600 Wörter [Telefon]
fünf minuten für dich.
an diesem telefon.
und was soll ich dir erzählen?„Komm, lass uns reden
Wer redet, ist nicht tot.“
(Gottfried Benn)
du hörst dich gerne reden. du redest viel. du redest über alles. für deine worte bist du nicht verantwortlich. sie brechen aus dir heraus sagst du. über was redest du?
wörter: reden/sprechen/glauben. glauben. was für ein wort. wie aus einer anderen zeit. hast du zeit? können wir reden? wer redet ist nicht tot.
aber worüber reden, wenn man nicht mal einen fernseher besitzt, die tageszeitung liest oder die sehnsucht verspürt, eine kurznachricht zu versenden, kontakt aufzunehmen mit jemandem, ein lebenszeichen von sich geben, irgendetwas belangloses mitteilen wie "ich bin in fünf minuten da".
in fünf minuten kann viel passieren. es dauerte fünf minuten bis sie dir erklärt hatte, dass sie nicht vorhat noch länger mit dir zusammenzuleben. in fünf minuten bist du von zu hause bei deiner arbeit. fünf minuten und 4 sekunden dauert das lied das du gerade hörst. in fünf minuten hättest du eine entscheidung treffen können. du hast fünf jahre gebraucht. fünf minuten ist eine zigarettenlänge. fünf minuten später und du wärst nicht mehr da gewesen.
fünf minuten für dich. an diesem telefon. und was soll ich dir erzählen? wenigstens kannst du erzählen. du erzählst gern. du erzählst geschichten von menschen die ich kaum kenne. von menschen die du kaum kennst. zerbrochene beziehungen, krankheiten die plötzlich ausbrechen, die seelische lage deiner mutter, die finanzielle deiner geschwister. die familie. man könnte sich mal wieder melden, den ersten schritt machen. vielleicht entwickelt sich wieder so etwas wie normalität. normalität. noch so ein wort.
wörter: vision/chaos/sprache. deine vision ist dir abhanden gekommen sagst du. hattest du je eine? wir haben uns verloren im chaos und wieder gefunden sagst du und das klingt verzweifelt. deine sprache hat sich verändert, der ton deiner stimme. ich versuche deine sprache zu entschlüsseln, aus deinem tonfall etwas wesentliches herauszuhören, zwischen den zeilen etwas zu finden , das "du" ist. etwas das ich kenne. aber ich kenne dich nicht mehr.
du erzählst mir von deinem letzten besuch bei deinem vater. du erzählst diese geschichte und ich habe sie schon tausend mal gehört. ich kenne alle einzelheiten. ich kenne ihren ausgang. aber du redest. du willst erzählen. du hörst dich gerne reden. ich nicke. ich vergesse, dass du mich nicht sehen kannst. ich spreche mit dir. aber ich komme nicht zu dir durch.
"ich". das ist etwas wie "du". das sich sucht, das denkt und spricht und zuhört. du hörst dir selbst gerne zu. "du". das ist eine erinnerung an ein gesicht. eine stimme am anderen ende der leitung. du schaltest den computer an. du beantwortest die post. du siehst dir filme an. du triffst dich mit deinen freunden und redest über filme. du triffst dich mit deinen freunden und ihr seht euch filme an. oder ihr hört musik. du redest über musik. du liest bücher. du triffst dich mit deinen freunden und redest mit ihnen über bücher und musik und filme. du kennst all die namen: karl marx, marilyn monroe, david beckham. du gehst zur arbeit. du bezahlst deine rechnungen. du bist manchmal unglücklich verliebt. du wirst krank. du machst dir gedanken wie es weitergeht. du machst weiter. du zählst die tage bis zu deinem urlaub. du zählst die jahre bis zu deinem 30. geburtstag. du zählst dein geld. du zählst deine platten. du hast probleme. du triffst dich mit deinen freunden und redest über probleme. über deine probleme. über ihre probleme. ihr ruft euch gegenseitig an. du kennst all die leute. und du hast eine meinung. du schreibst eine kurznachricht.
du rufst mich an. ich gehe nicht ran. und ich rufe nicht zurück.
Text: Toby Hoffmann
illustration: heiko windisch
Fonoda [Eventually]
Eventually Klangerzeugung?
Die Welt bewegt sich in Bahnen, deren Wege wir zu ordnen versuchen. Mit jedem Schritt, mit jeder Note, mit jedem angeschlagenen Akkord bewegen wir uns in ihre Richtung, um Vollständigkeit zu erlangen und um zu verstehen, warum wir uns auf den Weg gemacht haben.
