Film Noir Ästhetik.
Die Mulitintrumentalistin Sophie Michalitsianos debütiert mit einem zurückhaltendem, doch vielfältigem Album, welches einer seltenen Auferstehung entspringt.
"hello, my name is human."
(human)Die sinnbildliche Verbindung mit dem mythologischen Phoenix liegt so nahe, dass man kaum umher kann, sie nicht auch zu strapazieren. Das Auferstehen aus der eigenen Asche, die Wiedergeburt, aber eben auch eine Art Katharsis ist damit verbunden. All das lässt sich auch auf die junge, in England geborene, in Australien und Griechenland aufgewachsene und heute in den USA lebende Sophie Michalitsianos beziehen. Sogar ganz direkt. Nach einer klassischen musikalischen Ausbildung an Cello und Klavier studierte sie Komposition und Orchester am Sydney Conservatorium of Music, zog mit 23 Jahren in die USA und spielte dort für zwei Alben bei Sparklehorse und widmet sich der musikalischen Bearbeitung von Dokumentationen. Nach dieser Zeit baute sich die ambitionierte Multiinstrumentalistin ein eigenes Studio in New York wo sie an ihrem Debüt arbeitete jedoch immer wieder unzufrieden mit ihren eigenen Werken war. "Ich hatte keinen Toningenieur an meiner Seite und so habe ich alles, was ich an Musik kreierte, wieder zerstört. Zu meiner Bestürzung geriet meine geliebte Musik zu einem riesigen negativen Spiegelbild." Gar mit einer "Kriegszone" verglich sie ihre Herangehensweise zur damaligen Zeit, doch dann sollte die Phoenix Metapher greifen: ihr gesamtes Studio explodierte eines Nachts und mit ihm alle aufgezeichneten Kompositionen. Tabula Rasa. Dieser Einschnitt scheint als dekonstruktiver Katalysator auf Sophies kreativen Output gewirkt zu haben. "Ich kann mir nicht mehr vorstellen, ein Album vor diesem Ereignis veröffentlicht zu haben", erklärt die smarte Exil Australierin heute gelassen.
So veröffentlicht Miss Michalitsianos ihr Debüt "The Bells Of 1 2" eigenständig und neu inspiriert, musikalisch irgendwo zwischen K’s Choices Sarah Bettens (Come Running), Hope Sandoval (Injoy) und Stina Nordenstam (Farwell Your Heart) verortet. Im Gegensatz zu erwähnten Referenzen steckt hinter ihrem Pseudonym Sol Seppy jedoch ausschließlich Michalitsianos selbst. Souverän spielte sie alle Instrumente ein und fand danach auch noch die Muse ihre eigene Produzentin und Toningenieurin zu sein. Und "alles selbst eingespielt" ist hier nicht im Thom York Sinne zu verstehen, der auf seinem Debüt Album zwar das gleiche Statement abgeben kann, dort jedoch eher an einer spärlichen Auswahl von Instrumenten dilettierte. Auf "The Bells Of 1 2" umschmeicheln den Hörer ständig neue Klänge in einer mal verspielten mal exaltierten Weise, tragen Klaviermelodien und Gitarren Akkorde Luftschlösser und Abgründe gleichermaßen vor, jagen sich melancholische Streicher und Elektrorhythmen vor einem Film Noir Horizont. Zwischen zaghaften Fieldrecordings, elektronisch unterstrichenen Folksongs und verletzlichen Kinderliedern, so scheint es, ist "The Bells Of 1 2" arrangiert, ohne sich dabei jedoch klar für eine infantil optimistische oder eher reflektiert düstere Stimmung zu entscheiden. Bei all der Professionalität bleibt noch genügend Raum für Lo-Fi Charme und vor allem den unaufdringlich dringlichen Gesang. Ganz gleich, ob die Stücke, wie das von harten, fast sterilen Beats getriebene Move, beinahe klaustrophobisch, oder eher märchenhaft verspielt, wie Wonderland mit seiner kindlich naiven Melodie ausfallen, die Künstlerin weiß ihre Stimme in jeder Lage als markantes und letztlich prägnantestes Merkmal zu inszenieren.
Nach dem Untergang fand also eine äußerst produktive Läuterung statt, eine grundlegende Veränderung, aus welcher die bezaubernde und äußerst fotogene junge Dame "das Entdecken von Schönheit als Quelle [ihrer] Inspiration" zog.
Die dabei entstandenen Kompositionen bewegen sich munter zwischen potentiellen Lieblingsliedern und ambitionierterer Hintergrundmusik. Sie sind dabei jedoch nicht in sich ambivalent, sondern wechseln zwischen äußerst aufregend und leider belanglos. Beachtet man jedoch, dass es sich hierbei um ein Debüt Album handelt und dieses bei weitem nicht für den großen Markt produziert wurde, sondern vielmehr hedonistisch genug ausgefallen ist, um für sich allein sprechen zu können, darf man unter Umständen von dem Nachfolger viel erwarten!
foto:
sol seppy
"the bells of 1 2"
groenland records 2006 cd
sol seppy
Sol Seppy [The Bells Of 1 2]
Die Deutsche Radioquote - Eine Betrachtung
Die Rettung der Popkultur durch den Staat.
Während sich die Musik des Öfteren kritisch mit der Politik auseinander setzt, ist ungewiss, ob sich die Politik auch mit der Musik auseinandersetzen sollte.
(thees uhlmann)Wie eine landesweite Umfrage von soizioland.de zum Thema Musik vor kurzem mit rund 2500 Teilnehmern ergab, tummeln sich Independent, Punk, deutsche Rockmusik und Elektronik auf den vordersten Plätzen. Weit abgeschlagen dagegen befanden sich die aktuellen Charts gemeinsam mit Volkstümlicher Musik auf den letzten Plätzen. Dass diese Erhebung wenig repräsentativ war, bedarf kaum näherer Betrachtung. Dass sich jedoch etwas an der derzeitigen Musikkultur speziell im Radio etwas ändern soll, dafür machen sich zur Zeit gänzlich unterschiedliche Stimmen stark, und ein Ausdruck, der vor einigen Jahren schon einmal die Runde machte, ist wieder präsent; die Radioquote. Eine staatliche Regelung für die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten soll per Gesetz eingeführt werden, wonach die mit einem Bildungs-, und Kulturauftrag belegten Sender ihr Programm dementsprechend umgestalten müssten.
Ganz klar beanstanden dürfte jeder Radiohörer, dass er, wo auch immer er sich gerade in unserem Land befindet, auf Konsensmusik stößt, welche mit dem eigentlichen Auftrag der Öffentlich Rechtlichen Radiostationen wenig zu tun haben dürfte. Im Dualen System der Privaten und Öffentlichen Sender regiert wie so oft der Absatz und der Marktanteil, und hier orientieren sich Letztere zunehmend an den Privaten. Wie der HR vor kurzem die wenigen niveauvollen Musikprogrammsendungen entweder ersatzlos gestrichen, oder in einen wesentlich unattraktiveren Sendebereich ("Der Ball Ist Rund" läuft auf HR2 mittwochs ab 23:05 Uhr!) verschoben hat, versuchen die Öffentlich-Rechtlichen den Kulturauftrag weitestgehend ihren Vorstellungen anzupassen, die staatliche Bindung so weit es geht auszudehnen. Kultur am Rande der Legalität.
