Vom Glück der Sekunde
(festival motto 2009)
Es sind ganz unterschiedliche Dinge, die jeden von uns auf eine eigene Weise berühren, aufregen, bewegen. Für den einen ist es das Wiedersehen mit dem Freund am Flughafen, der erste Urlaubstag in einem fremden Land, die erste Currywurst nach 4 Jahren vegetarischer Enthaltsamkeit. Wiederrum andere beziehen ihre Ration Glück und Zufriedenheit aus Musik, aus Akkorden, Melodien, Harmoniken, Stimmen und Rhythmen.
Eine Musikveranstaltung wie das Haldern Pop Festival strotzt regelmäßig nur so vor denk und feierwürdigen Glücksmomenten, Umgebung, Örtlichkeiten und Ambiente sind ebenso hervorragende Indikatoren wie die zurückhaltende Organisation. Seit 26 Jahren reift in Haldern ein beständiges Team dass immer wieder Wagnisse eingeht um die Qualität des Festivals zu bewahren oder sogar zu anzuheben.
Man spürt die Erfahrung und den sicheren Umgang mit Künstlern, Technik und Zuschauern an allen Ecken und Enden, das Konzept wirkt routinierter denn je, entbehrt jedoch nie einem amateurhaften und sorgfältig gepflegtem Charme, auf den Verantwortliche wie Besucher großen Wert legen. Während man sich bei anderen Großfestivals getrost auf die Devise „alle Jahre wieder“ verlassen kann, beschert das Haldern ihren Fans regelmäßig kleine oder größere aufregende, bei manchen sogar zur Sorge ausartende Änderungen und innovative Ideen, die in den Augen einiger an der Verlässlichkeit des Festivals kratzen. Dieses Jahr wurden auffällig viele Singer/Songwriter gebucht, für manche Besucher nach Schema F: Typ bärtiger Melancholiker an der Klampfe. Im Vorfeld wurden vermehrt Rufe nach brüllenden Gitarren, reissenden Riffs und einer fetten Rhythmusmaschine laut. Kurz; man verlangte nach waschechtem Rock. Was manchen als Manko erschien wurde für die allermeisten zu einem roten Faden, der das Haldern gepaart mit dem Sonnenwetter dieses Jahr zu einem vollkommen runden und in sich schlüssigem Wochenende machte. Es gehört eine gesunde Portion Selbstvertrauen und Mut dazu auf einem Festival - wohlgemerkt eine Massenveranstaltung - den Fokus auf das Leisere, etwas Schlichtere in der Popmusik zu legen, und sich nicht davor zu scheuen Künstler wie Bon Iver und die erstaunlich zurückhaltenden und bisweilen belanglosen Noah And The Whale auf die Hauptbühne zu stellen, immer mit dem festen Vertrauen auf ein zivilisiertes und dankbares Publikum. Die Rechnung ging auf, die Auftritte von dem hochmusikalischen Andrew Bird, William Fitzsimmons (demnächst im lichter-Interview!) und Bon Iver wurden trotz manch verwirrender Programmänderung bestens angenommen und fügten sich wunderbar in die rotzigen und experimentellen Sets, die es natürlich auch in ausreichender Zahl gab. Ein für sicher sehr viele prägender Moment war der in der Nachmittagssonne spielende Bon Iver, der bei völliger Stille im Publikum ein höchst intimes und intensives Konzert lieferte, und bei den Zuhörern den Eindruck eines vollkommen unaffektierten Menschen und Musikers hinterließ, der in Haldern wie die Faust auf das sprichwörtliche Auge passte.
Dieses Jahr gab es wie üblich auch wieder einige Wiederkehrer auf den Bühnen, als perfekte Festivalband erwiesen sich am Samstagvormittag die Maccabees, mit neuem Album und gewohntem Charme im Gepäck war ihr Auftritt ein Höhepunkt des Wochenendes. Ebenso Anna Ternheim, die mit vollem Bandaufgebot und (leider unmöglicher)Backgroundsängerin genauso eindringlich und authentisch war wie alleine am Klavier. Weitere atmosphärisch dichte und erinnerungswürdige Konzerte boten Wintersleep, Woodpigeon sowie Grizzly Bear, drei junge aufsteigende Bands, die den Trubel um sich redlich verdienen und sich psychodelische Experimente und ausufernde Songlängen leisten können ohne zu langweilen.
Bei so viel künstlerischem Potential und der absolut geglückten Zusammenstellung der Bands bleibt nur eine Frage: Was hatten Fettes Brot als Headliner und Abschlusskonzert auf der Haldernbühne zu suchen? Ähnlich wie bei Jan Delay vor zwei Jahren passte der Auftritt der Hamburger Feierproleten nicht in das sonst so glasklare Konzept und die Stimmung des Wochenendes.
Dennoch war das Haldern wieder ein Platz zum glücklich sein, sei es für das abgezapfte Popwasser, die Dusche vor der Bühne, den See, die Sonne, die Spiegelzeltleinwand oder einfach nur für den Refrain, den Schlussakkord oder den Bart des Sängers.
Wir kommen wieder!
foto:
haldern pop
Haldern Pop [Rees-Haldern, 13.-15.08.2009]
Haldern Pop [Rees-Haldern, 13.-15.08.2009: Vorschau]
Alle Jahre wieder treffen sich 6000 Musikfreunde am Niederrhein und leben drei Tage lang von Musik, Luft und hoffentlichem gutem Wetter. Das 26. Haldern Pop- Festival steht an, und ist mit höchst speziellen und liebevoll ausgesuchten Kleinoden des Indiemarktes bestens aufgestellt - ein Vorbericht.
(two atoms in a molecule, noah and the whale)1x1 macht 1, das weiß jedes Kind - eine einfache Angelegenheit. Doch aus Einzelnen können ein paar werden, oder auch viele. Die Zahlen potenzieren sich, das Ergebnis hinter dem Äquivalent wird immer komplizierter und aus klaren Gleichungen werden unüberschaubare Gebilde aus Zahlen und Zeichen. Was in der Mathematik funktioniert, gilt auch im konkreten Leben derjenigen, die etwas planen, was über das Nachbargrillen im Garten hinausgeht.
Besonders für Festivalbetreiber - und hier besonders für die Haldern-Organisatoren - gestaltet es sich bisweilen kompliziert, gleichzeitig als Musikliebhaber und Eventmanager zu agieren, mit Bilanzen, Rechnungen, Kalkulationen ebenso zu hantieren wie mit dem großen Herz eines Plattensammlers.
Das Motto des diesjährigen Haldern–Pop Festivals am Niederrhein lautet „Commuplication“, ein Neologismus, der in einem Wort soviel Symptomatisches aus der Sicht der Besucher und im besonderen Maße auch der Betreiber wiedergibt. Neben den rein formalen Aspekten der Bewältigung von Menschenmassen ist den Haldern-Machern der für den Charakter des Festivals so grundlegende Austausch mit Bands und Besuchern oberstes Gebot: die Kommunikation.