"that's just fucking with your heads, our pass is still one step ahead."
(still looking for any direction) Alles in allem ein ziemlich kryptischer Ansatz, der viel mehr verlangt, als er eigentlich aussagt. Vielleicht bringt es uns jedoch um einiges näher an Fonoda – an "Eventually" – dem neuen Album der Band ohne festen Wohnsitz. Vielleicht reicht diese Frage nach dem WARUM aus, um "Eventually" in aller Vollständigkeit zu erörtern. Mit Nichten, so viel wird klar sein. Vielleicht hilft es uns aber, einige große Momente – die es auf dem Album zu entdecken gibt – bei den Eiern zu packen und intelligente Musik in ihren Bahnen auszuloten. Doch so oft ich auch versuche die Aufgabe zu lösen, die mir da Fonoda mit "Eventually" vor die Nase gesetzt haben, so oft scheitere ich auch. Vielleicht müssen zuerst einmal die Formalien geklärt werden.
Alles andere als kryptisch ist der erste Ansatz: der Pragmatische. Auf "Eventually" zum Trio geschrumpft lassen Fonoda – im Einzelnen Florian Doelzer (Schlagzeug), Matthias Neuefeind (Gitarre) und Christian Unertl (Bass) – ihre Nähe zum Drone-Pop der 1990er und zum gestandenen Post-Rock verorten. Doch was die Passauer so besonders macht, ist eine gewisse Eigendynamik, die durch viel Engagement und ein kreatives Songwriting zustande kommt. Hinzukommen die vielen Querverweise, die einem beim Hören kurzzeitig aufschrecken lassen, aber nicht vom Erkennen und Feststellen, dass man das irgendwo schon einmal ausgereifter gehört hat, sondern vor Wohlwollen. Denn eine andere Herangehensweise bietet auch andere Lösungen.
Die Arbeit zum Album gestaltete sich eher langwierig, war aber dennoch von Konstruktivität gekennzeichnet. Zum einen erlag man der Idee dem Fonoda-Sound ein neues Fragment hinzuzufügen, dass auf den Namen Gesang hört und sich eher zaghaft in das Konzept eingliedern wollte. Was gebraucht wurde, waren Gastsänger, geklappt hat es aber nur mit Daniel Buerkner von Squares On Both Sides, der zwei von acht Tracks durch einen warmen Klang bereichert. Letztendlich nahm man das Blatt doch selbst in die Hand und nun ist in fast jedem Song von "Friends and Lovers" die Rede. Zum anderen sind die ältesten Tonspuren von "Eventually" bereits 4 Jahre alt und es gab Zeiten, in denen sich eine allgemeine Unzufriedenheit innerhalb der Band ausbreitete, obgleich das Projekt in emsigen Schritten vorankam. Den Arrangements ist das in keinster Weise anzumerken, vielmehr versinkt man in den Tiefen der ausgefeilten Strukturen und dem Pochen, Wimmern und Stampfen der elektronischen Soundscapes, für die der Laptop-Musiker Henry Ok a.k.a. Zimmer verantwortlich ist.
Was am Meisten verwundert ist die Symbiose, die das Analoge mit den digitalen Sounds eingeht. Es scheint, als ob die herkömmlichen Instrumente bei den Grundfesten gepackt werden und über den neuen Einflüssen zu etwas Organischerem werden. Zum Klang – der nicht mehr im Einzelnen aufgegliedert werden kann, sondern der die Songs zu einer homogenen Masse verschmelzen lässt. Ein Fakt der nicht nur einen Zusammenhang zwischen den Songs schafft, sondern auch zu mehr Intensität führt.
Am Deutlichsten ist diese Klangerzeugung bei Stone Cold Seconds und Ambient Take No. 1 zu bemerken, die sich gekonnt in das Konzept Drone-Pop und Post-Rock eingliedern und gleichzeitig neue Möglichkeiten für Band und Hörer eröffnen. Vom Ablauf her ähnlich gebastelt, wartet man gespannt auf die nächste Änderung – das nächste Fragment, das aufgelöst oder bereichert wird durch Harmonie, Verzerrung oder dem Chorus –, der die Qualität noch um ein Vielfaches verstärkt. Eine wichtige Rolle spielt hierbei der Mann an den Laptops: Henry Ok, der sich bei diesen Songs mehr als nur eingliedert. Seine fast schon impressionistischen Klangteppiche ergießen sich förmlich über den Hörer. Führt man diesen Gedanken weiter, so heben sie Fonoda über etwas, dass nicht jede Band schafft, und zwar die üblichen Klassifizierungsversuche auszuweichen. Was bleibt ist da nur der Versuch einer Assoziationsmontage – eben dieser hier.