Heiligt der Zweck aber die Mittel? Schließlich bedeutet ein solches Gesetz ganz klar einen Eingriff in die absolute Autonomie der Programmgestaltung der Sender. Und vor allem, ist dieser Zweck wirklich so honorabel wie er vielleicht auf den ersten Blick erscheinen mag? In den Reigen derer, die das Schüren dieser Diskussion zurzeit maßgeblich vorantreiben, sind natürlich in erster Linie die Majors und eine Auswahl deutschsprachiger Musiker herein getreten, die mit einer solchen gesetzlichen Rahmenbedingung ihre Musik wieder vermehrt im Radio hören wollen. Wer dies wahrscheinlich sein wird, konnte man im Besucherbereich des großen Anhörungssaales im Berliner Regierungsbezirk ersehen, als dort über das Thema Quote debattiert wurde: unter anderen Udo Lindenberg, Klaus Lage, Xavier Naidoo und Heinz-Rudolf Kunze. Letzterer jedoch nicht im Zuschauerbreich, sondern am Konferenztisch als außerparlamentarisches Ausschussmitglied der CDU/CSU Fraktion.
Und hier kommen wir schon zu einem argen Problem, bei welchem man nicht einfach die Radiostationen bzw. verantwortlichen Intendanten als böse darstellen kann. Wird eine Quote für deutschsprachige Musik per Gesetz verabschiedet, so bedeutet das mehr Absatzmöglichkeiten für die großen Plattenkonzerne und nicht etwa die erwünschte verstärkte Ausstrahlung junger Talente. Die Radiosender werden den von der Quote geforderten Prozentanteil an "deutscher Musik" (What the hell?, Anm. d. Red.) durch etablierte deutsche Konsensmusik ersetzen, welche dann eben statt zehn mal am Tag, fünfzehn mal am Tag gesendet wird, was zum einen den Sendebereich für die tatsächlich fördernswerte Subkultur weiter verringern wird, und zum anderen dazu führt, dass die Majors eben auf deutschsprachige Produktionen setzen, um ihren Marktanteil auszubauen.
Die Quote in Frankreich wird immer wieder als gut funktionierendes Beispiel angeführt, was so jedoch nicht ganz richtig ist. Natürlich stimmt es, dass 1994, ob der ähnlich brach liegenden Radiokultur in Frankreich, eine Quote eingeführt wurde, welche es gesetzlich den Radioanstalten vorschrieb, französische Künstler zu einem gewissen, in diesem Fall 40prozentigen Anteil, auszustrahlen, um der "angloamerikanischen Übermacht" im Lokalen Radio entgegen zu wirken. Man kann dies jedoch nicht isoliert betrachten. Zum einen wurden diese 40 Prozent aufgeteilt, denn die Hälfte davon sollten auf neue, talentierte Bands entfallen, und zum anderen herrscht in Frankreich, wie auch zum Beispiel in den skandinavischen Ländern, eine viel breiter gefächerte Gliederung zur Etablierung "nationaler Künstler". So werden etwa Gelder, die anteilsmäßig aus Einnahmen von Konzertkarten eingenommen werden, zur Unterstützung von jungen Künstlern verwendet. Staatlich werden Musiker durch eine Art Künstlerarbeitslosengeld und durch Tourneezuschüsse bzw. Subventionen bei der Plattenproduktion unterstützt. Über Jahre hat sich dort ein komplexes System entwickelt, welches nicht auf die Quotierung im Radio zu beschränken ist. Wenn auch nicht gleich "unsere Identität, unser geistiges Erbe" auf dem Spiel steht, wie Inga Humpe von 2Raumwohnung argumentiert, ist es natürlich erstrebenswert, dass sich an dem öffentlichen Interesse an der kulturellen Vielfalt der Popkultur etwas ändert. Doch scheint sich seit all den Jahren, in denen sich diese musikalische Monotonie im Radio heraus kristallisiert hat, nichts von allein geändert zu haben, was den Schrei nach einer hart durchgreifenden Hand in Form des Staates laut werden lässt.
Ist deutsch aber gleichbedeutend mit anspurchsvoll? Ist Popkultur überhaupt ein an einen Ort gebundenes Phänomen? Handelt es sich nicht vielmehr um das Zusammenspiel unterschiedlichster Internationaler Strömungen, die Kultur wachsen lässt? Mit dem quotieren deutscher Musik, haben wir das minderwertige Niveau unserer Radiokultur noch lange nicht vom Tisch. Die aktuellen Album Charts sehen schon nach Deutsch Quote aus, schließlich stammen fünf Interpreten der Top Ten nach Media Control aus Deutschland (Stand April 2006). Doch sind die Toten Hosen, Rammstein, Juli, Silbermond und Pur wirklich die Rettung der Radiokultur? Und was ist mit deutschen Produktionen, die sich aber nicht der deutschen Sprache bedienen oder gar gänzlich auf Sprache verzichten, im Elektronik Bereich etwa? Und was ist mit nicht wegzudenkenden nicht-deutschen Einflüssen? Was wäre denn die "deutsche Musik" ohne Rock'n'Roll, Beat, Jazz oder HipHop, allesamt Strömungen, die weit ab der deutschen Kultur entstanden? Die Beteiligten sind sich uneins. Smudo von den fantastischen Vier fühlt sich aufgrund der Trostlosigkeit genötigt die Quote zu befürworten, während Dirk von Lowtzow von Tocotronic eine Quote ablehnt und die resultierende Problematik sarkastisch auf den Punkt bringt. "Wir sagen ganz deutlich, wie so oft in unserem Leben, Wir sind dagegen! Und fragen: Lebt denn der alte Holzmichel noch?" Was jedoch zu bedenken gibt, und somit vielleicht auch ein überschnelles Handeln rechtfertigen könnte, ist, dass ab dem ersten Januar 2005 eine europäische Regelung für ein Mediengesetz in Kraft treten wird, welche es einem einzelnen Land nach Verabschiedung nicht gestatten wird, ohne weiteres seine nationalen Gesetze für einen internationalen Markt zu verändern. Betrachtet man die Quoten Regelung vor diesem Hintergrund als Fuß in der Tür, kann man nach erwähntem Termin dieses Gesetz natürlich noch durch unterschiedliche Auslegung modifizieren, ohne damit wegen Wettbewerbsverzerrung verklagt zu werden. Wer jedoch dabei glaubt, durch jedwede Auslegung des Gesetzes eine kulturelle Niveau Steigerung der Radiolandschaft zu erzielen ist ein hoffnungsloser Zweckoptimist.
Man kann diese Diskussion natürlich auch aus den Augen eines Dieter Bohlen betrachten, der in einem Bild Interview sagte, "Man sollte das Radio auch nicht überbewerten. Ob da Radio Klingelbingel dreimal von Karl Schneckenschiss eine Nummer spielt – wen interessierts?" Vielleicht ist es ja tatsächlich so, wie Carol von Rautenkranz sagte: "Jedes Land bekommt das Radio, das es verdient."
foto: photocase.de/laborant
In Eigener Sache
Der Ball Ist Rund
Media Control Album Charts
FAZ Beitrag
I Can't Relax In Deutschland Beitrag
600 Wörter [Müdigkeit]
Ich würde gern den Menschen hinter Gott kennenlernen.
