Die Bewegung wurde nicht nur durch die hinreißende Auswahl der auftretenden Künstler und ihrer Beiträge provoziert. Ganz im Gegenteil zum streng geordneten Verhalten in regulären Flügen, versprach das End Pilot Festival in Erfurt körperliche Ertüchtigung en masse.
"ich mag das ja nicht so, wenn die keinen refrain haben."
(zuhörer über ef) Die Treppe hoch.
Das Sonic-Youth-Shirt abgestreift, begrüßt Victoria das zusammen gekommene Publikum mit freundlicher Geste. Ganz in schwarz gekleidet präsentieren sich die vier jungen Damen aus der Nähe von Göteborg, als würden sie in den Hintergrund treten wollen, um ihrer Musik die nötige Aufmerksamkeit zu überlassen. Es sei ein wunderschöner Abschluss für eine wunderschöne Konzertreise an diesem Abend für sie, werden sie am Ende anmerken, bevor sie ihr letztes Stück spielen werden. Das Publikum schwelgt, den Atem anhaltend, in der bizarren Schönheit der Musik, der tiefen Schwermut und spielerischen Leichtigkeit von Audrey.
Die Treppe herunter. Kurz zuvor.
Es bleibt nicht viel Zeit, um die Rahmenbedingungen, die schön gestalteten Räume und die wunderschöne Atmosphäre des kleinen End Pilot Festivals zu genießen, da es einen engen Zeitplan einzuhalten gilt. Im ersten Geschoss bestellt man noch schnell ein Getränk seiner Wahl - der Kult um das ökologische Getränk Bionade scheint sich hier noch nicht durchgesetzt zu haben - um dann durch die sich bewegende Menge herunter zur großen Bühne zu gelangen. SDNMT spielen auf und werden gebührend gefeiert, sind sie doch einer der ganz großen Namen am heutigen Abend. Postrock auf der einen und Elekronik auf der anderen Seite, alles gepackt in das zwar mittlerweile bedeutungslehre aber nicht unwichtige Kleid des Indie. Anfangs dachte ich noch darüber nach, ob ein solches Fest genügend Anklang finden würde, aber nicht zuletzt die Anwesenden, sowie ein kurzes Gespräch mit einem Freund darüber, ob Postrock nicht mittlerweile zum Establishment gehöre, im Mainstream angekommen sei, lehrten mich eines besseren.
Die Treppe hoch. Viel später.
Körper bewegen sich im Takt der puckernden Elektronik. Gitarren sind verschwunden und blinkende LCD Leuchten, Schieberegler und Datenströme haben die Oberhand gewonnen. Und dennoch muss keine klaffende Lücke geschlossen werden. Der vielleicht zu erwartende Bruch im Stil, in der Resonanz des Publikums ist ausgeblieben. Man hätte es ahnen können.
Die Treppe herunter. Etwas zuvor.
Nach langer Abstinenz spielen die Ingolstädter Slut wieder ein Konzert. In Erfurt seien sie noch nie zuvor gewesen, konstatiert Sänger Chris, dabei übersehend, dass das Highfield Festival ebenfalls hier verortet ist. Den großen Spaß, den ihnen ihr Auftritt sichtlich macht, teilen die zahlreichen Zuhörer vor der Bühne wie selbstverständlich und nach kurzer Zeit wird man kommunikativ und stellt sogar drei gänzlich neue Stücke vor. Was von einem möglichen neuen Album zu erwarten sein mag, spaltet die Zuhörer jedoch merklich. Die einen nehmen dankbar die Eingängigkeit der neuen Töne auf, strecken Fäuste in die Luft und verlieren sich in tobenden Bewegungen. Die anderen halten ob jener illustren, beinahe profanen Einsilbigkeit der neuen Töne inne, und beäugen die Musik kritisch. "Auf der Brust stand Slut", erklärt Chris, als die Band zur Zugabe auf die Bühne zurückkehrt, bezogen auf einen jungen Herrn im T-Shirt, der ihm vorher im Treppenhaus begegnete. "Und auf dem Rücken For Exercise And Amusement. Und jetzt soll er doch verdammt noch mal endlich auf seine Kosten kommen!". Als Bonbon, durfte man das Stück Cloudy Day so also verstehen.
Die Treppe hoch. Zurück zum Anfang.
