Wenn oben bunte Scheinwerfer angehen und sich unten ein erwartungsfrohes Menschen-Wirrwarr zusammenmischt, schlägt endlich das Stündlein, dass man lange erwartet und ersehnt hat. The Whitest Boy Alive.
(don't give up)Schon der ganze Tag lief nach Plan B ab, vom Aufstehen bis zur Klamottenwahl war alles intentional, gerichtet auf diesen letzten Moment, in dem der Puls ein klein wenig höher schlägt und man gebannt und gespannt nach oben schaut. Und nach dem ersten Akkord, dem ersten Melodiefetzen ist man sensibilisiert, aufnahmebereit für ein Konzert, dass in Gedanken und Herz hängen bleiben kann und soll. Jetzt hängt alles von denen dort oben ab, die auf den Brettern stehen die sprichwörtlich und in diesem Augenblick wahrhaftig die Welt bedeuten zu scheinen. Zwischen Kabeln und Boxen geben sich vier Musiker ihr Stell-Dich-Ein, sie heißen Erlend Øye, Marcin Oz, Sebastian Maschat und Daniel Nentwig, besser bekannt als The Whitest Boy Alive, und sollen heute abend zur allgemeinen musikalischen Glückseligkeit verhelfen.
Das gemeinsame Wirken der Wahl- und Ur-Berliner begann im Jahr 2003 mit der Zusammenkunft einiger nicht unbekannten Größen verschiedenster Genres. Da wäre zum einen DJ Highfish (Oz), der an Schaltpult und Plattentisch beheimatet ist (und nun in der Band am Bass groovt) und zum anderen Erlend Øye, der schon seit Jahren auch in der internationalen Musikpresse alles andere als ein unbeschriebenes Blatt ist. Bekannt geworden als zweite Hälfte des norwegischen Duos Kings of Convenience (mit Eirik Glambek Bøe), die den ruhigen, atmosphärischen Stil zweier Gitarren gepaart mit zweistimmigem Gesang pflegen und das New Acoustic Movement und dessen Generation prägte beschritt er außerdem auch Solo-Pfade, experimentierte mit elektronischen Sounds, machte Furore als DJ.
Wie schön und wichtig, dass im Moment des Konzertes diese Fakten, das Wissen im Hinterkopf völlig in den Hintergrund rücken und zugunsten von einem Hier-Und-Jetzt-Empfinden weichen: Herkunft und Vergangenheit der Künstler werden sekundär, spielen keine Rolle mehr, nirgends sonst ist die aktuelle Zeit so präsent, so unmittelbar spürbar, wie in diesen anderthalb Stunden. Urplötzlich wird der ferne Musiker nahbar, seine Melodien noch zugänglicher. Dieses Wesensmerkmal verkörpern The Whitest Boy Alive geradezu perfekt, sie präsentieren sich alles andere als reserviert, sind dermaßen unverfänglich und liefern ihre Songs auf einem Tablett der Herzlichkeit an das von vorneherein begeisterte Publikum im Forum. Was als Electro-Dance Projekt begann ist längst ein durch und durch akustisches Statement, dass allen Beteiligten bestens steht und sich trotz klassischer Bandbesetzung und ohne jegliche Klangexotik (mal abgesehen von einem wirklich beängstigend begnadeten Keyboarder - genial!) von vielen – inzwischen zum Massenmarkt avancierten - Indieproduktionen absetzt, und zwar im allerpositivsten Sinne.
Die eigenwillige Mischung von schwerer Melancholie, schlichten Gitarrenparts und stampfenden, manchmal fast monotonen Schemata in Bass- und Schlagzeuglinien hat eine fesselnde Wirkung fernab von großen und dichten Klangteppichen, die häufig Gefühl mit enormer Opulenz erpressen wollen. The Whitest Boy Alive haben ein anderes, besseres Konzept gefunden. Sie wissen, dass ihre Musik keiner Adaptation bedarf und setzen auf den scheinbaren Widerspruch Minimalismus vs. Gefühl.
Die Songs sind allesamt wunderschön, zeugen von Sensibilität, Vorstellungskraft und Musikalität, die weiß, wie sie gedankliche Vorstellungen in Musik betten kann. Da trifft große atmosphärische Dichte auf bestechenden Rückhalt in Instrumentierung und Arrangement. Das Gerüst ist schlicht, simpel und fein durchstrukturiert, jeder Akkord ist platziert und energiegeladen, nicht eine Sekunde erlauben sich die Musiker zielloses Gumgeklimpere. Erstaunlich und faszinierend ist die Wirkung, die Øye & Co. über die Räume, die ihre Musik offen lässt, transportieren. Da nehmen sich einzelne Instrumente über unerhört weite Strecken völlig zurück (In I'm Done With You wiederholt der Bassist das gesamte Stück ein eintaktiges Motiv), um ganz unvermittelt in anrührende Melodien oder knackige Beats aufzuleben. Gerade die Beständigkeit mancher Motive und Thematika schaffen Intensität und Basis für die Entwicklung der Melodie.
Die Leichtigkeit und Dynamik, die Band und Songwriting dabei ausstrahlt, macht am Ende sogar fast die textliche Schwere in fast allen Songs (Golden Cage, I’m Done With You) vergessen. Jedes Instrument ist Parameter, verläuft synchron zu den anderen und ist doch eigenständig, und das größte und bedeutsamste Instrument ist Øyes Stimme, die von Arrangements und Kompositionen subtil aber entschlossen in der Vordergrund gespielt wird.
Øyes Stimme verfügt über das etwas verwirrende Wesensmerkmal gleichzeitig traurig, nachdenklich und dann wieder himmelhochjauchzend zu stimmen. Sein Timbre ist ebenso außergewöhnlich wie anziehend, ein wenig gedankenverloren zelebriert er jeden Ton, legt seine Seele in die Songs und glänzt mal bescheiden mal frech durch das Konzert.
Live bestätigen The Whitest Boy Alive alles, was sie auf ihrer Platte versprechen, jeder Song ein Treffer, die Studioaufnahmen werden in Sachen Spielfreude und nachhaltiger Wirkung noch um ein vielfaches übertroffen. Hier klammert man sich nicht an Noten, die vier jungen Männer erweitern und komplettieren die Songs bis hin zu 14-minütigen Ergüssen an Kreativität respektive purer Freude .