Die Müdigkeit ist ein Hund. Sie bellt und wenn sie nass wird stinkt sie. Genauer betrachtet ist die Müdigkeit kein Hund. Hunde sind stark. Müdigkeit nicht. Außerdem will ich auch kein schlechtes Wort über die Vierbeiner verlieren, denn sie sind unterschätzte Helden des Alltages. Dies wird jedoch noch kaum angesprochen. Jeder berichtet zwar über Hundekot verdreckte Schuhe, jedoch muss man die positiven Seiten der Tiere sehen. Was sie für die Volkswirtschaft tun. Hunde geben tausenden Menschen, insbesondere den Alten, seelischen Beistand und leisten ihnen Gesellschaft. Stellen Sie sich vor, das müsste der Staat bzw. die Krankenkassen zahlen. Das wäre eine phänomenale Belastung des Budgets. Komisch ist eigentlich, dass sich so ziemlich alles ums Budget dreht. Egal worum es geht, es wird der dramaturgische Bogen zum Staatsetat gezogen. Vielleicht deshalb weil es um ihn so schlecht bestellt ist und jeder irgendwie helfen will.
Meine Hilfe in Sache Budgetsanierung wird nie ernst genommen. Mein Vorschlag wäre, dass man auf die Euromünzenrückseiten, die ja jedes Euroland selber bestimmen kann, Werbung druckt. Großkonzerne hätten daran sicher Interesse und wer hätte schon was gegen Ronald McDonald auf der 2 Euro Münze wenn’s dem Staatshaushalt hilft? Aber auf mich hört ja keiner! Ich bin halt kein Staatsmann und wenn ich einer wäre, würde es etwas komischer im politischen Alltag zugehen. Wenn ich eine Ansprache an die Nation halten würde, würde ich immer die Staatsflagge mit einer anderen austauschen. So würde ich manchmal vor einer Piratenflagge und ein anderes Mal mit einer Alkoholfahne sprechen. Mein ganzes Tun wäre sicher ein ziemlich amüsantes Ding für mich. Außerdem würde ein Gesetz erlassen, dass jeder Mann einen Hut aufhaben muss und ich würde alle diplomatischen Verbindungen mit dem Vatikan abbrechen, mit der Begründung, dass dies die letzte Diktatur in Europa wäre. Zwar würde ich das nie ausführen, wenn ich die Chance hätte die Macht zu übernehmen, jedoch ist es ein schönes Gedankenspiel.
Aber wollte ich eigentlich nicht über die unfassbare Müdigkeit schreiben, die mich nun schon so lange wie die Stimmen in meinem Kopf verfolgen? Manchmal glaube ich, dass ich unter Narkolepsie leide, denn Kaffee, Red Bull oder Koffeintabletten zeigen bei mir kaum Wirkung. Das bestialische an der Sache ist, dass der ewige Schlaf mein Leben verkürzt. Ich schlafe cirka 15 Stunden am Tag. Normale Menschen 9 Stunden. Also verliere ich pro Tag 6 Stunden aktive Lebenszeit. Ein Kettenraucher, der sechzig Zigaretten raucht, aber einen normalen Schlaf hat, wird zwar nicht älter als ich Nichtraucher, aber er hat eine längere aktive Lebenszeit als ich. Ist das nicht unfair? Es gibt anscheinend keinen Gott oder er ist schlichtweg nicht lieb und raucht Kette.
Apropos Gott. Ich nehme nun einmal an, dass es ihn gibt. Aber warum weiß man so wenig von ihm? Zwar kennt man sein angebliches Wirken und so, allerdings würde ich gerne den Menschen dahinter kennen lernen. Mag Gott lieber die Beatles oder die Rolling Stones? Was ist sein Lieblingsfußballverein? Verwendet er den Internet Explorer, Firefox oder gar Opera? Isst er Schwarz- oder Weißbrot? Warum war er noch nie bei Beckmann oder Kerner und hat diese Fragen geklärt? Warum beschäftigt sich die Kirche nicht damit? Jetzt könnte man fragen warum ich annehme, dass Gott ein Er ist. Dazu kann ich nur folgendes sagen: Gott ist ein Mann! Oder haben Sie schon einmal eine Frau mit langem weißem Bart gesehen?
Übrigens Bärte. Wussten Sie, dass in Supermärkten die Rasierklingen deshalb neben den Kassen hängen, weil das der am öftesten gestohlene Artikel ist? Denn Rasierklingen sind klein und teuer. Ein perfektes Diebesgut für Leute die sich in diesem Business auskennen. Aber ob sich Rasierklingen wirklich finanziell auszahlen ist eine andere Frage...
Text: David Sowka
illustration: heiko windisch
Gregor Samsa
Als Gregor Samsa eines Morgens ...
Ein Gespräch mit Sänger und Gitarrist Champ Banner über Ästhetik, Literatur, Selbstverständnis, Tradition und Innovation.
"how long 'till i fall in love?"
(the points balance)Wenn man in einem deutschsprachigen Land lebt kommt man kaum umher, sich früher oder später mit Franz Kafka zu konfrontieren. Sei es in der Schule, im Privaten, in der Universität, im Alltag, bei einer nächtlichen Diskussion oder bei einer Reise nach Prag. Dass der gebürtige Österreicher weltweit rezipiert wird, lässt sich nicht zuletzt mit fünfzehneinhalb Millionen Treffern bei Google nachprüfen. Und einer der einflussreichsten aber eben auch abgründigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts beeinflusst selbstverständlich auch das Treiben der hedonistischen Popkultur. Neben den schottischen Post-Punks Josef K - benannt nach Kafkas Der Prozess, oder auch den umtriebigen Blumfeld - nach der Erzählung Blumfeld, ein älterer Junggeselle benannt - wählten auch die Postrocker Gregor Samsa einen von Kafkas undurchsichtigsten Charakteren als Namensgeber aus.
"Wie die meisten", so erklärt mir Sänger und Gitarrist Champ Banner, "lernte ich Kafka und andere Existentialisten in der High School durch einen meiner absoluten Lieblingslehrer kenn (beachte, dass ich die meiste Zeit zu Hause unterrichtet wurde, und dass die Liste der Lehrer daher sehr kurz ist). Als ich die Verwandlung in der Schule gelesen habe, rahmte ich den Namen Gregor Samsa ein und kurz darauf begann ich damit, unter diesem Namen Musik zu machen. Ich habe mich damals mit Gregor Samsa identifizieren können und tue das heute noch. Nach einigen Monaten wurde aus Gregor Samsa eine richtige Band und wir behielten diesen Namen jetzt seit über sechs Jahren."
Eine gute Wahl, schließlich findet sich auch in Gregor Samsas Musik dieser unwirkliche Schwebezustand wieder, in welchem sich die Erzählung bewegt. Und vielleicht ist die Musik auch ebenso wenig eingängig, bietet aber eine Fülle an Emotionen, wenn man sich ihr tatsächlich nähert. Man muss ihr Zeit schenken, um ihr gerecht zu werden; zu fragil sind die Details, als dass man sie nebenbei erahnen könnte.
Ich muss gestehen, dass ich einen ganzen Tag verstreichen lies, bevor ich die CD das erste Mal in den Player gelegt habe. Ich wartete auf den richtigen Moment. Denkst du, dass es einen richtigen Moment für eure Musik gibt?
"Viele Leute strapazieren dieses Klischee wenn sie über ihre Platten sprechen, aber ich denke in unserem Fall stimmt es einfach tatsächlich: das Album muss als Ganzes gehört werden. Und vielleicht magst du es auch erst, wenn du es das dritte oder vierte Mal gehört hast. Wenn du es das fünfte Mal hast durchlaufen lassen und es dir immer noch nicht gefällt, dann wird das vielleicht auch nicht mehr eintreten und du solltest versuchen es bei eBay zu verkaufen."
Zunächst fällt die Aufmerksamkeit natürlich auf das äußerst schlichte, aber gerade in dieser Einfachheit wirkungsvolle Cover von "55:12", bei welchem eine helle Banderole schwarzen Karton umschließt.
