Melt! Festival [Gräfenhainichen, 13.-15.07.2007]

Geburtstagsfeierei
Das Melt! zelebrierte einen runden Geburtstag und sehr viele waren gekommen. Reizüberflutung und Postmoderne, ein überreichliches Programm und ein ebenso vollgestopftes Festivalgelände. Herzlichen Glückwunsch!


"can you hear the power?"
(fraktus)


Zehn Jahre, das kann eine lange Zeit sein für ein kleines Festival. Das finanzielle Risiko ist hoch, die Sicherheiten sind gering und der Aufwand ist enorm. Nun feierte das Melt! seinen 10. Geburtstag und es ist klar, dass da etwas Besonderes entstanden ist. Die Anfänge waren klein und rein elektronisch, doch nach finanziellen Engpässen und einem Ausfall im Jahr 2003 stieg das Intro-Magazin ein und das Melt! durchlief eine Metamorphose mit der Öffnung für gitarrenlastigere Acts. Auch die Größenverhältnisse änderten sich, seit 2002 haben sich die Besucherzahlen verdoppelt, eine Entwicklung die für das Festival spricht, allerdings auch neue Herausforderungen mit sich bringt.

In diesem Jahr wurde alles noch mal ein bisschen größer. Vier reguläre Bühnen sollten gleichzeitig bespielt werden, dazu gesellte sich noch ein reiner DJ-Floor. Nicht lumpen lassen wollte man sich, die Ankündigungen der Geburtstagsfeierlichkeiten waren vollmundig und euphorisch, auch wenn mit der Bekanntgabe der ersten Acts lange gewartet wurde. Doch als erst einmal das Name-Dropping begann, fand es gar kein Ende mehr. Elektronischer als noch 2006 klang es in allen Ohren, auch wenn übergroße Headliner wie die Pet Shop Boys oder Aphex Twin nicht vertreten waren. Stattdessen waren eine Reihe exklusiver Festivalauftritte angekündigt, unter anderem von Autechre, The Notwist, Motorpsycho oder Trentemøller, der gar mit Band anreiste. Dass Frankie Says Melt!, ein aus namensrechtlichen Gründen umbenannter Verschnitt von Frankie Goes To Hollywood, kurzfristig absagte, schmerzte hingegen nicht wirklich. Denn Highlights gab es bereits auf dem Papier genug: Ob Tocotronic oder Deichkind, Digitalism oder UNKLE mit Band, Mouse On Mars oder The Thermals, die Liste wollte einfach nicht enden. Dazu wurde das Melt! um eine weitere Facette bereichert, denn mit Dendemann, Dizzee Rascal und Lady Sovereign wurde erstmalig ein größerer Akzent auf Hip Hop und Konsorten gesetzt. Die größte Überraschung war aber die Ankündigung des Auftritts von Kelis, mit ihr hatte wohl kaum jemand gerechnet.

Der vorgesehene Zeitplan ließ aber das Dilemma offenbar werden, das ein so großes und fantastisch besetztes Line-Up mit sich bringt: Bereits vor dem Festival musste sich der geneigte Besucher darauf einstellen nur einen Teil der favorisierten Acts sehen zu können, denn Überschneidungen waren nicht nur unvermeidlich sondern die Regel.

Eröffnet wurde das Melt! am frühen Freitag Abend von Olli Schulz auf der Hauptbühne, dessen vorgetragene Geschichten zwischen den im Bandkontext auf die Bühne gebrachten Songwriter-Stücken allerdings etwas zu einstudiert und routiniert wirkten. Im Anschluss allerdings bereiteten I’m From Barcelona die Besucher stilgerecht auf die kommenden 36 Stunden vor: Die Hälfte der vielköpfigen schwedischen Band bestand aus Background-SängerInnen, die unermüdlich auf der Bühne umhersprangen und das Publikum mit Konfetti-Ballons beglückten, während Sänger Emanuel Lundgren schon beim ersten Song das Crowdsurfen übte. Ausgelassen, glücklich machend und mit einem hedonistischem Touch, so ließe sich auch das Melt! beschreiben. So war Owen Pallett aka Final Fantasy wohl der einzig leise Act auf dem gesamten Festival, was soundtechnisch manche Probleme bereitete. Auf der Gemini Stage spielend wurde Pallett von gleich zwei Seiten bedrängt. Von rechts dröhnte Jamie T herüber, von links waren es die DJs der Big Wheel Stage. Man musste also weit vorne stehen, um auch nur annähernd in die wunderbare Klangwelt des Owen Pallett eintauchen zu können. Doch mit jedem Stück gewann er an Kraft und irgendwann konnte man sich der so zurückhaltenden und doch charismatischen Musik nicht mehr entziehen. Ausgerechnet der leiseste Act stellte sich als einer der Größten heraus.

Abgesehen von der zu großen Dichte zur Gemini Stage während dem Auftritt von Final Fantasy bot die Big Wheel Stage allerdings nur Grund zur Freude. Tobias Thomas brachte bereits gegen 18 Uhr die Ersten zum Tanzen und dieser Zustand sollte sich bis zu Richie Hawtins Set am frühen Samstag morgen auch nicht mehr ändern. Besonders Mathias Kaden und Onur Özer legten gemeinsam ein famoses Set auf und so konnte man bereits gegen 22 Uhr die körperliche Extase riechen, eine beißende Geruchsmischung aus Schweiß und Alkohol machte sich breit. Nur die in diesem Jahr vergrößerte Bühne inklusive Pressegraben wirkte zu mächtig. Während 2006 der Übergang zwischen DJ-Kanzel und Tanzfläche fast noch fließend war, wurde nun eine stärkere Trennung vorgenommen, welche den Auftritten deutlich an Intimität nahm.

Während auf Der Big Wheel Stage also die Feierei bereits am frühen Abend begann, tobten sich auf der Hauptbühne erst einmal Gitarrenacts aus. Ein erster Höhepunkt waren The Notwist mit einem ihrer raren Auftritte. Neue und alte Songs spielten sie und berührten dabei einmal mehr ganz tief. Die Schwierigkeit, ihre massiven wie zerbrechlichen Stücke in ihrer vollen Intensität vom Studio auf die Bühne zu übersetzen, meisterten sie auf sympathischste Art und Weise. Da war es fast vergessen, dass man dafür den Auftritt der Puppetmastaz verpasste und von Ladytron nur noch die letzten Minuten erleben konnte. Den Auftritt von Lady Sovereign konnte man ebenso abhaken, denn sie spielte kurz darauf im Melt!Klub auf der Zeltbühne, wo häufig schon vor Beginn der Acts kaum noch ein Hineinkommen war.

