Auch wenn das Wetter nicht mitspielte: Ausverkauft!
Kaum ein Wort fiel im Vorfeld des 22. Haldern Pop Festivals so häufig, kaum ein Wort könnte Veranstalterherzen höher schlagen lassen und Vorfreude und Träume so vieler Erwerbswilligen platzen lassen.
(moneybrother)Bereits Mitte Juni waren die 5500 Karten restlos vergriffen, sieht man einmal von diversen Verlosungsaktionen ab. Doch bei diesem Line-Up verwunderte es nicht, hatten sich doch schließlich Bands wie Franz Ferdinand, Mando Diao, Polyphonic Spree oder die Kaiser Chiefs für das diesjährige Haldern Pop angesagt.
Und so traf man noch am Freitag Nachmittag vor dem Festivalgelände Scharen von Ticketsuchenden an, die zunächst vergeblich ihre gemalten Pappdeckel in die Höhe hielten. Begonnen hatte das Programm bereits am Donnerstag Abend. Für die Frühanreisenden spielten drei Bands im kleinen aber feinen Spiegelzelt. Ebenfalls dort traten am Freitag und Samstag um die Mittagszeit jeweils zwei Nachwuchsbands auf, was für viele die einzige Gelegenheit bot, das Zelt auch einmal von innen zu sehen, wie sich später herausstellen sollte. Angenehm durchmischt zeigte sich das Publikum, dessen Altersspanne ungefähr zwischen 14 und 55 lag, darunter entfiel ein angenehm geringer Anteil auf das Klischee des klassischen Festivalprolls.
Veranstaltungen unter freiem Himmel bergen immer einen großen Unsicherheitsfaktor: das Wetter. Die Prognose für das Wochenende war überaus ungünstig und tatsächlich setzte pünktlich um 16 Uhr zu Millionaire, der ersten Band auf der Hauptbühne, strömender Regen ein. Während die Belgier vor einem noch recht überschaubaren Publikum spielten, wandelte sich vor dem Eingang das Bild auf einmal. Die Ticketsuchenden waren verschwunden, an ihre Stelle traten Kartenverkäufer, denen offenbar bereits mit den ersten Tropfen die Füße nass geworden waren. Gleichzeitig verwandelte sich das Festivalgelände in eine knöcheltiefe Schlammgrube, vor dem braunen Matsch gab es kein Entrinnen. Der Stimmung tat dies jedoch glücklicherweise kaum einen Abbruch, schließlich gab es auch früh den ersten kleinen Höhepunkt in dem hochkarätigen Line Up. Art Brut waren als kurzfristiger Ersatz von Ocean Colour Scene angetreten, doch sie waren weit mehr als nur das. Solch eine frische und engagierte Rock’n’Roll-Show hätten die einstigen Britpop-Heroen wohl kaum geboten.
Darauf folgten zwei Bands, die trotz einer gewissen Schnittmenge unterschiedlicher nicht sein könnten. The Robocop Kraus erfreuten wie so oft durch ihren natürlichen Charme, Entertainment ohne Rockstargehabe ist ihre große Stärke. Arrogantes Posing war dafür umso mehr Sache der Kaiser Chiefs, deren Überheblichkeit unwiderruflicher und notwendiger Teil ihrer Gesamterscheinung ist und genau deshalb so gut funktioniert. Der Lärmpegel in den vorderen Reihen nahm auf einmal mittels Kreischen rasant zu, der UK-Hype erreichte spätestens in diesem Moment auch das Haldern Pop. Auf der Bühne wurde einmal mehr deutlich, dass ihnen zumindest musikalisch ein ganz großer Popentwurf gelungen ist und auch der Regen endete ob dieses beeindruckenden Auftritts.
Schließlich riss der Himmel auf und färbte sich in tiefstem Rot, während Nada Surf ein recht gemächliches Set spielten. Dabei vermittelten sie den etwas bemitleidenswerten Eindruck eines Pausenfüllers, denn nach ihrem netten aber unauffälligen Set betrat das Kaizers Orchestra die Bühne. Bereits zum zweiten Mal in Haldern anwesend lieferten sie den mit Abstand bizarrsten Auftritt des Abends. Mit Sauerstoffmaske, Ölfässern und Akkordeon ausgestattet zogen die Norweger das Publikum in ihren Bann, ihre vertrackte Musik zwischen norwegischer Sprache, Rock’n’Roll und Klezmer wurde zudem von einer üppigen Light-Show wunderbar in Szene gesetzt.