Es erscheint mir offensichtlich, dass euch auch außerhalb der Musik der künstlerische und ästhetische Aspekt wichtig ist. Ein Punkt, der gerade im Zeitalter der Digitalisierung immer mehr in den Hintergrund gerät.
"Traditionell sehe ich in Artwork und Verpackung den letzten Schritt der nötig ist, um aus einer Sammlung von Stücken ein vollständiges Produkt zu machen. Es ist etwas, dass du in der Hand halten und dein eigen nennen kannst. Offensichtlich geht der Gedanke des physischen Besitzes im Download Zeitalter langsam verloren, aber so lange die Leute noch Platten kaufen, werden wir die Gestaltung so spannend wie möglich machen."
Versucht man sich an dem alten Kategorisierungsspiel von Musik, fallen mir Bands wie Godspeed You! Black Emperor, My Bloody Valentine oder Slowdive ein. Postrock prangt da in großen Lettern. In welcher Tradition seht ihr euch selbst?
"Es steht außer Frage, dass Bands wie Mogwai, Godspeed oder Explosions In The Sky und besonders die älteren wie My Bloody Valentine, Ride, Cocteau Twins oder Slowdive jenen Bands den Weg geebnet haben, die heute Aufmerksamkeit in diesem Bereich bekommen. Ob wir es zugeben wollen oder nicht, wir hängen alle von den Trends ab, in denen wir uns bewegen. All diese Bands hatten einen Schlagzeuger, einen Bassisten und mindestens einen Gitarristen, aber das bewegt sich innerhalb der Toleranzschwelle, wenn es darum geht, Musik und ihre Originalität zu beurteilen. Hätte ihnen jemand zugehört, wenn My Bloody Valentine anstelle der verzerrten Gitarren 20 Spuren mit Bongo und Conga Rhythmen verwendeten? Wahrscheinlich nicht. Es gibt ein Schema dem wir auf die eine oder andere Weise folgen. Mit der Zeit kommt aber das eine zum anderen, und das ist der Moment wo es spannend wird. My Bloody Valentine haben die Grenze ein weniger weiter geschoben, als sie jemals zuvor war, und das ist der Grund, weshalb es funktionierte. Es ist uns eine Ehre, wenn wir in einem Zusammenhang mit den erwähnten Bands genannt werden, aber schließlich versuchen auch wir die Sache immer etwas weiter zu führen, dabei aber auch immer wieder zurück zu schauen; auch wenn wir noch längst nicht da sind."
Im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation hebt ihr euch tatsächlich deutlich von anderen Bands ab, die zurzeit ebenfalls stilbildend sind. Kaum eine andere Band aus dem Postrock Umfeld legt so viel Wert auf den Gesang, der in seiner zweistimmigen Form ganz klar ein wesentlicher Charakterzug eurer Musik ist.
"Gesang und Melodien sind für uns selbstverständlich sehr wichtig und ich glaube auch, dass sie dazu beitragen, und von anderen Bands abzusetzen, die ähnliche Musik machen. Ganz ehrlich glaube ich (und sie weiß nicht, dass ich das jetzt sage), dass Nikki mehr als andere mit ganzem Herzen singt. Da sind keine Tricks oder technische Spielereien; es ist ganz einfach ihre Stimme – ganz gleich ob auf oder hinter der Bühne – und das kann über die wenigsten Sängerinnen und Sänger gesagt werden; die meist versuchen irgendwie Björk oder Thom York nachzuahmen."
Betrachtet man eure Texte, fällt zunächst auf, dass ihr scheinbar oft ein großes Maß an Pathos strapaziert. Im Kontext hingegen erscheinen Zeilen wie "How will we save ourselves? / We must remain as one" aus What Can I Manage absolut gerechtfertigt und harmonisch. Wie gelingt euch dieses schwierige Spiel mit den Worten?
"Ich denke, dass man Songtexten nicht gerecht wird, wenn man sie aus dem Kontext herausgenommen kritisiert. Das ist auch der Grund, weshalb wir unsere Texte niemals abdrucken. Außerhalb des Studios habe ich noch niemanden fragen hören, ob man eine bestimmte Piano Linie auch dann mögen würde, wenn nicht die Gesangsmelodie dazu käme. Wenn es um die Texte geht, wertet man jedoch nach zweierlei Maß. Für uns sind alle Elemente – und so auch der Gesang – Teil des Ganzen und sollen auch so wahrgenommen werden. Der Song den du angesprochen hast, handelt weder von alltags Erfahrungen noch von einem existentialistischen Märchen, in welchem eine Gruppe von Kindern auf einem Segelboot um das Leben ihrer Eltern kämpft. Ursprünglich sollte es den Titel „Fight Tonight“ tragen und man kann hervorragend in einer kleinen Gruppe von Leuten mitgesungen werden, wenn es zu dem 'Come on, let’s fight tonight …' Teil kommt."
Eine seltsame Vorstellung, die introvertierten Gregor Samsa von einem grölenden Chor begleitet zu sehen.
"Try to push things forward!"
foto:
gregor samsa
Gregor Samsa [55:12]
"Wären das ehrliche, flüsternde Offenbaren der tief in der Seele ruhenden Gefühle während der einen umgebenden, mitternächtlichen Ehrlichkeit und der anschließende lange Seufzer in Musik übersetzt, würde diese vermutlich wie 55:12 klingen."
(Gabriel Kalmus Katz, Sound The Sirens Magazine)
"how will we save ourselves? we must remain as one."
(what i can manage)Mit einer fast schüchternen Schlichtheit treten dir Gregor Samsa gegenüber. Das Debüt Album, nach zwei EPs und einer kurzen Trennung, trägt den Titel "55:12" und meint damit zweifellos nichts anderes, als dass es dich fünfundfünfzig Minuten und zwölf Sekunden lang umschmeicheln wird. Es steckt in einem sehr schlichten, dunkelgrauen Pappumschlag auf welchem ein Baum in noch dunklerem Ton eingeprägt ist. Eine helle Banderole ist der einzige Hinweis auf Informationen. Gregor Samsa steht dort in wenig aufdringlicher Typografie und auf der Rückseite sind die Titel der acht Stücke aufgeführt, die zwischen zweieinhalb und über zehn Minuten Spielzeit variieren.
"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt." Hiermit, einer der wahrscheinlich bekanntesten ersten Sätze in der modernen Literatur, beginnt Franz Kafkas Meisterwerk Die Verwandlung. Mit den Worten "Die Durchsichtigkeit seines Stils betont den dunklen Reichtum seiner Phantasiewelt. Gegensatz und Einheitlichkeit, Stil und Dargestelltes, Darstellung und Fabel sind in vollkommener Weise ineinander verwoben", fasste der 1977 verstorbene russisch-amerikanische Literaturwissenschaftler Vladimir Nabokov Kafkas Stil zusammen. Ob hier der Anknüpfpunkt zur Namenswahl der Amerikaner liegt muss man sie wohl selbst fragen. Literarisch nahe scheint ihnen jedoch auch Sten Nadolny; Sie entdecken die Langsamkeit für sich, verschmelzen Field Recordings und gehauchte Stimmen mit schimmernden Gitarren und warmen Sounddrones zu einem wehmütigen Prolog namens Makeshift Shelters.