That’s just fucking with your heads,
our pass is still one step ahead.
Still looking for any direction!
foto: fonoda
fonoda
"eventually"
büro / city center office 2007 cd
fonoda
Werle & Stankowski [Listen To]
Der Reiz des Unbekannten.
„Gleich und Gleich gesellt sich gern“, scheint oftmals Motto und Antrieb für neu entstehende Bands zu sein. Da sind vier oder fünf junge, musikverrückte Jungs oder Mädchen, die seid jeher die gleichen Platten in ihrem Schrank stehen haben und die selben Lieblingssongs ihr Eigen nennen dürfen.
"i'm just travelling in my bed at nigth."
(holiday)So klingt doch die Idealversion für die Anfänge erfolgversprechender Musikpraxis. Man schnappt sich Gitarren und erfindet Musik, die ähnlich klingt wie die, die man liebt und schätzt. So weit, so einseitig.
Denn dass es auch ganz anders verlaufen kann, zeigen zwei Männer, die im Grunde aus völlig verschiedenen musikalischen Himmelsrichtung zueinander stoßen, die Herausforderung annehmen und sämtliche Genre- Fanatiker überraschen: Das sind Werle & Stankowski; Singer/Songwriter und Elektro- Pluckerer im Duett, kaum vorstellbar, aber ebenso real wie harmonisch.
Sehr junge Musiker neigen oftmals dazu sich eigentlich geschmackfremde Musikstile anzueignen um sich zu profilieren und auf sich aufmerksam zu machen. Entwachsen aus dieser Phase treffen sich Werle und Stankowski mit ihrer Vorgeschichte als Rezipienten und Akteure verschiedener Stile nicht in irgendeiner musikalischen Mitte - was natürlich zum einbüßen von Charakteristika führen würde - sondern loten die eigenen Vorlieben aufs Ganze aus. Dies geschieht jedoch in einer sehr klugen und geschickten Art und Weise, Elektro und Akustik-Gitarre mit dem Holzhammer zusammenzustapfen würde auch nicht so wohlklingend funktionieren wie hier. Werle und Stankowski verstehen aus ihrem Gegenüber die Bereicherung der eigenen favorisierten Stile und Sounds, und genau diese Vorstellung erreicht den Hörer 1:1, diese beiden mögen sich, und respektieren den anderen in seiner Machart.
Für viele mag das Experiment gewagt klingen, für andere gewollt innovativ. Zu gerne erleichtert man sich Hör- und Denkaufgabe und teilt sorgfältig in Genres ein, und sobald ein besondern akustik-fanatischer Indie-Nerd einen elektronischen Klang vernimmt verlässt er gerne den Raum und setzt seinen vernichtenden Stempel auf das Produkt. Da wird viel zu selten näher hingeschaut und gelauscht, denken sich die Kölner und geben ihrem zweiten Album den schlichten Titel: "Listen To Werle & Stankowski".
Und was sich hier findet ist tatsächlich mehr als nur hörenswert, die spendablen zwölf Tracks der Scheibe leben von dem Gegensatz ebenso wie von gemeinsamen Errungenschaften. Ganz sicher war es für den einen wie den anderen nicht leicht gewissermaßen sein Baby in die Hände des anderen zu legen um diesen Stilmix zu kreieren, jedoch klingt alles nach Gewinn, die wunderschöne und außergewöhnlich vielfältige Stimme von Johannes Stankowski (mit überdies weitfassenden Tonumfang), seine Gitarren- Arrangements zwischen Indie, Country und Folk und nicht zuletzt Simon Werles feines Näschen in Sachen elektronische Sounds, die sich mal unterordnen und kaum merklich mitschwingen oder sich zu derben Beats emporheben. Die Klänge dienen nicht lediglich der Begleitung, quasi als Bandersatz, sondern sind selber Gegenstand, denen Platz und Berechtigung eingeräumt wird. Und diesen wahrlich einzigartigen Zustand verdankt das Duo ihrem eigenen Format: keiner der beiden Stile steht im Vordergrund bzw. ist nur Diener des anderen.
