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Mogwai [Young Team]

Vor einigen Jahren geizte Steven Malkmus nicht mit Superlativen, als er über Mogwai sagte, sie seien die Band des 21. Jahrhunderts, während ein gewitzter Journalist ergänzte: „It should be noted that the 21st Century has now arrived". Mehr als eine Dekade nach der Veröffentlichung, erscheint Mogwai Young Team jetzt erneut.


"cos music is bigger than words and wider than pictures."
(yes! i am a long way from home)


Als ich vor drei Jahren von den Kollegen des Nillson Magazins darum gebeten wurde, einen Beitrag für ihre vor subjektivem Overkill strotzenden Kolumne "Platten für die Ewigkeit" zu verfassen, musste ich nicht lange darüber nachdenken, was ich der illustren Reihe von Pavements "Crooked Rain Crooked Rain", "Left And Leaving" der Weakterhans oder "Fuel For The Hate Game" von Hot Water Music hinzufügen sollte. "Young Team". Erstmals 1997 als Mogwais Debüt Album erschienen und jetzt beim eigenen Label wiederveröffentlicht. Die Notwendigkeit solcher Rereleases - meist mit einer zusätzlichen DVD, in diesem Fall, ganz wie im ebenfalls wiederveröffentlichten "Crooked Rain Crooked Rain" um eine zweite CD erweitert und den orginären Part etwas druckvoller remastert - ist sicherlich fraglich, meist nur als Sell Out in einer Schaffensflaute zu verstehen und wenn überhaupt als nostalgischer Rückblick berechtigt, doch sagt das nichts über die Qualität dieses Albums aus.

Das offizielle Debüt der Schotten beginnt mit einem Stück, dass sich im Stande sieht, alles zu erklären, worauf es hier ankommt. Da steht ein "Yes" mit einem Ausrufezeichen am Zeilenanfang und eine mädchenhafte, zerbrechliche Stimme lässt ein Pamphlet verlauten, dass größenwahnsinniger nicht sein könnte: Mit dieser Musik würde der Mensch dem schleichenden Gefühl der Existenz beraubt und stattdessen in einen schwebenden Zustand versetzt. Musik sei umfassender als Worte und weiter als Bilder. Und dann greift man zu fantastisch triumphierenden Vergleichen: "Erm, if someone said that mogwai is - are the stars, I would not object." Die eröffnenden Worte sind der Konzertbesprechung einer Bergener Studentenzeitung der frühen Tagen der Band entnommen, und die Stimme gehört einer norwegischen Freundin, die das gesamte Konzept Mogwais auf den Punkt bringt.

"MYT" gelang es bereits am Ende der Neunziger Jahre alles zu zeigen, was die Band jemals sein würde. Allen Entwicklungen ihrer späten Alben griffen sie hier bereits im Ansatz vorweg, und auch die Stilvorlagen zahlreicher anderer Bands, die sich in der Nische des Postrock behaupten würden, lassen sich wie in einem ungeheuren Masterplan schon hier erkennen. Das Spiel zwischen den fragilen, zärtlichen Melodien vor dem Hintergrund der brechenden, erdbebenartigen Klangmauern wird noch von ihnen perfektioniert werden, klingt hier noch rudimentär, experimentell, unsicher, unkonkret, und dennoch ist ein Stück wie Like Herod, einem fast zwölfminütigen, sich langsam entfaltenden und immer wieder die Richtung wechselnden Feuerwerk, kaum einholbar. Flöten, Glockenspiele, Soundfragmente und sogar Fieldrecordings werden ganz selbstverständlich eingebaut; Wie Details auf der akustischen Leinwand arrangiert, um das große Bild in seiner Gesamtheit zu verfeinern. Dabei erfanden sie hier nicht einmal das musikalische Rad neu, sondern verbanden ihrerseits prägnante Stilmittel zu einer beängstigenden Schönheit. Die bombastischen, stellenweise (Ohren-) betäubenden Feedbackorgien erinnern an Sonic Youth, die präzisen, doch dröhnenden Gitarren an My Bloody Valentine, die klanglichen Eskapaden der verwendeten Orgeln an Stereolab. Was Mogwai in ihrem Schaffen jedoch auszeichnet, sich als innovativer Wegweiser verstehen lässt, ist, dass sie jedem Augenblick seine Zeit lassen, niemals durch die gewaltigen Themen hetzen, minimalistische Piano Klänge stetig wiederholen und ein gewaltiges Klangmanifest ringsherum erschließen.

