26°, Halbschatten, Vanilleeis, Bikini. Aus den Lautsprechern dudelt „Fight the start“. Es gibt Musik, die dem perfekten Tag noch den letzten Schliff verleihen kann, sozusagen die Potenzierung des absoluten Glücks.
"i got something on my mind tonight."
(something to arrive)Heute ist es passiert, so sollte er aussehen, ein ewiger Sonntag ohne Wochenanfang. Was mir hier zu Ohren kommt ruft sofort Erinnerungen wach, fünf junge Burschen mit Gitarre, Bass und Schlagzeug auf einem schäbigen Bus, hinter ihnen geht nach regnerischen Stunden die Sonne am blauen Himmel unter- es ist fast zu kitschig um wahr zu sein. Das waren die Kilians auf dem Haldern Pop-Festival 2006, der Eindruck den sie hinterließen ist bleibend, die Vorfreude auf die vorliegende EP „ Fight The Start“ groß.
Die Kilians, das sind die fünf Freunde aus Dinslaken, sie haben Gitarren und jede Menge Elan und Spielfreude im Gepäck, klingen so gar nicht deutsch und klettern seid einigen Monaten immer höher auf der Karriereleiter Pop. Und trotz einer bis dato relativ kurzer Bandhistorie verfügen die jungen Männer über eine anständige Medienpräsenz, die wohl nicht zuletzt von der Begeisterungsfähigkeit eines gewissen Herrn Uhlmann herrührt.
Tomte-Papa Thees Uhlmann attestierte den Kilians schon 2006 großes Potential, rührte kräftig die Werbetrommel und bewies mit seinem Engagement wieder mal ein glückliches Händchen in Sachen Talentsuche.
Die Kilians haben schon früh die Presse auf den Plan gerufen , man fühlte sich bemüßigt bisweilen weit hergeholte Vergleiche aus dem Hut zu zaubern und leichtfertig alt und neu über den gleichen Hype- Kamm zu scheren, da wurde analysiert was das Zeug hält. Das Ergebnis sind Zeilen wie “schon jetzt besser als Mando Diao“, “die zweiten Strokes“, die es dem Hörer schwer machen dem ersten Eindruck subjektiv und unvoreingenommen zu lauschen.
Eigentlich unerhört, erst so kurz im Geschäft und schon von Vergleichen verzerrt, da wird eine Band von vorneherein auf die Gemeinsamkeiten zu anderen Vertretern der Britpop / Indie-Pop-Szene reduziert. Will die Presse eigentlich nur loben, reflektieren diese augenscheinlich schmeichelhafte Kommentare doch die Müdigkeit der Öffentlichkeit sich mit Musiken auseinander zu setzen die im ersten Moment Verwandtschaft zu anderen Kollegen bekunden. Waghalsig proklamiert man Scheinwahrheiten und entsagt der Band letztlich den eigenen Ideenfundus, die Fähigkeit aus eigener Kraft in den Rock 'n' Roll Himmel aufzusteigen. Zu verleugnen sind die Ähnlichkeiten zu besagten Bands dennoch nicht ganz und die Kilians haben diese Assoziation eigenhändig geschürt, durch - das muss auch eingestanden sein-, sehr ordentliche Coverversionen von Übervätern und Vorbildern Strokes.
Doch diese haargenaue Gegenüberstellung entpuppt sich als hinfällig, die Kilians machen sich den von Bands wie The Hives oder eben Strokes gepflegten Garage-Punk zu Eigen, und spezifizieren in nur vier Titeln eine kleine neuartige Machart die man bei anderen Größen auch zwischen den Zeilen nicht entdecken kann.
Da finden sich die kratzbürstige (und überdies außergewöhnlich charakterstarke) Stimme von Simon den Hartog, lautstarke yeah yeah yeahs, Gitarrensoli allererster Sahne, kaum verständliches Slanggerotze und treibende Rhythmen wohin das Ohr hört - da ziehen die Kilians alle Register spaßbesessener Publikumsmusik, flott und juvenil, auf englisch natürlich, Kelleratmosphäre bester Güte. Die Nebenwirkungen erscheinen ebenso vorhersehbar wie plausibel, auch die Kilians bedienen wie duzende von Bands vor ihnen das Klischee der Hipster-Generation, wo von spindeldürre Ärmchen in Lederjacken bis zu tanztauglichem Wuschelhaar alles aufgefahren wird um die korrekte musikalische Grundeinstellung nach außen zu tragen und man sich ignorant und überlegen gibt.
Das kennen wir mittlerweile und die gesunde Mehrheit lässt sich schon längst nicht mehr beeindrucken von snobistischen Gehabe vor - wie konsequentem auf hohem Ross sitzen - hinter der Bühne. Schon zu oft ist die Musikalität zugunsten äußerlicher Extravaganz gewichen, mit oft schmerzlich hörbarem Ergebnis, ein guter Haarschnitt eben befähigt niemanden zu einer rundum positiven Ausstrahlung, und schiefe Nasen und Haarausfall haben noch niemanden daran gehindert erfolgreich die Klampfe zu schwingen.
Doch Skepsis ist bei den Kilians nicht angebracht, denn lancieren sie auch mit größtem Geschick das Bild einer selbstbewussten, bisweilen sogar narzisstisch anmutenden Jungs-Bande, hinter der medienwirksamen Kulisse greift pures musikalisches Talent in intelligenten Charme und sympathische Natürlichkeit. Wohltuend endlich wieder eine junge Band zu hören, in welcher der Sänger jeden Ton sauber intoniert und das musikalische Repertoire sich nicht auf drei Akkorde beschränkt.
Und neben den schmissigen und sorglosen Tanz und Schunkel-Songs Fight The Start und Merely Marginal Juxtaposed die nicht die geringste Anstrengung abzuverlangen scheinen, offerieren die Kilians in Something To Arrive und Suburban Lies eine fast melancholische Ader und erzeugen spielend eine seltsam dringliche Beklemmung, ein herbstlich schwerer Blick in die Zukunft ohne den Blick abzuwenden. Da wäre man beinahe in die Falle Voreingenommenheit getappt. Denn diese Zeilen und Takte könnten niemals von den Strokes stammen. Die Attraktivität der Kilians lässt sich begreifen als kongruentes Wirken von innerlichem Befinden und öffentlichem Produkt. Sie spielen ohne jegliche Angst zuviel Preis zu geben auf, alles geht ohne Hemmschwelle impulsiv nach vorne ins Publikum, in die weite Welt, Simon den Hartog, Dominic Lorberg, Gordian Schulz, Michael Schürmann und Arne Schult üben sich nicht in vornehmer Zurückhaltung, sondern präsentieren der Hörerschaft die volle Breitseite extrovertierten Lebensgefühls. Jede Phrase pulsiert, Rhythmus und Dynamik auf den Punkt, befreiender Gesang, man merkt das hier Freunde am Werk sind. Eine Eigenschaft die keinesfalls selbstverständlich ist, jeder kennt das Bild der Band in der jeder für sich auf der Bühne steht, und die dröhnenden Gitarrenklänge trotz Lautstärke nach innen zu gehen scheinen.