Beide sind jung gebliebene Erwachsene, die sich mit Lebensfreude ins Musikmachen gestürzt haben und von kleinen und großen Momenten erzählen, die aus eigener Lebenserfahrung entspringen und sentimental, ehrlich und nachdenklich klingen; so wie Texter Johannes Stankowski eben fühlt. Sie berichten von aufdringlichen Menschen (Lady Grey), die einem ihr ganzes Leben erzählen wollen, von Fehlern, einsamen Herzen (After All), Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben (In This World), von Ferien und ein bisschen von Liebe (Beautiful Heart). All das geschieht nicht plump und fantasielos, Werle & Stankowski fallen nicht mit der Tür ins Haus, sondern schaffen zunächst immer die neue Atmosphäre für die jeweilige Thematik. Der Hörer wird wie auf Händen durch das Album getragen, alles ist stimmig, aber nicht reibungslos und glatt. Immer wieder hört man auf, wundert sich über den ein oder anderen Einfall, Harmoniewechsel oder eine englischsprachige Metapher. Und ganz am Ende freut man sich über den Abschluss-Knüller Sound Of My Guitar, der die angesammelte Schwere des Albums aufhebt und uns beschwingt und zufrieden entlässt.
Werle & Stankowski ist man bereit alles zu glauben, so sympathisch und offen und grundehrlich präsentieren sich die beiden Künstler mit Profil in ihrem Tonmaterial, das Medium Cd scheint sich zu verflüchtigen, am Ende bin ich fast sicher das Werle & Stankowski auf dem Balkon über mir stehen für ein kleines Privatkonzert.
Und der Beifall wird gigantisch sein.
foto: werle&stankowski
werle & stankowski
"listen to"
haute areal 2007 cd
werle & stankowski
Knarf Rellöm Trinity [Move Your Ass & Your Mind Will Follow]
„Pop ist ein grundsätzlich kapitalistisches Segment, in dem sozusagen der Kapitalismus ganz selten mal (aber dann mit großer Freude) mit den eigenen Waffen geschlagen werden kann.“ Sagt Knarf Rellöm. Herzlichen Willkommen.
"wenn die musik der liebe nahrung ist, spielt weiter, gebt mir volles maß."
(lcd is playing at my house)Okay. Knarf Rellöm. Allein der Name schon. Das ist nicht lustig. War es nie und wird es nie sein. Das sind Kindergartenspiele (und Rückwärtslesen rockt mal gar nicht, Digger!). Und die Musik? Soll das jetzt Kunst sein? Ist das Avantgarde, wenn Signor Rellöm gemeinsam mit Frau La Hengst mit in spätachtziger Gewand gekleideten Synthie Spuren und monotoner Drumcomputer Rhythmik und Handclaps nervtötend Dylans Like A Rolling Stone interpretiert? Ist das der Moment, in dem die vermeintlich falschen Menschen "Scheiße" denken, wie damals, als sie das erste Mal diese Beuys fettigen Filz gesehen haben, lernten, dass das Kunst ist, aber eigentlich gern weiter "Scheiße" denken würden? Würde Herr Rellöm, darauf angesprochen, arrogant, gleichgültig und über jedem Zweifel erhaben "Das ist Punk, Mann. Lass dir die Harre schneiden" sagen, wie damals, in diesem einen Stück, in dem er seine verschwendete Jugend in Erinnerungen subsumiert? Überhaupt dieses reichlich gesponnene Gequassel von dem Mann mit der unangenehm holen Stimme. Dieser Mix aus Plastik Beats und Hörspielanleihen und der grammatikalisch doch wenigstens bedenklicher Phrasendrescherei in so etwas ähnlichem wie englischer Sprache? Und was soll der Mist mit der Covergestaltung? Gelb mit einer dieser längst wieder uncoolen italienischen Espressokannen, die man heute im Woolworth an jeder Ecke hinterher geworfen bekommt? Klar, das ist bestimmt auch wieder verkannte Kunst, irgendwie revolutionär, weil so uninspiriert wirkend und dabei dann doch …
So mag man argumentieren und man hat recht. “Move Your Ass & Your Mind Will Follow” heißt der aktuellste Output der sich Erwartungshaltungen gänzlich verschließenden Projekte um den Fixstern Knarf Rellöm. Das macht ihn oft so sehr verschachtelt und unbequem, uneingängig und nur subtil cachy, und wird auch Grund dafür sein, dass er seit den frühen Neunzigern – damals mit Huah! – nur einem engen Kreis geläufig ist. Der Titel des Albums lasse bereits auf die "Verzahnung von Message und Dancefloor" (so der Pressetext) schließen, auf tanzbaren Agit-Prop also, was in Rellöms Kosmos dennoch schwer zugänglich sein dürfte. Kaum ein Stück lässt sich mal eben in der konservativen Grossraum-Indie-Disko spielen, ohne auf entsetzte Gesichter zu treffen. Trotz all der klugen und scharfzüngigen Bemerkungen, dem wunderbar gestellt wirkenden Wortspielen und den originellen Querverweisen bleibt das Schaffen von Rellöm seit je her doch preaching to the converted. Und das wird sich auch mit dem vierten Album und seiner Mischung aus Four To The Floor trifft PostPunk trifft Klezmer trifft Disco trifft souveränes Entertainment trifft Geschichtenerzählen nicht ändern. Lässt man sich jedoch darauf ein, eine Platte vorliegen zu haben, die sich die Waage zwischen Press Repeat und um Himmels Willen Don’t Press Repeat hält, verliert man sich auch mit dem neuen Werk zwischen Oberfläche und Grund eines intertextuellen Strudels jenseits von Raum und Zeit. Auf 45 Minuten komprimiert, bringt Rellöm mehr zeitgenössische Kulturstudien und Alltagsbeobachtungen als die Spex in den letzten fünf Jahren.