Niklas schließt die Augen, den Kopf zur Decke gerichtet. Synchron formen seine Lippen die Worte, die Sänger Tomas spricht. Es ist ruhig geworden. Ein kurzes, zerbrechliches Intermezzo, bevor das Göteborger Quintett ein letztes Mal zu einer eruptiven Explosion ausholen wird. EF sind vielleicht die große Überraschung des kleinen Festivals. In der Hitze des stickigen, kleinen Raumes beherrschen sie souverän und doch verhalten die Bühne. Als wären sie eins mit dem Publikum, fiebern sie selbst jedem sich entfaltenden Stück entgegen. Lassen euphorisches Leuchten in den eigenen Augen zurück, wenn sie mit Trompete, Glockenspiel und Geigenbögen die grazilen, ausufernden Sinfonien heraufbeschwören. Vielleicht ist es auch eine Hommage an die eigenen Wurzeln, wenn sie ihr Hello Scotland betiteltes Stück ankündigen, dass sogleich mit Jubel aus dem Publikum empfangen wird, als sei es als bekannt vorausgesetzt. Und am Ende fallen sie sich selbst in die Arme, erfreut und erleichtert darüber, dass alles so wunderbar verlief.
foto: sonja berg
end pilot
audrey
ef
sdnmt
slut
End Pilot Festival [Erfurt, 14.04.2007]
Slut [Berlin, 29.09.2004]
No need for conversation.
Introvertiert und doch mit unbestechlicher Leidenschaft, unterstreichen Slut vor kleinem Publikum live die Intentionen ihres neuen Albums.
(hope)Überall in Berlin sieht man Plakate auf denen "Köln grüßt Berlin" in geradliniger Typographie zu lesen ist. Eine Anspielung auf den diesjährigen Ortswechsel der Popkomm von der Medien-, in die Bundeshauptstadt. Das bunte Treiben der Popkomm und ihrer Musikindustrie zentriert sich jedoch auf den Stadtkern, wo ohnehin Tag ein Tag aus, Touristen wie ferngesteuert von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten gehetzt werden. Die Revalerstraße in Berlin, Friedrichshain, glänzt hingegen nicht gerade durch Attraktivität, sondern eher durch die ungenutzten Bahn Baracken und das weitestgehend brach liegende Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerkes. Ein Grund, weshalb dieser Ort weniger im Blickfeld beschriebener Unvermeidlicher liegt. Dennoch tummelt sich eine größere Menge Menschen am Abend vor dem Eingang eines kleinen, unscheinbaren Gebäudes. Das poprockin’ Rosis lädt zu einem Stelldichein mit den Ingolstädtern Slut ein, die an diesem Abend das Eröffungskonzert zu ihrer gerade anstehenden Tour geben werden.
Das, durch seine verwinkelte Architektur baulich verwirrende Rosis, bietet seinen Gästen zunächst Entspannung in loungemäßigen Separées an, und man ist überrascht, über die gute Musikauswahl aus der Konserve; Stilsicher wird nichts von Slut gespielt, aber man bekommt unter anderem die großen Norwegen Rocker und Ex-Labelmates Motorpsycho zu hören, was als kleine Überraschung im Raum mit einer Zugspitzentapete gedeutet wird. Die fünf Musiker treten überaus pünktlich auf die kleine Bühne, und wirken ein wenig schüchtern. Der Blick Neuburgerrs zielt oft nach unten, erst im Laufe des Abends verlieren sich seine Augen im Publikum. Ein zurückhaltendes Auftreten, dass, bei der gerade live so erfahrenen Band überraschend aufgenommen wird. Dennoch birgt es Sympathien ihnen Gegenüber, vermögen sie doch nicht eine überzogene Show abzuliefern, trotz des Bewusstseins, dass ihre Äußerungen in jedem Augenblick des Abends live auf Radio Eins übertragen werden. Ohne viele Worte beginnen sie die ersten Akkorde des Titelsongs ihrer neuen Platte zuspielen, und die wenigen Zuhörer, die eine der auf hundert Stück begrenzten Karten ergatterten haben, sind vom ersten Augenblick an auf ihrer Seite. Souverän spielen sie zunächst Stücke ihres großartigen neuen Albums "All We Need Is Silence", zur Freude der Menschen vor ihnen, greifen sie in ihrer Auswahl jedoch auch bis zu ihrer ersten Platte "For Exercise And Amusment" zurück. Virus haben sie ausgewählt, und man goutiert dies mit glücklichen Gesichtern.