Keinen Moment erwischt man den Eindruck eine Formation vor sich zu haben, die sich normalerweise rein auf Banddauer und Alter bezogen Newcomer band schimpft. Nein, der Begriff bedarf hier gründlicher Korrektur, dem sind die Kilians schon längst entwachsen.
Sie geben dem Zuschauer keine Zeit sie mögen zu lernen, Liebe auf den ersten Blick oder lebenslange Enthaltsamkeit, das ist Musik für die ersten Sekunden. Die Kilians wissen was sie wollen, und das ist mit Sicherheit keine Zukunft in Dinslaken, musikalische und persönliche Entwicklung geht ganz klar Richtung große Bühnen, hier strebt man mit aller Gewalt und Willensstärke nach oben, da gibt’s kein Pardon.
Erst 19-24-jährig gelingt es ihnen ihr Debüt über Major-Plattenlabel Vertigo zu vertreiben und in die Großfamilie Grand Hotel Van Cleef einzuheiraten; ein schönes weiches Polster für kommende Monate und Jahre. Hoffen wir also auf weitere Knüller aus Richtung Ruhrpott mit ein bissen Bodenhaftung aber ohne falsche Anständigkeit. Auf weitere Festivaleindrücke und Sommertage im Liegestuhl mit Soundtrack! Die Kilians machen das schon, ich bin mir sicher.
foto: thekilians.de
kilians
"fight the start"
grand hotel van cleef 2007 cd
kilians
Kilians [Fight The Start]
End Pilot Festival [Erfurt, 14.04.2007]
Die Bewegung wurde nicht nur durch die hinreißende Auswahl der auftretenden Künstler und ihrer Beiträge provoziert. Ganz im Gegenteil zum streng geordneten Verhalten in regulären Flügen, versprach das End Pilot Festival in Erfurt körperliche Ertüchtigung en masse.
"ich mag das ja nicht so, wenn die keinen refrain haben."
(zuhörer über ef) Die Treppe hoch.
Das Sonic-Youth-Shirt abgestreift, begrüßt Victoria das zusammen gekommene Publikum mit freundlicher Geste. Ganz in schwarz gekleidet präsentieren sich die vier jungen Damen aus der Nähe von Göteborg, als würden sie in den Hintergrund treten wollen, um ihrer Musik die nötige Aufmerksamkeit zu überlassen. Es sei ein wunderschöner Abschluss für eine wunderschöne Konzertreise an diesem Abend für sie, werden sie am Ende anmerken, bevor sie ihr letztes Stück spielen werden. Das Publikum schwelgt, den Atem anhaltend, in der bizarren Schönheit der Musik, der tiefen Schwermut und spielerischen Leichtigkeit von Audrey.
Die Treppe herunter. Kurz zuvor.
Es bleibt nicht viel Zeit, um die Rahmenbedingungen, die schön gestalteten Räume und die wunderschöne Atmosphäre des kleinen End Pilot Festivals zu genießen, da es einen engen Zeitplan einzuhalten gilt. Im ersten Geschoss bestellt man noch schnell ein Getränk seiner Wahl - der Kult um das ökologische Getränk Bionade scheint sich hier noch nicht durchgesetzt zu haben - um dann durch die sich bewegende Menge herunter zur großen Bühne zu gelangen. SDNMT spielen auf und werden gebührend gefeiert, sind sie doch einer der ganz großen Namen am heutigen Abend. Postrock auf der einen und Elekronik auf der anderen Seite, alles gepackt in das zwar mittlerweile bedeutungslehre aber nicht unwichtige Kleid des Indie. Anfangs dachte ich noch darüber nach, ob ein solches Fest genügend Anklang finden würde, aber nicht zuletzt die Anwesenden, sowie ein kurzes Gespräch mit einem Freund darüber, ob Postrock nicht mittlerweile zum Establishment gehöre, im Mainstream angekommen sei, lehrten mich eines besseren.
Die Treppe hoch. Viel später.
Körper bewegen sich im Takt der puckernden Elektronik. Gitarren sind verschwunden und blinkende LCD Leuchten, Schieberegler und Datenströme haben die Oberhand gewonnen. Und dennoch muss keine klaffende Lücke geschlossen werden. Der vielleicht zu erwartende Bruch im Stil, in der Resonanz des Publikums ist ausgeblieben. Man hätte es ahnen können.
Die Treppe herunter. Etwas zuvor.
Nach langer Abstinenz spielen die Ingolstädter Slut wieder ein Konzert. In Erfurt seien sie noch nie zuvor gewesen, konstatiert Sänger Chris, dabei übersehend, dass das Highfield Festival ebenfalls hier verortet ist. Den großen Spaß, den ihnen ihr Auftritt sichtlich macht, teilen die zahlreichen Zuhörer vor der Bühne wie selbstverständlich und nach kurzer Zeit wird man kommunikativ und stellt sogar drei gänzlich neue Stücke vor. Was von einem möglichen neuen Album zu erwarten sein mag, spaltet die Zuhörer jedoch merklich. Die einen nehmen dankbar die Eingängigkeit der neuen Töne auf, strecken Fäuste in die Luft und verlieren sich in tobenden Bewegungen. Die anderen halten ob jener illustren, beinahe profanen Einsilbigkeit der neuen Töne inne, und beäugen die Musik kritisch. "Auf der Brust stand Slut", erklärt Chris, als die Band zur Zugabe auf die Bühne zurückkehrt, bezogen auf einen jungen Herrn im T-Shirt, der ihm vorher im Treppenhaus begegnete. "Und auf dem Rücken For Exercise And Amusement. Und jetzt soll er doch verdammt noch mal endlich auf seine Kosten kommen!". Als Bonbon, durfte man das Stück Cloudy Day so also verstehen.
Die Treppe hoch. Zurück zum Anfang.