Der Raum des Postrock ist seit jeher sehr weit, betrachtet mehr eine Wahrnehmungsweise innerhalb der Rockmusik, als einen tatsächlichen Stil. Shoegazer und Progrocker bewegen sich darin gleichwohl und, wie in der Besprechung zu dem aktuellem Album von Mogwai im Komakino Magazin zu lesen, höre der Banause hier nur Laut und Leise heraus, wobei es doch viel mehr zu entdecken gäbe. Selbstverständlich verstehen sich auch Gregor Samsa auf diese Formel, produzieren Gitarrenwände die an My Bloody Valentine erinnern und lassen den Hörer im nächsten Augenblick das leise Atmen, das Lufthohlen zwischen den Zeilen von Sänger Champ Banner gebannt vernehmen. Die drei jungen Herren und die Dame aus Richmond, Virginia, verbinden die dynamische Spielweise und das beinahe orchestrale Moment von Godspeed You! Black Emperor, das beharrliche Herausarbeiten musikalischer Themen wie es Do Make Say Think gelingt, den bezaubernden Duett Gesang der Stars, sowie das märchenhafte Element von Sigur Rós Stücken. Es sind nicht immer ihre eigenen Ideen die sie hier ersinnen, aber es sind gute Ideen die sie so nachdenklich wie herzzerreißend umsetzen.
Young And Old ist vermutlich eines der schönsten Stücke, das seit Jahren überhaupt von irgendeiner Band geschrieben wurde. Als würde man sich dem Sonnenaufgang hinter einem Hügel nähern, blinzelnd in das Licht schauen und den Hals recken um letztlich den Blick über die gesamte, sich zögerlich vor einem ausbreitende Klanglandschaft schweifen lassen zu können. So düster-romantisch wie die von Caspar David Friedrich geschaffenen Landschaftsdarstellungen im Breitbildformat, malt das Quartett hier mit Cello und Violine, mit anschwellenden Gitarrenklängen, Beckenrauschen und Klangeskapaden ihr eigenes kleines, elegisch-eruptives Meisterwerk voll zerbrechlicher Schönheit und intensiver Harmonien.
In 2002 veröffentlichte die Band ihre erste, unbetitelte EP, ein Jahr darauf den Nachfolger "27:36", räumte dann eine Pause ein, bei der man sich trennte, um dann in 2006 das erste, lang erwartete Album vorzulegen. Die Aufnahmen zu "55:12" begannen schon 18 Monate vor dem Herausbringen und es sollte ein langer Weg werden, bis man sich tatsächlich zu der Veröffentlichung entscheiden sollte und ein Label dafür fand. Dieser stete Selbstzweifel ist wohl das einzige Merkmal, welches man mit der Figur aus Franz Kafkas Erzählung gemeinsam hat.
Im Unterschied zu stilverwandten Bands wie Mogwai oder Explosions In The Sky, die in ihren Kompositionen weitestgehend auf Gesang verzichten, legen Gregor Samsa wert auf Sprache. Die tiefe, ruhige Stimme von Champ Bennett korrespondiert eindringlich mit dem engelsgleichen Gesang von Nikki King, ergänzt diesen wundervoll und erinnert in den besten Momenten an Amy Millan und Torquil Campbell der kanadischen Band Stars. Sie wagen sich an manierierte, pathetische Zeilen. "How long till I fall in love?", fragen die beiden immer wieder dialogisierend, anschwellend, schmachtend in dem Stück The Points Balance, und die cinematographischen Klangatmosphären, akzentuiert mit Piano und Gitarre benötigen nicht lang, bis sie einen vollends in den Bann gezogen haben. Zwischen Trost und Klaustrophobie hingegen bewegt sich das Stück We’ll Lean That Way Forever, in welchem ein konstant dröhnender Bass auf Störgeräusche trifft. Schritte werden wahrnehmbar, Holzdielen knarren und von ganz weit weg scheint sich eine entrückte Stimme anzunähern. Ihre Sätze überlagern sich, das Lo-Fi Rauschen erklärt sich daher, dass Nikki King den Text mit einem Diktiergerät aufnahm.
"It’s all ending now", erklingt in einem repetitiven Arrangement des letzten Stückes Lessening. Der Klang der Stimmen schwellt an. Irgendwo erklingt eine Lapsteel Guitar, ein warm waberndes Rhodes Piano tritt aus einer Lärmwand hervor, begleitet die letzten Klänge der Melodie einer Gitarre und lässt dich mit einem einzigen, abschließenden Moll Akkord zurück. Dann herrscht Stille. Nach fünfzig Minuten und einunddreißig Sekunden öffnest du die Augen wie nach einem hypnotischen Schlaf. Du wachst auf und spürst, dass irgendetwas anders ist.
foto:
gregor samsa
"55:12"
own records 2007 cd
gregor samsa
Manuele Fior [Menschen Am Sonntag]
Eine Liebesgeschichte.
Der italienische Illustrator Manuele Fior bebildert in seinem poetischen, ersten Comicalbum die Liebe zu Berlin, zu Italien, zu Freunden, Freiheit, Entschlossenheit, Erwachsenwerden, Musik, dem Leben und sich selbst.
(fausto)Was die Stadt Berlin zwischen szenebewusster Weltmetropole, obligatorischem Großstadtmoloch und geschichtsträchtiger Identifikationsfolie ausmacht, wird in seiner Vielschichtigkeit auch dann deutlich, wenn man die subjektiven Betrachtungen einzelner Bewohner der fast dreieinhalb Millionen Einwohner zählenden Stadt anschaut; Berlin ist für mich nationale Selbstverständlichkeit; Berlin ist für mich ein Treibhaus; Berlin ist für mich mit der U-Bahn zu fahren, einen Kaffee trinken zu gehen, meine Familie und Freunde in der Nähe zu haben und öfters gestresst zu sein von all der Hektik; Berlin ist für mich nach wie vor the place to be; Berlin ist für mich in erster Linie ein Phantasieraum, ein Raum, der nicht von der Realität der unmittelbaren Erfahrung losgelöst ist, der aber Freiheit lässt, und in den Wunschphantasien, aber auch Angstphantasien einströmen können. Beliebige Reaktionen von Politikern, Künstlern, Angestellten und Blogschreibern auf die Google Suchanfrage "Berlin ist für mich".
In die Reihe dieser Laudatoren stellt sich auch der 1975 in Cesna, Italien geborene und mittlerweile in Norwegen lebende Manuele Fior, mit seiner ersten albenlangen Geschichte, in welcher er der Stadt einen intimen Blick widmet. "Als Hommage an seine Wahlheimat", heißt es im Klappentext: "die Geschichte einer typischen Gruppe von Italienern im Ausland – mit einigen autobiografischen Zügen". Ganz so typisch erscheinen die wenigen eingeführten Charaktere gar nicht, wenn man sie etwa im scharfen Kontrast zur Außenbeobachtung von Jan Weiler und seinen Antonio Büchern sieht; Deutlich weniger grell, und lautstark, doch mit genügend Leidenschaft und einem innigen Heimatgefühl zu Bella Italia.
"Menschen am Sonntag" erzählt von dem jungen Italiener Fausto, der sich dazu entschlossen hat Berlin zu verlassen, um in seine Heimat zurückzukehren. Und auch wenn dieser Entschluss fest steht, schildert Fior in seinen eindrucksvollen schwarzweiß Zeichnungen die innerliche Zerrissenheit, beschreibt die letzten Stunden Faustos mit seinen Freunden und vor allem seiner ehemaligen Freundin Nina in Berlin Friedrichshain. Zwölf Stunden erhalten wir Einblicke in das Leben der Gruppe junger Italiener in Berlin, von der einbrechenden Nacht in einem "Das Loch" betitelten Club in der Rigaer Strasse bis zum anschließenden Mittag.