Sie werden selbst Teil des Genusses, sind nicht nur ausübende Gewalt, sondern selbst Rezipienten. Und was könnte den Besucher glücklicher machen als eine völlig gelöste und fröhliche Band, die den frenetischen Applaus des Forum- Publikums ihrerseits mit einer beinahe ekstatischen Zugabe honorieren. Da werden alte Klassiker aus dem Hut gezaubert, mit Songs von den Supremes, über Portishead bis hin zu Summertime feiert die Band auch noch die letzten Minuten ihres höchst denkwürdigen Konzertes. Die Schranken zwischen Publikum und Band sind längst überwunden, Erlend schmachtet weit vorgebeugt in die Menge, es wird getanzt und laut und schief mitgesungen - kleine Trivialitäten, im Grunde, die sich aber im Kopf festbeißen und ein Konzert erst formen und charakterisieren.
Am Ende liegen sich da oben vier Musiker in den Armen, völlig erschöpft und durchgeschwitzt, aber glücklich. Unten wird selig applaudiert, so manchem läuft ein kribbeliger Schauer den Rücken hinunter und noch auf dem Nachhauseweg hallen die Worte und Melodie nach. Da bleibt nur eins zu sagen, danke für dieses wundervolle Konzert!
foto: judith wiemers
the whitest boy alive
The Whitest Boy Alive [Bielefeld, 24.08.2007]
Get Him Eat Him [Arms Down]
Get Him, Eat Him und die Rückkehr des College Rock.
Fünf der Schule noch nicht entwachsene Buben, die sich schon die Bühnen dieser Welt mit XiuXiu oder den Arcade Fire teilten, stellen mit Arms Down ihr drittes Album vor.
"on the phone i was talk, talk, talking you down"
(patronage)Konfrontiert wurde ich das erste mal mit der Band um Pitchfork Schreiber Matt LeMay, als ich in dem Webcomic Questionable Contet darüber las. Das war zu Zeiten ihres Debüt Albums "Geography Cones", welches mit zwei Seehunden in wilder Filzstiftpolemik auf dem Cover daherkam. Liest man die eine oder Rezension des aus Providence, Rhode Island stammenden LeMay, wird einem schnell der Kontext klar, in welchem sich seine Band bewegt: College, Alternative und Indie Rock der Neunziger Jahre. Was auf dem Debüt noch nach einer Überdosis Stephen Malkmus klang, hat sich heute, zwei Jahre später, zu mehr Eigenständigkeit entwickelt. Das Ergebnis harter Arbeit mittels andauernden Probens, Auftretens und Aufnehmens. Was im Falle der fünf jungen Herren wohl in die wohlverdienten Sommerferien gefallen sein dürfte.
Get Him Eat Him reihen sich unfraglich in den Trend der Teils humoristisch verqueren, Teils provokant bedeutungslosen, oft mit Interpunktionen versehenen Namensgebungen ein, die seit einigen Jahren im Umlauf sind. Von Clap Your Hands Say Yeah, über You Say Party! We Say Die! bis hin zu Someone Still Loves You, Boris Yeltsin. Das bedeutet natürlich inhaltlich erst einmal gar nichts.
"Arms Down" ist das nunmehr dritte Album der Band, auf dessen Cover eine blasse und in grotesker Haltung befindliche Figur aus dem Vorhang eines Lego Theaters blickt. Arme runter. Vielleicht ein Hinweis auf das Vorbeiziehen von Gefahr. Oder ein Befehl zum Entspannen, zum Zurücklehnen und Einstellen aller Aktivitäten, um sich der Musik ausgiebig und uneingeschränkt widmen zu können.
Schon nach zwanzig Sekunden Spielzeit des Albums gesellen sich Bläser zu einer getretenen Basedrum und einer leicht verzerrten Gitarre, werden später mit einer wabernden Orgel und einer Fülle an Hintergrundgeräuschen angereichert. Make some Noise! Besonders in den gewagten, umtriebigen, hakenschlagenden Instrumentalpassagen schwirren einem kurzzeitig Verweise zur kompositorischen Dichte eines Sufjan Stevens Arrangements oder eine volle Breitseite der Broken Social Scene durch den Kopf. Vielleicht haben damit auch die unzähligen, namhaften Beteiligten zu tun: "Arms Down" weiß mit so illustren Beteiligten wie Zach Condon (Beirut), Charles Bissel (The Wrens) oder Chris Brown (laut Pressetext Mitglied der Broken Social Scene) auf zuwarten.
Wie ein Leitsystem im Dschungel der Arrangements bricht Matt LeMay jedoch immer wieder in den Vordergrund; ob es nun sein süßlicher Gesang, der hin und wieder in eine fragile Kopfstimme umkippt, ist, oder seine quiekende, drängelnde Gitarre. All jenes, was im Hintergrund an Komplexität, an Mehrschichtigkeit in der Komposition aufgebaut wird, was den Hörer herausfordern möchte, die Hörgewohnheiten strapazieren vermag, wird durch die Klarheit dieser beiden Komponenten negiert. Was man als Kanten ausmachen, als Charakteristika, als mutige Ausuferung bemerken könnte, wird konsequent durch eine gegenläufige Unaufgeregtheit geglättet, die an späte Erfolgsalben von in Belanglosigkeit geratener Neunziger Ikonen erinnert. Weezer. Ash. Jimmy Eat World. You name it. Hier findet sich ein pathetisches Abschlussballromantik Intermezzo samt obligater Keyboard Linie (Exposure), da ein Emo Verweis (CBT) oder eine Blur Referenz (Leaders Doubt). Da täuschen auch die wunderbar arrangierten Bläser oder plötzlichen Tempiwechsel nicht drüber weg. Wenn die Spex in diesem Zusammenhang schreibt, dass die Band zu wissen scheint, „wie viel sie ihrer Hörerschaft zumuten kann, ohne vom Abwechslungsreichen ins Überfordernde ab zu rutschen", stellt sich natürlich die Frage, wer denn bitte schön diese Hörerschaft sein soll. Auf jeden Fall scheint sie alles seit den späten Achtzigern verpasst zu haben, denn was hier an frischen Ideen kommt, kann man leider an zwei Fingern abzählen. Vielleicht sind die ersten Worte auf der Platte aber auch als Warnung zu verstehen: „It's a familiar sound / We're under attack". (2x2) Arme runter, keine Gefahr.
foto: gethimeathim
get him eat him
"arms down"
bb*island 2007 cd
get him eat him
Haldern Pop [Rees-Haldern, 02.-04.08.2007]
Es gibt, im Leben eines jeden Menschen nur sehr wenige prägnante Orte, an den es ihn immer wieder zurückzieht und an denen die Dauer von einem Besuch zum nächsten zu einer undurchsichtigen, kaum existenten Spanne verschwimmt.