So überzeugend die bisherigen Bands waren, so sehr enttäuschten Franz Ferdinand. Der Headliner des ersten Abends begann nicht nur mit reichlicher Verspätung, ihr Auftritt war schlicht und ergreifend langweilig. Zwar schienen sie bemüht, doch der Enthusiasmus fehlte. Neben Alex Kapranos’ vergleichsweise dünner Stimme wurde ebenfalls deutlich, wie limitiert die musikalischen Mittel der alten Stücke sind. Einziger Höhepunkt waren da die neuen Songs, die deutlich mehr Variabilität erkennen ließen. Doch selbst wenn der Auftritt mehr Spannung erzeugt hätte, in keinem Fall waren die dreisten Preise am Merchandising-Stand zu rechtfertigen. Denn 28 Euro für ein simples T-Shirt zu verlangen, ist nicht nur überzogen, sondern auch völlig stillos.
Zum Abschluss des Abends auf der Hauptbühne spielten die recht uninteressanten Saybia mit einer fast dreiviertelstündigen Verspätung, während fast gleichzeitig Zita Swoon im Spiegelzelt begannen. Dieses wunderschöne alte Zirkuszelt mit Holzverkleidung stand dieses Jahr bereits in Glastonbury und hatte von dort offensichtlich auch das Wetter mitgebracht. Noch ärgerlicher als dies war jedoch die Tatsache, dass das Fassungsvermögen sehr limitiert ist, und so entstand eine Schlange von hunderten von Menschen, die vergeblich um Einlass begehrten. Um 3 Uhr nachts vollführten dort schließlich British Sea Power nach eigener Aussage den Auftritt ihres Lebens. Diesmal ohne Laub und Geäst auf der Bühne spielten sie sich in einen Rausch, während dessen ein Karton voller Tulpenzwiebeln ins Publikum geworfen wurde und an dessen Abschluss eine kleine Zerstörungsorgie voller herrlich unsinniger Bühnenaktionen stand.
Wie der Freitag so begann auch der Samstag. Zwar ließ sich die Sonne am Vormittag noch blicken, doch als Saint Thomas die Bühne betraten, frischte es deutlich auf und die ersten Tropfen fielen vom Himmel. Zu allem Überfluss hatten die Magic Numbers auch noch eine derart große Verspätung, dass ihr Auftritt kurzerhand ins Spiegelzelt verlegt wurde. Dieser fiel somit auf die gleiche Zeit wie der von The Coral, welche beschwingt durch ihr Set glitten und eine große Portion Vielseitigkeit bewiesen.
Mädchenherzen höherschlagen ließ im Anschluss Moneybrother, der auf sehr sympathische Art mit dem Publikum kommunizierte und das Festival außerordentlich lobte. Fast schon demütig bedankte er sich für den Publikumszuspruch. Während der anschließend spielenden The House of Love leerte sich das Festivalgelände schlagartig, was vermutlich auf Namen und mangelnde Bekanntheit zurückzuführen war. Das Publikum kehrte jedoch pünktlich zu Phoenix wieder zurück und erlebte so den vielleicht besten Act des Festivals. Deutlich gitarrenlastiger als auf ihren Tonträgern brachten sie selbst die letzten Reihen zu intensivem Mitwippen und Kopfnicken, und so ließ sich selbst die Sonne für kurze Zeit blicken.
Ebenfalls begeistern konnten Tocotronic, die ihre betont locker-unterkühlte Pose, welche sie zwischenzeitlich eingenommen hatten, beiseite gelegt haben. Auch die ganz alten Songs schienen keine ungeliebte aber notwendige Dreingabe mehr zu sein, die Band hat ein gesundes Verhältnis im Bezug zum Spielen aller ihrer Stücke gefunden zu haben. Bloß das endlose Feedback gegen Ende ihres Auftritts hätten sie sich sparen können, wie schon vor Jahren wirkte diese Aktion seltsam deplaziert.