Dass zwischen den rahmenspendenden Wörtchen Multiplikation und Kommunikation auch noch das semantische Feld des „komplizierten“ in der Namensgebung mitschwingt ist nur allzu logische Folge der Auffassung von Stefan Reichman und Co., wie man für alle Beteiligten eine angenehme und freundliche Atmosphäre schafft. Ein Festival wie ein Familienurlaub, in dem der Feuererwehrmann eben so viel zählt wie der Gitarrenheld auf dem Reitplatz.
In diesem Jahr noch mehr als in den vorausgegangenen, stürzen sich die Booker mit offenen Ohren auf das kleinexperimentelle Dasein der Nischenbands, die häufig im Wald der großen Headliner verschwinden und auf anderen Festivals - wenn überhaupt - nur als Kleingedrucktes erscheinen. Das Haldern Pop steht im Ruf regelmäßig musikalische Schätze zu heben, das Näschen der Dorfbewohner und Inhaber von Raum 3 ist Gold wert und stellt die Besucher auf eine wie vorweihnachtlich anmutende Belastbarkeitsprobe. Wer einen Blick in das Forum der Festival-Webpräsenz wirft, stellt fest, dass sich Dutzende von Festivalfreunden monatelang vor Anpfiff die Münder fusselig reden, virtuell Bands wünschen, sich die Haare raufen in ungeduldiger Erwartung der nächsten Bestätigungen. Und je später es wird desto lauter werden die Rufe nach großen Namen; Man möchte beruhigt schlafen können, wissen worauf man sich einlässt. Wer schon ein paar Jahre dabei ist weiß, dass das Haldern da nicht mitspielt, Hörgewohnheiten werden partout nicht bedient, die Neugier und Vorabrecherche des Einzelnen herausgefordert. Das Haldern ist ein Festival für Leute die sich von 15 ihnen nicht geläufigen Bandnamen nicht abschrecken lassen, sondern darauf brennen zu entdecken, was sich hinter ihnen verbirgt. Und so reihen sich neben bereits etablierten oder frisch entdeckten Perlen des Indie immer wieder ganz neue Gesichter des Musikmarkts. Und Gewinner sind bei dieser Strategie alle; die Bands, die in familiärer Atmosphäre bedingungslos angenommen werden, die Zuschauer, die den Bands von morgen schon heute im Spiegelzelt lauschen können, und die Organisatoren, die Jahr um Jahr bestätigt wissen, dass Masse nicht gleich Klasse ist, und dass eine treue Festivalgemeinde mehr wert ist als 20.000 verkaufte Tickets.
Dieses Jahr spielen unter anderen: Grizzly Bear, Andrew Bird, Noah and the Whale, Soundtrack Of Our Lives, William Fitzsimmons, The Maccabees, Bon Iver, Patrick Watson, Wintersleep und Anna Ternheim.
haldern pop
The Soundtrack Of Our Lives [Communion]
Das sechste Album der Schweden kommt als Doppel-CD mit gelecktem Wellness-Pärchen auf dem Cover daher. Kann man seinen Fans soviel zumuten? TSOOL können und reihen eine Perle an die andere. Ein unbeabsichtigtes best-of Album.
(songs of the ocean)Ja, sie treiben wieder, fließen wieder. Eigentlich stünde die Veröffentlichung des Nachfolgers der 2004 erschienenen Origins Vol. 1 an. Vol. 2 liegt auch schon in der Schublade, aber warum nicht ein episches Hymnenwerk dazwischen schieben. “This was the easiest, most natural thing we’ve ever recorded,” sagt Sänger Ebbot Lundberg. “It really felt like the album created itself, like we had a dream of what the album was supposed to be and then the album became that.” Und genau so hört es sich auch an. Als hätten sie gar nichts anderes machen können. Und weil schlicht zu viele Stücke für ein einfaches Album da waren, wurde ein Doppel-Album daraus. Das fordert den Hörer heraus, natürlich, aber es lohnt sich dran zu bleiben. Es geht um eine Auseinandersetzung mit der Realität, hinter der die Botschaft steht, die schlechten Dinge nicht fortzusetzen. Aber es darf auch einfach die Musik genossen werden. Denn laut The Soundtrack Of Our Lives selbst, ist die Platte das Positivste, was sie je gemacht haben.
Gleich der Opener der ersten CD Babel On lässt Großes erwarten und entpuppt sich als erste Perle der langen Kette. Der rasselig-erdige Rhythmus schleppt sich scheinbar endlos dahin, nimmt aber stetig an Fahrt auf und spätestens beim Gesang von Lundberg wähnt man sich zurückgesetzt in Papas Plattenschrank (sofern man denn alt genug ist und jener nicht eben Schlager vorzog in den 60ern und 70ern). Oder man sieht sich in einem dieser alten Filme jener Zeit mit diesen bestimmten Farben und Stimmungen. Mit Joint in der Hand. Die Assoziation bleibt dann auch nicht aus. Egal ob man je geraucht hat oder nicht.
Diese Stimmung ändert sich nie wirklich. Zwei CDs, 24 Stücke lang. Es fliegen einem gewohnt rockig preschende Gitarren-Perlen um die Ohren wie Thrill Me, Mensa’s Marauders oder RA 88. Dann wird es auch mal swingender mit der Tuschkapellen-Perle Pictures of Youth oder der Tanz-Pop-Perle und gleichzeitigen Single Flipside. Aber es gibt auch die ruhigeren Perlen mit sehr feinem Glanz wie das schöne Without Warning oder Lifeline. Eines der besten Stücke jedoch ist zweifellos das Meisterwerk Second Life Replay. Man möchte ausblenden, dass es um Selbstmordattentäter geht, denn die Musik entwickelt sich so unglaublich gut, dass man eigentlich nur hören will. Wie sich aus scheinbarer Ruhe Dramatik entwickelt, wie das Cembalo den Mittelteil bestreitet bevor der Chor mit der betörenden Melodie anfängt und schließlich das finale Geschrei losgeht. Großartig!
Insgesamt gibt es kein Stück, das wirklich langweilt oder nicht wenigstens einen Teil in sich hat, der besonders gefällt. Überhaupt scheint es eine Qualität von TSOOL zu sein, dass fast jedes Stück Momente hat, Melodien, Riffs, besondere Drehungen, was auch immer, über die man sich freuen kann beim Hören, die auffallen. Es passiert immer etwas, nichts bleibt stehen. Auch ein Gefälle zwischen den beiden CDs fällt nicht auf. Beide bieten eine gute Bandbreite und die Perlen sind ausgewogen verteilt.
Die musikalischen Einflüsse sind eindeutig. Das ist nicht neu. Man kann viele alte Rockgrößen durchhören. Aber auch neuere Musik. Fast jedes Stück erinnert durch bestimmte Stellen an irgendetwas anderes. Aber es stört nicht. Vielleicht sogar im Gegenteil. Es freut durchzuhören, was TSOOL nun mal gut finden, woran sie sich orientieren und was sie dann daraus machen. Sie wollen bewusst zeitlos klingen, ohne zu wiederholen, und schaffen das besser als viele ihrer Mitspieler. Sie wirken wie die perfekte Reinkarnation mit eigenem Charakter und "Communion" bildet da keine Ausnahme.