Der junge Architekt und Illustrator weiß verschiedene Mittel dezent einzusetzen, um die Geschichte auf den 48 Seiten zu modellieren. Mit einem geschickten Wechsel der Erzählperspektive vom Ich- zum auktorialen Erzähler auf den ersten Seiten, gelingt es ihm nicht nur den Leser näher an die Geschichte heranzuführen, sondern auch ein zaghaftes Verwirrspiel mit den fiktionalen Ereignissen und seiner realen, autobiografischen Person einzuleiten. Er weiß zu den richtigen Augenblicken seine Liebe zum Detail auszukosten, wenn Nina und Fausto etwa auf die Nachtlinie 20, "das Rettungsboot" menschen am sonntag zwischen Friedrichshain und Prenzlauer Berg warten, oder Nina sich traurig, eine Zigarette anzündend in ihrem Zimmer findet; Sie legt "Closer" von Joy Divison auf und Love Will Tear Us Apart erfüllt den Raum. Es sind diese Details, von denen "Menschen am Sonntag" lebt.
Fior beweist ein feines Gespür dafür, wie er neben den Zeichnungen und dem sparsamen Text besonders durch die Form der bildlichen Darstellung zu erzählen weiß; Wird die Handlung im Verlauf hektischer, so werden analog dazu auch die Panel immer skizzenhafter. Kommen sich an anderer Stelle Fausto und Nina noch einmal näher, werden aus detailreichen Zeichnungen immer schemenhaftere Bilder, werden die reinen, passiven Beobachtung des Lesers zu induktiven Schlüssen und wird somit die intime Zweisamkeit der beiden Figuren gewahrt. Diese Art der szenischen Konzeption stellt zugleich aber auch einen Makel dar, verwirrt und irritiert sie den Betrachter doch unter Umständen in seinem Gefühl für Ästhetik. Im schlimmsten Falle wirkt dieser Schritt auch der homogenen Struktur, der Geschlossenheit der bildlichen Umsetzung und dem wieder erkennen der Figuren entgegen. Missversteht man dieses Stilmittel und gibt der Geschichte nicht genügend Zeit - denn auch gerade aufgrund der wenigen Textpassagen ist man geneigt dazu die Darstellungen viel zu schnell zu überblättern - ist dies dem eigentlichen Genuss nicht dienlich und wird dem Comic nicht gerecht.
Vielleicht kommt dem Zeichner auch sein Architekturstudium dabei zu Gute, einen sehr intensiven Blick für Menschen, Gebäude und deren wechselseitige Beziehung zu haben, den er in seinem Album prägnant wahrt. Das Spiel mit den Kontrasten von Tag und Nacht, Licht und Schatten, adaptiert der Künstler zu seinem eigenen zeichnerischen Stil, seiner Weise den bittersüßen Kontrast zwischen Liebe und Enttäuschung, Abschiedsschmerz und Entschlossenheit visuell zu konturieren. Leichtfüßig stellt er so die Offenheit der ungebundenen Lebensweise der jungen Erwachsenen in seinem fingierten Berlin, dem inneren Zwang sich entscheiden und das eigene Leben strukturieren zu müssen, gegenüber. Am Ende soll es aber der italienische Musiker Paolo Conte auf den Punkt bringen: "Via, via, vieni via con me! It’s wonderful, good luck my baby".
manuele fior
"menschen am sonntag"
avant verlag, 2006
manuele fior
Motorpsycho [Black Hole / Blank Canvas]
God lived, live on.
Jenseits von Hypes bewegten sich Motorpsycho auf ihren Alben schon immer völlig selbstverständlich, und so können sie auch nach über drei Jähriger Pause einfach wieder da sein.
"through the mirror down the hole, lose your way but find your soul."
(with trixeene through the mirror, i dream with open eyes)Auf billigen Motorrädern fahren die drei Halbstarken durch die Einöde Kaliforniens auf der Suche nach dem schnellen Kick. Archetypen abgehalfterter Klischee Rocker, gesellschaftlicher Wracks, nach Ärger schreiend und Frauen anderer Männer belästigend. B-Movie Ästhetik. Film Noir. Low Budget. Motorpsycho.
Der 2004 verstorbene, brustfixierte König des Trashfilms Russ Meyer scheint von unzähligen Musikern in den frühen Neunzigern rezipiert worden zu sein, betrachtet man die Bandnamen, die in Anlehnung an seine Filme inspiriert worden sind. Mudhoney. Faster Pussycat. Oder eben Motorpsycho. Die Norweger haben den entliehenen Namen jedoch längst überdauert. Das ehemalige Trio aus der norwegischen Industriestadt Trondheim wusste stets neue stilistische Nischen aufzumachen und sich von Album zu Album zu entwickeln. Die Arbeitswut mit einem veröffentlichten Album pro Jahr ließ in letzter Zeit jedoch nach. Seit "It’s A Love Cult", dem letzten regulären Album, sind bereits dreieinhalb Jahre vergangen. Dann stieg 2005 Håkon Gebhardt aus der Band aus. Über die vierzehn Jahre hinweg, in denen er die Band begleitete war er mehr als der Schlagzeuger, schrieb verschiedene Stücke und involvierte manch skurrile Idee in die Musik. Mit dem Zerfall dieser Dreifaltigkeit musste ein Bruch entstehen. In dem mit Akustik Gitarre vorgetragenen Stück Fury On Earth wird – wenn auch mit gewollter Ironie - eben jener klar. "It's so much easier to move with the changes, whenn all the Daemons are let out of their box", heißt es dort. "The love cult selfimploded fat" und "no slow phaseouts". Rückbezüge auf vergangene Alben. Als Duo stehen Hans „Snah“ Magnus Ryan und Bent Sæther nun vor der weißen Leinwand. "Black Hole / Blank Canvas". Willkommen in Zweitausendsechs.
Im Vorfeld zu diesem neuen Doppel Album – dem dritten in der Bandgeschichte - las man des Öfteren Gerüchte, die Band würde musikalisch zu ihren Wurzeln, zur härteren Gangart, zu den frühen Tagen zurückkehren. Das Begehren zur ungestümen Jugend. Eine verfrühte Midlifecrisis. Vorbei sei die Zeit, in der man Streicher Arrangements mit den lauten, treibenden Gitarren verband, in der eins nach dem anderen ein Konzeptalbum entstand, in denen man mutig experimentierte und zwischen zärtlichen Balladen und ausufernden psychedelischen Improvisationen wechselte. Zwischen Sixties Allüren und Alternative Country. Stoner Rock und Jazz.
Dass "Black Hole / Blank Canvas" tatsächlich mehr Wert auf Gitarren und Rhythmus legt, lauter ist als die Pop und Jazz inspirierten Vorgänger "It’s a Love Cult", "Phanerothyme" und der "In The Fishtank" Kollaboration mit dem norwegischen Ensemble Jaga Jazzist, lässt sich nicht in Frage stellen und eine gute Beobachtungsgabe ist für diese Einsicht ebenfalls nicht von Nöten. Doch Motorpsycho würden einen qualitativ herben Rückschritt begehen, wäre dies alles, was man von dem neuen Werk sagen könnte. Was sich hier in den siebzehn Stücken entfaltet ist vielmehr eine Verbindung unterschiedlichster stilistischer Ausprägungen, deren Größe im Detail ruht. Die Band wandelt auf dem schmalen Grad zwischen gestern und heute. Tradition und Innovation. Und im Gegensatz zu anderen Duos aus ähnlichen musikalischen Gefilden beschränken sich die beiden keinesfalls auf Schlagzeug und wahlweise Gitarre oder Bass, sondern spielen die Instrumente einer sechsköpfigen Rockband mal eben selbst ein.
