Posts mit dem Label broken social scene werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label broken social scene werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

TaughtMe [Lady]

Mesdames et Messieurs: junger, attraktiver Mann mit unfehlbarer Stimme und Gefühl en masse. Gesucht? Nee, gefunden!



"carry your stuff as if it’s mine."
(dearest)


Als ich mir Blake Hendersons Soloprojekt TaughtMe das erste Mal anhöre, sitze ich an meinem offenen Fenster, genieße die erste Kühle, die dieser August mit sich bringt und versuche zwischen kitschigem Kerzenlicht diesen jungen Kerl mit seiner Musik zu verstehen. Denn während ich sein neues Album "Lady" höre, welches Anfang September 2008 erscheinen wird, werde ich in einigen Tracks ständig an andere Künstler erinnert. Zum einen an Sigur Rós und My Latest Novel wegen der traurig, melancholischen Stimmung die Henderson transportiert. Zum anderen sogar an Feist, an deren Lied "1234" er sich ab und an ein Beispiel genommen zu haben scheint. Glücklicherweise, denn traurig und melancholisch muss ja auch nicht unbedingt immer sein. Aber am meisten erinnert mich TaughtMe an Monta. Einen ebenfalls jungen Solokünstler, der eine ebenso prägnante Stimme samt Gefühl mit sich bringt und Herzen damit butterweich werden lassen kann. Die hörbaren Ähnlichkeiten zu anderen Musikern mag Henderson sicherlich nicht so gerne hören, wie ich es erwähne, aber ich meinerseits finde, dass es dem Hörer dadurch durchaus leichter fällt die TaughtMe-Musik einordnen, mögen und genießen zu können.

Ich persönlich empfand das erste Mal Durchhören nämlich als relativ anstrengend. Eine unvergesslich starke Stimme, überall Gitarrensounds und hie und da ein Beat und noch ein Rhythmus. Für dieses Album muss man sich also Zeit und Ruhe nehmen. Die guten Kopfhörer einstöpseln, reinhören und reinfühlen. Dann wird man sicherlich auch bei jedem erneuten Hören etwas Neues und bis dahin merklich Ungehörtes in seinen Liedern entdecken, denn davon scheint es auf "Lady" reichlich zu geben. Also genauso wie im echten Leben mit den echten Ladies auch, ne? Er hat sich mit Sicherheit und legitimerweise von mehreren Künstlern beeinflussen lassen, aber alles in allem ist es bei diesem Album einfach schwierig einen Ohrwurm, geschweige denn einen Lieblingstrack zu finden. Oft stolpert der Hörer über die ein oder andere Überladung von Rhythmen und Stimmen in Henderson’s Musik. So wie ich es anfangs auch des öfteren bei der Broken Social Scene empfand. Aber jeder fängt mal klein an. Broken Social Scene genauso wie TaughtMe. Und was nicht ist, kann ja noch werden. Mittlerweile gehört Broken Social Scene zu einer meiner Lieblingsbands.

Dieser junge Henderson hat Potenzial, keine Frage. Jung, motiviert, voller Energie und Herzblut für sein Soloprojekt und obendrein eine unfehlbare Stimme, die da aus ihm herauskommt. Und mit dieser Einschätzung scheine ich nicht vollkommen alleine dar zu stehen, denn mit ein bisschen Stöbern hier, ein bisschen Schnüffeln da, kann ich auf Hendersons Myspace-Seite einige nette, zwar typische, aber sicherlich auch ehrlich gemeinte Kommentare über ihn und seine Musik lesen.

Möglicherweise bin ich auch einfach zu kritisch und zynisch gegenüber jungen Kerlen geworden, denen man den Hundeblick subito abkaufen mag. Aber man kann es ja noch mal probieren mit den ganzen Hundeblicken. Warum also nicht öfter dieses Album durchhören und irgendwann doch noch denken, dass er es möglicherweise sein kann. „Adorably handsome“ und auch noch „seriously the cutest person ever“, wie ihn zwei seiner Fans beschreiben. Denn einem Mädchen, dass er augenscheinlich gerne hat, zu schreiben „I deedent getta hear ya or smell ya and I didnt know what ta do!“ ist für mich zynische Kuh schon mal ein Anfang um Blake Henderson, um TaughtMe, gern zu haben. Und am Ende kann jeder dann selbst entscheiden wie es diesmal mit dem Einlassen auf Hundeblicke geklappt hat und denken „Yes, der ist wirklich adorably handsome“ oder doch noch „Ach, warum hab ich überhaupt auf diese zynische Lady gehört?“
foto:



taughtme
"lady"
own records 2008 cd
taghtme

weiterlesen...