Eine hohe Hürde galt es für Mando Diao zu überspringen, denn praktisch deren gesamtes Equipment schien am Flughafen stecken geblieben zu sein. Und so wurde flugs Ersatz organisiert, um den Auftritt zu retten. Zwischendurch hatte erneut heftiger Regen eingesetzt, doch der Moderator kündigte an, spätestens beim dritten Song würde das schlechte Wetter ein Ende haben. Und tatsächlich trat diese Prophezeiung bereits während dem zweiten Stück ein, während über der Masse vor der Bühne eine gewaltige Dampfwolke schwebte. Begeisterung allerorten über die Schweden, die ohne große Umschweife mächtig rockten.
Kontroverser fiel da der abschließende Auftritt von The Polyphonic Spree aus. 24 Menschen in himmelblauen Roben und orchestral anmutender Besetzung, die ganz offensichtlich die Sonne anbeten, wenn das mal nicht nach amerikanischer Hippie-Sekte klang. Manch einer nahm dabei die Aufmachung wohl zu ernst, denn diese strahlte allenfalls Fröhlichkeit und augenzwinkernde Querverweise aus. Musikalisch irgendwo zwischen Band und Musical zu verorten schlug dem Publikum geballte positive Energie entgegen, die zum ersten Mal in ihrer ganzen Weite gefüllte Bühne bot einen unglaublich lebendigen Anblick. Und so waren The Polyphonic Spree ein mehr als würdiger Abschluss für das Haldern Pop. Danach spielten nur noch Emiliana Torrini und Francoiz Breut im Spiegelzelt, vor dem erneut mehr Menschen warteten als es von innen sahen.
Bemerkenswert ist letztlich, wie wenig Schaden die Stimmung durch das Wetter genommen hat. Gutgelaunte Gesichter strahlten aus Regenjacken, Gummistiefeln und umfunktionierten Mülltüten, auch wenn selbst die Abfahrt so manchen mit dem Auto im Schlamm Festsitzenden auf eine harte Probe stellte.
foto: Uta Bohls
haldern pop
Haldern Pop [Rees-Haldern, 05.-06.08.2005]
The Polyphonic Spree [Together We're Heavy]
"Does anybody get pissed off when you mention the Polyphonic Spree to anyone and the first words out of the mouths are 'oh isn't that a cult band or something'?"
"Yeah, but people are dicks."
(Auszug aus einem Polyphonic Spree Forum)
"she said goodnight to all the lights that made her seem to glow."
(one man show)Es werden vermutlich, als lukrative, eher weltliche Mitbringsel, unzählige Ebay Angebote mit dubiosen und vermutlich wenig originellen Papst Bezügen anfallen, wenn sich der Rummel um den Weltjugendtag in Köln wieder gelegt haben wird. Aus aller Welt feiern tausende Jugendliche den - bereits als Poster in der Bravo erschienenen - gehypten Papst Benedict XVI. frenetisch, was schon ein kleines Kuriosum darstellt. Ohne Zweifel würden die Texaner Polyphonic Spree in den Reihen der auftretenden christlichen Bands zunächst kaum auffallen.
Ich muss gestehen, dass ich nicht umher kam, eine religiöse Diskussion im Zusammenhang mit diesem Pop Ensemble zu führen, auf die ich eigentlich verzichten wollte. Tim DeLaughter, der 38 jährige Kopf der Band legt es aber auch definitiv darauf an, sich in ein religiöses, sektenhaftes Umfeld einreihen zu lassen. Bereits im ersten Stück der im Herbst 2004 veröffentlichten Platte "Together We’re Heavy" - die gerade mit einigen Bonustracks und Videos wiederveröffentlicht wird – spricht er bereits eindringlich über Religion. "Until tomorrow,until tomorrow, the only voice was far away / Until tomorrow, the only sound was my mistake / Until tomorrow it’s all I can say / Take the time to find the world another way / I wanna be more than yesterday and somehow find a way to this new religion."