(festival motto 2007)Etwas überrascht stellt man fest, man fühle sich als sei man gerade erst hier gewesen und entwickelt in Null Komma nichts bequemes, häusliches Benehmen. Jene Örtlichkeiten werden im Laufe der Jahre zu wahren Lebenskonstanten, für die man sich ohne wenn und aber verbürgt und blindlings auf die Glücksmomente, die man sich verspricht, einstellt.
Das Haldern-Pop Festival am Niederrhein ist für Hunderte ein solcher Ort, an dem sich seid 24 Jahren Verfechter des eher unabhängigen, kleinen Indiepop zusammentreffen, sich auf liberalste und oft liebenswürdige Art, drei Tage Campingplatz und Dixieklos teilen und mit dem Gefühl abreisen, Teil eines unbeschreiblichen Ganzen gewesen zu sein, dass einen überschwänglich nach Hause fahren lässt und noch nach Wochen und Monaten kribbelige, glückliche Momente der Erinnerung beschert.
Das Geheimnis diese Festivals liegt seid jeher in dem Zusammenspiel der unterschiedlichsten Größen und Instanzen; Hier bilden Festivalorganisatoren mit Dorfbewohnern, dessen Kindern, Bands und Feuerwehrmännern eine homogene Gruppe, die allesamt das Bestreiten eines friedlichen und fröhlichen Festivals vor Augen haben und diesem Ziel mit Elan und Eloquenz alles entgegenbringen, was sie zu bieten imstande sind. Diese Kompromissbereitschaft und freiwillige Aufopferung zugunsten der Besucher ist eine Charaktereigenschaft, die man als Ankömmling schon weit vor dem Gelände auf dem alten Reitplatz in Haldern unweigerlich zu spüren bekommt. Schon kurz nach der Autobahnausfahrt weisen selbstgemalte Schilder mit roten Pfeilen den Weg, im Ort selbst wird man mit bunten Plakaten sehr herzlich und gleich auf mehreren Sprachen begrüßt. Da liegt der Spaß und die Liebe für dieses Musikfest in jedem Pinselstrich, man fühlt sich willkommen und weiß ganz genau, man ist es auch. Bei kaum einen anderem Festival ist dieses herzerwärmende Drumherum so wichtig und ausgeprägt, wie beim Haldern; Der aufgeschlossenen Atmosphäre kann sich das Publikum an keiner Stelle entziehen.
Primär ist und bleibt das Halden natürlich ein Festival, aber sekundär ist es immer ein bisschen Urlaub und auch zu hause, da wo man ungeniert im Schlafanzug kochen oder einkaufen kann, und das ganze Dorf fröhlich gestimmt die Festivalbesucher begrüßt. Zu den vielen kleinen und profanen Geschenken, die es für den Zuschauer gibt (wie zum Beispiel in diesem Jahr der Eiswagen auf dem Campingplatz oder der Traktor mit „Popwasser“ zur Erfrischung) kann das Haldern schon seit einigen Jahren mit einer Bühne der besonderen Art aufweisen: Das Spiegelzelt. In diesem verspiegelten, zirkuszeltähnlichen Großzelt treten neben der großen Bühne auf dem Reitplatz eher kleinere und oft ruhigere Bands ins Rampenlicht. Der Andrang für dieses einmalige Erlebnis mit Atmosphäre-Garantie ist jedes mal riesig. Da steht man ganz freiwillig mal zwei Stunden an. Wer schon ein paar Jährchen dabei ist weiß um die spezielle, sehr fein ausgesuchte Bandauswahl, die dem Festival seinen einmaligen Ruf und den Organisatoren regelmäßig eine ausverkaufte Wiese einbringt. Dank seines unkommerziellen Formates verzichtet das Haldern auf Vergrößerung vom Kartenkontingent, und auch die Bands haben oftmals ihre großen Zeiten noch vor sich, sind eher unbekannt und meistens angenehm unberührt von Hype-Wellen derzeitiger Popströmungen.
Dieses Mal, ein Jahr vor dem großen 25-jährigen Jubiläum, ging einiges – ähnlich einer Generalprobe - von Anfang an nicht ganz so glatt wie die Jahre zuvor. Erst sehr spät begann die Organisationsspitze rund um Stefan Reichmann mit der Veröffentlichung der bestätigten Bands; Die von vielen heiß erwarteten Editors sagten ab und je knapper die Zeit wurde, desto mehr wuchs ein Programm heran, dass besonders durch die Quote von gänzlich unbekannten Bands auffiel und durch die Bestätigung eines absoluten Haldern-Neulings: Jan Delay. Dessen Auftritt rechtfertigte man dann noch mal in der Haldern-Zeitung „Datt Blatt“ mit dem Wortlaut, das Haldern müsse sich auch auf neue Klänge einlassen und sich nicht beschränken. Im Prinzip richtig. Aber, verwundert über diese Zeilen darf man bei der Geschichte und dem Anspruch des Festivals doch sein, denn das Haldern findet man ja gerade so toll, weil es sich einer unkonventionellen Musikrichtung zugeschrieben hat, nämlich im weitesten Sinne Indie. Diese Selbstverständlichkeit des gelungenen Programms, das eben nicht jedem gefällt aber auch nicht jedem gefallen soll, gehört bisher mit zu den Vorteilen des Festivals und zu den Gründen jedes Jahr wieder zukehren. Wer große Namen und Musik von Hard Rock bis Hip Hop hören möchte soll zu Massenveranstaltungen wie Rock am Ring gehen. Das Haldern, dachte man, bleibe verschont von dem Drang jedem gerecht zu werden.
Natürlich darf man Jan Delay und seinen Auftritt hier nicht verunglimpfen, bezeichnend jedoch ist die Tatsache, dass dieser Auftritt der vom Menschenaufgebot der umjubeltste war, und durch dessen Anwesenheit und Pole-Position andere, sehr schöne und bemerkenswerte Bands wie Polarkreis 18 oder Voxtrot an akutem Publikumsmangel litten und ihre Auftritte auf ein fast schon unverschämtes Maß an fünf Songs (Polarkreis 18) beschränken mussten. Trotz einiger wunderschöner Auftritte wie zu Beispiel der Maccabees im Spiegelzelt, oder der sympathischen Schweden Shout Out Louds erschien das Programm ein wenig zerstückelt, und lieblos zusammengesucht - mit rühmlichen Ausnahmen wie Malajube aus Kanada oder auch den Architecture in Helsinki. War das musikalische Programm gewöhnlich rund und in sich abgestimmt wirkte so manche Band fehl am Platz, wie zum Beispiel die enttäuschende langweiligen Ripchord oder Paul Steel.