Immergut Festival [Neustreliz, 26.-27.05.2006]

Alle Jahre wieder: Mit dem Immergut Festival wird zum einen traditionell die Festivalsaison eingeläutet, zum anderen klopft regelmäßig am letzten Maiwochenende der Sommer an die Tür. Und auch dieses Jahr schien zunächst alles in gewohnten Bahnen zu laufen.


"you've got such a nice festival here."
(moneybrother)

Bereits Ende März waren sämtliche der rund 5000 Tickets vergriffen, auch das Line-Up nahm mit Bands wie den Yeah Yeah Yeahs, Okkervil River und Die Regierung bereits frühzeitig erfreuliche Konturen an. Doch ebenso wie das aktuelle Album von Blumfeld, die bemerkenswerter Weise zum ersten Mal in Neustrelitz auftraten, polarisierte schließlich doch noch das Buchen einer Band die Anhängerschaft des Festivals: Mia, die deutschpoppenden Kuschelpatrioten, waren eingeladen worden, ein kontroverser aber vor allem auch fragwürdigerer Act hätte wohl kaum angekündigt werden können. Da geriet auch die Regen versprechende Wettervorhersage fast schon in den Hintergrund. Besonders pikant war die Tatsache, dass ebenfalls auftretende Bands wie Blumfeld und Phantom/Ghost eine dezidiert antinationalistische Position vertreten, welche bis vor wenigen Jahren in der sich als progressiv empfindenden Independent-Szene noch Konsens war.

Dass ein Wandel nicht nur auf, sondern vor allem auch vor der Bühne stattfand, wurde bereits beim Betreten des Zeltplatzes deutlich: Neben den unvermeidlichen Kuba- und FDJ-Fahnen konnten auf einmal auch Deutschland-Flaggen gesichtet werden. Ob "
nur" die WM ihren langen Schatten voraus warf oder nicht: Der unangenehme Beigeschmack blieb. Doch flatterte der Stoff, in welchen patriotische Heimatduselei gehüllt wird, unbehelligt im Wind, der wider Erwarten zunächst keinen Regen mit sich brachte. Die Prognosen hatten Tags zuvor noch 70% Regenwahrscheinlichkeit versprochen, nun riss die dichte Wolkendecke immer wieder auf und es waren noch ein paar Sonnenstrahlen zu erhaschen.

Die Bands
Midlake und Klez.e ereilte das Schicksal, welches in der Regel alle eröffnenden Acts trifft: Dank Umleitungen, Stau und Einkauf waren so manche Besucher noch mit Taschenschleppen und Zeltaufbau beschäftigt, die Akustik auf dem Zeltplatz ließ aber erahnen, dass da durchaus zwei interessante Auftritte verpasst wurden. Bereits als dritter Act trat mit Radio 4 einer der größeren Namen auf, zu früh, wie sich herausstellen sollte. Die New Yorker gaben sich zwar engagiert, es wurde eine Tanznummer nach der anderen abgefeuert, doch der Funke wollte nicht recht überspringen. Zu groß schien die Bühne, zu weit der Raum davor. Zu später Stunde im Zelt wäre wohl ein angemessener Moment gewesen. Doch gerade am Freitag war das Line-Up hochkarätig besetzt.

Einen gefeierten wenngleich nur mäßig charismatischen Reunion-Gig boten die
Flowerpornoes, anschließend zeigten Art Brut, wie man eine Menge zum Feiern bringen kann. Der Drummer stehend, Eddie Argos torkelnd und ungezwungen locker: Die Band spielte wie die Fans feierten und ganz mit reichlich Augenzwinkern wurde das Erfolgsziel namens Top Of The Pops beschworen. Sympathischer kann Rock’n’Roll kaum sein.