Dieses sich selbst angreifbar machen üben Polyphonic Spree par excellence aus, in all ihren visuellen und akustischen Metaphern, weisen jedoch jegliche christlichen oder anders gearteten religiösen Bezüge klar von der Hand. Es geht mehr um eine musikalische Spiritualität, um ein Gemeinschaftsgefühl, um Etwas, an das man Glaubt, erklärte DeLaughter letzten Herbst in einem Interview dem Intro. Eine zunächst etwas verwirrende Begründung, die er da abliefert, aber tatsächlich sieht er in der Musik eine gewisse, dem Geist der Religion ganz ähnliche Komponente. In obigem Zitat aus dem Stück A Long Day Continues / We Sound Amazed bezieht sich DeLaughter genau auf diese Spiritualität, die er in seiner Musik sieht, welche jedoch nichts mit Religion als Solche zu tun haben will. Als '99 DeLaughters ehemalige Band Tripping Days daran zerbricht, dass der Gitarrist und DeLaughters Freund Wes Berggren an einer Überdosis stirbt, macht er eine Art Läuterung durch. Schon ein Jahr später entwickelte sich aus der enthusiastischen Idee heraus, Popmusik mit atemberaubenden Symphonien und tragenden Chorelementen zu versetzen, das Musikerensemble Polyphonic Spree. Damals zunächst mit 15 Mitgliedern, im Gegensatz zur aktuellen Besetzung von 23 Musikerinnen und Musikern.
Wenn hinter all dieser großen Inszenierung tatsächlich keine glaubensbedingten, sondern eher the polyphonic spree profan weltliche, musikalische Absichten liegen, darf man sich natürlich fragen, weshalb dann so bewusst mit diesen Stilmitteln gespielt wird. Die Bilder, auf denen die Musiker, allen voran DeLaughter durch die Wüste ziehen, die Glaube, Liebe, Hoffnung Metaphern – selbst wenn Ersteres nur vor einem musikalischen Hintergrund zu betrachten sein soll - das stark frequentierte Verwenden von Begriffen wie Faith, Shame, be good oder Sunshine, all das sind Aspekte, die man unwillkürlich mit den strahlenden und doch bedrängten Gesichtern von Jüngern unzähliger mal mehr mal weniger glaubhafter religiöser Vereinigungen assoziiert. Es seien einfach Menschen die seine Liebe zu diesem Sound teilen, erklärt er, und dass Chorgesänge eine euphorische Stimmung bei jedem Teilnehmenden hinterlassen, kann niemand von der Hand weisen, der jemals freiwillig in einem Chor gesungen hat.
Tim DeLaughter war gerade drei Jahre alt, als sich in den Vereinigten Staaten der Sunshine Pop etablierte, Hair aufgeführt wurde und Stücke wie Aquarius von 5th Dimension populär waren. Die Kindheit prägt, und so verwundert es auch nicht, dass die, in bunten Talaren tanzenden Mitglieder der Polyphonic Spree auch an eben diese Happenings erinnern. Es geht ihnen jedoch nicht um eine tatsächliche Kopie dieser Musik, "vielmehr soll das Gefühl, diese unglaublich positive Stimmung übertragen werden", erklärt DeLaughter im Interview mit Kollege Simon Traut. Und, ist man ehrlich, sind die hier vermittelten Werte, selbst wenn man sie als naiv abtun möchte, ein erfrischendes Pendant zur aktuellen Aggro-Ego-Welle.
Wie auch immer man jedoch zu den vorangestellten Eindrücken steht, dieses Pop Orchester, das so kongenial und euphorisch Keyboards, Bass, Gitarre, Schlagzeug, Percussion, Pauken, Flöte, Trompete, Violine, Theremin, Cello und nicht zuletzt den zehnköpfigen Chor in die Popsongs integriert, weiß diese überzeugende Stimmung weiterzugeben, und sein Publikum mitzureisen. Diese bombastische und oppulente Inszenierung der Popsongs, jeweils arrangiert um DeLaughters Gesang, unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von anderen, ebenso fulminanten Stücken diverser Bands in der Geschichte der Rock und Popmusik. Die Beach Boys und die Beatles, später Queen und die High Llamas, bis hin zu dem diesjährigen Trial Of Dead Album "Worlds Apart", haben die Bands Choräle, Bläser und Streicher nur für bestimmte Stücke, oder Konzepte von einzelnen Alben als musikalisches Stilmittel verwandt. Bei Polyphonic Spree hingegen sind sie unabdingbarer Bestandteil der Band, der sich zu einer überaus beeindruckenden, homogenen Darbietung vereint. Nicht zuletzt aufgrund ihrer imposanten Live Auftritte konnten sie in kürzester Zeit Konzertbesucher wie David Bowie für sich begeistern. Dieser holte die Band – beeindruckt von deren Interpretation seines Stückes Five Years - in die Heimat des Hype nach Groß Britannien zu seinem Meltdown Festival in London.
