und leerer Leinwand.
"Sail on, through the fog beyound the sea of grand delusion / I’ll be happy meandering in the shadow of my reef" (Sail On).
The times, they are a-changing. Bleibt alles anders.
foto: p. wilson
motorpsycho
"black hole / blank canvas"
stickman records 2006 2cd / 2lp
motorpsycho