Später betrat eine in gleißendem Weiß gekleidete und überaus gut gestimmte Band die Bühne, welche sich das Festivalteam schon seit Jahren ersehnte.
Blumfeld übertrugen eine Auswahl von Stücken aus einer ganzen Dekade Musikgeschichte auf die Bühne und witzelten selbst über ihren jüngsten Hit, den viel diskutierten Apfelmann. "Obst ist Kult", ging es einem fröhlichen Jochen Distelmeyer von den Lippen, wobei das Publikum ähnlich den vorangegangen Plattenkritiken zu Verbotene Früchte entweder jubelte oder nur entgeistert den Kopf schüttelte. Mehr Bipolarität war nie! Doch mit der Intonation ihres Über-Songs Verstärker zogen Blumfeld zum Schluss auch den skeptischen Teil des Publikums auf ihre Seite.

Als "
Your favourite vegan / straight edge band" wurden The Appleseed Cast angekündigt, doch statt brachialem Hardcore gab es ein Postrock-Gitarrengewitter auf die Ohren. Zum ersten Mal hatten die Mischer größere Probleme, zu stark verschwammen ausdifferenzierte Gitarrenwände in einem einzigen Soundbrei. Zwar stieß der Auftritt auf großes Interesse, doch verblasste er ein wenig angesichts des zu erwartenden Hauptacts. Die Yeah Yeah Yeahs scheinen im Moment wohl einer der relevantesten Acts überhaupt und dies unterstrichen sie eindrucksvoll. Karen O erhob sich in dämonischem Kostüm über dem Publikum, ihr Posing nahm eine artifiziell-dominante Charakteristik an. In durch und durch amerikanischem Soundverständnis fielen Keyboards und zerrissene Gitarrenriffs übereinander her, Lärmkaskaden wurden von der Bühne heruntergeschleudert. Dieser auftritt war von einer Größe, wie er auf dem Immergut zuletzt The Notwist im Jahr 2004 gelungen war.

Als deutlich verhaltenerer und intimerer Auftritt erwies sich wie erwartet das Konzert von
Gregor Samsa, die im Anschluss in der Zeltbühne ihre elegischen Stücke voller Poesie und Verzweiflung präsentierten. Einen minimalistischen Abschluss des Abends boten schließlich Phantom/Ghost. Dirk von Lotzow wirkte neben Thies Mynther ausgeglichen wie selten, auch wenn der Auftritt musikalisch ungewöhnlich stark holperte. Der einzige elektronische Act des Wochenendes war dennoch eine äußerst willkommene Abwechslung, wirkte der Auftritt doch so unbeschwert, als ob das Duo einen Wohnzimmergig unter Freunden spielte.

Nun war zwar für Samstag verhalten Sonnenschein vorausgesagt, doch stattdessen bedeckten dunkle Wolken den Himmel. Nichtsdestotrotz wurde das traditionelle Immergutzocken Fußballturnier abgehalten, eventuelle Badeseebesuche fielen jedoch buchstäblich ins Wasser. Den ganzen Tag über war immer wieder leichter Nieselregen zu spüren, wenn auch kaum jemand befürchten musste, vollkommen durchnässt zu werden. Gleichsam unspektakulär verliefen die ersten Auftritte im Nachmittagsprogramm, einzig die
Fotos stießen auf größeres Interesse. Anschließend wurde der Künstlerreigen aus dem Umfeld von Arts & Crafts eröffnet.