Das treibende, zunächst nur durch eine Akustik Gitarre im Rhythmus zusammengehaltene Devil Dog verbindet die vorlieben für Country und Südstaaten Verweise der Tussler Society mit frühen Bezügen zum dritten Album "Demon Box". Das Moondog bzw. Big Brother And The Holding Company Cover All Is Loneliness kommt dem Kenner in den Kopf. In Our Tree erinnert mit seinem gerade nach vorn gehendem Schlagzeug und dem dröhnenden Bass im Refrain an "Angels And Daemons At Play". Die Pop Anleihen von Kill Devil Hills weichen schnell einer psychedelischen Lärmorgie, kantig genug, um sich deutlich von derzeit populären Kompositionen abheben zu können. Und Hyena eröffnet die zweite Seite schließlich mit dem Song, den sich mancher Fan seit "Blissard" gewünscht hatte. Mit L.T.E.C. zitiert man sich im Titel selbst und lebt Seventies Blues Rock, der sich (auf Vinyl) endlos in Hall verliert. Bent Sæthers kratzige Stimme bereichert die Songs immer noch mit diesem lächelnden Unterton, dieser blumigen, verträumten Note, selbst wenn sein rumpelnder Bass vom Gegenteil zeugen will. Und Snahs mal ungestümes, mal zaghaftes Gitarrenspiel und sein zarter Gesang mit der nordisch akzentuierten, englischen Aussprache lassen das wunderschöne und scheinbar endlose Before The Flood in einem ganz besonderen Charme erstrahlen.
All diese Stücke sind aber weder Plagiate noch altbackene Reminiszenzen an alte Werke, es ist ein Experimentieren mit dem Bevorstehenden, ein Ausloten der Möglichkeiten, die einem als verbliebenes Duo nach dem Bruch offen stehen, und ein konstanter Schritt nach vorn, auch wenn er musikalisch eher zurück in die Neunziger zu gehen scheint. Wenn nach vier Minuten und siebenundzwanzig Sekunden in dem elegischen Stück The 29th Bulletin – verweisend auf einen Rundbrief Napoleons, in welchem dieser die Niederlage der französischen Armee in Russland eingestand – die Streicher gemeinsam mit Piano, Gitarren, Schlagzeug und Bass ein letztes Mal wehmütig losbrechen, die Zeilen "Beautiful, beautiful emptiness / Speachless and babbling / Just one big mess / Selfobsessed, immature and insecure" verlautet werden, dann ist klar, dass Motorpsycho immer noch an diese schwermütigen Großtaten wie Vortex Surfer oder The Golden Core anknüpfen können. Nur komprimierter. Die in Kopf und Herz nachhellenden Epen wie eben genannte bleiben aus. Die ausufernden Melodien, die sich zeitlupenartig entfaltenden Spannungsbögen sind für das Erste in den Hintergrund getreten. Stampfende Grooves und lautstark scheppernde Gitarrenriffs dominieren das Spielfeld der Engel und Dämonen zwischen schwarzem Loch und leerer Leinwand.
"Sail on, through the fog beyound the sea of grand delusion / I’ll be happy meandering in the shadow of my reef" (Sail On).
The times, they are a-changing. Bleibt alles anders.
foto: p. wilson
motorpsycho
"black hole / blank canvas"
stickman records 2006 2cd / 2lp
motorpsycho
PeterLicht [Wir Werden Siegen!]
PeterLicht gilt als „Phantom der Popkultur“: lange Zeit war nirgendwo ein Blick auf den deutschen Ausnahmekünstler zu erhaschen. Jetzt ist er erstmalig auf Tour. Und der guten Gründe dafür gibt es gleich zwei: die wunderbare neue Platte „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ sowie das Buch „wir werden siegen!“ Erleuchtung garantiert.
"die schwerkraft wird überbewertet."
(lied gegen die schwerkraft)Das "Vorprogramm" von PeterLicht kann man sich eigentlich sparen: Im Rahmen des Dortmunder "LesArt Festivals" las er am vergangenen Freitag nach Oliver Maria Schmitt. Letzterer kann lediglich mit einem guten Buchtitel aufwarten: "Anarchoschnitzel schrieen sie" lautet der, aber schon der Untertitel holt wieder auf den Boden zurück. "Der Punkroman für die besseren Kreise"? Für schlafende Kreise vielleicht. Was Schmitt da liest – so furchtbar klischeehaft im 70er-Jahre-Tapeten Hemd und mit dem Glas Rotwein immer griffbereit – ist langweilig und eigentlich schon längst wieder out. Das ist der späte Sprung auf das "Fleisch ist mein Gemüse"-Trittbrett, Geschichten über eine verlottert-punkige Dorfjugend, irgendwo zwischen unserer Generation und der unserer Eltern. Aber zum Glück entschädigt der Kölner Musiker und frische Buchautor PeterLicht danach für alles!
Groß angekündigt wurde er zuvor als Deutschlands "aussagekräftigster Welterklärer", und das ist vielleicht etwas hoch gegriffen, wo man ihn doch noch immer ungestraft als Geheimtipp bezeichnen dürfte. Spätestens an diesem Abend hat er aber bewiesen, dass er das nicht mehr lange bleiben wird. Darf. Kann. Tatsächlich wird mit seinem Erscheinen auf der Bühne auch gleich das erste, vielleicht größte Rätsel des Abends gelöst. Denn PeterLicht ist – trotz Reim – der Mann ohne Gesicht. Auf den raren Pressefotos zeigte er sich bisher nur mit einem Haufen Kissen vor dem Gesicht oder dem Rücken zur Kamera. Während eines Auftritts in der Show seines bekennenden Fans Harald Schmidt wurde lediglich sein Körper, nicht aber sein Gesicht gefilmt. Und auch der eigenen Tour zu seiner zweiten Platte "Stratosphärenlieder" blieb er fern. Die Besucher mussten Kartoffelmännchen basteln, während sie an ungewöhnlichen Orten den neuen Songs über Kopfhörer lauschten.
Gemeinsam mit einem Pianisten, einem Schlagzeuger (dessen Drumkit zu 80% aus Pappe und Sand besteht) und seiner Gitarre betritt PeterLicht dann aber tatsächlich die Bühne. Nette Leute. Neeeette Leute! PeterLicht sieht aus wie ein studierter Vater, der normalerweise nachmittags mit einer kleinen Tochter spielt. Und sich die Abende mit "seinen eigenen Tupperparties" vertreibt. Wie sich herausstellt, ist dieser Mann sehr freundlich, auf eine zurückhaltende Art und lustig, und trotz des hohen Zauns um seine Intimsphäre irgendwie offen.
Das Trio beginnt mit dem Lied vom Ende des Kapitalismus, dem aktuellen Gassenhauer und Titeltrack des neuen Albums, und zieht damit gleich das Publikum in seinen Bann. Es folgen weitere neue Songs, ziemlich politische Lieder, wie man sie von PeterLicht gewohnt ist - aber ausnahmsweise mal auf eine tanzbare Art und Weise. Ob es nun um die "alte Tante Wohlfahrtsstaat" geht oder um Amerika, wo "zwei Flugzeuge mal in zwei ziemlich hohe Häuser gerast sind". Wunderschöne Melodien vereinen sich hier mit Texten, die mit der deutschen Sprache spielen, wie es lange keiner zustande brachte.