Zu bemerken ist, dass Genreausflüge zu Top-Acts, die zum restlichen Programm einen völligen Widerspruch darstellen Auswirkungen auf das Publikum und leider auch auf die Besucherzahlen für andere Bands sowie das Festival insgesamt haben. Zum ersten Mal seit vielen Jahren erreichte das Festival nicht die maximale Besucherzahl, ein deutliches Indiz für die Unzufriedenheit mit dem Programm.
Trotz dieser kleinen Enttäuschung ist und bleibt das Haldern ein Festival des guten Geschmacks, was sollte man auch gegen ein Fest zu sagen haben, wo Kinder wie Ameisen umherwuseln, wo man mit Poptalern bezahlt und ein belustigter Holländer jeden Auftritt individuell und stürmisch ansagt.
Dieses Jahr büßt das Haldern erstmals etwas von seiner Authenzität ein, hoffen wir also, dass wir nächstes Jahr zum Jubiläum wieder das alte Haldern antreffen dürfen, mit ebenso viel Sonne wie in diesem Jahr und der Treffsicherheit in Sachen Musikauswahl der letzten Jahre.
foto: marcus beine
haldern pop
Melt! Festival [Gräfenhainichen, 13.-15.07.2007]
Geburtstagsfeierei
Das Melt! zelebrierte einen runden Geburtstag und sehr viele waren gekommen. Reizüberflutung und Postmoderne, ein überreichliches Programm und ein ebenso vollgestopftes Festivalgelände. Herzlichen Glückwunsch!
"can you hear the power?"
(fraktus)Zehn Jahre, das kann eine lange Zeit sein für ein kleines Festival. Das finanzielle Risiko ist hoch, die Sicherheiten sind gering und der Aufwand ist enorm. Nun feierte das Melt! seinen 10. Geburtstag und es ist klar, dass da etwas Besonderes entstanden ist. Die Anfänge waren klein und rein elektronisch, doch nach finanziellen Engpässen und einem Ausfall im Jahr 2003 stieg das Intro-Magazin ein und das Melt! durchlief eine Metamorphose mit der Öffnung für gitarrenlastigere Acts. Auch die Größenverhältnisse änderten sich, seit 2002 haben sich die Besucherzahlen verdoppelt, eine Entwicklung die für das Festival spricht, allerdings auch neue Herausforderungen mit sich bringt.
In diesem Jahr wurde alles noch mal ein bisschen größer. Vier reguläre Bühnen sollten gleichzeitig bespielt werden, dazu gesellte sich noch ein reiner DJ-Floor. Nicht lumpen lassen wollte man sich, die Ankündigungen der Geburtstagsfeierlichkeiten waren vollmundig und euphorisch, auch wenn mit der Bekanntgabe der ersten Acts lange gewartet wurde. Doch als erst einmal das Name-Dropping begann, fand es gar kein Ende mehr. Elektronischer als noch 2006 klang es in allen Ohren, auch wenn übergroße Headliner wie die Pet Shop Boys oder Aphex Twin nicht vertreten waren. Stattdessen waren eine Reihe exklusiver Festivalauftritte angekündigt, unter anderem von Autechre, The Notwist, Motorpsycho oder Trentemøller, der gar mit Band anreiste. Dass Frankie Says Melt!, ein aus namensrechtlichen Gründen umbenannter Verschnitt von Frankie Goes To Hollywood, kurzfristig absagte, schmerzte hingegen nicht wirklich. Denn Highlights gab es bereits auf dem Papier genug: Ob Tocotronic oder Deichkind, Digitalism oder UNKLE mit Band, Mouse On Mars oder The Thermals, die Liste wollte einfach nicht enden. Dazu wurde das Melt! um eine weitere Facette bereichert, denn mit Dendemann, Dizzee Rascal und Lady Sovereign wurde erstmalig ein größerer Akzent auf Hip Hop und Konsorten gesetzt. Die größte Überraschung war aber die Ankündigung des Auftritts von Kelis, mit ihr hatte wohl kaum jemand gerechnet.
Der vorgesehene Zeitplan ließ aber das Dilemma offenbar werden, das ein so großes und fantastisch besetztes Line-Up mit sich bringt: Bereits vor dem Festival musste sich der geneigte Besucher darauf einstellen nur einen Teil der favorisierten Acts sehen zu können, denn Überschneidungen waren nicht nur unvermeidlich sondern die Regel.
Eröffnet wurde das Melt! am frühen Freitag Abend von Olli Schulz auf der Hauptbühne, dessen vorgetragene Geschichten zwischen den im Bandkontext auf die Bühne gebrachten Songwriter-Stücken allerdings etwas zu einstudiert und routiniert wirkten. Im Anschluss allerdings bereiteten I’m From Barcelona die Besucher stilgerecht auf die kommenden 36 Stunden vor: Die Hälfte der vielköpfigen schwedischen Band bestand aus Background-SängerInnen, die unermüdlich auf der Bühne umhersprangen und das Publikum mit Konfetti-Ballons beglückten, während Sänger Emanuel Lundgren schon beim ersten Song das Crowdsurfen übte. Ausgelassen, glücklich machend und mit einem hedonistischem Touch, so ließe sich auch das Melt! beschreiben. So war Owen Pallett aka Final Fantasy wohl der einzig leise Act auf dem gesamten Festival, was soundtechnisch manche Probleme bereitete. Auf der Gemini Stage spielend wurde Pallett von gleich zwei Seiten bedrängt. Von rechts dröhnte Jamie T herüber, von links waren es die DJs der Big Wheel Stage. Man musste also weit vorne stehen, um auch nur annähernd in die wunderbare Klangwelt des Owen Pallett eintauchen zu können. Doch mit jedem Stück gewann er an Kraft und irgendwann konnte man sich der so zurückhaltenden und doch charismatischen Musik nicht mehr entziehen. Ausgerechnet der leiseste Act stellte sich als einer der Größten heraus.
Abgesehen von der zu großen Dichte zur Gemini Stage während dem Auftritt von Final Fantasy bot die Big Wheel Stage allerdings nur Grund zur Freude. Tobias Thomas brachte bereits gegen 18 Uhr die Ersten zum Tanzen und dieser Zustand sollte sich bis zu Richie Hawtins Set am frühen Samstag morgen auch nicht mehr ändern. Besonders Mathias Kaden und Onur Özer legten gemeinsam ein famoses Set auf und so konnte man bereits gegen 22 Uhr die körperliche Extase riechen, eine beißende Geruchsmischung aus Schweiß und Alkohol machte sich breit. Nur die in diesem Jahr vergrößerte Bühne inklusive Pressegraben wirkte zu mächtig. Während 2006 der Übergang zwischen DJ-Kanzel und Tanzfläche fast noch fließend war, wurde nun eine stärkere Trennung vorgenommen, welche den Auftritten deutlich an Intimität nahm.