"
Ich finde es toll, dass ich hier bin, ich meine, ich habe nicht mal eine Platte veröffentlicht, lucky me", strahlte Amy Millan, deren countryeske Songwriter-Balladen von einer ganzen Horde von Musikern begleitet wurden. Die Frontsängerin der Stars beackerte hier ein Terrain, welches man von ihren bisherigen Projekten in keiner Weise kannte. Das Publikum applaudierte im weichenden Sonnenschein, als Band- und Labelmate Jason Collett die Bühne betrat. I Bring The Sun sang er dann zwar optimistisch, aber der Regen hielt an, der nach seinem Auftritt das Publikum noch schneller als gewohnt ins Zelt trieb. Dort lieferten die Texaner von Okkervil River einen enthusiastischen Auftritt ab, der schon bei den ersten Klängen Großes vermuten ließ. Furiose Hymnen über Herzensbrecher, Mörder und andere Außenseiter wurden mit melancholischem aber leidenschaftlichen Gestus erzählt, nur durch den dröhnenden Soundcheck auf der Hauptbühne unterbrochen. "Ladies and Gentlemen, this is Mia", konstatierte der smarte Will Sheff so auch in einer der gestörten ruhigen Augenblicke seiner Band. Im eigenen Befremden bestätigt waren so manche, als Mia mit Sprüchen wie "Wir finden es geil, wie ihr dem Regen trotzt" oder "Seid Ihr gut drauf?" einer doch recht großen Fanschar einheizten. Über Musikgeschmack lässt sich bekanntlich trefflich streiten, doch politisches Feingefühl ist eine Gabe, welche die Veranstalter hier offensichtlich missen ließen. Ironie des Schicksals war es wohl, dass ausgerechnet Die Regierung anschließend im Zelt ihre Reunion zelebrieren sollte, eine Band die der Zeit entstammt, in der sich die "Indieszene" zu Deutschland noch deutlich emanzipatorischer verhielt, nämlich mit kritischer Distanz. So war es kaum verwunderlich, dass das Publikum im Zelt frenetisch applaudierte, als Sängerin Mieze verkündete, dass Mia keine Zugabe spielen dürfe. Eben jenes Publikum sorgte ebenso dafür, dass ein betrunkener aber dennoch schlagfertiger Tilman Rossmy und seine Regierung gleich zweimal zurück auf die Bühne mussten, um eine Zugabe zum Besten zu geben. Dies könnte man als Festivaldemokratie bezeichnen, oder auch als klare Ansage gegen den patriotisch-heimatlichen Wohlfühlfaktor. "Gib Dich nicht mit weniger zufrieden!"

Der Wohlfühlfaktor, den
Tomte vermittelten, hatte zwar keinen negativen ideologischen Beigeschmack, doch mehr als Nettigkeit und der Erinnerung an vergangene Tage blieb nicht hängen. Vielleicht gibt ihnen der Erfolg Recht, doch bei aller Ehrlichkeit (und-sei-sie-nur-aus-Bier) und jahrelanger Rackerei: Der Auftritt zeigte in klarer Weise die Stagnation und Belanglosigkeit auf, der sich Tomte mittlerweile ergeben haben. Ein Großteil des Publikums fand Gefallen daran, aber alte Helden lässt man ja auch nur ungern fallen.

Bedeutend ungewöhnlicher und spannender hingegen war der Anblick der bezaubernden Leslie
Feist. Nur mit Gitarre und Loop Pedal ausgestattet spielte und sang sie, setzte einzelne Songspuren zusammen, bis sie ein Ganzes ergaben. In ihrem Minimalismus bot sie das Sequel zu Phantom/Ghost am Vortag und stimmte das Publikum dezent auf das große Finale auf der Hauptbühne ein. Dort traf sich zum Schluss die ganze Arts & Crafts Familie unter dem Banner der Broken Social Scene. Schaffte das Team der Kanadier noch beim mittäglichen Immergutzocken den Weg ins Finale, wirkten die Musiker gegen ein Uhr nachts sichtlich angeschlagen. Doch ein stellenweise überambitionierter Kevin Drew trieb die Band immer wieder an. Teilweise bis zu fünf Gitarren, Bläser, Bass, zwei Drummer, Violine und Keyboard erschufen einen riesigen Klangraum, der gelegentlich ein wenig außer Kontrolle geriet. Und so beschloss die Broken Social Scene ihren Auftritt erst nach zwei Stunden mit einem grandiosen Finale, bei welchem sich künstlerische Individuen wie Amy Millan und Stars Kollege Evan Cranley , Jason Collett oder Leslie Feist nahtlos einreihten, als sei dies ein Orchester, welches auf jeden einzelnen Part angewiesen ist.