Niklas schließt die Augen, den Kopf zur Decke gerichtet. Synchron formen seine Lippen die Worte, die Sänger Tomas spricht. Es ist ruhig geworden. Ein kurzes, zerbrechliches Intermezzo, bevor das Göteborger Quintett ein letztes Mal zu einer eruptiven Explosion ausholen wird. EF sind vielleicht die große Überraschung des kleinen Festivals. In der Hitze des stickigen, kleinen Raumes beherrschen sie souverän und doch verhalten die Bühne. Als wären sie eins mit dem Publikum, fiebern sie selbst jedem sich entfaltenden Stück entgegen. Lassen euphorisches Leuchten in den eigenen Augen zurück, wenn sie mit Trompete, Glockenspiel und Geigenbögen die grazilen, ausufernden Sinfonien heraufbeschwören. Vielleicht ist es auch eine Hommage an die eigenen Wurzeln, wenn sie ihr Hello Scotland betiteltes Stück ankündigen, dass sogleich mit Jubel aus dem Publikum empfangen wird, als sei es als bekannt vorausgesetzt. Und am Ende fallen sie sich selbst in die Arme, erfreut und erleichtert darüber, dass alles so wunderbar verlief.
foto: sonja berg
end pilot
audrey
ef
sdnmt
slut
Nicolas Mahler [Kunsttheorie Vs. Frau Goldgruber]
Das sind interessante Zeichnungen. Nur arbeiten Sie ja doch eher in einem Genre, nun, Sie verwenden, nun ja, erzählende Bildfolgen.
Sie können ruhig Comic sagen.
Ich wollte Sie nicht beleidigen.
(videothekkunde)In den Achtzigern gab es diese populäre Fernsehwerbung eines Reinigungsprodukts, die im Allgemeinen eine recht positive Resonanz verbuchen konnte. Ich kann mich daran erinnern, wie Verwandte belustigt darüber sprachen. (Dass man sich überhaupt über Werbung unterhielt, mag ein Zeichen der Zeit gewesen sein und muss hier nicht weiter berücksichtigt werden.) Es ging darin um eine Putzkraft, die auf einer Kunstausstellung arbeitete und voller Begeisterung ob der guten Reinungsfähigkeit des speziellen Scheuermittels, eine beschmierte Badewanne blitzeblank scheuerte. Am Ende des Spots kommt die gut bürgerliche Pointe, dass nämlich die Badewanne nicht beschmiert war, sondern Gegenstand der Kunstausstellung. Das konnte die Putzfrau ja nicht ahnen, tat sie doch nur ihren Job, und das ausgezeichnet. (Der stereotype Kunstintellektuelle tritt am Ende haareraufend im Hintergrund ins Bild, während die Protagonistin verschmitzt in die Kamera lächelt.) Diese Putzfrau könnte Frau Goldgruber heißen, wenn sie nicht werbende Putzfrau, sondern Finanzbeamtin wäre und in Nicolas Mahlers Comic auftauchen würde. Mit dem gleichen Kunst(miss)verständnis, mit dem der damalige Werbespot auftrat, sieht sich Mahler in seinen episodenhaft zusammengestellten Geschichten konfrontiert. Alle theoretischen Vorstellungen über das, was Kunst sein könnte, von Sokrates über Adorno bis Lyotard, von Beuys über Danto bis Sonntag, prallen am grundsätzlichen Skeptizismus des "Das hätte ich aber auch gekonnt" ab. "Na, das wird schon irgendwie 'Kunst' sein", wird Frau Goldgruber später konstatieren, überzeugt davon, dass man „mit so was eh nix verdienen kann“.
nicolas mahler
"kunsttheorie versus frau goldgruber"
reprodukt verlag 2007
nicolas mahler
We Are Soldiers We Have Guns [To Meet Is Murder]
Die Waffen der Stille.
Ein kleines Studio in Schweden, eine kleine blonde Frau und ein junger Mann stecken die Köpfe zusammen, tüfteln an Instrumenten, drehen an Knöpfchen, trinken Rotwein und essen Schokolade.
"the trick is to love"
(waswhg)So in etwa beschreibt Malin Dahlberg die Szenerie der Aufnahme ihres zweiten musikalischen Projektes in Sachen We are soldiers we have guns. Doch auch außerhalb dieses Duos ist der Blondschopf schon lange kein unbeschriebenes Blatt mehr und bereichert die breite Göteborger Musikszene mit ihrer zweiten Band Douglas Heart. Und trotz ihrer Bescheidenheit und der betonten Zweisamkeit mit Freund und Helfer Jocke Rosén verrät schon ein Blick auf die EP-Hülle, dass es Malin ist, die der Musik von We Are Soldiers We Have Guns die Form gibt und dem Produkt ihren ganz persönlichen Stempel aufdrückt. So stammt beinahe das gesamte Material des Minialbums ausschließlich aus ihrer Feder und Texte wie auch musikalische Umsetzungen beweisen das großartige Talent einer Songwriterin mit dem Gespür für die Wirkung der leisen Töne.
In "To Meet Is Murder" offenbart sich eine musikalische Dimension fernab von brodelnden und brachialen Gitarrensounds, die seid Jahren die Tanzsäle der westlichen Welt überfluten und nicht selten ausschließlich den bescheidenen Ansprüchen, die Massen durch rhythmisches Geplänkel in Bewegung zu versetzen, genügen können.
Diese Option klammern Dahlberg und Rosén glücklicherweise aus und behalten sich vor, eine Musik zu gestalten, die nicht nach dem höchst-möglichen Popularitätsgrad strebt sondern, eher im Gegenteil, in erster Linie auf die Verwirklichung der eigenen Persönlichkeitsmuster und Erfahrungen zugeschnitten ist. Keine massen-orientierte Schubladen-Musik also.
Man setzt auf minimalistische Gitarren- Arrangements neben wohltuend sparsam platzierten elektronische Sounds und büßt dabei nichts an musikalischer Qualität ein, grade der Verzicht auf überflüssigen Ballast befähigt zur natürlich Erzeugung von Intension. Alles wirkt so wunderbar spontan und wenig durchkomponiert. Musik nach Lust und Laune und ohne Rücksicht auf jegliches Publikum authentisch.
Der eigenwillige und höchst individuelle Charakter der fünf Songs resultiert nicht zuletzt aus der außergewöhnlich klaren, hellen, fast fragilen und doch dominanten Stimme Dahlbergs, die es vermag auf subtile Art und Weise die Wirkung von absoluter Intimität herzustellen. Man möchte gar nicht stören.