Doch die Qual der Wahl hatte man dennoch: Sollte man sich lieber von Motorpsycho oder Autechre bedröhnen lassen, zu Tiefschwarz abgehen oder Dendemanns Performance auf der Hauptbühne sehen? Aufgrund von Zeitverzögerungen konnte man sich kaum noch auf den Zeitplan verlassen, Spontaneität und eine gewisse Gelassenheit ob der vielen verpassten guten Acts waren essentiell. Zum Glück lagen die Bühnen sehr nah beieinander, so dass man im Zweifelsfall zwischen den einzelnen Shows hin- und herspringen konnte. Dies war im Melt!-Ambiente eine wahre Freude. Die über den Bühnen thronenden Schaufelradbagger wurden in verschiedenen Farben illuminiert und erzeugten eine Atmosphäre zwischen urbaner Postmoderne und Endzeitstimmung a là Mad Max.

Und dann spielten da noch The Thermals im Zelt, wo sie eine außerordentliche Stimmung erzeugten, ohne besonders viel dafür tun zu müssen. Bei diesem Festivalpublikum schien das aber auch kaum notwendig, fast jede Band wurde mit außerordentlichem Enthusiasmus empfangen. So wurde auch Dendemann auf der Hauptbühne entsprechend abgefeiert, auch wenn dessen Präsenz sich genau auf die Bühnenmitte beschränkte. Kaum einer benötigte weniger Raum, doch auch mit minimalem Aktionsradius wurde er dem Anspruch, momentan einer der besten und wichtigsten Rapper deutscher Sprache zu sein, gerecht.

Erwarten konnte man auch viel von Dizzee Rascal, doch das von seinem Sidekick ewig wiederholte „Germany, make some noise!“ nervte mit der Zeit gewaltig. Dafür schwang er anschließend noch mit den verbliebenen Zuschauern vor der Hauptbühne zu Goldie & MC LowQui ordentlich die Hüften, während bereits die Sonne aufging. Gegen sieben Uhr morgens wurde dann auch den Wighnomy Brothers und Richie Hawtin der Saft abgedreht und wer noch immer nicht genug hatte, konnte noch auf den Sleepless Floor außerhalb des Geländes gehen. Kaum zu glauben, wie viele Endorphine manche Menschen über eine Nacht hinweg ausschütten können und anschließend noch immer genug Energiereserven besitzen, um morgens weiter zu tanzen…

Aber an schlafen war am Samstag morgen auch kaum zu denken. Die Sonne schien wie schon lange nicht mehr und bis zum Mittag stieg das Thermometer auf über 35 Grad Celsius, immerhin versprach der See reichlich Abkühlung. Umso beliebter war das Baden, da es zudem nur sehr wenige sanitäre Anlagen vorhanden waren. Diese Problematik hatte es bereits im letzten Jahr gegeben. Da hatte der Veranstalter eindeutig verschlafen, zumal in diesem Jahr noch mehr Tickets verkauft worden waren. Als Walter Schreifels am späten Nachmittag die Hauptbühne für die zweite Runde eröffnete, war von der großen Gästeanzahl noch nicht viel zu sehen, gerade eine Handvoll Menschen lauschte seinen Songs. Bei den Rifles, die gegen 19.30 Uhr mit ihrem Set begannen, standen jedoch bereits mehr Menschen vor der Hauptbühne, als bei den Hauptacts in der Nacht zuvor. Bemerkenswert für ein Festival, bei dem der Zenit des Feierns in der Regel nicht vor 2 oder 3 Uhr überschritten wird. Doch offensichtlich wurden für Samstag eine Menge Tageskarten verkauft, die Masse der Menschen nahm immer weiter zu. Hot Chip galten vielen als ein heimlicher Höhepunkt des Festivals, doch gleichzeitig wurden die weiteren Bühnen von Stereo Total, Jake The Rapper und Erase Errata bespielt. Letztere traten im Zelt vor vergleichsweise kleinem Publikum auf, doch die Resonanz des Auftritts war völlig zu Recht überwältigend.

Lo-Fi-Fnk hingegen hatten eine Menge Pech. Den ersten Song mussten sie fünf Mal anspielen, da die Musik immer wieder aussetzte und auch danach hörte sich der Sound an, als würde ein Küchenradio verstärkt werden. Dennoch wurden sie frenetisch gefeiert, das Publikum tanzte und johlte ununterbrochen.

Die Masse der Besucher vergrößerte sich zusehends und bald war das Gelände an allen Ecken und Enden vollgestopft mit Menschen. Nach Angaben des Veranstalters war die Platzaufteilung optimiert worden, um dem großen Besucherandrang gerecht zu werden, doch das Gelände war dafür eindeutig zu klein. Überall drängten sich die Menschen, es gab kaum noch Sitzgelegenheiten oder etwas freien Raum zur Entspannung. Das große Interesse ließ sich aber einfach mit dem fantastischen Line-Up erklären, dessen Höhepunkte besonders am Samstag stattfanden. Wegen ihres aktuellen Albums war natürlich der Auftritt von Tocotronic von besonderem Interesse doch dafür musste man auf Goose und Hey Willpower verzichten. Letzteres war der erste Act, der eine Zugabe spielen durfte, da die Fans trotz einsetzender Hintergrundmusik nicht zu jubeln aufhörten. Im Anschluss musste man sich zwischen dem Black Rebel Motorcycle Club und Mouse On Mars entscheiden, während die Big Wheel Stage bei Booka Shade völlig überlaufen war.