Von den vier neuen, bislang unveröffentlichten Kompositionen, die sich neben fünf Liveaufnahmen unterschiedlichster Orte – fast alle stammen tatsächlich aus dem Jahr der Veröffentlichung von "MYT" - auf der angesprochenen zweiten CD befinden, sind das pianogeführte Young Face Gone Woring sowie das auf disharmonisch verstörenden Klangaufnahmen und scheinbar wahllos eingefügten Gesprächsfetzen eines verzweifelten Telefonanrufers basierende I Don'T Know What To Say eher fragmentarischer Art. I Can't Remember im Anschluss hingegen hätte der erste, wenn auch instrumentale, repititive und tendenziell eher düstere Pophit der Band werden können – lange vor Hunted By A Freak aus dem Album "Happy Songs For Happy People" oder Acid Food aus "Mr. Beast". Doch der wirkliche Augenöffner der vier ungehörten Stücke ist das fast viereinhalb minütige Honey, welches mit sanften Gesangslinien, einem blumigen Glockenspiel und zuckersüßen Harmonien überrascht. Das Schweigen wird hier gebrochen, um über Liebe zu sprechen. Vielleicht traute man sich damals zur Wahrung eines noch eher rüpelhaften, Streetgang-Images nicht, gleich zwei solcher Stücke zu veröffentlichen und entschied sich daher eher für das melancholische Anti-Liebeslied R U Still In 2 It? (Im Übrigen ein sehr schönes Duett mit Arab Strab's Aidan Moffat).

Dabei scheinen alle Stücke der originalen "MYT" Veröffentlichung nur auf einen zusammenfassenden Punkt hinaus zu laufen. Das dringlich anschwellende Katrien, die betont verspielte, melodiöse aber tieftraurige Balade Tracy und auch das unruhig scheppernde A Cheery Wave From Stranded Youngsters. Alle gehen fließend und harmonisch ineinander über, nur um zu guter Letzt in dem sechzehnminütigen Mogwai Fear Satan, dieser epischen, bittersüßen und doch unaufhaltsam brodelnden Hymne zu münden; Dem vielschichtigen, mit massiven Verzerrungen überbordenden, kolossalen Abschluss des Albums, welcher durch die zarte Flötenmelodie getragen, eine bemerkenswert feinfühlige Ruhe erlangt. "If the stars had a sound, it would sound like this." Das gilt noch immer.
foto: steve gullick



mogwai
"young team"
chemical underground 2008 2cd
mogwai

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Mogwai [Mr. Beast]

Auto Rock.
Der Feierabend-Prolet mit dem Ramones Shirt von H&M und das Gucci Girl haben eines gemein: den inflationären Gebrauch des Begriffes Rock. Die Industrie hinterlässt fade Beliebigkeit und übersieht was sich jenseits von Trends tatsächlich dahinter verbergen kann.


"what happened after the storm? is everyone ok?"
(acid food)


Der Schwebezustand wird nur kurz anhalten. Es ist ein knappes Durchatmen. Weit aufgerissene Augen, erwartungsvoll gekräuselte Lippen. Die Spannung in der Luft wird sich gleich wieder vollends entladen, aber für den Moment regiert eine fast zaghafte Melodie, schmerzlich aber dennoch zielstrebig. Fünfundzwanzig Sekunden.

Mogwai mitbegründeten jenes Genre, welches man heute im Feuilleton als Postrock bezeichnet. Die laut / leise Dramaturgie inszeniert bis heute niemand exzessiver als die fünf Schotten. Zwischen einem startenden Jet und dem fallen der sprichwörtlichen Stecknadel schwangt die Lautstärke und ist dennoch mehr als bloßer Krach. Es geht um Schönheit und Leid. Als versuche man mit einem Presslufthammer Mona Lisas Lächeln nachzuziehen, mit einem Megaphon Werthers Leiden zu rezitieren. Was sich hier zu einem Ensemble zusammenfügt ist der Lärm eines nebulösen Schmerzes. Schwermut mit drei ohrenbetäubenden Gitarren. Was bleibt ist die Kapitulation. Man empfindet diese bittersüße, konturlose Anmut, die kaum eine andere Band lauter zeichnet. We’re No Here ist ein solch dröhnender Behemoth, der sich erst langsam dann schnaubend zur vollen Größe entfaltet.

Die Zeit der ausufernd angelegten Hymnen scheint jedoch vergangen. Kein elfminütiges Like Herod, kein über zwanzigminütiges My Father, My King mehr. Als würden die lauten Epen zu nicht minder intensiven Haikus gebündelt; selbst wenn Tetsuya Fukagawa, Sänger der japanischen Hardcore Band Envy, in I Chose Horses mehr als die siebzehn Lautsilben benötigt, um dem Stück einen ganz eigenen, monologischen Zen-Charakter zu verleihen. Dass man, dem Japanischen nicht mächtig, kein Wort des Textes verstehen wird, scheint nur konsequent. Worten räumte man bei den Schotten noch nie übermächtige Bedeutung ein. Auch wenn auf "Mr. Beast" letztlich auffällige drei der zehn Titel mit mal gesprochenen mal gesungenen Worten bedacht sind, werden die Texte nicht im Kopf des Hörers bleiben. "Meistens ist es so, dass der Song fertig ist, aber nicht so klingt, als ob er fertig sei. Dann fügen wir noch Gesang ein, quasi als letztes Stilmittel."