Dabei klingt das Konzept schlicht, beinahe banal; individuelle Erlebnisberichte gepaart mit hausgemachter Musik, ein altbekanntes Motiv zur Gitarre und Mikrofon zu greifen. Und doch, hier ist so einiges anders als man es erwarten könnte. Wie schon der Bandname lässt auch der Titel der EP Schlüsse auf einen nicht ganz eindeutigen Inhalt zu, Dahlberg und Rosén bezeugen eine Affinität zu leicht missverständlichen Aussagen und führen den naiven Hörer gerne mal aufs Glatteis, denn sie erwarten mehr als den dekadenten Musikfreund der die Ohren auf und den Verstand zumacht. So verweist der leicht bedenklich anmutende Titel "To Meet Is Murder“ lediglich auf ein Ausspruch von Malins Mutter, welcher die unausweichliche und ewige Einsamkeit jeder Seele betont. Die durchgreifende Verwendung spezifischer und konkreter selbst- erlebter Themen ruft die Illusion des direkten Teilhabens am Wirken der beiden Schweden hervor, die es nicht nötig haben sich eine Attitüde zueigen zu machen die ihnen nicht steht, sondern ganz ehrlich und einfach das sein wollen was sie sind.
Und so berichtet Dahlman ein bisschen gedankenverloren von Menschen die es ihr schwer machen sie zu mögen (The Trick Is To Love), ein nerviger Konzertbesucher wird zum Blickpunkt des Interesses in The Line Is A Dot To You, ein subtil böses Hasslied mit friedlichen Absichten. Denn entgleisen will Dahlberg nicht, ihre Intention ist ernsthafte Musik zu schreiben, die Kompositionen verraten immer auch ein wenig über alte und neue Wünsche, Ängste und schmerzlichen Erfahrungen. Ohne die Gefahr zu viel Preis zu geben aber auch ohne Ironie.
Die Symbiose von Text und Musik wird gewissermaßen zum Sprachrohr ehrlich empfundener Affekte, die greifbar werden, sobald man sich Zeit und Geduld nimmt um sich der EP zu widmen. Schade nur, dass uns der Tonträger selbst nur fünf Titel Zeit gibt, doch man darf wohl auf mehr bemerkenswertes Liedgut aus Richtung der produktiven Schwedin und ihres Partners hoffen. Mit "To Meet Is Murder" hab ich also eine kleine auditive Perle vor mir liegen, die einerseits dem Singer/ Songwriter- Motto der Kings of Convenience: "Quiet is the new loud" zu folgen scheint, andererseits aber ganz eigene Maßstäbe ansetzt und sich nur nach den eigenen Vorlieben richtet. Und dies ist wohl das Geheimnis zum Erfolg. Wer flüstert sagt doch eben doch die Wahrheit.
foto: waswhg
we are soldiers we have guns
"arms down"
stereo test kit records 2007 cd
we are soldiers we have guns
Musika 77 [Brave Your Free May] / The Book Of Daniel [Songs For The Locust King]
Zweimal Schweden. Zweimal Göteborg. Zweimal Singer/Songwriter. Zweimal orchestraler Begleitung. Zweimal Intensität. Und doch ganz Verschieden.
"i saw a newspaper fly in the draft from a butterfly's wing."
(paper birds, the book of daniel)
Im Vorliegenden Fall sind das zwei Veröffentlichungen aus Schweden, aus dem Umfeld der Göteborger Musikszene, aus der ja auch Boy Omega entstammt. Da in Schweden auf "vier Einheimische etwa drei Songwriter" kommen, wie das Komakino letztlich erörterte, führt das zwangsläufig dazu, dass man sich untereinander nicht nur kennt, sondern auch gemeinsam an Musik arbeitet und sich somit eine recht homogen wirkende Szene etablieren konnte. Ein Privileg, welches in den letzten Jahren neben Skandinavien auch Kanada zu Gute kam. Im schwedischen Fall scheint vor allem eine gewisse Melancholie zu prägen.Ähnliches gilt auch für Johann Krantz, der gemeinsam mit Therese Engström an Piano und Schlagzeuger Jimmy hinter Musika 77 steht. Im Schein eines klassischen Trios verdichtet sich ihre Musik stellenweise zu geradezu orchestralen Ausmaßen, treten Pauken, Bläser, Piano, Filedrecordings und andere Elemente an die Seite von Johann Krantz akustischer Gitarre und seinem zarten und flehenden Gesang. Wie der spätherbstliche Wald mit den kahlen, düsteren Bäumen auf dem Cover ihres zweiten Albums, erscheint auch die Musik; Zunächst überwiegt diese Dunkelheit, bis man voller Freude die wenigen Sonnenstrahlen erblickt, die einem Trost in dieser tristen Landschaft spenden können. Dann aber bemerkt man, und das ist das wichtige an dieser Platte, dass auch die Tristesse eine ganz eigene Schönheit birgt.
Aber es sind am Ende die Details, welche die Platte wirklich als bemerkenswert erscheinen lassen. Wenn in May, A Magpie, The Softest Forest schmerzlich von einer Trennung, einer unüberbrückbaren Entfernung zwischen zwei Menschen gesungen wird, dann wird nicht einfach die vielmals verwendete Metapher von "a thousand miles away" verwendet; Um die Distanz spürbar zu machen, wiederholt Johann Krantz das Wort Miles einmal, zweimal, dreimal, wiederholt sich die Musik gefangen in einer Schleife, bricht in ihrem Fluss und verdeutlicht sinnbildlich, was sprachlich so lapidar klingt. So ist der Zugang zu dieser Platte vielleicht vor allem über den klugen Umgang mit der Sprache zu erreichen. Erst im Detail wird die Melancholie deutlich und hinterlässt den Hörer mit diesem wundersam schwermütigen, aber ermutigendem Gefühl, einer Wärme im ganzen Körper.