Als ein designierter Hauptact und mit dementsprechend obligatorischer Verspätung betrat Kelis die Bühne und sorgte für viel Wirbel. Musikalisch nur mäßig spannend wusste sie aber durch eine Menge Attitüde und ihr Interesse für „weird German porn“ aufzufallen. Dabei wirkte sie ungleich sympathischer als der unvermeidliche Jan Delay, dessen Ansagen ungefähr dem Niveau seiner öffentlichen Statements entsprach. Aber zum Glück bot das Meltfestival reichlich Alternativen: Trentemøller und UNKLE traten je live mit Band auf, Shitdisco und The Presets brachten das Zelt zum Toben. Doch ein absoluter Höhepunkt waren sicherlich Simian Mobile Disco auf der Big Wheel Stage: Zwei Silhouetten sprangen um einen runden mit elektronischen Arbeitsgeräten angerichteten Tisch herum und feuerten einen Elektronik-Bastard auf das Publikum, der wohl niemanden stehen ließ. Da fiel selbst das während dem Auftritt über dem Gelände gezündeten Feuerwerk zum Melt!-Geburtstag kaum auf. Ein großes Ding hat sich da angebahnt, dass noch deutlich frischer als die kurz darauf auf der Hauptbühne feiernden Deichkind. Vor deren Show sorgte erstmal das als fiktive Technolegende Fraktus auftretende Studio Braun für einige Verwirrung. Danach rastete eine riesige Menge kollektiv aus, während Deichkind auf der Bühne wieder einmal alle Konventionen über Bord warfen. Wenn man sie allerdings schon mehrfach gesehen hatte, dann verlor dieser riesige Kindergeburtstag für Jungs deutlich an Spannung. Stattdessen konnte man aber auch zu DJ Hell oder dem Cereal/Killers-Kollektiv in den Tag hineintanzen. Da hatten sch auch schon die Platzverhältnisse vor und zwischen den Bühnen etwas entspannt. Besonders am Samstag war der Zeitplan überreichlich mit spannenden Auftritten gefüllt, doch eine überreichliche Anzahl an Besuchern war die negative Folge dessen. 16.000 Karten waren laut Veranstalter abgesetzt worden, die Grenzen der Auslastung sind dabei fast schon überschritten worden. Der Atmosphäre war diese Masse aber in jedem Fall abträglich, da beengte Platzverhältnisse für unnötige Anspannung sorgen. Ein großer Reiz des Melt! ist die Symbiose von Reizüberflutung durch das Ambiente und relativer Intimität durch Überschaubarkeit und Nähe zu den Bands und DJs. Durch das Wachsen des Festivals wird dieses Verhältnis strapaziert, aber vor diesem Dilemma steht wohl jeder Veranstalter, dem nicht nur Wirtschaftlichkeit sondern auch gelungenes Festival am Herzen liegt. Es bleibt also nur noch zu sagen: Herzlichen Glückwunsch liebes Melt!, es war wunderschön auf Deinem runden Geburtstag.
foto: uta bohls


melt! festival
intro

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Sonntag Nachmittag [Juli 2007]










fotos: manuel kaufmann

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Tele

Die Neuberliner Tele ("Wir Brauchen Nichts" 2007, "Wovon Sollen Wir Leben" 2004) haben sich kurz vor ihrem Auftritt beim diesjährigen ASTA-Sommerfestival in Paderborn Zeit genommen, um den wahrscheinlich nervösesten Interviewer ein paar Fragen zu beantworten. Es folgen Offenbarungen über den Wunsch mal nichts zu hören, über ostwestfälische Volksfeste und wechselnde Hörgewohnheiten.


"es geht ein riss durch die welt."
(fieber)


Aller Anfang ist schwer und so ist es nicht verwunderlich das gute Interviews nicht auf Bäumen wachsen oder wie reife Trauben darauf warten vom Fragensteller gepflückt zu werden. Vor allen Dingen ist es wichtig, die richtigen Fragen für die richtige Laune zu stellen.

Dann wird man von den nächsten Hindernissen eingeholt: Wie wird es ablaufen? Lässt man sich ein Special einfallen? Welche Tiefe soll das Interview haben? In welchen subjektiven Gefilden lohnt es sich den Gegenüber zu lotsen: Journalistische Distanz oder doch eher persönliche Empfindsamkeit? Doch was am Wichtigsten ist: Wie überwinde ich den eigenen Schweinehund, um mir nicht anmerken zu lassen, dass ich mir vor Nervosität fast in die Hosen mache.

Dann ist es soweit. 10 Minuten bis zum Interview. MD-Player und Mikro gut verstauen, Bandbus suchen, Interviewpartner notfalls kontaktieren. Ich bin bereit. Warum schauen die mich so grimmig an? Unsicherheit! Und dann passiert das, was man eigentlich umgehen wollte. Das Gehirn malt sich alle möglichen Schreckensszenarien aus. Erste Anzeichen eines fragmentarischen Sprachverlustes setzen ein. Der Dialekt bricht durch, den man sich so schön wegtrainiert hat, die Beine werden weich.

Wie ist die Atmosphäre auf dem Festival? Habt ihr heute euren sicheren Bandbus schon einmal verlassen?
Jörg Holdinghausen (Bass): "Ich war sehr verwundert. Von einem ASTA-Fest hätte ich nie so was Großes, Kommerzielles erwartet. Das ist jetzt nicht so mein Ding, ehrlich gesagt. Wenn ich über’s Fest gehe, dann hab ich eher den Eindruck von einem Rummelplatz."

Da ist schon eine gewisse Ähnlichkeit zu einem Volksfest mit Grillbuden und Losständen!
J: "Also im Gegensatz zu gestern, dass war ein ASTA-Fest in Köln, das stand unter dem Motto: 'Contra La Racisme', das war sehr klein und kam mir viel studentischer vor."

Ich ward beim Bundesvision Song Contest. Wie steht ihr eigentlich zu dieser Veranstaltung? Zum Wettbewerb an sich und zu der Art, wie er ausgetragen wird?
Patrick Reising (Keyboard): "Als wir gefragt wurden, ob wir da mitmachen wollen, gab es nicht die Entscheidung: „Machen wir das oder nicht?“, sondern es war von Anfang an klar, dass wir das machen würden. Aus musikalischer Hinsicht, ist es natürlich nicht unbedingt die Sache, die einen als Band voran bringt, sondern das ist eher eine große Veranstaltung, die bekannt macht. Dieses Format, was Stefan Raab dort ins Leben gerufen hat, ist immerhin noch eine Sache von den Dingen, die immerhin noch etwas mit Musik zu tun haben. Weil man ihm noch anmerkt, dass er noch wirklich an der Musik interessiert ist und in seiner Sendung noch richtige Kontraste schafft."