Namedropping? Bitte schön: da wird bereits im hörspielhaften Intro und in Knarf Rellöm charakteristischer Erzählweise Sun Ra zitiert, in Ausserplanetarische Opposition mal eben auf die frühen Prodigy angespielt, allein mit dem Titel LCD Is Playing At My House die Elektro-Post-Punk-No-No-No-Wave Ikonen aus dem New Yorker Hause DFA angedeutet und im Anschluss inhaltlich neben diesen Daft Punk, Hans Nieswandt, Stereo Total, Sonic Youth, Dizzy Gillespie oder den Beastie Boys Respekt gezollt, bzw. mal eben die Black Eyed Peas und Indie Rock diskreditiert. Darüber hinaus gibt es kulturelle und politische Slogans und Anton Reiser, Slim Shady und Rudi Völler werden in einem Atemzug genannt: Es gibt nur einen und die Null muss stehen (Kaufen Vor Dem Saufhaus). Und auch das lack of aesthetics beim Coverdesign erweist sich als Verweis auf den bis in die späten Achtziger populären März Verlag, der ´67 von Jörg Schröder gegründet wurde. (Bitte informieren sie sich bei Bedarf selbst darüber.)
Der Rest des Artikels - zu ihrem eigenen Interesse, liebe Leserin und lieber Leser - reine Zitatenhölle:
"Jetzt mach die Musik so laut, dass die Leute schon tanzen, ohne sich zu bewegen."
(Den Kopf Verlieren)
"In den 80ern gab es in New York eine wilde Musikszene, die sich in Abgrenzung an das selbstzufriedene New York, No New York nannte. Wir nennen unsere Musik jetzt in Abgrenzung an das selbstzufriedene Deutschland, No Deutschland."
(AKD)
"Dortmund Dortmund 80er Party. Das Beste der 70er, 80er, 90er und das Beste der Nuller."
(Kaufen Vor Dem Saufhaus)
"Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten / Wer verrät uns nie? Sexualdemokratie."
(Talkin’ Techno)
"Ich hatte Drogen genommen, amerikanische Chemie. Dann sah ich den Kopf, den Kopf meiner Mutter im Aquarium"
(Move Your Ass & Your Mind Will Follow)
"Wenn du etwas nicht verändern kannst, versuche es wenigstens zu beschreiben, sagt Rainer Werner Fassbinder und Arne Zank sagt: die Mehrheit will das nicht hören Arne."
(What’s That Music?)
"In the house there is a bee, Knarf Rellöm Trinity. Oh no, it’s not one bee, of that animal is three."
(Knarf Rellöm Trinity)
"Hey Achilles, wie kommt es, dass man an einer Verletzung der Ferse sterben kann?"
(Hey! Achilles)
"Once upon a time you dressed so fine. You threw the bums a dime in your prime, didn't you?"
(Like A Rolling Stone)
foto: zickzack
knarf rellöm trinity
"arms down"
zickzack / what's so funny about 2006 cd
knarf rellöm trinity
Explosions In The Sky [All Of A Sudden I Miss Everyone]
Irgendwo zwischen Postrock, klassischen Orchesterwerken und expressionistischer Malerei. Das texanische Quartett offenbart auf seinem fünften Album erneut große Erzählungen, und zeigt vor allem, was man heute noch alles von Gitarrenmusik erwarten darf.