Mountain, Rhine, Ball entfaltet sich, ausgehend von einem sanft artikulierten "shh", ganz langsam, gesellen sich Trompete und Pauken zur Gitarre, um das Stück anzureichern und auszufüllen. In diesem Stück nun, platziert Krantz eine Zeile, die so beachtenswert, so bemerkenswert in ihrer Tiefe ist, wie selten ein Satz in einem Pop Song. Wenn er "Those were the best days of my life" singt – eine Zeile, die die ein oder andere verwirrte Seele vielleicht aus anderem Munde kennen mag - dann ist er so weit von einer beschönigenden Verklärung und nostalgischen Schwermut entfernt, wie sie überhaupt sein kann. Das ist kein rückwärtsgewandter Zukunftspessimismus, sondern vielmehr scheint es wie das schmerzliche Resümee eines ganzen Lebens. Nicht pathetisch, sondern soviel Erinnerung und selbstreflexive Wahrheit transportierend, wie man überhaupt nur in eine einzige Zeile hineinlegen kann. Ich sage, allein aufgrund dieser einen Zeile, so beiläufig in ihrer Dringlichkeit, sollte man "Brave Your Free May" besitzen!Daniel Gustafsson hingegen weiß von anderen Gegebenheiten zu berichten. Lässt man den Musiker, der unter dem Namen The Book Of Daniel arbeitet, selbst zu Wort kommen, dann klingt sein Debüt Album folgendermaßen: "Nun, es beginnt mit einem Gebet an einem Flughafen. Dann erzählt ein Betrunkener Lügengeschichten über seine angebliche Boxerkarriere und Kamele wandern in den Sonnenaufgang, während ein junger Mann einen Karton mit Erinnerungen füllt. Seine Ex-Freundin sitzt im Fernsehsessel und beobachtet ihn dabei. Dann geht es um einsame Dezembernächte und einen Hasenjungen, der durch die Straßen huscht, als ein Wildhead sich einer Marschkapelle anschließt. In der selben Nacht befinden sich ein junger Taxifahrer und ein Mädchen, das Regentropfen zählt, im hinteren Teil einer Bar, während ein Schwarm Papiervögel auf dem Fenstersims landet. An der Wand schreit ein Graffiti, während ein verwirrter Grabsteindichter und ein Mädchen, das versucht, ihre Kalorienzufuhr mit Amphetaminen und Süßigkeiten zu kontrollieren, sich treffen, um gemeinsam das sonntägliche Baptistentreffen zu besuchen." In diesem Auszug aus dem Gespräch mit Ina-Simone Mautz (Neon Magazin) wird klar, dass wir es hier mit einem großen Erzähler zu tun haben. Wenn Daniel selbst, nach dem zunächst gesprochenen Gebet in Early Morning Prayer mit den Zeilen "Oh my lord / I will call your bluff" einsetzt, und später von einem Chor, Bläsern und Piano begleitet wird, lässt sich vielleicht schon erahnen, dass hier Großes angedacht ist.
Um dieses Panoptikum an Skurrilitäten umsetzen zu können bedarf es mehr als einer Akustikgitarre, weshalb gleich ein ganzes Orchester engagiert scheint, zu dem unter anderem Daniels kleiner Bruder Martin Gustafsson (aka Boy Omega) und Björn Kleinhenz zählen. Dass Daniel Gustafsson im Gegensatz zu Martin eher in einer Jazz und Folk Tradition steht, bemerkt man rasch, sind die meisten Stücke doch von eben solchen Rhythmus und Harmonie Elementen durchzogen. Was zunächst jedoch Abwechslung hervorruft – wie im treibenden und eindrücklichen The Camels Parade -, führt im Ganzen jedoch zu einer weniger homogenen Inszenierung. Zu sehr treten Instrumentalparts in den Vordergrund, überlagern Saxophon Soli, Chöre und gar Musical Anleihen (Dead Ringer Dead Ringer) die den Stücken vielleicht innewohnende, intimere Singer/Songwriter Atmosphäre. Wenn die Stücke auf "Songs For The Locust King" melancholisch erscheinen, werden sie nie ganz melancholisch sein, wenn sie fröhlich sind, werden sie nie ganz fröhlich und wenn sie bezaubern, wissen sie nie ganz den Atem zu rauben. Das kann eine Stärke sein, aber auch zu Brüchen führen. Und gerade diese oft übergangslosen Momente von groonendem Barjazz zu Gospel Anleihen, Big Band Elementen und akustischen Kleinoden verhindern immer wieder, das Debüt des 30 Jährigen tatsächlich emotional in einem Kontext zu hören. Zu sehr scheint da konstruiert zu sein, zu viel scheint Daniel Gustafsson in seinen Songs unterbringen zu wollen. Was nicht bedeutet, dass die Platte schlecht wäre. Keineswegs. Bleibt sie doch mit den einzelnen, für sich sprechenden Songs weit, wirklich weit über dem Niveau der eingangs erwähnten Veröffentlichungen. Nur schafft sie es eben nicht als Ganzes etwa mit "Brave You Free May" in Augenhöhe zu verweilen.
foto: killbotfactory
"brave your free may"
mi amante records 2006 cd
musika 77
the book of daniel
"the objects don't need us"
riptide records 2006 cd
the book of daniel
Hushpuppies
Endlich eine Band, deren Referenzen tatsächlich in die 60er zurückreichen. Obwohl in den 70ern geboren, sind die HushPuppies maßgeblich vom Sound von The Who und anderen Mod-Größen beeinflusst. Dennoch haben sie die Gegenwart nicht vollkommen aus den Augen verloren.
"i was born in the seventies."
(1975)Seien wir doch einmal ehrlich: Bei der anhaltenden Rock’n’Roll Retro Welle, die noch immer nicht ihren Zenit überschritten zu haben scheint, weiß man meistens gar nicht so recht, was daran so wahnsinnig "retro" ist. Ohne die musikalische Integrität der meisten Acts in Frage stellen zu wollen, das groß auf der Stirn prangende Label wirkt in vielen Fällen reichlich fehl am Platz. Eine wirkliche Bezugnahme zu musikalischen Vorbildern insbesondere der Sixties lässt sich vermarktungstechnisch in der Regel höchstens über modische Versatzstücke - wahlweise James Dean-Look oder Anzüge für die gesamte Band - konstruieren, das oberflächliche Image ist ja leider schon lange kein zu vernachlässigender Faktor mehr.
Wie schön, dass es auch anders geht, bei den HushPuppies zum Beispiel. In Perpignan aufgewachsen wurden die Jungs von der dort sehr lebendigen Mod- und Garage-Kultur geprägt, was sie musikalisch zwangsläufig zu der Band formte, die sie jetzt sind. Das Plattencover ihres Debütalbums "The Trap", eine S/W-Fotografie der Band zur Tea Time in der Natur, spricht Bände. Doch auch der französische Zentralismus ging nicht spurlos an den fünf Jungs vorbei, irgendwann landeten sie alle in Paris. Ein Gespräch mit Olivier und Cyrille.