Die 23 Musikerinnen und Musiker spielen waghalsig mit musicalhaften Elementen, bedienen sich der Energie von Gospelchören und wissen es Spannungsbögen und Melodien zu einer einzigartigen Verbindung zu vervollkommnen. Was den Polyphonic Spree mit ihrem zweiten Album gelungen ist – ihr Debut "The Beginning Stages Of" wurde in Deutschland mit großer Verspätung veröffentlicht –, ist nicht weniger als ein imposantes, orchestral perfekt arrangiertes Popalbum, was nicht zuletzt durch das kreative zum Einsatzkommen eher Genre fremder Instrumente und den Akzente setzenden Chor besticht.
foto: sarahphotogirl
the polyphonic spree
"together we're heavy"
good records 2005 cd
the polyphonic spree
The Polyphonic Spree
Wenige Bands geben so viele Rätsel auf wie The Polyphonic Spree. Tim DeLaugther, Gründer und Mastermind dieser imposanten Gruppe, kämpft mit manchen Vorurteilen, doch auch für ihn scheint nicht alles zu 100% geklärt zu sein.
"don't get me wrong, i'm not a treehugger!"
(tim delaughter)Eigentlich lässt sich von dem Namen eines Menschen nur sehr wenig auf dessen Wesen schließen. Der Name ist nicht mehr als eine Hülle, die auch in ihrer Ästhetik häufig völlig losgelöst vom Charakter der Person ist. Doch bei Tim DeLaughter ist dies anders. Er macht seinem Namen alle Ehre und strahlt eine grundständige Freude aus, seine Herzlichkeit ist umwerfend. Er verkörpert auf den ersten Blick genau die Klischees, mit denen The Polyphonic Spree, sein Projekt, zu kämpfen hat: Eine sektenähnliche Gruppe texanischer Hippies, die ihre Botschaft einer, als anbetungswürdiges Objekt geehrten Sonne, mit Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung und Musical-Einlagen a là Hair verbinden. Interessanterweise führt er sämtliche Interviews gemeinsam mit seiner Frau durch, die bei The Polyphonic Spree als Teil des Chores fungiert. Also ein Guru-Ehepaar, das einige Jünger um sich geschart hat, um die Welt zu bekehren?
„Da werden schnell mal ein paar faszinierend klingende Erklärungen für ein Projekt angeführt, dass nicht so einfach in ein gängiges Muster gepresst werden kann. Die Wirklichkeit ist viel banaler. Ich bin nun mal der Initiator, The Polyphonic Spree ist so etwas wie mein Kind. Ich schreibe die Songs und die Texte, da ist es selbstverständlich, dass ich der bestimmende Faktor bin, im klassischen Bandkontext ist das ja häufig auch nicht anders.“
Doch wo liegt eigentlich der Ursprung dieser Band, die sich zu einem 23-28köpfigen und orchestral anmutenden Gebilde entwickelt hat? „Ich hatte die Idee bereits vor vielen Jahren, als ich noch in Trippin’ Daisy meinen kreativen Output kanalisieren konnte. Sie schien dabei noch unglaublich weit weg zu sein, es war nicht mehr als ein Gedanke, der erst in vielen Jahren umgesetzt werden wollte. Nach dem tragischen Ende von Trippin Daisy fiel ich in ein unglaublich tiefes Loch. Umso stärker wurde der Drang, etwas Positives zu schaffen, ich wollte Hoffnung in einer für mich sehr düsteren Gedankenwelt. Der Anstoß dazu kam aber von außen, ohne mein Wissen wurden The Polyphonic Spree als Support für eine Grandaddy-Show engagiert, obwohl die Band noch gar nicht existierte. Also mussten innerhalb von zwei Wochen eine Band und ein paar Songs auf die Beine gestellt werden.“