Während auf Der Big Wheel Stage also die Feierei bereits am frühen Abend begann, tobten sich auf der Hauptbühne erst einmal Gitarrenacts aus. Ein erster Höhepunkt waren The Notwist mit einem ihrer raren Auftritte. Neue und alte Songs spielten sie und berührten dabei einmal mehr ganz tief. Die Schwierigkeit, ihre massiven wie zerbrechlichen Stücke in ihrer vollen Intensität vom Studio auf die Bühne zu übersetzen, meisterten sie auf sympathischste Art und Weise. Da war es fast vergessen, dass man dafür den Auftritt der Puppetmastaz verpasste und von Ladytron nur noch die letzten Minuten erleben konnte. Den Auftritt von Lady Sovereign konnte man ebenso abhaken, denn sie spielte kurz darauf im Melt!Klub auf der Zeltbühne, wo häufig schon vor Beginn der Acts kaum noch ein Hineinkommen war.
Doch die Qual der Wahl hatte man dennoch: Sollte man sich lieber von Motorpsycho oder Autechre bedröhnen lassen, zu Tiefschwarz abgehen oder Dendemanns Performance auf der Hauptbühne sehen? Aufgrund von Zeitverzögerungen konnte man sich kaum noch auf den Zeitplan verlassen, Spontaneität und eine gewisse Gelassenheit ob der vielen verpassten guten Acts waren essentiell. Zum Glück lagen die Bühnen sehr nah beieinander, so dass man im Zweifelsfall zwischen den einzelnen Shows hin- und herspringen konnte. Dies war im Melt!-Ambiente eine wahre Freude. Die über den Bühnen thronenden Schaufelradbagger wurden in verschiedenen Farben illuminiert und erzeugten eine Atmosphäre zwischen urbaner Postmoderne und Endzeitstimmung a là Mad Max.
Und dann spielten da noch The Thermals im Zelt, wo sie eine außerordentliche Stimmung erzeugten, ohne besonders viel dafür tun zu müssen. Bei diesem Festivalpublikum schien das aber auch kaum notwendig, fast jede Band wurde mit außerordentlichem Enthusiasmus empfangen. So wurde auch Dendemann auf der Hauptbühne entsprechend abgefeiert, auch wenn dessen Präsenz sich genau auf die Bühnenmitte beschränkte. Kaum einer benötigte weniger Raum, doch auch mit minimalem Aktionsradius wurde er dem Anspruch, momentan einer der besten und wichtigsten Rapper deutscher Sprache zu sein, gerecht.
Erwarten konnte man auch viel von Dizzee Rascal, doch das von seinem Sidekick ewig wiederholte „Germany, make some noise!“ nervte mit der Zeit gewaltig. Dafür schwang er anschließend noch mit den verbliebenen Zuschauern vor der Hauptbühne zu Goldie & MC LowQui ordentlich die Hüften, während bereits die Sonne aufging. Gegen sieben Uhr morgens wurde dann auch den Wighnomy Brothers und Richie Hawtin der Saft abgedreht und wer noch immer nicht genug hatte, konnte noch auf den Sleepless Floor außerhalb des Geländes gehen. Kaum zu glauben, wie viele Endorphine manche Menschen über eine Nacht hinweg ausschütten können und anschließend noch immer genug Energiereserven besitzen, um morgens weiter zu tanzen…
Aber an schlafen war am Samstag morgen auch kaum zu denken. Die Sonne schien wie schon lange nicht mehr und bis zum Mittag stieg das Thermometer auf über 35 Grad Celsius, immerhin versprach der See reichlich Abkühlung. Umso beliebter war das Baden, da es zudem nur sehr wenige sanitäre Anlagen vorhanden waren. Diese Problematik hatte es bereits im letzten Jahr gegeben. Da hatte der Veranstalter eindeutig verschlafen, zumal in diesem Jahr noch mehr Tickets verkauft worden waren. Als Walter Schreifels am späten Nachmittag die Hauptbühne für die zweite Runde eröffnete, war von der großen Gästeanzahl noch nicht viel zu sehen, gerade eine Handvoll Menschen lauschte seinen Songs. Bei den Rifles, die gegen 19.30 Uhr mit ihrem Set begannen, standen jedoch bereits mehr Menschen vor der Hauptbühne, als bei den Hauptacts in der Nacht zuvor. Bemerkenswert für ein Festival, bei dem der Zenit des Feierns in der Regel nicht vor 2 oder 3 Uhr überschritten wird. Doch offensichtlich wurden für Samstag eine Menge Tageskarten verkauft, die Masse der Menschen nahm immer weiter zu. Hot Chip galten vielen als ein heimlicher Höhepunkt des Festivals, doch gleichzeitig wurden die weiteren Bühnen von Stereo Total, Jake The Rapper und Erase Errata bespielt. Letztere traten im Zelt vor vergleichsweise kleinem Publikum auf, doch die Resonanz des Auftritts war völlig zu Recht überwältigend.
Lo-Fi-Fnk hingegen hatten eine Menge Pech. Den ersten Song mussten sie fünf Mal anspielen, da die Musik immer wieder aussetzte und auch danach hörte sich der Sound an, als würde ein Küchenradio verstärkt werden. Dennoch wurden sie frenetisch gefeiert, das Publikum tanzte und johlte ununterbrochen.
Die Masse der Besucher vergrößerte sich zusehends und bald war das Gelände an allen Ecken und Enden vollgestopft mit Menschen. Nach Angaben des Veranstalters war die Platzaufteilung optimiert worden, um dem großen Besucherandrang gerecht zu werden, doch das Gelände war dafür eindeutig zu klein. Überall drängten sich die Menschen, es gab kaum noch Sitzgelegenheiten oder etwas freien Raum zur Entspannung. Das große Interesse ließ sich aber einfach mit dem fantastischen Line-Up erklären, dessen Höhepunkte besonders am Samstag stattfanden. Wegen ihres aktuellen Albums war natürlich der Auftritt von Tocotronic von besonderem Interesse doch dafür musste man auf Goose und Hey Willpower verzichten. Letzteres war der erste Act, der eine Zugabe spielen durfte, da die Fans trotz einsetzender Hintergrundmusik nicht zu jubeln aufhörten. Im Anschluss musste man sich zwischen dem Black Rebel Motorcycle Club und Mouse On Mars entscheiden, während die Big Wheel Stage bei Booka Shade völlig überlaufen war.