Cyrille: "Die eigentliche Bandgeschichte beginnt ja erst in Paris, die HushPuppies haben dort begonnen. In Perpignan spielten wir fast alle noch zusammen in einer Band namens The Likyds, aber wegen Studium und Jobs landeten alle von uns eher früher oder später in Paris. Wir transferierten die Band mehr oder weniger, es war so etwas wie ein sich zufällig ergebender Neubeginn."
Hat Paris einen großen Einfluss auf euch als Band?
C.: "Die Stadt beeinflusst uns nicht direkt, die Musik entsteht aus der Interaktion zwischen uns. Es ist das Ergebnis der Stimmungen innerhalb des Kollektivs. Man kann sagen, dass uns die Menschen beeinflussen die wir treffen, die Dinge die wir tun, so verändern wir uns und dementsprechend unser Output. Es ist weniger die Stadt, es ist mehr das Leben im Allgemeinen und was eben geschieht. Paris bildet da natürlich den Hintergrund."
Euren Bassisten habt ihr ja erst in Paris kennen gelernt, er ist der einzige, der nicht der Mod-Szene vonPerpignan entstammt. War es eine große Schwierigkeit ihn zu integrieren?
Olivier: "Eigentlich war es ziemlich einfach. Wir suchten zwei Jahre lang nach einem Bassisten, Guillaume war mein Mitbewohner und ein Freund der Band. Irgendwann kamen wir auf die Idee, dass er doch einsteigen könnte. Es hat sofort funktioniert, auch weil er Teil der Familie und nicht nur wegen der Musik dabei ist. Das unterstreicht den Charakter dieser Band, dass wir uns über mehr über die persönliche als über die musikalische Ebene definieren."
Seid ihr in Paris in größeren Zusammenhängen aktiv?
O.: "Da sind wir kaum integriert. Es gibt eine Menge junger Bands, 17-18jährige, die Rock’n’Roll-Szene ist entsprechend jung. Wir sind alle mehr als zehn Jahre älter, wir fühlen uns da nicht wirklich verbunden. Wir haben nicht die gleiche Wahrnehmung, wir sind durch eine andere Zeit geprägt. They play a different kind of rock. Wir spielen mit einer gewissen erwachsenen Attitüde, es ist nicht mehr so sehr mit Adoleszenz verbunden. Ich glaube wir sprechen damit auch mehr Menschen an, 17jährige und 37jährige."
C.: "Ich würde sagen, wir haben auch ein anderes Verständnis von Rock’n’Roll. Für uns geht es in erster Linie um Musik, darüber definiert sich dann auch der Rest des Lebens. In unserem Alter bedeutet in einer Band zu spielen ein anderes Leben zu führen. Die typische Lebensführung eines 35jährigen wird durch die Musik ausgestochen, man ist nicht wie jeder andere, man hat im Gegensatz zu den meisten keinen regelmäßigen Job. Das Arbeitsleben ist nicht so wichtig, sämtliche 'Freizeit' ist von der Musik bestimmt."
Da scheint der immer wieder angestellte Vergleich mit den Arctic Monkeys noch absurd zu sein, als ohnehin schon.
O.: "Der Punkt ist, wir machen ja ganz andere Musik. Vielleicht brauchen die Menschen Vergleiche, um Sicherheit im Umgang mit unbekannten Bands zu gewinnen. Sie hören sich die Musik nicht besonders gut an, stattdessen machen sie gleich eine Schublade auf. Die Monkeys haben ihren Hit und das war’s, in unserer Musik spiegelt sich eine viel größere Bandbreite wieder. Den einzigen wirklichen Vergleich in Bezug auf mehr oder weniger aktuellen Sound, den ich gelten lassen würde, sind die frühen Supergrass. Da gibt es Überschneidungen, auch wenn unser Sound nicht in den 90ern steckengeblieben ist. Obwohl wir tatsächlich vielmehr von Bands wie The Who oder den Kinks beeinflusst werden. Die meisten aktuellen Bands haben hingegen kaum einen Bezug zu den Sixties."
Welche Rolle spielt die Radio-Quote, die einen hohen ANteil an französischsprachiger Musik garantiert, für die unabhängige Musikszene?
C.: "Die Quote ist natürlich ziemlich schädlich. Wie kann man französische Kultur vermitteln, wenn man in Frankreich bleibt und nur auf französisch singt? Zudem, die Sprache des Rock'n'Roll ist einfach Englisch. Viele Bands haben Schwierigkeiten, auf sich aufmerksam zu machen, da sie auf Englisch singen. Sie werden nicht im Radio gespielt, da sie dort mit britischen und amerikanischen Bands konkurrieren müssen. Auch in Frankreich erfährt Rock'n'Roll eine Renaissance, was eine tolle Sache ist. Aber wenn eine Band mit den Arctic Monkeys oder Mando Diao um Airplay konkurrieren muss, dann hat sie praktisch keine Chance."
Überrascht euch da der eigene Erfolg nicht ein wenig?
C.: "Puh, schwierig zu sagen, unser Bekanntheitsgrad hält sich ja noch in Grenzen. Aber es ist schön, wenn man vor ein paar hundert Menschen spielt und die Leute auch mitsingen und wirklich enthusiastisch sind. Das haben wir auch schon bei den ersten Shows in Deutschland gemerkt, dass unsere Auftritte wirklich gut ankommen. Das ist ja das Wichtigste, dass die Menschen die gleiche positive Energie spüren, aus der heraus unsere Musik entsteht."
foto: marco dos santos
Ben Kweller [Ben Kweller]
Ganz ehrlich: Ben Kweller sieht nicht aus wie 25. Eher wie 17, oder so. Aber mit 17 ging dieser Mann noch keine Solo-Pfade, sondern feierte mit seiner Punkband Radish durchaus beachtliche Erfolge. Zehn Jahre später ist er nun ein verheirateter Familienvater und Amerikas Vorzeige-Singer-Songwriter.
"i'm losing speed"
(red eye)Wir hier in Europa wurden erst so richtig durch den allgemeinen Hype um Adam Green auf Ben Kweller aufmerksam. Die beiden sind befreundet, 2003 fand sich auf der B-Seite zu Greens Erfolgssingle Jessica Simpson eine gemeinsame Beach Boys Coverversion. Jetzt ist Kweller ein Liebling der Feuilletons, die ihn gerne mal als Wunderkind bezeichnen – wenn da auch eine neckische Betonung auf dem "Kind" mitschwingen darf. Weniger subtil untertitelte die FAZ neulich eines dieser typisch verschlafenen Ben Kweller Fotos: "Würden Sie diesem jungen Menschen Alkohol verkaufen?" Aber solange es nur die Bilder sind, welche immer wieder den Begriff "Milchbubi" aufkommen lassen, dürfte den Herrn das nicht so sehr stören. Denn rein musikalisch löst er sich mit seinem neuen Album gänzlich von diesem Image.