Und das Cover? Man kann es als bissigen Geniestreich sehen oder als fürchterlich hässlich. Der Auftrag an den Gestalter war etwas zum Thema ‚Besser Leben’ zu konstruieren und die Absurdität dessen kommt im Cover doch perfekt rüber. „These people represent the alienation. The living dead.“ Dem ist nichts hinzufügen.
Das Album als Ganzes ist in jedem Fall ein Geniestreich und verdient es in Ruhe gehört zu werden. Denn wirkliche Perlen brauchen ihre Zeit.
foto: Fredrik Wennerlund
"communion"
haldern pop recordings, 2009 2cd
the soundtrack of our lives
Hjaltalín [Sleepdrunk Seasons]
Popmusik wird nicht dafür gemacht, dass man sich daran stößt. Was aber, wenn trotz großer Sympathie für neun umjubelte Isländer, des Aufgebots eines halben Kammerorchesters und einer Mischung aus Unbeschwertheit und Melancholie das Gefühl bleibt, dass irgendetwas fehlt?
"all the king's men and all the king's horses couldn't help you find your way
why are you chasing a lie when you know you should be choosing faith
you spend all you time checking if you have new messages on myspace."
(traffic music)Mit dem Kennenlernen von Musik verhält es sich wie mit dem Kennenlernen von Menschen. Manchmal tut man sich schwer mit dem Warmwerden, braucht mehrere Anläufe, kann aber erahnen, dass da etwas Großes wartet, wenn man nur die nötige Geduld aufbringt. Und probiert es so lange immer wieder, bis der Knoten platzt und man nicht mehr genug kriegen kann. Genauso funkt es manchmal sofort. Es reicht, das Album einzulegen und auf Anhieb, ohne Anlaufzeit, ist man mittendrin in dieser Geschichte. Manchmal allerdings geht es auch zu schnell. Wie gerne würde man es mehr mögen, aber völlig unerwartet stellt sich die Erkenntnis ein, dass die Zuneigung nicht mehr tiefer gehen kann, dass da nichts mehr kommen, dass es bei sporadischen Begegnungen bleiben wird.
"Sleepdrunk Seasons", das Debutalbum von Hjaltalín, ist so ein Fall, obwohl die neun Isländer eigentlich alles richtig gemacht haben.
Da hat sich eine dieser wundersamen Formationen gebildet, die einen Blick über den üblichen Gitarre-Schlagzeug-Bass-Tellerrand werfen und stattdessen die Bühne mit Cello, Kontrabass, Trompete, Tuba und (es geht noch weiter) Posaune, Waldhorn und Fagott bevölkern. Von den Herren Hemm Hemm und Tynes von múm produziert, ist das Ergebnis eine Platte, die sich in ihrer Andersartigkeit scheinbar schwer vergleichen lässt. Neben Högni Eglissons warm-rauchiger Stimme und überirdischen Hintergrundchören erzählt auch die opulente Instrumentierung Geschichten; befindet man sich zeitweise in einem unbeschwerten Strudel aus ausgelassenem Klavier, vorwitzigen Bläsern und jubelndem Fagott – ganz so als würden sämtliche Freunde an einer langen Tafel durcheinanderreden - bleiben bei all dem Überschwang die schwarzen Tasten auf der Klaviatur nicht ungenutzt.
Goodbye July/margt að ugga zum Beispiel, das vielleicht auf Anhieb eingängigste Lied des Albums, steckt sofort an mit seiner ungezügelten Lebensfreude; treibende Bläser, tänzelnde Streicher und Eglissons lautmalerischer Gesang stacheln dazu an, sich immer wieder, immer wilder, immer schneller um die eigene Achse zu drehen. Bis irgendwann der Schwindel und das Bewusstsein da ist, dass sich der Sommer bereits auf der Zielgeraden befindet und die Zeit des Abschieds mitsamt seinem schwermütigen Ausklang gekommen ist. Und auf einmal ist man mittendrin in der tiefsten Melancholie und im nächsten Stück, Kveldúlfur, das mit seinen schweren Bläsern gewittrige Gebirgslandschaften malt; ein wenig erinnert es an Sibelius' Finlandia und kommt dabei, wie weite Strecken des Albums, ohne Text aus. Doch genauso schnell wie das Gewitter in den Bergen aufzieht, ist es auch hier wieder verschwunden und Hjaltalín üben sich in Debussys spielerischer Leichtigkeit. Die vorherrschende spielerische Leichtigkeit der Instrumentierung mag darüber hinwegtäuschen, dass die Isländer nicht ganz so harmlos sind wie sie manchmal tun und durchaus in der Lage sind, auch kritische Töne anzuschlagen – auch wenn diese einen so zart umspielen, dass sie doch letztlich Beiwerk bleiben. The Trees Don't Like the Smoke ist so ein Beispiel dafür: „the birds and the bees and the flowers and the trees, they're always looking / the trees don't like the smoke, the trees don't like to choke [...] put that cigarette out for the trees“. Oder Traffic Music, das dazu aufruft, sich von äußeren Einflüssen freizumachen und so zum eigenen Weg zurückzufinden - „all of the junk you're eating will slowly fill your fragile heart so go from the start and rewind to the part when you first knew what you had to say“.
Genau diese Mischung aus leichtfüßigem Pop und klassischer Musikausbildung, aus Melancholie und Heiterkeit ist es wohl, die verantwortlich für die Purzelbäume ist, die da gerade rund um die neue Hoffnung aus Island geschlagen werden. Nominierungen in fünf Kategorien bei den Icelandic Music Awards, Preise in den Kategorien „Best Songwriter“ und „Brightest Hope“ und eine weitere Nominierung für The Trees Don't Like the Smoke bei den Time for Peace Music and Film Awards; überschwänglich in sämtlichen Musik-Foren beklatscht und in Deutschland von den Schatzsuchern von Haldern Pop Recordings geborgen. Eine sympathische Truppe ist das, eine bunt zusammengewürfelte Combo, der man abnimmt, das ihnen am Herzen liegt, was sie da tun und das auch noch mit dieser Mühelosigkeit, die gute Popmusik ausmacht.
Und doch bleibt am Ende das Gefühl, dass irgendetwas fehlt und man weiß gar nicht so genau, was das sein könnte. So wie das eben ist, mit manchen Menschen, bei denen man traurig darüber ist, dass es trotz Grundsympathie nicht funktioniert, obwohl man sich bemüht. Und vielleicht, denkt man sich manchmal, ist da zuviel richtig gemacht worden, fehlen die Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen kann. Die dann blaue Flecken hinterlassen würden. Und eine bleibende Erinnerung.
foto:
hjaltalín
"sleepdrunk seassons"
haldern pop recordings, 2009 cd
hjaltalín
Marching Band [Sparke Large]
Es wird Sommer! Und da sind Hymnen auf die Liebe und das Leben nach all der Schwermut des viel zu langen Winters wieder erlaubt und nur allzu erwünscht. The Marching Band versorgen uns zum Frühlingsanfang mit tief empfundenem und pfiffig gemachtem Songmaterial ihres Debutalbums "Spark Large".