(Nach den ersten Eindrücken werde ich mutig und steigere den Grad an Subjektivität, vielleicht auch Dilettantismus, das wird sich zeigen. Ich bin neugierig, wie sie damit umgehen. Ich will alles wissen und sehen, ob sie auch über sich selbst lachen können. Man nennt das Selbstironie, ich nenne das investigativen Journalismus. Wir sollten öfter lachen.)

Für die nächste Frage muss ich ein wenig ausholen. Meine erste Begegnung mit Tele war der Versuch meiner Schwester mir einen Sound unterzujubeln, den ich nicht verstand. Da fehlten die Kanten, das Rohe – beim ersten Hören war die Musik so weich und formbar. Heute empfinde ich da anders und es kotzt mich wirklich an, dass meine Schwester Recht behalten hat. Ist es nicht manchmal schrecklich, dass Schwestern des Öfteren viel weiter sind als man selbst und man sich zurückblickend seine Sturheit eingestehen muss?
J: "Ich hatte keine Schwester, ich kann das nicht so beurteilen. Aber ich hatte einen älteren Bruder, der war viel weiter als ich und ich hab total davon profitiert. Er ist 7 Jahre älter als ich, hat sich schon immer für Musik interessiert, hat coole Bands angebracht und mich wahnsinnig beeinflusst."
P: "Ich hab ne kleine Schwester. Die ist sechs Jahre jünger als ich und bei mir war das immer anders herum. Aber ich hab noch drei Brüder und mit denen habe ich sogar zeitweilig in einer Band gespielt."

Wer hat sich die Choreografie für euer neues Video „Fieber“ ausgedacht? War das so eine bandinterne Sache?
J: "Meinst du das ganze Video?"

Nein, ich meine den Schritt, den eure Gitarren-Sektion am Anfang des Videos in einen wahren Foxtrott-Himmel hebt. Der erinnert mich persönlich ein wenig an die Aaron Carter Moves. Kennt ihr noch 'Crazy Little Party Girl'?
P: "Ich kenne Aaron Carter, aber ich kenne nur dieses Lied, wie heißt das noch gleich… [überlegt] 'Crush on you'?
P: "Ich habe es bestimmt schon einmal gehört. Aaron Carter ist mir noch gut im Gedächtnis. Das ist der kleine Bruder von Nick Carter. Meine Schwester war großer Backstreet Boys-Fan."
J: "Wenn überhaupt kommt das aus dem Breakdance, das hab ich früher gemacht und wir haben das für das Video übernommen. Allerdings kenne ich den Move nicht, es kann ja sein, dass er genauso aussieht."

Na ja, ich wollte nur provozieren, bei Aaron Carter sieht’s eher so aus.
(Und jetzt kommt der größte Fehler, ich bewege meine Arme in merkwürdig kreisenden Bewegungen um meinen Körper und singe dazu: "Crazy little party girl / How I love her / Partying around the world - she wants to dance!")
Egal bei euch sieht das ganz anders aus. Wir sind ja hier auf dem ASTA-Sommerfestival. Habt ihr eigentlich einen studentischen Hintergrund?
P: "Ich habe lange in Freiburg studiert: Musikwissenschaften, Informatik und Literatur auf Magister. Dann kam der Umzug nach Berlin, aber dort war der Schwerpunkt schon von Anfang an bei ganz anderen Sachen."
J: "Bei mir ist es anders. Ich hab nie das Studentenleben genießen können. Ich habe ziemlich früh gemerkt, dass ich Musiker werden will, deswegen war meine schulische Karriere auch nicht gerade glorreich. Ich bin dann in der 11. Klasse auch vom Gymnasium geflogen. Aber da kamen auch gewisse Dinge zusammen. Ich bin Vater geworden und hab mich ganz anders orientiert. Dann kam eine schulische Ausbildung in Musik. Später habe ich dann viel gejobbt: Hilfsarbeiten, im Theater gearbeitet, in der Fabrik und bin jetzt bei der Musik gelandet."

Zum Schluss noch eine leidige Standardfrage: Was hört ihr so im Moment für Musik?
J: "Hauptsächlich das, was ich jetzt mal Weltmusik nennen würde: Country, Jazz – im Moment –, aber eigentlich alles. Außer vielleicht Heavy Metal und Techno."
P: "Ich höre sehr, sehr wenig Musik. Ich bin eigentlich total froh, wenn ich mal keine Musik hören muss. Wenn man den ganzen Tag mit Musik beschäftigt ist und auch viel Musik macht, dann ist es auch ganz wichtig mal nichts zu hören oder die Ohren auszuputzen. Das ist, wie wenn man zu lange in die Sonne schaut: Irgendwann musst du dir eine Sonnenbrille aufsetzen oder in einen dunkleren Raum gehen. Deswegen höre ich zu Hause relativ wenig Musik. Aber wenn dann Sachen bei mir hängen bleiben, sind es solche, die ich außergewöhnlich finde."

Mission accomplished, nach 16 Minuten und einigen kurzzeitigen Aussetzern, bedanke ich mich, mache noch schnell ein Foto für die kleine Schwester zu Hause und natürlich auch für mich selbst und verabschiede mich dann von Jörg und Patrick. Auf dem Rückweg überfällt mich ein Schauer aus Freude und der leidigen Gewissheit, dass es doch gar nicht so schlimm war, nur der Kopf wiegt viel zu sehr und zieht den Körper in Mitleidenschaft.
foto: frank eidel

tele

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The Marble Man [Sugar Rails]

Mit nicht einmal zwanzig Jahren spielt The Marble Man aus Traunstein ein Album ein, dass ihn zu einem der größten Hoffnungsträger der deutschen Singer/Songwriter-Szene macht. Die Süddeutsche Zeitung nennt ihn gar „den bayrischen Conor Oberst“.


"and after all it's just a slowly dying star / if anything, it's the escape from what we are."
(slowly dying star)


The boy with his hat has left the ring to sit and think [...] there’s no-one cause they all went out [...] he’s just a stupid, young naive kid”. So singt es Josef Wirnshofer alias The Marble Man in seinem eingängigen Lied The Boy With His Hat. Und ja, womöglich singt er da ein bisschen über sich selbst. Gilt er doch allgemein als eher schüchtern, zurückhaltend und eindeutig als jemand, der sich gern mal zurückzieht, um sein eigenes Ding zu machen. „Stupid“ kann er jedoch auf keinen Fall sein – sonst wäre bei diesen Rückzügen niemals ein so schönes Album entstanden wie das gerade veröffentlichte "Sugar Rails“.