Eigentlich ungewöhnlich, die vierte Soloplatte nach tollen Vorgängertiteln wie "Freak Out, It's Ben Kweller!" oder "Sha Sha" plötzlich nach sich selbst zu benennen. Aber dafür gab es einen guten Grund, denn zum ersten Mal spielte Kweller alle Instrumente – von der Akustikgitarre bis zum Xylophon – selbst ein. "Ich hatte großen Respekt davor", gibt er zu, "und einige Leute sagten, dass das verrückt sei, aber die besten Sachen entstehen ja immer aus verrückten Ideen." Ob die neue Platte nun wirklich die beste ist, die wir je von Ben Kweller gehört haben, sei mal dahingestellt. Sicher ist aber, dass sie ganz anders ist als das, was schon im Schrank steht und vielleicht auch als das, was man erwartet hatte. Dieses Album klingt nicht mehr so rau, rockig und ursprünglich, sondern weich, runder und nach Studio. "Mir hat es immer gefallen, rohe Stücke zu nehmen und möglichst unbearbeitet zu lassen. Aber auch das Gegenteil davon kann wirklich schön sein", erklärt der Wahl-New Yorker.
In dieser gegensätzlichen Arbeitsweise unterstütze ihn der britische Produzent Gil Norton (Pixies, Foo Fighters). Ob er auch der war, der den Geschwindigkeitsregler zurückgedreht hat? Denn das ist wohl der einschneidendste Schritt in Richtung der neuen Platte: Wirklich tanzbare Stücke finden sich hier keine mehr, mit Ausnahme höchstens des nachdenklichen Penny On The Train Track über die Begegnung mit einem alten Schulfreund, der den Beruf des Polizisten ergriffen hat. Viel mehr zu hören sind dagegen Klavier und Orgel, die dem Ganzen den Rock nehmen. So oft sind da erste Sekunden, die schon in die Luft springen und auf das gewaltige WUMM warten lassen, das einen Indie Tanzklassiker für gewöhnlich einläutet – aber es bleibt einfach aus. Man kommt dumpf auf dem Boden auf, statt im siebten Pophimmel zu schweben, und muss sich erst mal wieder finden. Wummmm. Vielleicht hätte man also die ein oder anderen gehämmerten Tastakkorde durch eine nette Gitarre ersetzen können... So wie im letzten Track des Albums, This Is War, mit dem Kweller sowohl musikalisch als auch textlich noch einmal ganz andere Saiten aufzieht. Hier werden die alten Werte auf gekonnte Art und Weise mit neuen Erkenntnissen verknüpft – wie schön wäre mehr davon gewesen! Aber Schwamm drüber.
Denn zum Beispiel Kwellers persönlicher Höhepunkt entschädigt für diese verwehrten Freuden, obschon er das genaue Kontrastprogramm dazu bildet. Es handelt sich um das sparsam arrangierte, refrainlose Thirteen. Bei dieser Ballade hat das Klavier seinen großen Auftritt, und wenn dann noch die Mundharmonika einfällt, ist man immer noch oder schon wieder in diesen Typen verliebt, der keine großen Worte braucht, um Großes verständlich zu machen. "Während ich an dem Stück trieb, kamen diese ganzen Emotionen aus mir heraus", erzählt Kweller. "Ich habe an meine Frau Liz gedacht und an all das, was wir in acht Jahren gemeinsam durchgemacht haben. An die Freunde, die gekommen und gegangen sind und an Leute, die von denen ich glaubte, dass ich sie kannte und dann war es doch nicht so. Und auch an die unvorhersehbaren Ereignisse, von denen man aus der Bahn geworfen wird, die guten und die schlechten."
Klingt doch ziemlich erwachsen, oder? Eben. Vergiss die Fotos, Ben Kweller!
foto:
ben kewller
"ben kewller"
red ink 2006 cd
ben kewller
Die Zimmermänner [Fortpflanzungssupermarkt]
Wer behauptet, Popgeschichte sei unvermeidlich durch Existenzdauern von allerhöchstens einem Jahrzehnt geprägt, wird durch einen Blick in die Band der „Zimmermänner“ Lügen gestraft.
"selbst gott im zorn rspektiert paderborn."
(paderborn)Nach über 20 Jahren Enthaltsamkeit in Sachen gemeinsamer musikalischer Projekte kommen Timo Blunck und Detlef Diederichsen derart entstaubt und ambitioniert daher, dass wohl erkannt werden muss, dass für die beiden gebürtigen Hamburger andere Gesetze gelten. Denn so zeitlos wie die Macher lässt sich auch ihr neuestes Produkt beschreiben, so ist „Fortpflanzungssupermarkt“ durch und durch eine Popplatte und dies im allerbesten Sinne. Sie ist das Ergebnis einer nicht ganz unvermittelten Zusammenarbeit, die 25 Jahre nach dem Debütalbum "100 Wege Sex Zu Machen, Ohne Daran Spaß Zu Haben" der damals noch Ede und die Zimmermänner die alten Prinzipien beibehält und dennoch eine erstaunliche und höchst erfreuliche Frische aufweist. So texten und singen die Zimmermänner wie gehabt auf deutsch und bedienen sich auch weiterhin der Problematiken des normalen Durchschnittsbürgers: die Tücke des Alltags, unbequeme Wahrheiten, und - natürlich - Frauen.
Altbekannte Themen also, aber im Gegensatz zu jugendlich überschwänglichen und unreifen Auseinandersetzungen verfügen die Zimmermänner durch über 40 Jahre Lebens-, und Liebeserfahrung über eine angenehme Distanz, die es ihnen ermöglicht, sich unverhohlen und ironisch zu vermeintlich vertrackten Themen zu äußern und Klischees auf eine herrlich subtile aber entschiedene Art und Weise Parole zu bieten. So kritisieren Blunck und Diederichsen an allen Ecken und Enden, vermögen dies jedoch hinter ihrem süffisanten Charme gekonnt zu verbergen und schaffen es dank einer unverkrampften Leichtigkeit stets sympathisch und authentisch zu wirken.