"this year we capture the feel; our days get longer in the summer."
(for your love)
Diese Schweden scheinen das Frühlingsgefühl erfunden zu haben. Pünktlich zum schönen Wetter beschert uns das schwedische Pop-Duo Marching Band ein Album dass winterliche Melancholie und sommerliche Leichtfüßigkeit in zwölf Songs verbindet und subtil aber bestimmt eine hellere, fröhlichere und wärmere Zeit voraussagt. Auf dem Weg zu einer der ersten Sommerplatten des Jahres liegen jede Menge Shins-Unbefangenheit-Riffs; Melodieführung und die ohrgefällige Regelmäßigkeit blubbernder Offbeats erinnern stark an "Chutes To Narrow", jedoch behalten sich Marching Band auf ihrem Debütalbum "Sparke Large" einige wertvolle und charakterisierende Eigenheiten vor, die es in Zukunft weiter auszubauen gilt.
Neben dem über weite Strecken gedoppelten und dezentralen Gesang, der den Hörer angenehm entspannt durch das Album trägt, fallen die Klavierarrangements und der Gebrauch von vielfältigem Schlagwerk als besonders positiv auf; Da reihen sich Marimbaphon, Steel Drum und jede Menge Geklappere und Gerüttle ein, bevor das Drum Kit wieder streckenweise mit pulsierendem Beat und groovendem Timing übernimmt.
Am schönsten sind die Beiden, wenn sie die das große Gerät weglassen und sich den schlichten und eingängigen Popsong zu eigen machen. Die schrebbelige Clapyourhandssayyeah- Manier, die sich hier und da - sicher auch dank Produzent Adam Lasus - einschleicht steht den Schweden nicht besonders und ist auch gar nicht nötig, um ein paar wirklich innovative und kurzweilige Songs zu schreiben, in denen Text und Musik sich in tollster Indieharmonie die Hand zu geben scheinen und die Produktion absolut authentisch und ehrlich auf die Künstler und ihre Fähigkeiten passt. Man merkt, hier waren wirkliche Talente am Werk, die Klangvorstellungen in aktives Material verwandeln und sich dabei in Experimenten verlieren können. Die klaren Strukturen und zielorientierten Rhythmen lassen den Stimmen genau die emotionale Wirkung zukommen, welche die Songs brauchen und ertragen können; Spannungsbögen sentimentaler Momente werden nie überdehnt, es wird mit Dynamik und Instrumentierung gespielt anstatt mit technischen Übersteuerungen.
Und die Marching Band macht mit all ihren launischen Geschichten über alltägliche Geschicke und kleine Dramen nach all dem winterlichen schwermütigen Songwritergejammer auch einfach unendlich Spaß: aufdrehen und ab in die Sonne!
foto:
marching band
"sparke large"
haldern pop recordings, 2009 cd
marching band
Haldern Pop [Rees-Haldern, 07.-09.08.2008]
Im Anblick des feuchtkalten Novemberwetters erscheint der Gedanke an die strahlende Sommersonne fast wie eine Kindheitserinnerung, von der man nicht mehr genau weiß, ob man sie wirklich gesehen, oder sich nur eingebildet hat. Dennoch wagen wir einen Rückblick.
(festival motto 2007)Haldern ist ein kleines Dörfchen am Niederrhein, und wenn man möchte, kann man hier - zumindest eine zeitlang - alle äußeren Umstände und Geschehnisse ausblenden, hinter sich lassen und einfach mal das Heute genießen, ohne Sorgen und Hintergedanken. Besonders gilt dies für ein bestimmtes Wochenende im Jahr, und ganz speziell zum 25. Jubiläum des Haldern Pop Festivals vom 7. - 9. August 2008. Die Welt umher drehte sich normal weiter und bescherte Bevölkerungen schrille bunte Bilder von einer gefakten Olympiaeröffnungsfeier und von Flüchtlingen in Georgien. Nur etwa 5500 junge und in diesen Tagen sorglose Menschen klammerten jeglichen Weltschmerz aus und konzentrierten sich auf etwas, was zumindest einmal im Jahr wichtiger sein sollte als alles andere: Popmusik.
Und die war dieses Jahr ganz besonders erlesen und hörenswert. Erstmals lockte man die Besucher schon am Donnerstag- Abend vor die Hauptbühne um die Legenden der Flaming Lips das Jubiläum einläuten zu lassen. Und trotz eines etwas angeschlagenen Sängers mit wenig Stimme konnten die alten Herren durch ihre kunterbunte Konfetti-Show und den überdimensionalen grünen Plastikbällen alle Gemüter auf dem alten Reitplatz auf ein fröhliches und großartiges Festivalwochenende einstimmen. Wer vor dem Auftritt der Flaming Lips schon die Acts im Spiegelzelt erleben wollte, musste viel Geduld und warme Pullis mitnehmen, und sich in die lange Schlange vor Zelttüren und Securitypersonal einreihen. (Im Vorfeld wie auch nach dem Festival war die Zelt-Problematik im Haldern Pop-Forum ausführlicher als sonst besprochen und scharf kritisiert worden.) Tatsächlich hat jedes Jahr nur ein Bruchteil von zahlenden Besuchern auch wirklich die Chance sich die im Spiegelzelt auftretenden Bands anschauen zu können, es sei denn man entschließt sich dazu auf jeglichen Auftritt auf der Hauptbühne zu verzichten. Ein Zwiespalt, den die Besucher verständlicherweise als ungerecht verurteilen. Dem mangelnden Platz im Zelt zum Trotz bleibt dieses jedoch weiterhin Garant für atmosphärisches Höchstgefühl und sehr spezielle, intime Konzerterlebnisse, die wohl jeder, der ihnen schon mal beiwohnen durfte nicht mehr missen möchte. Dieses Jahr war das Angebot im Spiegelzelt zahlreich und vielfältig, die erst kurz vor dem Festival bestätigten Noah and the Whale fielen jedoch leider aus, nach dem etwas blassen Norman Palm gab es dann den ersten von vielen heißerwarteten Auftritt des Donnerstags im Zelt. The Fleet Foxes kamen und sangen, und das über Strecken vierstimmig, eine popmusikalische Meisterleistung, die man wohl fast als einmalig bezeichnen kann. Ebenso schön und zurückhaltend wie die bärtigen Herren aus Seattle waren Yeasayer, die ganz natürlich und angenehm fern von Stereotypen Indie-Jungspunden auftraten, ein psychodelisch- gemütliches Set spielten und die Zuhörer in die richtige Stimmung für die Hautbühne versetzte. Denn vor den Flaming Lips kamen da ja noch die Foals, eine in den letzten Monaten kräftig durch die Hype-Maschine gedrehte Band bestehend aus Oxford-Stundenten. Allesamt jung, heißblütig und unerbittlich auf Erfolgskurs. Ihrem Namen machte die Band in einem kurzweiligen und sehr launigen Konzert dann auch alle Ehre, da wurde wild umhergesprungen, getanzt und getrommelt, und nebenbei auch noch hervorragend musiziert - einmal mehr machen Gitarren, Schlagzeug und Bass gepaart mit minimalistischem Elektro einfach Spaß. Bleibt zu hoffen, dass den Foals ihre offen zur Schau getragene Arroganz nicht allzu weit über den Kopf wächst, und sie wenigstens mit einem Fuss auf dem Teppich bleiben. Nach den Flaming Lips wurde es ruhig auf Reit-und Campingplatz, dem Verbot Stromgeneratoren selber mitzubringen sei Dank.