Als ein designierter Hauptact und mit dementsprechend obligatorischer Verspätung betrat Kelis die Bühne und sorgte für viel Wirbel. Musikalisch nur mäßig spannend wusste sie aber durch eine Menge Attitüde und ihr Interesse für „weird German porn“ aufzufallen. Dabei wirkte sie ungleich sympathischer als der unvermeidliche Jan Delay, dessen Ansagen ungefähr dem Niveau seiner öffentlichen Statements entsprach. Aber zum Glück bot das Meltfestival reichlich Alternativen: Trentemøller und UNKLE traten je live mit Band auf, Shitdisco und The Presets brachten das Zelt zum Toben. Doch ein absoluter Höhepunkt waren sicherlich Simian Mobile Disco auf der Big Wheel Stage: Zwei Silhouetten sprangen um einen runden mit elektronischen Arbeitsgeräten angerichteten Tisch herum und feuerten einen Elektronik-Bastard auf das Publikum, der wohl niemanden stehen ließ. Da fiel selbst das während dem Auftritt über dem Gelände gezündeten Feuerwerk zum Melt!-Geburtstag kaum auf. Ein großes Ding hat sich da angebahnt, dass noch deutlich frischer als die kurz darauf auf der Hauptbühne feiernden Deichkind. Vor deren Show sorgte erstmal das als fiktive Technolegende Fraktus auftretende Studio Braun für einige Verwirrung. Danach rastete eine riesige Menge kollektiv aus, während Deichkind auf der Bühne wieder einmal alle Konventionen über Bord warfen. Wenn man sie allerdings schon mehrfach gesehen hatte, dann verlor dieser riesige Kindergeburtstag für Jungs deutlich an Spannung. Stattdessen konnte man aber auch zu DJ Hell oder dem Cereal/Killers-Kollektiv in den Tag hineintanzen. Da hatten sch auch schon die Platzverhältnisse vor und zwischen den Bühnen etwas entspannt. Besonders am Samstag war der Zeitplan überreichlich mit spannenden Auftritten gefüllt, doch eine überreichliche Anzahl an Besuchern war die negative Folge dessen. 16.000 Karten waren laut Veranstalter abgesetzt worden, die Grenzen der Auslastung sind dabei fast schon überschritten worden. Der Atmosphäre war diese Masse aber in jedem Fall abträglich, da beengte Platzverhältnisse für unnötige Anspannung sorgen. Ein großer Reiz des Melt! ist die Symbiose von Reizüberflutung durch das Ambiente und relativer Intimität durch Überschaubarkeit und Nähe zu den Bands und DJs. Durch das Wachsen des Festivals wird dieses Verhältnis strapaziert, aber vor diesem Dilemma steht wohl jeder Veranstalter, dem nicht nur Wirtschaftlichkeit sondern auch gelungenes Festival am Herzen liegt. Es bleibt also nur noch zu sagen: Herzlichen Glückwunsch liebes Melt!, es war wunderschön auf Deinem runden Geburtstag.
foto: uta bohls
melt! festival
intro
Tele
Die Neuberliner Tele ("Wir Brauchen Nichts" 2007, "Wovon Sollen Wir Leben" 2004) haben sich kurz vor ihrem Auftritt beim diesjährigen ASTA-Sommerfestival in Paderborn Zeit genommen, um den wahrscheinlich nervösesten Interviewer ein paar Fragen zu beantworten. Es folgen Offenbarungen über den Wunsch mal nichts zu hören, über ostwestfälische Volksfeste und wechselnde Hörgewohnheiten.
"es geht ein riss durch die welt."
(fieber)Aller Anfang ist schwer und so ist es nicht verwunderlich das gute Interviews nicht auf Bäumen wachsen oder wie reife Trauben darauf warten vom Fragensteller gepflückt zu werden. Vor allen Dingen ist es wichtig, die richtigen Fragen für die richtige Laune zu stellen.
Dann wird man von den nächsten Hindernissen eingeholt: Wie wird es ablaufen? Lässt man sich ein Special einfallen? Welche Tiefe soll das Interview haben? In welchen subjektiven Gefilden lohnt es sich den Gegenüber zu lotsen: Journalistische Distanz oder doch eher persönliche Empfindsamkeit? Doch was am Wichtigsten ist: Wie überwinde ich den eigenen Schweinehund, um mir nicht anmerken zu lassen, dass ich mir vor Nervosität fast in die Hosen mache.
Dann ist es soweit. 10 Minuten bis zum Interview. MD-Player und Mikro gut verstauen, Bandbus suchen, Interviewpartner notfalls kontaktieren. Ich bin bereit. Warum schauen die mich so grimmig an? Unsicherheit! Und dann passiert das, was man eigentlich umgehen wollte. Das Gehirn malt sich alle möglichen Schreckensszenarien aus. Erste Anzeichen eines fragmentarischen Sprachverlustes setzen ein. Der Dialekt bricht durch, den man sich so schön wegtrainiert hat, die Beine werden weich.
Wie ist die Atmosphäre auf dem Festival? Habt ihr heute euren sicheren Bandbus schon einmal verlassen?
Jörg Holdinghausen (Bass): "Ich war sehr verwundert. Von einem ASTA-Fest hätte ich nie so was Großes, Kommerzielles erwartet. Das ist jetzt nicht so mein Ding, ehrlich gesagt. Wenn ich über’s Fest gehe, dann hab ich eher den Eindruck von einem Rummelplatz."
Da ist schon eine gewisse Ähnlichkeit zu einem Volksfest mit Grillbuden und Losständen!
J: "Also im Gegensatz zu gestern, dass war ein ASTA-Fest in Köln, das stand unter dem Motto: 'Contra La Racisme', das war sehr klein und kam mir viel studentischer vor."
Ich ward beim Bundesvision Song Contest. Wie steht ihr eigentlich zu dieser Veranstaltung? Zum Wettbewerb an sich und zu der Art, wie er ausgetragen wird?