Deshalb hat PeterLicht gleich auch noch ein Buch veröffentlicht: "Wir Werden Siegen!" ist eine Sammlung von Geschichten, Gedichten und anders gearteten Texten, die parallel zum Album entstand und jetzt im Blumenbar Verlag erschienen ist. Dieses Buch sprüht vor Charme, Ideen, versteckten Botschaften. Der größte Lacher sind wohl die ganz speziellen Berufsdefinitionen: "Schauspieler. Schauspieler sind keine Menschen. Sie tun nur so". Toll ist auch, wenn PeterLicht dann einfach eine Seite aus seinem Buch verteilt, kopiert, einen Liedtext, und das sitzende (gute Wahl!) Publikum kurzerhand zum Chor macht. Und während die Zettel herumgehen und "jeder sich bitte mal einliest", hat dieser Mann plötzlich eine stilechte Sitar im Schoß! Das folgende Lied Wir Sind Jung Und Machen Uns Sorgen Über Unsere Chancen Auf Dem Arbeitsmarkt wird zu einem der Höhepunkte des Abends.
PeterLicht schafft es, sein Publikum zu betören auf die gleiche natürlich-naive Art, wie seine Texte sind, und genau wie dort hat er auch in seinem Treiben auf der Bühne bestimmt einen heimlichen Zauber versteckt. So eine PeterLicht-Konzert-Lesung, denkt man bei sich, ist derart romantisch, dass sie wohl perfekt für ein erstes Date wäre. Und so inspirierend, erhebend – gemütlich! Wer sein Publikum nicht nur zum Lachen und vielleicht Weinen, sondern gar zum Kichern bringt, der muss wahrlich groß sein. Also, liebe lichterleser: Kauft lieber das Buch, "Wir Werden Siegen!", und nicht die Platte. Denn PeterLichts Musik sollte man am besten live erleben – einen so großen deutschen Welterklärer hat man lange nicht gehört.
foto: motor
peterlicht
"wir werden siegen!"
blumenbar verlag 2006
peterlicht
oliver maria schmitt
lesart festival
Torsten Woywod (Hrsg.) [Sprach:Rausch]
Sein Rennrad für einen Traum.
Dass "relativ viele" vom eigenen Buch träumen, ist Torsten Woywod bewusst. Dem 1981 in Duisburg geborenen Germanisten ging es allerdings nicht bloß darum, die eigenen Texte endlich in gedruckter Form an den Mann bringen zu können. Er wollte mehr: Eine Anthologie mit jungen, viel versprechenden Autoren. Und zwar ganz nach der guten alten "Do It Yourself" Tradition!
"der regen in brailleschrift auf der haut."
(herbert hindringer, es fehlt etwas)Bewusst wurden dem "langjährigen Sprachästheten", wie er sich selbst nennt, Grundlagen seines späteren Konzeptes während der Arbeit als Buchhändler. "Dort fiel mir auf, wie oft Titel großartig von Verlagen beworben werden und letztlich inhaltlich relativ mager sind", beklagt er. Mit all dem Geld, das allein für Werbemaßnahmen "verschwendet" werde, könne man so vielen jungen, unbekannten Autoren eine Plattform bieten, die wirklich schreiben können und ein Buch verdient hätten. Mit diesem Hintergedanken las er in unterschiedlichen Internet Communities wie jetzt.de oder neon-magazin.de die Texte der dortigen User und filterte sich jene heraus, die zu seiner Idee passen könnten.
"Jungen, talentierten Nachwuchs-Autoren eine Plattform zu bieten, weil sie bisher leider nicht bei den – vermeintlich - großen Verlagen unterkamen, obwohl sie sich längst um einen größeren Namen verdient gemacht haben", so fasst Torsten Woywod das Konzept der von ihm herausgegebenen Anthologie "Sprach:RAUSCH" zusammen. Für dieses Projekt konnte er letztlich nicht nur Community-Autoren wie Anna Maria Dahms (vgl. auch den 600 Wörter Beitrag, Anm. d. Tippse) oder Natalia Breininger gewinnen, sondern auch die beiden Bachmann-Teilnehmer Susanne Heinrich und Michael Stauffer. Bei der Auswahl der Texte legte der Herausgeber großen Wert auf eine "besondere Sprache". Wortkompositionen, die die Erzählungen zu etwas besonderem machten.
Doch als nach etwa einem Jahr alle Autoren feststanden, war die Arbeit noch lange nicht getan – sie fing vielmehr erst richtig an. Plötzlich kam all der formelle, bürokratische Kram: Neben Lektorat und Layout mussten Verträge aufgesetzt und ein Gewerbe angemeldet, Steuer- und ISBN-Nummern beantragt werden. An vieles, so gibt Torsten zu, denkt man zunächst gar nicht. Und auch finanziell gesehen mag die ein oder andere Überraschung dabei gewesen sein. Stellt sich natürlich die Frage: Wie bezahlt ein Student aus dem Hochsauerland die Produktion eines ganzen Buches? "Die Antwort darauf ist ein bisschen blöd", findet Torsten, der nebenbei auch selbst schreibt und mit dem Text Die Traurigen Tapeten in "Sprach:RAUSCH" vertreten ist. "Ich habe mein teures Rennrad verkauft."
Dank dieses und sicher noch weiterer Opfer und seines leidenschaftlichen Einsatzes konnte er seinen Traum verwirklichen. Herausgekommen ist eine 112 Seiten starke Anthologie mit 30 Texten von 18 jungen Talenten, die in unterschiedlichsten Stilen fremde Orte, Menschen und Gedanken beschreiben und beim Leser die verschiedensten Gefühle heraufbeschwören. Sei es die vor Bildern sprühende, verstörende Geschichte Filz von Judith Sombray oder der von Herbert Hindringer eindringlich beschriebene Wendepunkt einer Beziehung in seinem Text Es Fehlt Etwas. Die "Sprach:RAUSCH" Geschichten schaffen es zu begleiten und zu beschäftigen. Sie beeindrucken tatsächlich durch Wortkombinationen und fantasievolle Metaphern, können aber auch einmal ganz schlicht daherkommen. Fast alle sind in Ich-Form verfasst, wie auch Emma & Jonas von Elisabeth Rank, neben Henry von Judith Sombray eine der zwei Fortlaufgeschichten, die aufgeteilt, durchnummeriert und auf das Inhaltsverzeichnis verteilt wurden und deren Figuren so immer wieder im Buch begegnen. Eine schöne, vielleicht verspielte Abwechslung.
Trotz dieser roten Fäden, die sich durch die Anthologie ziehen, funktioniert sie doch auf eine bestimmte Weise am besten und unterscheidet sich so von anderen Büchern. Denn durch die vielen starken Geschichten wird sie ihrem Titel sehr gerecht: Liest man das Buch am Stück, dann rauscht es nur so, vielleicht auch "nur so vorbei". Und um dieser Gefahr zu entgehen, sollte es vielleicht liegen gelassen und hin und wieder zur Hand genommen werden, um sich dann von einem oder zwei Texten beeindrucken zu lassen. So entfaltet "Sprach:RAUSCH" sämtliche Facetten.
Derweil ist auch der Herausgeber beeindruckt: Torsten Woywod freut sich über "durchweg positive" Reaktionen und das gebrauchte Rennrad, das er inzwischen als Ersatz hat. Sein Fahrrad verkauft zu haben, bereut er sicher nicht. Viel wichtiger war ihm, seinen langjährigen großen Traum umzusetzen. Jetzt blickt er glücklich und zufrieden auf das fertige Buch in seinen Händen – aber gleichzeitig auch in die Zukunft. Eine weitere Anthologie ist bereits angedacht.
foto: börsenblatt
torsten woywod (hrsg.)
"sprach:rausch"
torsten woywod verlag 2006
torsten woywod