(under the radar #16)Bist du schon mal eine ganze Nacht hindurch wach geblieben? Allein. Keine Party. Kein Fernsehen. Nur du ganz allein. Irgendwann gelangst du zu dem Punkt, an dem du die Augen kaum aufhalten kannst. Der Körper fährt seine Funktionen herunter. Du beginnst ein wenig zu frieren. Gedanken lassen sich nicht mehr ganz klar fassen. Aber dann, wenn du diesen Punkt überschritten hast, beginnt der Körper Endorphine und Adrenalin freizusetzen. Du wirst plötzlich wach. Wach auf eine ungewohnte Weise. Du nimmst plötzlich auf eine andere Art wahr. Eindringlicher. Exzessiver. Es ist stockdunkel draußen. Es braucht noch einige Zeit, bis sich der nächtliche Vorhang langsam lüften wird. Die Geburt des Tages steht bevor. Die ersten Töne sind gewaltig. Wie eine einstürzende Mauer prasseln sie bedrohlich auf dich nieder. Es vergeht ein wenig Zeit, bis sich der Lärm legt. Langsam kristallisiert sich so etwas wie eine Melodie aus dem Krach heraus. Nimmt Konturen an. Verdrängt die Misstöne. Dann folgt das erste Licht des Tages. Ganz schwach. Einzelne Strahlen verdichten sich. Konturieren Silhouetten von Bäumen. Von Häusern. Skizzieren die Umrisse von Dingen, die man noch nicht klar erkennen kann. Fallen durch Fensterscheiben. Aber noch herrscht die Dunkelheit. Die Stille. Die Nacht. Es sind vereinzelte Lichtblitze in einem Meer voll Schwarzer Farbe. Doch das Licht des Tages bäumt sich wie eine enorme Welle auf. Sammelt sich. Holt zu einem letzten Schlag aus. Feine Strahlen werden zu riesige Wogen gleißenden Lichts. Der Himmel öffnet sich. Wie in einer Explosion vertreibt das Licht die Finsternis. Die Nacht verschwindet, als hätte sie niemals stattgefunden. Nicht hier. Nicht an diesem Ort. Nicht in dieser Welt. Nicht in diesem Bild. Nicht in der Geschichte die hier erzählt wird. Eindringlich. Ohne Worte.
Willkommen, Geister. Zehn Minuten vergehen, bevor die erste Dissonanz auftaucht. Der erste Satz der Sinfonie verstreicht. Eine leichte Verstörung hält Einzug. Eine unbestimmte Angst. Etwas Bedrückendes. Schemenhaftes. Ungreifbares. Das Andere der Angst affiziert dich. Hinterlässt Spuren. Tritt hervor. Wird deutlicher. Wird erkannt. Wird natürlich. Löst sich auf. Im Verschwinden des Unbekannten kehrt das Licht erneut zurück. Als würde sich ein Triumphzug ankündigen, irgendwo, dem du gewillt bist hinterher zueilen. Über Strassen und Plätze. Wege und Felder. Bis du erkennst, dass du ihn nicht erreichen wirst. Die letzten Schritte wirst du langsamer. Du bleibst stehen. Die Hände auf die Knie gestützt. Rasch atmend. Wie ein Kind, das sich beim kriegen spielen erschöpft hat. Ungesehen verschwindet der vermeintliche Zug im Nirgendwo. Aber auch er hat Spuren hinterlassen. Ankündigungen. Versprechen. Du kehrst zurück. Langsam machst du dich auf den Heimweg. Vielleicht regnet es sacht. Der dritte Satz beginnt.
Ein neues, unbekanntes Element reiht sich ein. Zart. Klein. Fragil. Doch die Aufmerksamkeit auf sich ziehend. Eine neue Farbe malt Wolken auf die Leinwand. Alles erscheint leicht. Wird leicht. Ist leicht. Blätter werden behutsam vom Wind durch die Luft getragen. Eine sanfte Brise umschmeichelt dich. Durchatmen. Tief durchatmen. Zur Ruhe kommen. Stehen bleiben. Augen schließen. Fühlen. Riechen. Schmecken. Hören. Freude. Schmerz. Leid. Glück. Das Geschehene als bittersüße Gegensätze. Als schöngeistiges Oxymoron. Die Katastrophe und das Heilmittel in einem Atemzug. Betörend schön und schmerzlich zugleich. Doch mit der Gewissheit, dass am Ende alles Gut ausgehen wird. Du wähnst dich in einer seltsamen Sicherheit. Geborgenheit. Einsamkeit. Das Finale.
Alles ist im Fluss. In Bewegung. Vermengt sich. Offenbart sich. Durchdringt dich. Nimmt dir den Atem. All Of A Sudden I Miss Everyone. Ermutigende Melancholie. Ein Lächeln in deinem Gesicht. So Long, Lonesome.
foto: bella union
The Blood Brothers [Berlin, 10.02.2007]
Wie ein warmer Schlag ins Gesicht.
Ein Blick auf die elektrisierenden Blood Brothers und ihr attraktives Publikum im Postbahnhof zu Berlin.