Patrick Reising (Keyboard): "Als wir gefragt wurden, ob wir da mitmachen wollen, gab es nicht die Entscheidung: „Machen wir das oder nicht?“, sondern es war von Anfang an klar, dass wir das machen würden. Aus musikalischer Hinsicht, ist es natürlich nicht unbedingt die Sache, die einen als Band voran bringt, sondern das ist eher eine große Veranstaltung, die bekannt macht. Dieses Format, was Stefan Raab dort ins Leben gerufen hat, ist immerhin noch eine Sache von den Dingen, die immerhin noch etwas mit Musik zu tun haben. Weil man ihm noch anmerkt, dass er noch wirklich an der Musik interessiert ist und in seiner Sendung noch richtige Kontraste schafft."
(Nach den ersten Eindrücken werde ich mutig und steigere den Grad an Subjektivität, vielleicht auch Dilettantismus, das wird sich zeigen. Ich bin neugierig, wie sie damit umgehen. Ich will alles wissen und sehen, ob sie auch über sich selbst lachen können. Man nennt das Selbstironie, ich nenne das investigativen Journalismus. Wir sollten öfter lachen.)
Für die nächste Frage muss ich ein wenig ausholen. Meine erste Begegnung mit Tele war der Versuch meiner Schwester mir einen Sound unterzujubeln, den ich nicht verstand. Da fehlten die Kanten, das Rohe – beim ersten Hören war die Musik so weich und formbar. Heute empfinde ich da anders und es kotzt mich wirklich an, dass meine Schwester Recht behalten hat. Ist es nicht manchmal schrecklich, dass Schwestern des Öfteren viel weiter sind als man selbst und man sich zurückblickend seine Sturheit eingestehen muss?
J: "Ich hatte keine Schwester, ich kann das nicht so beurteilen. Aber ich hatte einen älteren Bruder, der war viel weiter als ich und ich hab total davon profitiert. Er ist 7 Jahre älter als ich, hat sich schon immer für Musik interessiert, hat coole Bands angebracht und mich wahnsinnig beeinflusst."
P: "Ich hab ne kleine Schwester. Die ist sechs Jahre jünger als ich und bei mir war das immer anders herum. Aber ich hab noch drei Brüder und mit denen habe ich sogar zeitweilig in einer Band gespielt."
Wer hat sich die Choreografie für euer neues Video „Fieber“ ausgedacht? War das so eine bandinterne Sache?
J: "Meinst du das ganze Video?"
Nein, ich meine den Schritt, den eure Gitarren-Sektion am Anfang des Videos in einen wahren Foxtrott-Himmel hebt. Der erinnert mich persönlich ein wenig an die Aaron Carter Moves. Kennt ihr noch 'Crazy Little Party Girl'?
P: "Ich kenne Aaron Carter, aber ich kenne nur dieses Lied, wie heißt das noch gleich… [überlegt] 'Crush on you'?
P: "Ich habe es bestimmt schon einmal gehört. Aaron Carter ist mir noch gut im Gedächtnis. Das ist der kleine Bruder von Nick Carter. Meine Schwester war großer Backstreet Boys-Fan."
J: "Wenn überhaupt kommt das aus dem Breakdance, das hab ich früher gemacht und wir haben das für das Video übernommen. Allerdings kenne ich den Move nicht, es kann ja sein, dass er genauso aussieht."
Na ja, ich wollte nur provozieren, bei Aaron Carter sieht’s eher so aus.
(Und jetzt kommt der größte Fehler, ich bewege meine Arme in merkwürdig kreisenden Bewegungen um meinen Körper und singe dazu: "Crazy little party girl / How I love her / Partying around the world - she wants to dance!")
Egal bei euch sieht das ganz anders aus. Wir sind ja hier auf dem ASTA-Sommerfestival. Habt ihr eigentlich einen studentischen Hintergrund?
P: "Ich habe lange in Freiburg studiert: Musikwissenschaften, Informatik und Literatur auf Magister. Dann kam der Umzug nach Berlin, aber dort war der Schwerpunkt schon von Anfang an bei ganz anderen Sachen."
J: "Bei mir ist es anders. Ich hab nie das Studentenleben genießen können. Ich habe ziemlich früh gemerkt, dass ich Musiker werden will, deswegen war meine schulische Karriere auch nicht gerade glorreich. Ich bin dann in der 11. Klasse auch vom Gymnasium geflogen. Aber da kamen auch gewisse Dinge zusammen. Ich bin Vater geworden und hab mich ganz anders orientiert. Dann kam eine schulische Ausbildung in Musik. Später habe ich dann viel gejobbt: Hilfsarbeiten, im Theater gearbeitet, in der Fabrik und bin jetzt bei der Musik gelandet."
Zum Schluss noch eine leidige Standardfrage: Was hört ihr so im Moment für Musik?
J: "Hauptsächlich das, was ich jetzt mal Weltmusik nennen würde: Country, Jazz – im Moment –, aber eigentlich alles. Außer vielleicht Heavy Metal und Techno."
P: "Ich höre sehr, sehr wenig Musik. Ich bin eigentlich total froh, wenn ich mal keine Musik hören muss. Wenn man den ganzen Tag mit Musik beschäftigt ist und auch viel Musik macht, dann ist es auch ganz wichtig mal nichts zu hören oder die Ohren auszuputzen. Das ist, wie wenn man zu lange in die Sonne schaut: Irgendwann musst du dir eine Sonnenbrille aufsetzen oder in einen dunkleren Raum gehen. Deswegen höre ich zu Hause relativ wenig Musik. Aber wenn dann Sachen bei mir hängen bleiben, sind es solche, die ich außergewöhnlich finde."
Mission accomplished, nach 16 Minuten und einigen kurzzeitigen Aussetzern, bedanke ich mich, mache noch schnell ein Foto für die kleine Schwester zu Hause und natürlich auch für mich selbst und verabschiede mich dann von Jörg und Patrick. Auf dem Rückweg überfällt mich ein Schauer aus Freude und der leidigen Gewissheit, dass es doch gar nicht so schlimm war, nur der Kopf wiegt viel zu sehr und zieht den Körper in Mitleidenschaft.
foto: frank eidel
tele
The Marble Man [Sugar Rails]
Mit nicht einmal zwanzig Jahren spielt The Marble Man aus Traunstein ein Album ein, dass ihn zu einem der größten Hoffnungsträger der deutschen Singer/Songwriter-Szene macht. Die Süddeutsche Zeitung nennt ihn gar „den bayrischen Conor Oberst“.
"and after all it's just a slowly dying star / if anything, it's the escape from what we are."