So lässt sich von einem mehr als würdigen Abschluss für das immergut Festival 2006 sprechen, welches musikalisch einmal mehr über weite Strecken überzeugen konnte. Strukturell bleibt jedoch ein fader Beigeschmack, denn zu einem schönen Festival gehören nicht nur schöne Musik und gute Stimmung, sondern auch das Gefühl, den Menschen und Bands in innerer Haltung verbunden zu sein. Doch dies schien dieses Jahr ein wenig schwerer zu fallen als sonst.
text: Martin Boehnert + Simon Traut
foto: martina drignat



immergut festival

weiterlesen...

Broken Social Scene [Broken Social Scene]

Drowned in sounds.
Mit jedem Durchlauf des neuen Albums des vermeintlich dysfunktionalen kanadischen Band Kollektives nährt man sich ein wenig diesem wunderbaren Schwebezustand, den die Broken Social Scene mit ihrem Wall of Sound Wunderwerk heraufbeschwört.


"if you always get up late, you never gonna be on time."
(swimmers)

"Here’s a theory for you to disregard completely. Music, True music, not just Rock 'n' Roll. It chooses you." So weiß der große Rock Kritiker und Berufszyniker Lester Bangs alles zu erklären. Jedenfalls wenn man Cameron Crowe glauben schenken möchte, der ihn diese Worte in seinem Film "Almost Famous" sagen lässt. Aber es ist ein spannender Ansatz, eine Erklärung dafür, weshalb sich manche Menschen bemühen können, aber ihnen dennoch der Zugang zu den wirklich großen Stücken dieser Welt auf ewig verwehrt bleiben wird. (Um es mit Nick Hornby zu sagen: "Ich war schon ein Musiksnob, bevor ich mich damit auskannte".)

Our Faces Spilt The Coast In Half lautet der erste Titel des Albums und ist damit gleichwohl sperrig wie ehrlich. Sie werden die Hörerschaft mit diesem Album teilen. Der, ob der gleichgeschalteten, maroden Medienstruktur desillusionierte Hörer muss sich vielleicht das ein oder andere Mal bemühen, muss dem Album vielleicht einen zweiten, dritten, fünften oder achten Durchgang gewähren, muss sich vielleicht darauf einlassen, sich das Album zu erarbeiten. Und dann beginnt man die Platte ganz unprätentiös zu lieben. Für alle anderen wird sich die Frage wohl nie erklären, was sie hier mit der Broken Social Scene verpasst haben.

"Windsurfing Nation" sollte sie bis kurz vor Veröffentlichung noch heißen. Ein Name der unweigerlich an die stilprägende Sonic Youth Veröffentlichung "Daydream Nation" von 1988 erinnert, mit der man sich jedoch nicht anmaßen möchte verglichen zu werden. Stattdessen ruht man in sich selbst, verleiht dem dritten Album den eigenen Namen und setzt damit zugleich ein Statement.

Das große Name Dropping, was der Supergroup aus Mitgliedern von Do Make Say Think, den Stars, Feist, Apostle Of Hustle, den Weakerthans oder den Dears unschwer möglich wäre, steht im Hintergrund, ist nicht von tatsächlicher Bedeutung. Wenngleich die involvierten Musiker auch verlorene Vokabeln sein könnten, Koordinaten, mit deren Hilfe man die Musik greifbar machen möchte. Auch auf diesem Album erscheint es, wie schon auf dem schier alles ausschöpfenden Vorgänger "You Forget It In People", als hielte man ein wunderschönes Mixtape in den Händen, so wenig homogen erschienen damals zunächst die Stücke. Dennoch ist dieser überbordende, verschwenderische Umgang mit Stilen und Attitüden, vom knisternden LoFi, über symphonische Klangcollagen, von fragilen Popperlen bis zu instrumentalen Postrock Arrangements, allesamt in leuchtenden Klangfarben gemalt, ist die Vielheit der eigentliche rote Faden im Werk der Band. Dieser Zusammenhalt in der Vielheit, diese Momente, in denen alles so erscheint, als würde es gleich auseinander brechen, als hielt ein Kind so viele Glasmurmeln in den Händen wie es zu tragen vermag, sich dann aber doch beugt, um diese eine weitere bunte Kugel aufzunehmen und so unschuldig kindlich alles aufs Spiel setzt; in diesen Momenten ist die Band am stärksten, hadert sie an der Perfektion ohne zu scheitern. Immer wieder wähnt man sich in dem Gefühl zum Mark eines Songs vorgedrungen zu sein, ihn festhalten zu können, nur um kurz darauf wieder verwundert einen Schritt zurück zu machen, und sich ein weiteres Mal überraschen zu lassen.