(lazer life)
Pop Levi [The Return To Form Black Magick Party]
Ich glaube ich bin verliebt.
Ja, natürlich bin ich verliebt. Schon viele, viele Monate in meinen Lieblingsjungen, aber jetzt habe ich da diesen anderen Kerl entdeckt. Pop Levi sein Name.
"dial up my heartbeat - nothing but a deadline."
(blue honey)Mit der gleichen Haarfarbe wie ich sie habe. Mit dünnen Beinen wie ich sie gerne hätte. Goldenem Nagellack wie ich ihn damals im Kindergarten trug, wenn Fasching gefeiert wurde. Einer Stimme wie mein Lieblingsjunge sie hat, wenn ich ihm in die Seite kneife. Hosenträger wie ich sie mir immer gewünscht habe. Und einen Tanzstil, den sich einfach jeder wünscht. Sein Name ist Pop Levi und dank seines Haarschnittes sieht er aus wie ein zeitgemäßer Prince Valiant. Leider fand ich auf seiner Promo-DVD insgesamt nur drei Lieder, die in verschiedenen Versionen und Aufnahmen in sechs aufgeteilt wurden. Und aus diesem Grund würde ich eine Besprechung selbstverständlich verweigern. Trotzdem haben diese wenigen Songs gereicht, um mich vollkommen für diesen Menschen zu begeistern.
Mein momentanes Lieblingslied - Sugar Assault Me Now -, ist eines der besten Lieder, dass ich seit langem gehört habe. Ungelogen und ohne gekreuzte Finger. Pop Levi und seine Bande spielen schnelle und irgendwie verrückte Musik. Mit Mädchenschuhen und goldenem Gürtel tanzt und singt er in einem verwilderten Garten so wunderbar, dass ich meinen Lieblingsjungen neben mir kurz nicht beachte, weil ich von Pop Levis Bewegungen um den Finger gewickelt werde. Sugar Assault Me Now läuft auch beim Electronic Press Kit - wie man so sagt - im Hintergrund als Begleitmusik. Eigentlich ist mir das aber auch egal, denn was ich dort gesehen habe hat mich noch mehr von Pop Levi schwärmen lassen. Dieser hübsche Mensch erzählt zwar durchweg wirres Zeug, aber das nehme ich in Kauf, weil man noch mehr von ihm zu sehen bekommt. Konzertausschnitte, Interviewfetzen, Bilder aus dem Aufnahmestudio und das laut Pop Levi "running theme" in seiner Musik: "Sex and mathematics".
Zugebenenermaßen verstehe ich nicht viel von dem, was er da erzählt. Aber das ist wie so oft erstmal nicht so wichtig. Wenn man jemanden sieht, der einem so sehr gefällt, dass er auch einfach seinen Mund halten kann. Da muss erstmal nichts Intelligentes rauskommen. Für den Anfang reicht das Anschauen und Zuhören seiner Musik völlig aus.
Blue Honey Video, Blue Honey XFM und Blue Honey Live sind ein Lied in verschiedenen Arten aufgenommen und trotzdem wirkt jede Aufnahme irgendwie anders. Nicht wie ein und derselbe Song. Bei dem gedrehten Video singt Pop Levi viele leicht bekleidete Frauen an und erinnert mich mit seiner Schminke an Bobby Conn oder andere Glam-Rock-Kerle. Bei Blue Honey XFM sitzt er alleine mit seiner Gitarre in einem, ich nehme an, Radiostudio, bezirzt die Zuhörer. Bei seinem Liveauftritt macht ihn sein kleines Gitarrensolo mit verzerrten Gesichtszügen noch pseudo-authentischer als er so und so schon wirkt.
Das leider schon letzte Lied namens Skip Ghetto ist ein netter Ausgleich zu den zwei schnellen und rhythmischen Vorgängern. Eine schwarz-weiß Aufnahme von sich und seiner Gitarre. Seine Finger gleiten langsam über der Gitarre, im Hintergrund blinkende Leuchten und er lächelt jemanden im Publikum an, wenn er singt "honey, you’re not the same since I learned your name".
Also wenn ich keinen Lieblingsjungen hätte und nicht eben erst einen Ring an Pop Levis Finger entdeckt hätte, dann wäre ich schon längst im Flieger nach England.
foto: ninja tunes
pop levi
"the return to form black magick party"
ninja zunes 2007 cd
pop levi
Ben Folds [Hamburg, 03.02.2007]
Von gemütlichen Abenden in großen Runden, Männern und Klavieren.
"didn't you know, we're as close as we can be?"