Überhaupt ist das ganze Album ein Manifest unangestrengter Natürlichkeit und ehrlicher Freude am Musik und Quatsch machen, ein Attribut welches den Schulfreunden von einst seid jeher zugeschrieben werden kann. In all den Jahren, in denen sich Blunck und Diederichsen als Musikproduzent und Journalist etablierten und es in der Öffentlichkeit leise um sie wurde, resignierten sie keinesfalls, man blieb musikalisch aktiv und holte 1999 schließlich den Produzent Christoph Kaiser an Bord um an neuen Songs und Konzepten zu feilen. Das Ergebnis dieser ersten Zusammenarbeit sollte richtungweisend sein für die weitere Zukunft, "Fortpflanzungssupermarkt" verfügt über ein Songkontingent aus über 10 Jahren Kompositions-, und Mischerfahrung, die Rahmenbedingungen sprechen für sich: Die Zimmermänner von heute sind mit allen Pop-Wassern gewaschen!
Auch der musikalische Stil des Zwei-Gestirns unterzog sich im Laufe der Jahre einer Entwicklung die besonders durch den technischen Fortschritt begünstigt wurde. Der Einsatz von elektronischen Sounds wurde zur Basis allen musikalischen Schaffens, die Songs verfügen über knifflige und temporeiche Rhythmen, sowie komplexe Arrangements. Zur Unterstützung ihres Materials greifen die Zimmermänner jedoch auch stets auf einige "außerordentliche Mitglieder" zurück, die mit Bläsersätzen oder Gesangseinlagen das musikalische Bild komplettieren und hörbar aufwerten. Nun führt der Weg uns also in den "Fortpflanzungssupermarkt" und schon die Songtitel des Albums lassen auf dessen Intention schließen, denn Überschriften wie Warum Schmust Du Nie Mit Meinem Gehirn lassen wohl kaum auf einen allzu ernstgemeinten Inhalt hoffen.
Der Opener des Albums Levitenlesen in A- Dur kommt direkt aus 1999 und offeriert gleich das Anliegen des Duos: Timo Bluncks Art zu singen, in einer gelassenen, vertrauenerweckenden und fast schon schlager-artigen alles-ist-gut Manier trifft auf einen Diskurs über Brüderlichkeit, Gemeinschaft und Konformismus. Schlagwörter, die durch den ironisierenden musikalischen Kontext als hohl und bedeutungslos entlarvt werden.
Die Neigung zu Parolen und zum Gebrauch von „großen Worten“ zieht sich durch das gesamte Album und gibt die augenscheinlich ernsten Themen der Popmusik- verletzte Gefühle, unerhörte Liebe- mitunter der Lächerlichkeit preis oder raubt ihnen zumindest eine gewissen Tiefe.Und trotzdem verweilen die Zimmermänner stets in diesem Metier und widmen sich neben Frauen-Geschichtchen wie Christiane Paul oder Tiefs auch der Gefangenheit in spießbürgerlichen Verhältnissen und in der alltäglichen Langeweile. Ein tristes Thema, verpackt in tanzwürdige Rhythmen und reißerisch anmutende, höchst zynische aber best-gelaunt gesungene Textzeilen lässt Songs wie Paderborn und Letzter Tango In Bad Ems – gesungen von der einstigen Mitnamensgeberin Rica "Ede" Blunck - entstehen.
Neben all diesen zeitlosen Themen machen die Zimmermänner auch vor der Verarbeitung des modernen Zeitalters nicht halt. In Nirwana zeichnen sie das Bild einer ratlosen, konsumorientierten Gesellschaft der nichts schnell genug gehen kann; ein Song, der Kritik und sogar etwas Wehmut impliziert - vielleicht mit einem verstohlenen Gedanken an vergangene Zeiten.
In Gute Nachtfreunde, dem letzten Titel des Albums erleben wir gereifte, wahrlich erwachsene Zimmermänner, die mit Klischees aufgeräumt und sich mit Gegebenheiten arrangiert haben und nach all dem Trotz und Humor leise und sorgsam Worte auswählen um letztlich mit all seiner Schlichtheit ein zufriedenes und dankbares Lied zu schreiben.
Der "Fortpflanzungssupermarkt" hält Überraschungen parat, fasst alte Phänomene neu an und verzichtet auf übertriebene und affektierte Bekundungen. Die Zimmermänner sind zu gestandenen Männern und Musikern avanciert und ihre Songs sind ohne falschen Ernst, endlich darf wieder nach Herzenslust gestichelt und auch gelacht werden. Und trotzdem - die CD fordert heraus, will nicht nur Zeit zum hören, sondern auch zum nachdenken, die Texte sind kein bloßes blabla, sondern wollen ganz bewusst ein wenig ärgern und auffordern. Über allem liegt der Schein der Belanglosigkeit der die Band so einzigartig und liebenswert macht. Die Musik bleibt immer dort, wo sich ohne Zweifel auch ihre Väter befinden: in der Realität, eine Wirklichkeit ohne rosarote Brillen aber auch ohne schwarz-malerische Zukunftsvisionen. Sie proklamieren keine Wahrheiten sondern projizieren durch profane Mittel ihre eigene Sichtweise. Bei den Zimmermännern ist der Name Programm: bodenständige Kreativität gepaart mit handwerklichem Können, und all das aus tiefstem Herzen. Gewollt und gekonnt. Was sie uns zeigen ist ein unverfangenes Bild von einer bisweilen grausamen Harmonie des Alltags, ihre persönliche Stellungnahme mit einem Augenzwinkern. Eine Realität à la Zimmermänner, das ist etwas für diejenigen, die satt sind von seichtem Popgeplätscher ohne Sinn und Verstand.
Kaum zu glauben was Blunck und Diederichsen nach über 20 Jahren aus dem Hut zaubern. Aber wahr. Glücklicherweise, denn so bescheren sie uns ein kleines Stück feinster Popgeschichte, die sich nicht um den ganzen angelsächsischen Zirkus schert und uns völlig unabhängig begegnet, nur da um eben da zu sein für sich und für uns. Es gefällt, oder um mit ihren Worten zu sprechen: Mein Körper ist zufrieden, die Seele jubelt auch, ganz besonders gut geht’s meinem Bauch!
foto: what's so funny about
die zimmermänner
"fortpflanzungssupermarkt"
what's so funny about 2007 cd / lp
die zimmermänner
Bodi Bill [No More Wars]
indie typo für indie musik.
"das opium des elektro-folk"
bodi bill
"no more wars"
sinnbus records 2007 cd / lp
bodi bill