Vielleicht fand er einfach niemanden, der die musikalische Wellenlänge mit ihm teilte, oder er ist ein Perfektionist, der am liebsten alles selbst macht – so oder so entschloss sich The Marble Man, sämtliche Instrumente für seine erste Demo-CD selbst einzuspielen. Die zu bedienen hat er sich auch noch im Alleingang beigebracht, ebenso wie das Komponieren und das Aufnehmen am Computer. Letzterer steht zwischen Bass, Schlagzeug und mehreren Gitarren auf dem Dachboden seines Elternhauses. Hier und in einem alten Wohnwagen, der etwas außerhalb seines Heimatortes Erlstätt bei Traunstein steht und von einem guten Freund „bewohnbar gemacht“ wurde, findet Wirnshofer Inspiration zu neuen Songs. Das klappte scheinbar so gut, dass bald eine Demo-CD mit neun Tracks fertig war.

Dieses Demo landete unter anderem in der Zündfunk-Redaktion des Bayerischen Rundfunks und begeisterte dort die Jury. Sie lädt den Oberstufenschüler ein, im Dezember 2006 auf dem Bavarian Open Festival zu spielen, zwischen Top Acts wie Cat Power und The Thermals. Da hat er noch nicht mal eine Handvoll Auftritten hinter sich - trotzdem (oder gerade deswegen?) bezaubert er das Publikum. Kurz darauf – mitten in den Abiturvorbereitungen – nimmt Josef für das kleine Label Schinderwies seine erste richtige Platte auf.

Den Titeln von seiner Demo-CD werden noch drei weitere hinzugefügt, sodass nun zwölf herrliche Songs Platz finden auf "Sugar Rails", und die handeln nicht von jugendlicher Liebe oder kindlichen Problemen, sondern von Selbstzweifeln und Selbstfindung, sodass man manches Mal glaubt, der Sänger sei nicht erst zwanzig, sondern womöglich doppelt so alt. Die schwerwiegenden Themen verpackt The Marble Man in wunderbar leichte Gitarrenklänge und bindet mit feinem Gespür für den richtigen Moment, die richtige Stimmung, eine Schleife aus Orgel- und Akkordeonklängen drum herum. Und wie sonst auch gilt hier: Die selbst gebastelten Geschenke sind doch oft die schönsten! Denn den Homerecording-Charakter wollten auch die Produzenten auf keinen Fall verlieren. Schön, dass man sich so beim Hören den Dachboden, auf dem das alles entstanden ist, nahezu bildlich vorstellen kann. Da verzeiht man auch kleine Ausfälle, wie zum Beispiel Stand Or Fall, das man am Ende einen Ticken leiser drehen muss, weil der Höhepunkt des Songs so laut geworden ist. Dieser Schreck ist schnell vergessen, wenn schon wenige Sekunden später die wunderbare Ballade Slowly Dying Star ertönt.

Die hat The Marble Man (der seinen Namen übrigens von einem Nico-Album abgeleitet hat) auch 2006 gespielt, bei den Bavarian Open. Auf der Website des Festivals findet sich eine Videoaufnahme davon. Zu sehen ist der blutjunge Musiker, wie er ganz allein auf der dunklen Bühne sitzt und mit leicht zitternder Stimme diesen so tief verzweifelten Song singt. Wie er plötzlich, ob vor lauter Endorphinen oder Unsicherheit oder wovor auch immer, ein Kichern nicht zurückhalten kann, mitten im Text, und anschließend die Augen schließt für den ganzen Rest. Zu sehen ist die Zukunft des Songwritertums, voller Poesie und voller gitarrenlastiger, aber trotzdem unterscheidbarer Melodien. Zu sehen ist, ziemlich sicher, der kleine Anfang von etwas ganz Großem.
foto: themarbleman.de



the marble man
"sugar rails"
schinderwies productions 2007 cd
the marble man

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Wiebke Hövelmeyer, Mathias Ahrberg [Fairliebt]

Vom Suchen und Finden der Liebe.





"ich wäre gern dov charney, minus patriotismus."
(mathias ahrberg)


Als er gerade ins politisierungsfähige Alter kam, erreichte die globalisierungskritische Bewegung ihren medialen Höhepunkt. Die Nachrichten waren voll mit Bildern vom Schwarzen Block, von Randalierern und anderen kreativen Arten des Protests. Diese Dinge waren und sind es, die ihn beeindruckt und somit dazu bewogen haben, mit seiner guten Freundin Wiebke Hövelmeyer die Welt zu retten. Ein bisschen jedenfalls. Die Rede ist von Mathias Ahrberg, der geduldig Rede und Antwort stand, darüber hinaus leidenschaftlicher Kaffeetrinker ist und eine Schwäche für Wortspiele hat.

"Es geht darum, etwas zu machen", sagt er und tut es sogleich, indem er gemeinsam mit Wiebke das Modelabel fairliebt gründet und laufend vergrößert. Von T-Shirts über Buttons bis hin zu Tragtaschen ist alles dabei. Und – besser noch – man weiß, was man da auf der Haut trägt: Fair gehandelte Ware nämlich.

Resolut machen der überzeugte Vegetarier und die beste Kuchenbäckerin der Welt sich dafür stark, dass jeder, der an der Herstellung ihrer Kleidung beteiligt ist, zu seinem gerechten Anteil kommt. Dabei sind ihnen verschiedene independente Kontrollinstitute behilflich, die die Ware zertifizieren.

"Natürlich kann man sich nie sicher sein, was man da kauft. Aber ich persönlich denke, man könne eher einer unabhängigen Institution vertrauen, als einem globalen Multi, der eine Seriositätskampagne startet", so Ahrberg.

Wie kommt man als junger Mensch dazu, seine Baggy Jeans zu hinterfragen und sich nach ebendieser fair gehandelten Ware umzusehen? "Die momentane Weltlage ist wie geschaffen, ein gewisses inhaltliches Vakuum zu füllen", findet Mathias und fügt hinzu: "Ich war recht überrascht, als ich versuchte, in Deutschland Kleidung zu finden, die dieser modernen Bewegung gerecht wird. Da gibt es nichts, was nicht nach Rettet-den-Regenwald-Agitations-Textilien aussieht". Der Zufall wollte es, dass er ein paar Jahre später in Hamburg auf Wiebke traf; gemeinsam machten sie sich kurz darauf an die konkrete Planung eines Labels mit Hintergrund.