In den laufenden Jahren änderte sich die Besetzung immer wieder, die Zahl der Mitglieder stieg konstant an. Mittlerweile sind neben der bewährten Bandinstrumentierung ein Chor mit acht und mehr SängerInnen sowie klassische Orchesterinstrumente wie Blechbläser, Violine und Harfe Teil des Ganzen. „Die Zusammensetzung der Gruppe hat sich in der letzten Zeit aber mehr und mehr gefestigt. Seit der Gründung gab es verschiedene Wechsel, da die Band sich lange in einer Positionierungsphase befand, niemand wusste, wie sich die Sache entwickeln würde.“ Musikalisch war die Zielsetzung jedoch von Anfang an klar. „Natürlich ist gerade dieser Sunshine-Sound a là 5th Dimension ein sehr wichtiger Bezugspunkt, es ist ein bisschen wie eine Reise zurück in meine Kindheit. Der Grundgedanke von The Polyphonic Spree basiert auf dem Wunsch, Musik in diesem Stil zu machen. Aber ich bin kein ausgebildeter Musiker, sondern ein einfacher Songwriter. Gemeinsam mit der Band arrangiere ich dann die Songs. Dabei versuchen wir nicht, die Musik der damaligen Zeit nach formellen Kriterien möglichst genau nachzuahmen. Vielmehr soll das Gefühl, diese unglaublich positive Stimmung übertragen werden.“
Gerade diese positive Grundstimmung schlägt sich textlich in starken Bezügen zur Natur wieder. Insbesondere die Sonne wird in diversen Stücken besungen, ihr fällt quasi die Rolle als heilsbringendes Element zu, „Hey, it’s the sun and it makes me shine“ (It’s The Sun, aus dem Vorgänger Album zum aktuellen "Together We're Heavy"). Tim DeLaughter möchte dies jedoch nicht wörtlich verstanden wissen: „Don’t get me wrong, I’m not a treehugger! Aber die Natur ist nun mal der einzige Lebensaspekt, der durchgehend positiv besetzt ist. Gerade die Sonne steht für so viele wunderbare Dinge, sie ist ein unglaublich starkes Symbol. Wir beten sie nicht an, aber sie ist unheimlich wichtig, da sie einen großen Einfluss auf uns Menschen hat.“
Bei solch einer klaren Aussage lässt sich ein gewisser spiritueller Touch nicht mehr leugnen. Gerade weil The Polyphonic Spree nach außen hin durch ihre Roben und die Bühnenshow als eine Einheit auftreten, erwecken sie unwillkürlich den Eindruck einer religiösen Gemeinschaft. Da mag es so gar nicht hineinpassen, dass Tim DeLaughter scheinbar kein allzu ausdifferenziertes religiöses Weltbild hat: „Ich bin zwar kein Christ, aber dennoch ein sehr spiritueller Mensch. Ich glaube, dass es eine höhere Macht gibt, die in welcher Form auch immer Einfluss auf die Welt ausübt. Vielleicht steckt diese Macht auch in uns und in der Natur, ich weiß es nicht. Ich bin mir nur sicher, dass es etwas gibt, das über unsere Wahrnehmung hinausgeht, was wir mit unserem Denken nicht richtig fassen können.“
Wichtiger als ein religiös-spiritueller Konsens ist innerhalb der Band der Wunsch nach dem gemeinsamen Erleben: „Wir haben innerhalb der Band ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl aufgebaut. Zusammen wollen wir Musik machen, die uns Hoffnung gibt und unsere Herzen erwärmt.“ Vielleicht liegt auch gerade darin der Grund für den Erfolg von The Polyphonic Spree. In einer von vielen als kalt und einsam empfundenen Zeit bauen sie Luftschlösser, in denen man zwar nicht wohnen kann, die aber wenigstens einen Silberstreifen am Horizont erkennen lassen.
foto: polyphonicspree
the polyphonic spree