Die Fäden für diesen sperrigen Meilenstein hielt Produzent David Newfeld in den Händen, obgleich er die Band ein ums andere Mal zum straucheln brachte, erklärt Kevin Drew. Wie ein penibeler Phil Spector arbeitete dieser versessen an den Spuren, bis am Ende diese opulente Großtat zum Vorschein kam. Man habe wenig gemeinsam an den Stücken gearbeitet, viel mehr sei es so gewesen, dass einzelne Mitglieder immer wieder ins Studio kamen, um an ihren eigenen Spuren, ihren Bestandteilen des Panoptikums zu arbeiten. Aus dieser ausschweifenden Fülle an individuellem Teilzeitenthusiasmus entstand jedoch keine vielköpfige Hydra, verdarben viele Köche nicht den Brei, sondern ergänzten sich die Klanggebilde zunehmend zu eben jener kollektiven Vielheit. Wie die Mitspieler eines Exquisite Corpse, dem spielerischen Geschichtenschreiben der intellektuellen Surrealisten, bei welchem jeder die Geschichte des Vorgängers durch seine eigenen Gedanken ergänzt und weiterführt ohne das Gesamtwerk vor Augen zu haben, entfalteten sich die üppigen Kompositionen. Immer wieder kann man beim Hören diese kleinen Spannungen nachempfinden, diese Augenblicke, wenn sich das Stück nicht recht zu entscheiden weiß, in welche Richtung es sich entfalten will. Und immer wieder entdeckt man neue Details die so hingebungsvoll, so ergiebig sind, dass sie immer aufs Neue zu begeistern, zu verwunden wissen. Wenn sich Leslie Feist’s Stimme etwa den Weg durch Gitarrenwände bahnt, wenn sich die Bläsersektion über einem brodelnden Gewitter von burlesken Klangeskapaden erhebt oder wenn einer Geige im Hintergrund fast unbemerkt vereinzelte Töne entlockt werden. Versunken in Klang. Ein leises Knacken im Hintergrund, eine scheppernde Snare Drum, Geräusche, die sich bei der Aufnahme ergaben und die andere Bands peinlichst genau zu retuschieren versuchen, werden hier zu Charaktermerkmalen, zu Wesenszügen der einzelnen Stücke. Souverän bewegen sich Broken Social Scene zwischen exzentrischen Mini Epen und diffusen Soundfragmenten von weniger als einer Minute Dauer. Wie Finish Your Collapse And Stay For Breakfast - wieder einer dieser wunderschön skurrilen Titel – das sich wie sonniges Morgenlicht im Schlafzimmer entfaltet nur um Sekunden später wieder zu verschwinden. Broken Social Scene begnügen sich nicht einfach damit Musik zu machen, sie wollen wahre Musik machen. Musik, die gewaltige Landschaftsbilder vor deinem geistigen Auge abbilden will, die in deinem Auto, in deinen Kopfhörern oder in dir lebt, wenn du allein bist. Sie wollen Musik machen die dich erwählt. Das ist Alles, nur nicht Easy Listening
foto: debra friedman


broken social scene
"broken social scene"
arts&crafts / city slang 2005 cd / lp
broken social scene

weiterlesen...

Broken Social Scene [You Forgot In In People]

Niemand hat es in den Menschen vergessen.
Das Mixtape des Sommers kommt aus Kanada. Und, obgleich die Abwechslung der Vermutung trotzt, wird es mit Stücken nur einer Band kompiliert.



"i've seen your hope on television."
(cause=time)

Eine leere Flasche wird über den Fußboden des Studios getreten, in welchem sich fast ein dutzend Musiker befinden. Meist handelt es sich bei einer solch opulenten Anzahl von Musikern um ein Kollektiv oder ein Projekt, zu welchem man befreundete Musiker geladen hat. Kanada ist anders. Wie wir aus Michael Moores Dokumentation „Bowling for Columbine“ erfahren haben, schließen Kanadier nicht einmal die Tür ab, wenn sie außer Haus gehen. Anders ist manchmal auch die Musik, die zögerlich aus dem Norden Amerikas zu uns exportiert wird.