Während Mathias sich vorwiegend um Geschäftliches kümmert, deckt Wiebke, die ein abgeschlossenes Studium als Modejournalistin vorzuweisen hat, den kreativen Part ab, indem sie designt, entwirft und modelliert. "Viele glauben, die herrschende Verwertungslogik wäre gottgegeben und es wäre der einzige Sinn und Zweck des Lebens, innerhalb diesen Systems Glück und Erfolg zu finden", kritisiert der VWL-Student und Musikliebhaber die der Take-Away Bewegung und Euphemismen unterworfene Gesellschaft.

Um nicht völlig unterzugehen in einer Generation, wo der Kapitalismus immer widerstandsloser akzeptiert wird, halten er und Wiebke an ihrem Projekt fest, investieren jeden Euro in neue Artikel und sorgen somit dafür, dass diese Welt ein kleines Stückchen besser wird.

Und jetzt? Unsere Herzen sind nach wie vor Plastiksäcke im Wind. Aber immerhin haben sie es jetzt schön warm. Und gut aussehen, das tun sie auch. Fazit: Wir sind verliebt in fairliebt.
foto: fairliebt



fairliebt
fühlt sich gut an

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Sonntag Nachmittag [Juni 2007]










fotos: manuel kaufmann

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Explosions In The Sky

Ein Gespräch nicht mit sondern über die vier Texaner von Explosions In The Sky.


"das talent, in instrumentaler form zu kommunizieren."
(jan erik waider)


"Wenn ich aus welchen Gründen auch immer, auf alle Alben bis auf eines verzichten müsste, wäre es die Scheibe 'The Earth Is Not A Cold Dead Place', die ich am Ende in den Händen halten würde - das Album ist einfach unbeschreiblich und hat mich schon durch so viele Lebenssituationen begleitet. Es gehört irgendwie mittlerweile einfach fest zu meinem Alltag." Da liegt Leidenschaft in der Stimme, wenn Jan Erik Waider über die vier Texaner spricht. Um etwas mehr über die Band und über deren Wirkung und Ausstrahlung zu erfahren, habe ich mich mit Jan Erik unterhalten, der nicht nur für ein gefragtes Forum zum Thema Postrock verantwortlich ist, sondern auch die einzige deutschsprachige Fanseite der Band betreibt.

Wie bist du das erste Mal auf Explosions In The Sky gestoßen? Kannst du dich daran erinnern, was du bei ihrer Musik empfunden hast?
"Ich kann mich leider nicht mehr genau erinnern... Allerdings weiß ich, dass es eine Weile gedauert hat, bis der Funken übergesprungen war – ähnlich wie bei Godspeed You! Black Emperor, die ich ungefähr zur gleichen Zeit entdeckte. Für mich war Postrock 'damals' ein weitgehend unbekanntes Terrain und anfangs habe ich mich auch nicht richtig auf die Musik eingelassen, sie als relativ anstrengend bzw. schwer zugänglich empfunden. Doch irgendwann hat es mich dann gepackt und ich habe mir direkt alle verfügbaren CDs bestellt – naja und diese Faszination hält bis heute an."

Was machen EITS für dich aus? Was ist das charakteristische an dieser Band, bzw. inwiefern grenzt du sie von anderen Bands aus dem Postrock bereich ab?
"Die Frage lässt sich für mich nur schwer beantworten, da ich generell von Post-Rock absolut besessen bin – man kann es nicht anders sagen. Und jede Band hat für mich ihren vollkommen eigenen Reiz und auch ihre eigene Sprache - von Mono über Mogwai und Godspeed bis eben zu Explosions In The Sky. Wenn ich auch ungern die Bands wertend übereinander stellen möchte, ist EITS dennoch auf Platz eins, da die Band irgendwie etwas besitzt, das ich noch bei keiner anderen Band so intensiv entdecken konnte. In erster Linie ist es wohl Ihr Talent, in instrumentaler Form zu kommunizieren. Daneben begeistert mich immer wieder aufs Neue die Intensität und Gewalt Ihrer Musik, die nur durch vier relativ schmächtige und unscheinbare Jungs erzeugt wird."

Die Band selbst ist noch relativ jung, sie lassen sich vergleichsweise viel Zeit für ihre Platten. Wie schätzt du ihre Entwicklung ein?
"Ich weiß von der Band, das Ihnen das Songwriting sehr schwer von den Händen geht und teilweise ziemlich frustrierende Phasen hat. Oftmals versuchen Sie es einfach „auf gut Glück“, in der Hoffnung dass am Ende etwas Hörenswertes dabei entsteht. Dafür finde ich es umso beeindruckender, dass in nunmehr sieben Jahren vier Alben, ein Mini-Album sowie ein Soundtrack zu einem Hollywood-Film entstanden sind und darüber hinaus andere Titel zu mehreren Independent-Filmen. Ganz nach dem Motto „Gut Ding will Weile haben“, sollte man den Jungs die Zeit lassen – bisher konnte jede Scheibe die sie am Ende aus dem Studio gebracht haben, absolut überzeugen."