Als Höhepunkte auf der Hauptbühne sind für den Freitag ohne jegliche Zweifel die Editors zu nennen, nebst dem am Nachmittag aufspielenden Jack Penate. Auch auf der Haldern-Bühne stellten die Editors ihre enormen Livequalitäten unter Beweis, wieder war ein Auftritt von ihnen besser als jegliche noch so fein ausgesteuerte Album-Version. Düster und vorwärtstreibend die Songs, stimmgewaltig und charismatisch ihr Sänger und Charakterkopf Tom Smith, der weder wildes Gezappel noch gewitzte Plapperei zwischen den Songs nötig hatte um sein Publikum in Spannung zu versetzten.
Dem 22-jährige Jack Penate aus London merkte man am sonnigen Freitagnachmittag seine spanische Herkunft an, bei miserabelsten Soundbedingungen auf der Hauptbühne rockte er seinen Stiefel locker und überheblich runter, seine Musik ist poppig, witzig und eingängig - ein wunderbar sommerlicher Auftritt vor der in allen Belangen peinlichen Joan As A Police Women. Furchtbar artifiziell gebarte sich die ehemalige Profiviolinistin Joan Water mit Glitzerkleid und Minispli-Perücke, dafür aber ohne Stimme und jegliche Ausstrahlung versuchte sie das Publikum mit teilweise haarsträubend absurden Phrasen heiter zu faseln - zum Glück blieb sie mit ihrem Auftritt der einzige Fehltritt des Festivals.
Vor den Editors hatte schon die heißerwartete Kate Nash gespielt und vielerorts enttäuschte Gesichter hinterlassen - wirkte sie doch auf der großen weiten Bühne etwas klein und blass, und so schön und anrührend ihre Songs und ihre Persönlichkeit sind, augenscheinlich ist sie nicht der Typ für größtes Entertainment und passt - so wie letztes Jahr glasklar bewiesen - eben besser auf eine beschaulichere Spiegelzelt-Bühne.
Ein unfassbar stimmiges und denkwürdiges Konzert lieferte die Schwedin Lykke Li bei geschätzten 30 Grad im Spiegelzelt ab, herrlich natürlich und soulig singt die erst 21-Jährige, und tanzt und benimmt sich so selbstverständlich auf der Bühne, als sei sie schon zehn Jahre im Geschäft. An Lykke Li ischeint alles echt, die persönlichen, unheimlich groovenden Songs, ihr Stil sich zu bewegen, ihr Gesang. Genau das Richtige für Freitags Nacht im Spiegelzelt.
Auch am Samstag gaben sich musikalische Höhepunkte die Klinke in die Hand. Nach den noch etwas unsicheren, aber vielversprechenden Dodos, die das Schlagzeug zu einem eigenständigen und vollwertigem Instrument erheben und nebenbei auch noch eine Posaune im Gepäck haben, erklimmte am Nachmittag Jamie Lidell mitsamt einer erstklassigen Kombo die Bühne und kombinierte gewitzt und äußerst sexy Soul, Jazz und derben Elektro. Den Abschluss auf der Hauptbühne bestritten erst The National, die mit einem verstört wirkenden Sänger finsteren, ernsten, vor allem aber gut gemachten Rock mit New Wave-Einflüssen boten und dann, zu guter Letzt Kassenschlager Maximo Park, die ganz wie erwartet ein quirliges, gut gelauntes und aufgeheiztes Set ablieferten, dass aber, trotz bestens aufgelegtem Sänger Paul Smith nicht den Auftritt der Editors vom Abend vorher toppen konnte. Abgerundet wurde der letzte Abend dieses denkwürdigen Jubiläums im schönsten Sinne des Wortes von den sehr intimen, fast anrührenden Auftritten von Songwriter Scott Matthew und Multiinstrumentalist Olafur Arnalds. Und das Wetter? Das war zum ersten Mal seid Jahren in diesem Sommer nicht interessant, dank der Organisationsleistung der Haldern-Helferlein und natürlich den vielen kleinen und großen Musikern dieses feinen bunten Festes am Niederrhein.
foto:
haldern pop
Haldern Pop [Rees-Haldern, 07.-09.08.2008: Vorschau]
Kann Pop altern?
Ein Vorgucker auf die Dinge die da kommen.
(festival motto 2008)Auf runden Geburtstagen kommen immer besondere Freunde, wir überlegen drei mal, wer uns besuchen und zweideutige Kommentare zum neuen Lebensjahr in die Runder werfen darf. Runde Geburtstage sind dazu da, wehmütig in die Vergangenheit und erwartungsfroh in die Zukunft zu blicken. Das gilt für Menschen wie auch für Festivals. Man lässt kurz vor dem Jubiläum die Glanzstunden der alten Tage wieder hochleben, erinnert sich folgenschwerer Patzer, die in der Rückschau nicht minder wehtun als in Echtzeit. So muss es Stefan Reichmann und seinem Haldern Pop Team in den letzten Monaten, Wochen und Tagen ergangen sein. Das Maß an Geschichtsträchtigkeit des Haldern ist ungleich höher als bei anderen Musikfesten seiner Größe und Qualität, und folgerichtig auch unter längerer, ständiger Beobachtung spitzfindiger Musikfreunde, die die Entwicklung des Festes Jahr für Jahr haarklein in Foren auseinandernehmen und sich über zwölf Monate Bands wünschen, diskutieren, nervös werden und im letzten Moment Karten kaufen. Und kaum ist der letzte Akkord im Spiegelzelt verklungen wird sich selbstverständlich schon aufs nächste Mal gefreut, denn das Haldern hat Suchtcharakter. Dieses Jahr wird es älter als viele seiner Besucher - stolze 25 Jahre. Und wo andere Veranstalter die Jahre nutzen um ihre Festivals kommerziell auszuschlachten pocht und besteht das Haldern-Team auf die Konstante Exklusivität.
Das Konzept ist nach wie vor: Teilweise meilenweit von Mainstream entfernte Bands, die ihre große Zeit oft noch vor sich haben gepaart mit einer für alle Seiten erträglich großem Publikum. Statt der Jagd auf Number-One-Hits und Stilikonen forschen die Organisatoren lieber nach handverlesenem und innovativem, schließlich sind sie nicht in erster Linie Veranstaltungsmanager, sondern Musikliebhaber.