"Und jetzt spielen wir ein bayerisches Volkslied", deutet Neuburger an, überraschende Blicke im Publikum säend, um kurz darauf mit den Akkordfolgen ihres, zumindest den Verkaufszahlen zufolge, erfolgreichsten Stückes des letzten Albums zu beginnen; Easy To Love. Selbst die Menschen im Publikum, die ihre Karten vielleicht bei einer Verlosung gewonnen haben und ansonsten wenig Bezug zur auftretenden Band haben, erhascht ein Gefühl des wieder Erkennens, und man bewegt sich kollektiv auf engem Raum.
Den eigenen Wunsch so formulierend, dass ihr Stück Wasted vielleicht einmal eine neue Singleauskopplung sein wird, möchte Chris Neuburger damit vermutlich nichts anderes zum Ausdruck bringen, als dass ihnen dieses kleine Stück Popmusik sehr am Herzen liegt. So wie die gesamte Platte, die einen emotionalen Höhepunkt, in der stets durch Emotionen geprägten Musik der Ingolstädter darstellt. Slut gelingt es auch live diese latente Schwermut in ihren Liedern zu transportieren, dieses wundersam entrückte Gefühl von Sicherheit und Verlorenheit Angesicht zu Angesicht, wenn die Musik aus detailverliebten, fragilen Gitarrenmelodien in die kraftvollen Momente überleitet, in denen Neuburger so emphatisch seine Gedanken herausschreit, wenn er sich mit Tatsachen hilflos konfrontiert sieht; so etwa, dass die Zeit kein Heilmittel ist, welches Wunden schließt, sondern einem oft als Feind gegenübertritt, als unvermeidliches Prinzip. Und nach jedem Stück, mit noch so glühender Intensität dargeboten, schaut er geradezu verlegen nach unten, während er sich über das Mikrofon bei dem Publikum bedankt. Die Augen schließend, hält er sich die Ohren zu, um mit Konzentration seine Gedanken in der Musik zu schildern. Nur vereinzelt ist das verschmitzte Lächeln auf den Gesichtern der Mitglieder zu sehen, nicht, weil sie sich nicht wohl fühlen an diesem Abend, sondern da sie auch nach all den Jahren an Live Erfahrung die überaus einhelligen Reaktionen des Publikums nicht als gegeben hinnehmen. Und doch lächeln sie, als sie sich nach dem kurzen Break im Stück Easy To Love verspielen, und Chris Neubauer und Bassist Gerd Rosenacker ihren Einsatz verpassen.
Kurz nachdem die Band am Ende des Abends von der kleinen Bühne gestiegen ist, kommt Chris Neuburger zurück, und erklärt, für den Abend ungewöhnlich entspannt und belustigt, dass sie sich jetzt off Air befänden, die Radioübertragung eine kurze Pause schaltet, und sie im Anschluss noch eine durchaus geplante Zugabe spielen werden. Und so verabschiedet sich die Band, nachdem sie das abschließende Stück Hope von ihrem Konzeptalbum "Lookbook" vorgetragen haben von der Bühne, und entlässt die verträumte Menschengruppe in das nächtliche Berlin.
foto: ju keutner
slut
rosi's
Slut [All We Need Is Silence]
Die Provinz als Lebensgefühl.
Slut veröffentlichen ihr vielleicht emotionalstes Album als Abschluss einer zehnjährigen Entwicklung.
(wasted)Was ist eigentlich eine Provinz? Die Provinz ist eine Region, welche vom Zentrum territorial und kulturell entfernt ist. So steht es zumindest im Wörterbuch. Ingolstadt, die Heimat der fünf Musiker zählt ganz gewiss zu dieser geographischen Kategorisierung. Dennoch sollte man die Provinz eher im übertragenen Sinne als einen psychologischen Begriff betrachten, wenn man ihn im Kontext zu Slut verwenden möchte; als Seelenzustand oder Lebensstil, einem Ruhepol, welcher der Massenbewegung und steten Wachheit der Metropolen entgegenwirkt. Während viele ihre Musik als Möglichkeit der heimatlichen Einöde zu entfliehen betrachten, scheinen Slut mit ihrer Musik stets wieder zurück in ihre Heimat kehren zu können. Diese cosmopolitische Fluchtmöglichkeit findet sich auch während der Vorbereitung für die neue Platte bei der Band wieder. Man zog sich zur Klausur in die Abgeschiedenheit eines tschechischen Schullandheimes zurück, bevor die erarbeiteten Ideen, mit einem ausgereiften Popverständnis verarbeitet, gemeinsam mit dem Weilheimer Produzenten Mario Thaler aufgenommen wurden.