(trusted) Ben Folds war toll, natürlich. Ich habe es kaum anders erwartet und die anderen Konzertbesucher wohl erst recht nicht. Neben mir standen einige Pärchen, die alle mit wässrigen Augen textsicher mitsingend die Bühne anhimmelten, vor mir hat sich eine art Fan-Block mit Ben Folds-Shirts, Kameras, Fotoapparaten und Handys, die sie abwechselnd als Kamera oder Fotoapparat benutzten, aufgereiht. Es schien etwas Besonderes zu passieren.
Das erste Mal, dass ich bewusst Ben Folds gehört habe, war im Auto eines Bekannten, der mir erzählte, dass er seinetwegen angefangen hätte Klavier zu spielen. Das ist eine große Sache, ich habe sie mir gemerkt. Und eine gewisse Einzigartigkeit und dieser ganze Kultstatuskram ist Folds auch schwer abzusprechen. Er hat Spaß an seiner Musik und das sieht man ihm an - vom dem Moment an, in dem er mit seiner begleitenden Band aus Bass und Schlagzeug zu Europe’s Final Countdown auf die Bühne stürmt und zu wilder Improvisation auf die Tasten seines Klaviers einschlägt bis zum Zeitpunkt, wo er sie nach mehrmaligem Schleudern des Hockers auf sein Instrument genauso Impulsiv wieder verlässt.
Man kann schwer begreifen, was Ben Folds ausmacht; kaum erklären, warum er hier nicht riesige Stadien füllt und seine Musik schwer beschrieben, wenn man jemanden trifft, der ihn nicht kennt - Ben Folds ist der übergroße Stern am Indie-Himmel.
Der Abend beginnt mit Eef Barzelay von der Band Clem Snide, den ich leider verpasse, weil er schon um kurz nach 19.00 mit seinem Auftritt fertig ist. Je größer so ein Konzert wird, desto schlechter werden ja leider oft die Vorbands behandelt, allerdings kam Ben Folds dann auch recht pünktlich auf die Bühne, danach gab es wohl auch noch Disko.
Den Anfang des Ben Folds-Sets macht oben genannte Improvisation, dicht gefolgt vom eigentlichen Opener Trusted vom letzten regulären Album "Songs For Silverman". Ich freue mich, dass er gleich zu Anfang so ein schönes Lied spielt, zudem als gutes Beispiel auch für Folds unprätentiöse, aber doch oft herausragenden Texte: "I thought you could read my mind [...] Looks like you've been reading my diary instead". In der ersten Hälfte werden eher neuere Sachen gespielt, der Pflichtteil aller Musiker, die schon mehr als drei Alben veröffentlicht haben und damit per se "früher besser waren". Ben Folds versteht es, seine Gäste zu unterhalten, erzählt von dem Keyboard, das er das erste Mal auf einer Tour dabei hat und der Angst vor dem "braunen Ton" (ist das eigentlich eine bekannte Bezeichnung, oder kommt das so nur in South Park vor? Ich werde darauf hier nicht weiter eingehen). Er macht sich über elektronische Musik lustig und nennt gleichzeitig die goldene Ausnahme des Genres mit einer gewagten Interpretation von Postal Service’s Such Great Heights; hier sind die Meinungen aber geteilter Ansicht, ich war begeistert, ein Postal Service-Fan vertraute mir anschließend an, dass er das Original um Längen besser fände.
Natürlich müssen in der zweiten Hälfte noch die zwei obligatorischen Stücke vorkommen: Die Coverversion von Dr. Dre’s Bitches Ain’t Shit ist wohl mittlerweile um Einiges bekannter als das Original und auf englisch schon so vollkommen der Lächerlichkeit preisgegeben, dass es der deutschen Übersetzung durch Ben Folds am Ende kaum mehr bedurft hätte.
Das zweite Lied, das auch vor allem live ein Erlebnis ist, ist natürlich Not The Same, bei dem in dreistimmiger Publikumseinbeziehung deutlich wird, dass es doch möglich ist, auch in großer Runde zusammen zu singen und nicht nur stumpfsinnig Fußballchorartig nachzugrölen: Ein Lied als eine Aufzählung von Dingen, die einem im Leben passieren und es grundlegend verändern können, "until someone died on the waterslide and you were not the same after that". Ben Folds hat es drauf - ich weiß das, ihr wisst das. Ich bin froh, dass mir mein erstes Konzert von ihm so viel Spaß gemacht hat, das nächste Mal werde ich wieder hingehen. Und dann bin ich auch eins von den Pärchen, vielleicht habe ich bis dahin auch ein Fotohandy.
text: Julius Kowarz
foto: martina drignat
ben folds