Ihren Dank für diese Konzepttreue und die charakterliche Stärke, die zweifellos hinter dem Unterfangen steht, zeigt das Publikum mit Vertrauen in das Line-Up und einem familiären, und angenehm „normalen“ Verhalten. Während sich auf anderen Festivals bierselige Grüppchen mit lautstarker Eigenbeschallung, die sich mehr für Reibereien mit Zeltnachbarn und Grillgut interessieren als für die Musik wie Löwenzahn vermehren, ist die Camp-Gemeinschaft auf den Kuhwiesen des Haldern angenehm homogen und friedfertig geblieben. Man pilgert zusammen zum Eiswagen oder hilft sich großzügig mit Heringen und Klopapier aus. Da verwundert es auch nicht, dass zwischen den Zelten und Autos bis in die Abendstunden Kinder rumwuseln und Fussball spielen. Später sieht man sie dann auf Papas Schultern mit Ohrenschützern vor der Hauptbühne im Takt mitwippen, und die Haldern-Kiddies aus dem Dorf helfen sogar beim Getränke verkaufen. Trotz seiner Familienfreundlichkeit ist das Haldern Pop Garant für jugendliche Hipness, ohne aufgesetzt zu sein, wie eine Art Talentschmiede werden jährlich neue Bands von neugierigen, wissenshungrigen Musiknerds heiss erwartet und unter die Lupe genommen, anstatt genau zu wissen was einen erwartet gehen die Besucher gerne das Risiko ein, sich auch mal überraschen zu lassen.
Neben Programm und Menschen bietet der Veranstaltungsort im beschaulichen Rees weitere Vorzüge. Es gibt da beispielweise einen Bahnhof mit kostenlosem Abholservice, zwei auf Festivalbesucher eingestellte Supermärkte, viel flache und idyllische Landschaft und es gibt den beinahe sagenumwobenen See.
Zum Geburtstag gibt’s dieses Jahr wie immer kleine Geheimtipps und ein paar gefeierte Kracher auf den Bühnen. Unter dem Motto „Ich glaube, ich kenne jemanden, der das weiß“ wird dieses Jahr von 7. - 9. August den ganzen Tag Musik gehört und gesehen, die Karten sind schon ausverkauft, also bleibt nur noch zu sagen: Hofft auf gutes Wetter und zählt die Tage!
foto: marcus beine
haldern pop
Haldern Pop [Rees-Haldern, 02.-04.08.2007]
Es gibt, im Leben eines jeden Menschen nur sehr wenige prägnante Orte, an den es ihn immer wieder zurückzieht und an denen die Dauer von einem Besuch zum nächsten zu einer undurchsichtigen, kaum existenten Spanne verschwimmt.
(festival motto 2007)Etwas überrascht stellt man fest, man fühle sich als sei man gerade erst hier gewesen und entwickelt in Null Komma nichts bequemes, häusliches Benehmen. Jene Örtlichkeiten werden im Laufe der Jahre zu wahren Lebenskonstanten, für die man sich ohne wenn und aber verbürgt und blindlings auf die Glücksmomente, die man sich verspricht, einstellt.
Das Haldern-Pop Festival am Niederrhein ist für Hunderte ein solcher Ort, an dem sich seid 24 Jahren Verfechter des eher unabhängigen, kleinen Indiepop zusammentreffen, sich auf liberalste und oft liebenswürdige Art, drei Tage Campingplatz und Dixieklos teilen und mit dem Gefühl abreisen, Teil eines unbeschreiblichen Ganzen gewesen zu sein, dass einen überschwänglich nach Hause fahren lässt und noch nach Wochen und Monaten kribbelige, glückliche Momente der Erinnerung beschert.
Das Geheimnis diese Festivals liegt seid jeher in dem Zusammenspiel der unterschiedlichsten Größen und Instanzen; Hier bilden Festivalorganisatoren mit Dorfbewohnern, dessen Kindern, Bands und Feuerwehrmännern eine homogene Gruppe, die allesamt das Bestreiten eines friedlichen und fröhlichen Festivals vor Augen haben und diesem Ziel mit Elan und Eloquenz alles entgegenbringen, was sie zu bieten imstande sind. Diese Kompromissbereitschaft und freiwillige Aufopferung zugunsten der Besucher ist eine Charaktereigenschaft, die man als Ankömmling schon weit vor dem Gelände auf dem alten Reitplatz in Haldern unweigerlich zu spüren bekommt. Schon kurz nach der Autobahnausfahrt weisen selbstgemalte Schilder mit roten Pfeilen den Weg, im Ort selbst wird man mit bunten Plakaten sehr herzlich und gleich auf mehreren Sprachen begrüßt. Da liegt der Spaß und die Liebe für dieses Musikfest in jedem Pinselstrich, man fühlt sich willkommen und weiß ganz genau, man ist es auch. Bei kaum einen anderem Festival ist dieses herzerwärmende Drumherum so wichtig und ausgeprägt, wie beim Haldern; Der aufgeschlossenen Atmosphäre kann sich das Publikum an keiner Stelle entziehen.
Primär ist und bleibt das Halden natürlich ein Festival, aber sekundär ist es immer ein bisschen Urlaub und auch zu hause, da wo man ungeniert im Schlafanzug kochen oder einkaufen kann, und das ganze Dorf fröhlich gestimmt die Festivalbesucher begrüßt. Zu den vielen kleinen und profanen Geschenken, die es für den Zuschauer gibt (wie zum Beispiel in diesem Jahr der Eiswagen auf dem Campingplatz oder der Traktor mit „Popwasser“ zur Erfrischung) kann das Haldern schon seit einigen Jahren mit einer Bühne der besonderen Art aufweisen: Das Spiegelzelt. In diesem verspiegelten, zirkuszeltähnlichen Großzelt treten neben der großen Bühne auf dem Reitplatz eher kleinere und oft ruhigere Bands ins Rampenlicht. Der Andrang für dieses einmalige Erlebnis mit Atmosphäre-Garantie ist jedes mal riesig. Da steht man ganz freiwillig mal zwei Stunden an. Wer schon ein paar Jährchen dabei ist weiß um die spezielle, sehr fein ausgesuchte Bandauswahl, die dem Festival seinen einmaligen Ruf und den Organisatoren regelmäßig eine ausverkaufte Wiese einbringt. Dank seines unkommerziellen Formates verzichtet das Haldern auf Vergrößerung vom Kartenkontingent, und auch die Bands haben oftmals ihre großen Zeiten noch vor sich, sind eher unbekannt und meistens angenehm unberührt von Hype-Wellen derzeitiger Popströmungen.