Slut haben mit diesem, ihrem fünften Album einen Schritt weiter in ihrer Entwicklung gemacht, sind puristischer im Umgang mit Effekten und Klangelementen geworden, und näherten sich auf diese Weise ihrem Live Sound an. Alles ist auf das wesentliche reduziert, klingt transparenter und dennoch melodienverliebt, und büßt trotz allem nichts von der Dichte und Kraft ihres vorangegangenen Albums "Nothing Will Go Wrong" ein. Das Gerücht, "All We Need Is Silence" sei die letzte Slut Platte, kursiert in dem dazugehörigen Umfeld, seit Slut selbst eine dementsprechende Bemerkung bei den diesjährigen Festivalauftritten fallen ließen. Schlagzeuger Matthias Neuburger ist derweil bemüht, diese Aussage zu kommentieren. So soll vielmehr der Abschluss einer steten Entwicklung, wie eben beschrieben, zum Ausdruck gebracht werden, welche sich ohne eine drastische Veränderung in Reproduktion verlieren würde.
Um den Albumtitel "All We Need Is Silence" nicht als Oxymoron zu verstehen, bedarf es ihn nicht ausschließlich auf Musik als solche zu beziehen, sondern in einem soziokulturellen Kontext zu betrachten. Während aktuelle Musik weitestgehend Wert auf Konsens und Political Correctness legt, steuern die fünf Ingolstädter bewusst ein paar Reibungspunkte in ihren Songs ein, die für Diskussion sorgen dürften. Wenn Chris Neuburger "let's make war instead of love" im ersten Stück der Platte The Beginning skandiert, hat das natürlich weniger mit Militarismus als mit dem Öffnen der Augen zu tun. Was die vielseits erwähnte Spaßgesellschaft zu konsumieren weiß, verliert sich immer weiter in Belanglosigkeiten, und führt zu einer meinungsfreien Selbstgefälligkeit, die es aufzuhalten gilt. "Somone borrow me a gun, for all the millions having fun" reduziert diesen Ansatz mit provokanter Direktheit. Der Albumtitel ist als notwendiges Plädoyer gegen die omnipräsente gesellschaftliche Reizüberflutung zu betrachten, erklärt die Band, welcher es weitestgehend gelingt, sich dem Starrummel und den massentauglichen Medien zu entziehen.
In den pointierten 37 Minuten, welche das Benötigen von Ruhe ausmachen, überzeugen Slut mit gitarrenorientierter Ausgewogenheit und intelligenter Melodiensuche, bei welcher man sogar Reminiszenzen an Beethovens Ode an die Freude wieder finden kann. "All We Need Is Silence" besticht durch die transportierte emotionale Bewegung, welcher man sich nicht entziehen kann.
Und während besonders Homesick und Cosmopolite - welche die bereits erwähnte Provinz- Urbanisations Polarität aufgreifen - die Gedankenstürme Neuburgers mit bekanntem Geschrei durchsetzen, wird man als Hörer scheinbar im freien Fall auf das letzte Stück losgelassen. "Get away, get away. This is no holiday baby!" schreit Chris Neuburger in dem einen Augenblick verzweifelt, als sich, nach einer behäbigen Rückkopplung, das letzte Stück der Platte wie ein Fallschirm zu öffnen scheint, und sich rettend über einem ausbreitet. Gefühlvoll klingt Neuburgers Stimme jetzt, dabei so natürlich und frei von Pathos, verdichtet sie sich mit den zarten Gitarrenmelodien über dem treibenden Schlagzeugrhythmus zu einem letzten Manifest, als Appell an die Vernunft. "Go hit me like an avalanche, i'll blame it on the circumstance", bittet er, sich gegen den gegenwärtigen Wertkonservatismus und das allgemeine Sicherheitsbedürfnis aufzulehnen, und nicht in gedankenloser Akzeptanz verloren zu gehen. "And every girl who passed the test, will end up in her wedding dress to spend her summer seasons by the sea." Das idyllische Bild der provinziellen Freiheit als Metapher für den Verlust des eigenen Idealismus. Ironie als Unterschied zwischen verzückter Melodie und kritischer Aussage. Get Lost, Get Lost zählt zu diesen Stücken, auf welche man bei Konzerten sehnsüchtig als alles abschließende Zugabe warten will, um danach in fremden Augen zu lesen, wie aufregend die Welt sein kann.
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