Broken Social Scene ist ein derzeit zehnköpfiges Ensemble aus Toronto/Montreal, und verantwortlich für eine der sublimsten Platten der letzten Jahre. Die Band aus dem direkten Umfeld von Do Make Say Think und Godspeed You! Black Emperor, den kanadischen Aushängeschildern dessen, was man heute langläufig unter dem Subgenre Postrock verstehen mag, wirken wie eine Gruppe Indie Rock Kids, die mit der Zeit gelernt haben, wie sie ihre Instrumente spielen, jedoch nicht vergessen haben, wie es sich anfühlte, als sie es noch nicht beherrschten. Die zwangsläufige Komplexität einer solch illustren Gemeinschaft, wirkt bei Broken Social Scene auffallend eingängig. Eine Wendung, über die man sich beruhigt freuen kann. Es gibt immer wieder Augenblicke, da scheint es für kurze Zeit so, als würde sich der musikalische Untergrund in einen intelligenteren Mainstream verwandeln können, als jenen, welchen man vom wegschalten aus dem Radio oder MTVIVA kennt. Vielleicht gelingt genau das dieser Band mit diesem, ihrem zweiten Album "You Forgot It In People", welches unergründlich fast zwei Jahre verspätet in Deutschland veröffentlicht wird. In Nordamerika haben Broken Social Scene einen achtbaren Erfolg mit eben diesem klangexperimentellen Pop Album erreicht, und es ist wünschenswert, dass man sich auch hier auf die ebenso grazilen wie kantigen Stücke einigen kann. Trotz alledem, war die Band auch dort zunächst ein Geheimtipp, ungleich sie bereits ein beachtenswertes Vorgängeralbum, sowie zwei 7" veröffentlicht haben. Wie Brendan Canning, Bassist der Band, dem es immer wieder gelingt unvergleichbare Hooks in die exzentrischen Läufe zu bringen, mitteilt, haben sich viele Menschen ihr Album aus dem Internet heruntergeladen, ein Thema, welches auch bei uns gerade eine differenzierte Diskussion fordert. Die Band beurteilt diese Tatsache jedoch durchweg als positiv, und auch das beheimatete Label Arts & Crafts, welches mit dieser Veröffentlichung das Licht der Welt erblickte, konnte hierdurch an Popularität gewinnen.

Die dreizehn Stücke auf "You Forgot It In People", unter welchen es so ungewöhnliche Titel wie Anthems For A Seventeen-Year Old Girl oder Late Nineties Bedroom Rock For The Missionaries zu entdecken gilt, zeigt auf, dass es im Pop Bereich durchaus Raum und Hoffnung dafür gibt, dass sich Musik mal wieder neu erfinden darf. Subtile Gitarren verweben sich mit Streicher-, und Bläserarrangements, manipulierte Klänge, Keyboards und ein verstimmtes Banjo erwachsen zu atmosphärischen Rockstücken, geformt, aber in ihrer Richtung unbegrenzt. Während der Opener Capture The Flag, ein Klangteppich, nuanciert mit einer Trompete, soundsphärisch einlädt, überrascht das nächste Stück KC Accidential – betitelt nach einem alten Soloprojekt der Bandmitglieder Charles Spearin und Kevin Drew, letzterer de facto der Kopf der Band, der nicht nur für den Gesang sondern auch für die experimentelle Eigenständigkeit zuständig ist –, welches mit psychedelischen, schnarrenden Gitarren beginnt, bis ein treibender Beat das Lied nach vorne bringt. Looks Just Like The Sun hingegen klingt genauso verspielt wie der Titel verspricht, mit zurückgelehntem Gesang und harmonisch verwobenen Gitarrenmelodien.

Auf seine ganz eigene, subtile Art erscheint "You Forgot It In People" ein wenig nach dem Mixtape des Sommers, auf welchem wir eine sehr rare Auswahl an wunderschönen Pop Kompositionen hören, während wir im Gras liegen.
foto:


broken social scene
"you forgot it in people"
arts&crafts / city slang 2004 cd / lp
broken social scene

weiterlesen...