Mit Acid Food hat man sogar so etwas wie einen Popsong erschaffen, bei dem eine Steel Guitar mit einem verzerrten Drumloop Hand in Hand geht und vielleicht am ehesten an The Jesus And Mary Chain erinnert. Letztlich aber doch zu kantig für bunten Pop. Das Piano hat man ebenfalls für sich entdeckt und gleich in der ersten Singleauskopplung tritt es in den Vordergrund und bestimmt Friend Of The Night mit elegischer Pracht und winterlicher Düsternis.

Sie wollten laute Stücke aufnehmen erklärt die Band, was zunächst sehr banal klingt. Noise und Weight sind die Vokabeln mit denen der kleingewachsene Stuart Braitwaithe hantiert, um zu erläutern was ihm wichtig erscheint. Seine wachen Augen funkeln. "Wenn ich an eine Platte mit Gewicht denke kommt mir 'Songs Of Love And Hate' von Leonard Cohen gleichwohl wie das letzte Album von Sunn O))) in den Kopf.“ Das traurige Moment, die Melancholie als erfüllendes und aufmunterndes Merkmal überwiegt letzten Endes sogar die lauten Ausbrüche. "Es ist, als wenn man ein schönes Bild betrachtet – it makes your day a bit better."

Emergency Trap ist ein solches Stück, was mit wenigen Stilmitteln eben jenes Gewicht mit sich bringt. Von einem Piano und einigen Sounddrones getragen, bringt es eine zarte Gitarrenmelodie auf den Punkt. Anschwellende Rückkopplungen im Hintergrund wähnen den Zuhörer kurz vor einer Explosion die nicht stattfinden wird. Man wird sich der Stille erst bewusst, wenn der erwartete Lärm ausbleibt.

Phlegmatischen Pathos dichtet man ihnen fälschlich an was augenscheinlich wird, betrachtet man die fünf Herren hinter den Lärmleinwänden. Wie aus dem Marvel Universum entrissen ist zumindest der Name ihres kürzlich angemieteten neuen Studios in Glasgow; Castle Of Doom. Eine Reminiszenz an alte Tage, in denen sich die Bandmitglieder noch hinter nichts sagenden Pseudonymen versteckten. Cpt. Meat und DEMONIC etwa. Die Einrichtung ist spärlich, ein schmales Treppenhaus verbindet die Mischpulte mit Aufnahmeräumen. Man trinkt Tee und isst Bagels und Hummus. "Carfeful as you walk in! Mics behind the door!", warnt die schnell geschriebene Notiz an der Tür. "No drinks on piano, please", eine andere. Wir sind weit entfernt von einem anrüchigen Schloss der Verdammnis. Das alte Studio in welchem sich die Band seit ihrem Debüt an entwickelte, musste einem Wohnblock weichen. Das neue Studio ist angemietet auch wenn man über einen späteren Kauf nachdenkt. Belle & Sebastian haben sich bereits für Aufnahmen angemeldet.

Auch die kryptischen Songtitel sind alles andere als konspirative Codes die darauf warten dechiffriert zu werden. We’re No Here ist ebenso wenig wohlüberlegt und durchdacht wie es viele seiner Vorgänger waren. Martin Bullochs kleiner Bruder John verstand diese Worte missverständlich im Zusammenhang mit einem Sprechchor, welcher tatsächlich den Namen des Glasgow Celtics Trainers Martin O’Neill rief, erklärt Stuart Braitwaithe "Er verstand We’re no here, was tatsächlich absoluter Nonsens ist auszurufen. Wir dachten aber, es sei ein guter Song Titel." "Mr. Beast" bedient sowohl die prominenteste Spielweise der Band als auch die eher minimalistischen und ruhigen Stücken mit elektronischem Einfluss, wie sie seit "Rock Action" in das Repertoire von Mogwai Einzug hielten. Folk Death 95 ist ein gutes Beispiel für erste, Team Handed für letztere Art. Selbstverständlich gibt es mehr Facetten zu entdecken als diesen Stereotyp. Stagnation auf höchstem Niveau nennt es das Intro. "Fakt ist, dass niemand von uns etwas anderes kann. Es ist nicht so als hätten wir unser Architekturstudium kurz unterbrochen und könnten dort irgendwann weiter machen." Braitwaithe unterstreicht: "Wir wussten von Anfang an, dass wir dies für eine lange Zeit machen würden und dass wir lohnenswerte, wichtige Musik schreiben wollten, bis zu dem Tag, an dem unsere Hände nicht mehr mitmachen." Das lässt weiter hoffen.

Die fünfundzwanzig Sekunden sind verstrichen. Der Schwebezustand ist vorüber, Pupillen fokussieren die Bestie. Die Glasgow Mega Snake bricht wieder los. Unbändig wächst sie heran, gespeist von getretenen Overdrive Pedalen, labt sich an den enthusiastischen Blicken des Publikums und windet sich um die parallel laufenden Melodien die sie heraufbeschwören. Bis sie nach gut dreieinhalb Minuten so plötzlich verschwindet wie die unerwartete Illusion eines Zauberers.
foto: steve gullick



mogwai
"mr. beast"
pias 2006 cd / cd+dvd / lp
mogwai

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