Die Platten - auch das vielleicht ein Grund, weshalb man EITS gut in Vergleich mit Bands wie Godspeed, Do Make Say Think oder Mono setzen kann - tragen, ähnlich wie die einzelnen Stücke, eher kryptische Titel. Ich will es nicht als Slebstläufer abtun, dass Bands, die (fast) ausschließlich instrumentale Stücke schreiben vielleicht das Bedürfnis haben, sich durch Titel mitzuteilen. Wie schätzt du die Titel ein? In welcher Verbindung könnten sie zu den Werken stehen und was bedeuten sie letztendlich für dich?
"Einer der Hauptgründe, weshalb mich Explosions In The Sky – speziell das Album 'The Earth Is Not A Cold Dead Place' – so faszinieren, ist deren Talent, vollkommen ohne Worte 'Geschichten' zu erzählen. Das Beste Beispiel ist für mich das Stück First Breath After Coma, das vom Aufbau und dem Einsatz der Instrumente so strukturiert ist, dass die Assoziation zu einem Menschen, der aus einem Komaschlaf erwacht, für mich auch wirklich nachvollziehbar ist. Ein Mensch erwacht und realisiert erst allmählich was passiert ist und wo er sich befindet - sieht sich langsam um und wird sich seiner Umwelt bewusst, von der er gleichzeitig fasziniert wie verängstigt ist. Das habe ich bisher bei keiner anderen Band so intensiv erlebt wie bei EITS und beinahe jeden Track-Titel konnte ich mit dem musikalischen und meinen Emotionen, die ich während dem Hören hatte, in Verbindung bringen. Ich finde die Titel von EITS im Gegensatz zu beispielsweise Godspeed You! Black Emperor weniger kryptisch, sondern für mich persönlich in der Regel stimmig und nachvollziehbar bzw. zugänglich(er). Ich denke, für EITS haben die Titel eine sehr große Bedeutung und werden mit viel Bedacht gewählt – es ist quasi die Chance, die 'Botschaft' Ihrer Titel (sofern sich das so sagen lässt) zu unterstreichen. Wobei ich Ihre Musik sicher auch vollkommen ohne Titel auskommen würde – das hätte seinen vollkommen eigenen Reiz, wie beispielsweise das Album 'Untitled' von Sigur Rós beweist."

Dass EITS 2002 eine der legendären Peel Sessions aufnehmen durften, ist gleichbedeutend mit einem gewissen Ruhm. Dennoch sind sie in der Öffentlichkeit eher unscheinbar. Dann kam der Soundtrack zu einem Film über American Football in den USA. Du beobachtest die Band schon relativ lang, wie schätzt du ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit, zu Erfolg ein? Und wie den Kreis der Rezipienten der Band gegenüber?
"Ich denke, dass der Teenager-Footballfilm 'Friday Night Lights' von Peter Berg für die Band quasi eine Art Durchbruch darstellte. Der Streifen und die auf dem Film basierende, gleichnamige NBC-Serie genießen in den USA eine sehr hohe Beliebtheit. Der Kinofilm ging dagegen in Europa mehr oder weniger unter, was sicherlich größtenteils auf die Thematik 'American Football' zurückzuführen ist. Aber durch die nun vorhandene Präsenz im TV, fand/findet EITS nun auch verstärkt Erwähnung in Medien wie Radio, Internet-Blogs oder populären Musikmagazinen – für die Band eher unübliche Kanäle. Ich selber bin auch ein großer Fan vom Kinofilm und neuerdings auch der Serie und meistens fügt sich Ihre Musik genial in die bewegten Bilder ein und nicht selten mit Gänsehauteffekt, wenn Your Hand In Mine einmal wieder anklingt oder das Team bei Have You Passed Through This Night über das Spielfeld jagt. Ihr Auftritt bei John Peel war sicher sehr bedeutend für die Band, aber ich denke Ihrer Popularität hat das im Gegensatz zu Friday Night Lights nicht zu großen Sprüngen verholfen. Die Peel Sessions hatten doch ein recht spezielles Publikum und John Peel folgte (glücklicherweise) niemals dem Massengeschmack. Die Band geht mit dem zunehmenden Erfolg und den ausverkauften Konzerten eher bescheiden um, als ich Sie darauf angesprochen haben, wirkten sie beinahe verlegen... Aber trotz allem habe ich das Gefühl, dass sie definitiv glücklich sind mit dem Verlauf der Dinge und anhand der ständig steigenden Zahl der Tourtermine sieht man auch, dass sie das nicht im Stillen Kämmerlein feiern wollen..."
foto: explosionsinthesky.com


explosions in the sky
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postrock forum

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Mit [Was War Es]

Haute Areal Runde Eins: Im Ring Mit – drei zierliche Burschen mit Hang zu Auslandseinsätzen, der Liebe zum Moog, dem Fluch der 7-Inch und der Erfindung einer Hautalterungsmaschine.


"noch so jung und schon besser als du!"
(deine eltern)


Haute Areal, im Spannungsfeld zwischen Gummersbach und Berlin, veröffentlicht in diesen Tagen den neuen Silberling von Mit, der auf den fulminanten Namen "Was War Es" hört. Es gibt viel zu berichten aus dem Tagebuch des Kölner Trios: neue Entwicklungen oder wie man innerhalb kürzester Zeit um Jahre altern kann und alte Geschichten als der Sound noch nach Eigenproduktion roch. Die Pubertät ist überstanden, das Alterswerk noch nicht in Sicht. In der Zwischenzeit ist man angekommen in Berlin, bei Haute Areal und in London: bei den Röhrenhosen und vielleicht auch bei sich selbst.

Thinking about Röhrenhosen …

The Guys made a long way in a very short time – Start – Sprint – London . Während sich die Musikpresse im Jahr 01 nach der Fussball-WM noch immer damit beschäftigt, denn ein oder anderen web2.0 bzw. Sheffield oder Glasgow-Trend zu importieren, bewegen sich Mit auf konstanten Bahnen Richtung Olymp. Und keiner weiß es, denn im eigenen Land zu suchen, das wäre zu einfach. Von den charmanten Lo-Fi Anfängen ist auf "Was war es" nicht mehr viel übrig, das Einzige was bleibt ist ein Zauberwesen namens Electroclash, die Euphorie vor und auf der Bühne und drei Gestalten nicht größer als du, die gefallen wollen und ein Feuerwerk nach dem anderen anzünden. Und das tun sie seit 2004 das noch leicht trashige Debüt: "Haustier In The Straßenbahn" (kurz H.i.t.s.) seinen Weg aus dem Keller in die Gehörgänge fand. Nur an der Umsetzung haperte es und so wurde Mit ein Jahr später vom Duo zum Triumvirat bestehend aus Bass, Schlagzeug und Synthies – eine Symbiose, die schnell auf Gehör stieß. Ein Phänomen powered by myspace – es folgen Showcases und Ausflüchte in die englische Musikmetropole mit Tube-Erkundungstouren und hohem Widererkennungswert, sogar für die Insulaner, bei denen ein Trend nicht länger als ein Atemzug hält. Das alles passierte in ziemlich kurzer Zeit, genauer gesagt 2005 und es blieb kaum Zeit für zum Ausatmen.