Dieses Mal, ein Jahr vor dem großen 25-jährigen Jubiläum, ging einiges – ähnlich einer Generalprobe - von Anfang an nicht ganz so glatt wie die Jahre zuvor. Erst sehr spät begann die Organisationsspitze rund um Stefan Reichmann mit der Veröffentlichung der bestätigten Bands; Die von vielen heiß erwarteten Editors sagten ab und je knapper die Zeit wurde, desto mehr wuchs ein Programm heran, dass besonders durch die Quote von gänzlich unbekannten Bands auffiel und durch die Bestätigung eines absoluten Haldern-Neulings: Jan Delay. Dessen Auftritt rechtfertigte man dann noch mal in der Haldern-Zeitung „Datt Blatt“ mit dem Wortlaut, das Haldern müsse sich auch auf neue Klänge einlassen und sich nicht beschränken. Im Prinzip richtig. Aber, verwundert über diese Zeilen darf man bei der Geschichte und dem Anspruch des Festivals doch sein, denn das Haldern findet man ja gerade so toll, weil es sich einer unkonventionellen Musikrichtung zugeschrieben hat, nämlich im weitesten Sinne Indie. Diese Selbstverständlichkeit des gelungenen Programms, das eben nicht jedem gefällt aber auch nicht jedem gefallen soll, gehört bisher mit zu den Vorteilen des Festivals und zu den Gründen jedes Jahr wieder zukehren. Wer große Namen und Musik von Hard Rock bis Hip Hop hören möchte soll zu Massenveranstaltungen wie Rock am Ring gehen. Das Haldern, dachte man, bleibe verschont von dem Drang jedem gerecht zu werden.
Natürlich darf man Jan Delay und seinen Auftritt hier nicht verunglimpfen, bezeichnend jedoch ist die Tatsache, dass dieser Auftritt der vom Menschenaufgebot der umjubeltste war, und durch dessen Anwesenheit und Pole-Position andere, sehr schöne und bemerkenswerte Bands wie Polarkreis 18 oder Voxtrot an akutem Publikumsmangel litten und ihre Auftritte auf ein fast schon unverschämtes Maß an fünf Songs (Polarkreis 18) beschränken mussten. Trotz einiger wunderschöner Auftritte wie zu Beispiel der Maccabees im Spiegelzelt, oder der sympathischen Schweden Shout Out Louds erschien das Programm ein wenig zerstückelt, und lieblos zusammengesucht - mit rühmlichen Ausnahmen wie Malajube aus Kanada oder auch den Architecture in Helsinki. War das musikalische Programm gewöhnlich rund und in sich abgestimmt wirkte so manche Band fehl am Platz, wie zum Beispiel die enttäuschende langweiligen Ripchord oder Paul Steel.
Zu bemerken ist, dass Genreausflüge zu Top-Acts, die zum restlichen Programm einen völligen Widerspruch darstellen Auswirkungen auf das Publikum und leider auch auf die Besucherzahlen für andere Bands sowie das Festival insgesamt haben. Zum ersten Mal seit vielen Jahren erreichte das Festival nicht die maximale Besucherzahl, ein deutliches Indiz für die Unzufriedenheit mit dem Programm.
Trotz dieser kleinen Enttäuschung ist und bleibt das Haldern ein Festival des guten Geschmacks, was sollte man auch gegen ein Fest zu sagen haben, wo Kinder wie Ameisen umherwuseln, wo man mit Poptalern bezahlt und ein belustigter Holländer jeden Auftritt individuell und stürmisch ansagt.
Dieses Jahr büßt das Haldern erstmals etwas von seiner Authenzität ein, hoffen wir also, dass wir nächstes Jahr zum Jubiläum wieder das alte Haldern antreffen dürfen, mit ebenso viel Sonne wie in diesem Jahr und der Treffsicherheit in Sachen Musikauswahl der letzten Jahre.
foto: marcus beine
haldern pop
Haldern Pop [Rees-Haldern, 05.-06.08.2005]
Auch wenn das Wetter nicht mitspielte: Ausverkauft!
Kaum ein Wort fiel im Vorfeld des 22. Haldern Pop Festivals so häufig, kaum ein Wort könnte Veranstalterherzen höher schlagen lassen und Vorfreude und Träume so vieler Erwerbswilligen platzen lassen.
(moneybrother)Bereits Mitte Juni waren die 5500 Karten restlos vergriffen, sieht man einmal von diversen Verlosungsaktionen ab. Doch bei diesem Line-Up verwunderte es nicht, hatten sich doch schließlich Bands wie Franz Ferdinand, Mando Diao, Polyphonic Spree oder die Kaiser Chiefs für das diesjährige Haldern Pop angesagt.
Und so traf man noch am Freitag Nachmittag vor dem Festivalgelände Scharen von Ticketsuchenden an, die zunächst vergeblich ihre gemalten Pappdeckel in die Höhe hielten. Begonnen hatte das Programm bereits am Donnerstag Abend. Für die Frühanreisenden spielten drei Bands im kleinen aber feinen Spiegelzelt. Ebenfalls dort traten am Freitag und Samstag um die Mittagszeit jeweils zwei Nachwuchsbands auf, was für viele die einzige Gelegenheit bot, das Zelt auch einmal von innen zu sehen, wie sich später herausstellen sollte. Angenehm durchmischt zeigte sich das Publikum, dessen Altersspanne ungefähr zwischen 14 und 55 lag, darunter entfiel ein angenehm geringer Anteil auf das Klischee des klassischen Festivalprolls.
Veranstaltungen unter freiem Himmel bergen immer einen großen Unsicherheitsfaktor: das Wetter. Die Prognose für das Wochenende war überaus ungünstig und tatsächlich setzte pünktlich um 16 Uhr zu Millionaire, der ersten Band auf der Hauptbühne, strömender Regen ein. Während die Belgier vor einem noch recht überschaubaren Publikum spielten, wandelte sich vor dem Eingang das Bild auf einmal. Die Ticketsuchenden waren verschwunden, an ihre Stelle traten Kartenverkäufer, denen offenbar bereits mit den ersten Tropfen die Füße nass geworden waren. Gleichzeitig verwandelte sich das Festivalgelände in eine knöcheltiefe Schlammgrube, vor dem braunen Matsch gab es kein Entrinnen. Der Stimmung tat dies jedoch glücklicherweise kaum einen Abbruch, schließlich gab es auch früh den ersten kleinen Höhepunkt in dem hochkarätigen Line Up. Art Brut waren als kurzfristiger Ersatz von Ocean Colour Scene angetreten, doch sie waren weit mehr als nur das. Solch eine frische und engagierte Rock’n’Roll-Show hätten die einstigen Britpop-Heroen wohl kaum geboten.
Darauf folgten zwei Bands, die trotz einer gewissen Schnittmenge unterschiedlicher nicht sein könnten. The Robocop Kraus erfreuten wie so oft durch ihren natürlichen Charme, Entertainment ohne Rockstargehabe ist ihre große Stärke. Arrogantes Posing war dafür umso mehr Sache der Kaiser Chiefs, deren Überheblichkeit unwiderruflicher und notwendiger Teil ihrer Gesamterscheinung ist und genau deshalb so gut funktioniert. Der Lärmpegel in den vorderen Reihen nahm auf einmal mittels Kreischen rasant zu, der UK-Hype erreichte spätestens in diesem Moment auch das Haldern Pop. Auf der Bühne wurde einmal mehr deutlich, dass ihnen zumindest musikalisch ein ganz großer Popentwurf gelungen ist und auch der Regen endete ob dieses beeindruckenden Auftritts.