Auch die Gegenwart lässt da nicht viel Platz für Freizeit. Schon 2006 wurde dem Trio unwiederbringlicher Weltruhm im Jahre 2007 bescheinigt – Mit auf dem Cover einer Intro-Ausgabe: "Was zählt, seid ihr. Ab jetzt. In zehn Minuten will ich eure Ärsche wieder im Studio sehen!" Diese Forderung könnte in nicht allzu langer Zeit in die Tat umgesetzt werden, denn die Frucht ist reif und wartet nur darauf geerntet zu werden. "Was War Es" ist soeben erschienen und der Longplayer wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die Plattenfirmen lecken sich die Finger, zumal die Renaissance der elektronischen Musik in europäischen Gefilden auf dem stetigen Vormarsch ist. Möge man den Hypepuristen glauben schenken, ist Electroclash ein alter Mann mit Bart – anscheinend in den letzten Zügen –, darauf wartend vom neuen ungestümen Sprössling New Rave überholt zu werden.

Mit machen sich keinen Hehl aus ihrer Einflüssen, mag es ein alter Mann mit Bart oder ein junger Röhrenhosenträger sein, was gefällt wird verarbeitet. Jedoch wäre es zu einfach „Was War Es“ als deutschsprachige Initiierung des New Rave zu inszenieren, auf die Welle aufzuspringen, im Sog zu versinken, vielleicht jedoch eine weitere deutsche Referenz zu finden. Dafür sind die drei Songs und drei Remixe auf „Was War Es“ allesamt zu unterschiedlich. Umdenken ist angesagt, es gibt ein Leben nach dem Hype. Mit verstehen es in gekonnter Weise den Trend für sich zu nutzen, so hat man sich für die Remixe von „Was War Es“ drei altbekannte Institutionen mit ins Boot geholt. Rari Decihells Mix (Ex-Test Icicles) von "Was War Es“ kommt in gewohnt schnodderiger Manier daher, erdig ja, aber dennoch sympathisch und überzeugend auf ganzer Linie. Auch der Allrounder Thies Mynther entwirft ein neues Kleid für den Track und schließlich wäre da noch Ascii.Disco, dessen Remake am Meisten durch seine Eigenständigkeit überzeugen kann.

hol mich ab / und zeig mir die Stadt / keiner stellt sich an / wir kommen an
(Was war es)

Und während sich Mit alles angesehen haben von Köln über Berlin bis nach London, ist ihr Ziel noch nicht erreicht. Das Album lässt immer noch auf sich warten, die Rufe jedoch werden immer lauter. Demnächst mehr, bis dahin bleibt als guter Ersatz: "Was War Es"!
foto: kira bunse



mit
"was war es"
haute areal 2007 cd / lp
mit

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Sonntag Nachmittag [Mai 2007]










fotos: manuel kaufmann

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Michael Heilrath, Ralf Westhoff [Shoppen]

„Shoppen“ ist ein herrliches Stück deutsches Kino – das gar keine Musik nötig hat. Blöd für Michael Heilrath, den Schöpfer des zugehörigen Soundtracks. Der wird vom Label als „mit Abstand the most funky thing“ bezeichnet, dass dem Musiker bisher geglückt sei.


"stell dir vor, du erzählst deinen kindern später, wie du deinen traummann
kennengelernt hast. das ist doch peinlich!
"
(susanna)


Der erste Kinofilm von Regisseur Ralf Westhoff handelt von 18 Menschen, die an einem Speed-Dating teilnehmen. Neun Frauen und neun Männer, die jeweils fünf Minuten haben, um sich miteinander bekannt zu machen und am Ende vielleicht Telefonnummern auszutauschen. Die einen suchen "die Liebe, die einzig wahre Liebe", andere wiederum nur Sex oder wenigstens jemanden, an den sie sich nachts im Bett ungestraft klammern dürfen. Das Ensemble besteht durch die Bank aus Theaterschauspielern, die meist aber schon kurze Ausflüge in die Fernseh- oder Kinowelt unternommen haben.

Ganz wunderbar zeichnet der Film verschiedenste Charaktere und erzählt, was passiert, wenn diese aufeinander prallen. Das kann zum Nachdenken und zum Lachen bringen, ebenso wie die unterschiedlichen Gründe, wegen derer die Singles zum Treffen gekommen sind. Eine Krankenschwester hat die Teilnahme von ihren besorgten Kollegen zum Geburtstag geschenkt bekommen, eine junge Verlobte ist sich nicht sicher, ob sie wirklich heiraten soll, und wieder eine Andere hat gerade ihre gesamte Familie verloren und steht jetzt ganz alleine da. Ein Mann ist gerade erst vom Land in den Handlungsort München gezogen und kommt mit seinem immerzu nörgelnden Mitbewohner.

So lebt dieser Film von Dialogen, genialen Dialogen, die auf stets intelligente Weise wunderbar lustig sind. Und ein Dialogfilm braucht manchmal eben keine Musik. Michael Heilraths zehn Tracks umfassender Soundtrack wird größtenteils eingesetzt, um die kurzen Sequenzen zu unterlegen, die zwischendurch zeigen sollen, dass Zeit vergeht. Wenn die Kamera an den Stuhlreihen mit sich unterhaltenden Menschen vorbeifährt oder die tickende Uhr eingeblendet wird. Entsprechend pochend ist diese elektronische Musik, vorantreibend und immer in Bewegung.

Heilrath veröffentlicht zum ersten Mal etwas unter seinem eigentlichen Namen. Seit Anfang der Neunziger Jahre kennt man ihn als Leader der Gitarren-Band Couch oder des Alles wie groß-Orchesters. Elektronische Wege ging er schon mit seinem Soloprojekt Blond. Zudem musiziert er hin und wieder als Gast bei The Notwist und dem Tied and Tickled Trio, Bands, die wie er aus dem oberbayerischen Weilheim stammen.

Schade, dass sein Soundtrack im Film so kurz kommt. Normalerweise ist sowas ja da, um die Stimmungen eines Films zu vermitteln und zu unterstreichen. Das ist aber nur in der abschließenden Viertelstunde von "Shoppen" möglich, die das Wiedertreffen einiger Paare zeigt. Und selbst hier rücken Schauspieler und Texte die Musik noch weit in den Hintergrund. Schade vor allem um Schmankerl wie das fröhlich-offene Wenn man Sex haben will oder den einzig ruhigen Track, Monopterus. Der läuft dann während des Abspanns.
foto: x-verleih



michael heilrath
"shoppen"
hausmusik 2007 cd
michael heilrath

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