Schließlich riss der Himmel auf und färbte sich in tiefstem Rot, während Nada Surf ein recht gemächliches Set spielten. Dabei vermittelten sie den etwas bemitleidenswerten Eindruck eines Pausenfüllers, denn nach ihrem netten aber unauffälligen Set betrat das Kaizers Orchestra die Bühne. Bereits zum zweiten Mal in Haldern anwesend lieferten sie den mit Abstand bizarrsten Auftritt des Abends. Mit Sauerstoffmaske, Ölfässern und Akkordeon ausgestattet zogen die Norweger das Publikum in ihren Bann, ihre vertrackte Musik zwischen norwegischer Sprache, Rock’n’Roll und Klezmer wurde zudem von einer üppigen Light-Show wunderbar in Szene gesetzt.
So überzeugend die bisherigen Bands waren, so sehr enttäuschten Franz Ferdinand. Der Headliner des ersten Abends begann nicht nur mit reichlicher Verspätung, ihr Auftritt war schlicht und ergreifend langweilig. Zwar schienen sie bemüht, doch der Enthusiasmus fehlte. Neben Alex Kapranos’ vergleichsweise dünner Stimme wurde ebenfalls deutlich, wie limitiert die musikalischen Mittel der alten Stücke sind. Einziger Höhepunkt waren da die neuen Songs, die deutlich mehr Variabilität erkennen ließen. Doch selbst wenn der Auftritt mehr Spannung erzeugt hätte, in keinem Fall waren die dreisten Preise am Merchandising-Stand zu rechtfertigen. Denn 28 Euro für ein simples T-Shirt zu verlangen, ist nicht nur überzogen, sondern auch völlig stillos.
Zum Abschluss des Abends auf der Hauptbühne spielten die recht uninteressanten Saybia mit einer fast dreiviertelstündigen Verspätung, während fast gleichzeitig Zita Swoon im Spiegelzelt begannen. Dieses wunderschöne alte Zirkuszelt mit Holzverkleidung stand dieses Jahr bereits in Glastonbury und hatte von dort offensichtlich auch das Wetter mitgebracht. Noch ärgerlicher als dies war jedoch die Tatsache, dass das Fassungsvermögen sehr limitiert ist, und so entstand eine Schlange von hunderten von Menschen, die vergeblich um Einlass begehrten. Um 3 Uhr nachts vollführten dort schließlich British Sea Power nach eigener Aussage den Auftritt ihres Lebens. Diesmal ohne Laub und Geäst auf der Bühne spielten sie sich in einen Rausch, während dessen ein Karton voller Tulpenzwiebeln ins Publikum geworfen wurde und an dessen Abschluss eine kleine Zerstörungsorgie voller herrlich unsinniger Bühnenaktionen stand.
Wie der Freitag so begann auch der Samstag. Zwar ließ sich die Sonne am Vormittag noch blicken, doch als Saint Thomas die Bühne betraten, frischte es deutlich auf und die ersten Tropfen fielen vom Himmel. Zu allem Überfluss hatten die Magic Numbers auch noch eine derart große Verspätung, dass ihr Auftritt kurzerhand ins Spiegelzelt verlegt wurde. Dieser fiel somit auf die gleiche Zeit wie der von The Coral, welche beschwingt durch ihr Set glitten und eine große Portion Vielseitigkeit bewiesen.
Mädchenherzen höherschlagen ließ im Anschluss Moneybrother, der auf sehr sympathische Art mit dem Publikum kommunizierte und das Festival außerordentlich lobte. Fast schon demütig bedankte er sich für den Publikumszuspruch. Während der anschließend spielenden The House of Love leerte sich das Festivalgelände schlagartig, was vermutlich auf Namen und mangelnde Bekanntheit zurückzuführen war. Das Publikum kehrte jedoch pünktlich zu Phoenix wieder zurück und erlebte so den vielleicht besten Act des Festivals. Deutlich gitarrenlastiger als auf ihren Tonträgern brachten sie selbst die letzten Reihen zu intensivem Mitwippen und Kopfnicken, und so ließ sich selbst die Sonne für kurze Zeit blicken.
Ebenfalls begeistern konnten Tocotronic, die ihre betont locker-unterkühlte Pose, welche sie zwischenzeitlich eingenommen hatten, beiseite gelegt haben. Auch die ganz alten Songs schienen keine ungeliebte aber notwendige Dreingabe mehr zu sein, die Band hat ein gesundes Verhältnis im Bezug zum Spielen aller ihrer Stücke gefunden zu haben. Bloß das endlose Feedback gegen Ende ihres Auftritts hätten sie sich sparen können, wie schon vor Jahren wirkte diese Aktion seltsam deplaziert.
Eine hohe Hürde galt es für Mando Diao zu überspringen, denn praktisch deren gesamtes Equipment schien am Flughafen stecken geblieben zu sein. Und so wurde flugs Ersatz organisiert, um den Auftritt zu retten. Zwischendurch hatte erneut heftiger Regen eingesetzt, doch der Moderator kündigte an, spätestens beim dritten Song würde das schlechte Wetter ein Ende haben. Und tatsächlich trat diese Prophezeiung bereits während dem zweiten Stück ein, während über der Masse vor der Bühne eine gewaltige Dampfwolke schwebte. Begeisterung allerorten über die Schweden, die ohne große Umschweife mächtig rockten.
Kontroverser fiel da der abschließende Auftritt von The Polyphonic Spree aus. 24 Menschen in himmelblauen Roben und orchestral anmutender Besetzung, die ganz offensichtlich die Sonne anbeten, wenn das mal nicht nach amerikanischer Hippie-Sekte klang. Manch einer nahm dabei die Aufmachung wohl zu ernst, denn diese strahlte allenfalls Fröhlichkeit und augenzwinkernde Querverweise aus. Musikalisch irgendwo zwischen Band und Musical zu verorten schlug dem Publikum geballte positive Energie entgegen, die zum ersten Mal in ihrer ganzen Weite gefüllte Bühne bot einen unglaublich lebendigen Anblick. Und so waren The Polyphonic Spree ein mehr als würdiger Abschluss für das Haldern Pop. Danach spielten nur noch Emiliana Torrini und Francoiz Breut im Spiegelzelt, vor dem erneut mehr Menschen warteten als es von innen sahen.
Bemerkenswert ist letztlich, wie wenig Schaden die Stimmung durch das Wetter genommen hat. Gutgelaunte Gesichter strahlten aus Regenjacken, Gummistiefeln und umfunktionierten Mülltüten, auch wenn selbst die Abfahrt so manchen mit dem Auto im Schlamm Festsitzenden auf eine harte Probe stellte.
foto: Uta Bohls
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