(slowly dying star)„The boy with his hat has left the ring to sit and think [...] there’s no-one cause they all went out [...] he’s just a stupid, young naive kid”. So singt es Josef Wirnshofer alias The Marble Man in seinem eingängigen Lied The Boy With His Hat. Und ja, womöglich singt er da ein bisschen über sich selbst. Gilt er doch allgemein als eher schüchtern, zurückhaltend und eindeutig als jemand, der sich gern mal zurückzieht, um sein eigenes Ding zu machen. „Stupid“ kann er jedoch auf keinen Fall sein – sonst wäre bei diesen Rückzügen niemals ein so schönes Album entstanden wie das gerade veröffentlichte "Sugar Rails“.
Vielleicht fand er einfach niemanden, der die musikalische Wellenlänge mit ihm teilte, oder er ist ein Perfektionist, der am liebsten alles selbst macht – so oder so entschloss sich The Marble Man, sämtliche Instrumente für seine erste Demo-CD selbst einzuspielen. Die zu bedienen hat er sich auch noch im Alleingang beigebracht, ebenso wie das Komponieren und das Aufnehmen am Computer. Letzterer steht zwischen Bass, Schlagzeug und mehreren Gitarren auf dem Dachboden seines Elternhauses. Hier und in einem alten Wohnwagen, der etwas außerhalb seines Heimatortes Erlstätt bei Traunstein steht und von einem guten Freund „bewohnbar gemacht“ wurde, findet Wirnshofer Inspiration zu neuen Songs. Das klappte scheinbar so gut, dass bald eine Demo-CD mit neun Tracks fertig war.
Dieses Demo landete unter anderem in der Zündfunk-Redaktion des Bayerischen Rundfunks und begeisterte dort die Jury. Sie lädt den Oberstufenschüler ein, im Dezember 2006 auf dem Bavarian Open Festival zu spielen, zwischen Top Acts wie Cat Power und The Thermals. Da hat er noch nicht mal eine Handvoll Auftritten hinter sich - trotzdem (oder gerade deswegen?) bezaubert er das Publikum. Kurz darauf – mitten in den Abiturvorbereitungen – nimmt Josef für das kleine Label Schinderwies seine erste richtige Platte auf.
Den Titeln von seiner Demo-CD werden noch drei weitere hinzugefügt, sodass nun zwölf herrliche Songs Platz finden auf "Sugar Rails", und die handeln nicht von jugendlicher Liebe oder kindlichen Problemen, sondern von Selbstzweifeln und Selbstfindung, sodass man manches Mal glaubt, der Sänger sei nicht erst zwanzig, sondern womöglich doppelt so alt. Die schwerwiegenden Themen verpackt The Marble Man in wunderbar leichte Gitarrenklänge und bindet mit feinem Gespür für den richtigen Moment, die richtige Stimmung, eine Schleife aus Orgel- und Akkordeonklängen drum herum. Und wie sonst auch gilt hier: Die selbst gebastelten Geschenke sind doch oft die schönsten! Denn den Homerecording-Charakter wollten auch die Produzenten auf keinen Fall verlieren. Schön, dass man sich so beim Hören den Dachboden, auf dem das alles entstanden ist, nahezu bildlich vorstellen kann. Da verzeiht man auch kleine Ausfälle, wie zum Beispiel Stand Or Fall, das man am Ende einen Ticken leiser drehen muss, weil der Höhepunkt des Songs so laut geworden ist. Dieser Schreck ist schnell vergessen, wenn schon wenige Sekunden später die wunderbare Ballade Slowly Dying Star ertönt.
Die hat The Marble Man (der seinen Namen übrigens von einem Nico-Album abgeleitet hat) auch 2006 gespielt, bei den Bavarian Open. Auf der Website des Festivals findet sich eine Videoaufnahme davon. Zu sehen ist der blutjunge Musiker, wie er ganz allein auf der dunklen Bühne sitzt und mit leicht zitternder Stimme diesen so tief verzweifelten Song singt. Wie er plötzlich, ob vor lauter Endorphinen oder Unsicherheit oder wovor auch immer, ein Kichern nicht zurückhalten kann, mitten im Text, und anschließend die Augen schließt für den ganzen Rest. Zu sehen ist die Zukunft des Songwritertums, voller Poesie und voller gitarrenlastiger, aber trotzdem unterscheidbarer Melodien. Zu sehen ist, ziemlich sicher, der kleine Anfang von etwas ganz Großem.
foto: themarbleman.de
the marble man
"sugar rails"
schinderwies productions 2007 cd
the marble man
Wiebke Hövelmeyer, Mathias Ahrberg [Fairliebt]
Vom Suchen und Finden der Liebe.
"ich wäre gern dov charney, minus patriotismus."
(mathias ahrberg)Als er gerade ins politisierungsfähige Alter kam, erreichte die globalisierungskritische Bewegung ihren medialen Höhepunkt. Die Nachrichten waren voll mit Bildern vom Schwarzen Block, von Randalierern und anderen kreativen Arten des Protests. Diese Dinge waren und sind es, die ihn beeindruckt und somit dazu bewogen haben, mit seiner guten Freundin Wiebke Hövelmeyer die Welt zu retten. Ein bisschen jedenfalls. Die Rede ist von Mathias Ahrberg, der geduldig Rede und Antwort stand, darüber hinaus leidenschaftlicher Kaffeetrinker ist und eine Schwäche für Wortspiele hat.
"Es geht darum, etwas zu machen", sagt er und tut es sogleich, indem er gemeinsam mit Wiebke das Modelabel fairliebt gründet und laufend vergrößert. Von T-Shirts über Buttons bis hin zu Tragtaschen ist alles dabei. Und – besser noch – man weiß, was man da auf der Haut trägt: Fair gehandelte Ware nämlich.
Resolut machen der überzeugte Vegetarier und die beste Kuchenbäckerin der Welt sich dafür stark, dass jeder, der an der Herstellung ihrer Kleidung beteiligt ist, zu seinem gerechten Anteil kommt. Dabei sind ihnen verschiedene independente Kontrollinstitute behilflich, die die Ware zertifizieren.
"Natürlich kann man sich nie sicher sein, was man da kauft. Aber ich persönlich denke, man könne eher einer unabhängigen Institution vertrauen, als einem globalen Multi, der eine Seriositätskampagne startet", so Ahrberg.
Wie kommt man als junger Mensch dazu, seine Baggy Jeans zu hinterfragen und sich nach ebendieser fair gehandelten Ware umzusehen? "Die momentane Weltlage ist wie geschaffen, ein gewisses inhaltliches Vakuum zu füllen", findet Mathias und fügt hinzu: "Ich war recht überrascht, als ich versuchte, in Deutschland Kleidung zu finden, die dieser modernen Bewegung gerecht wird. Da gibt es nichts, was nicht nach Rettet-den-Regenwald-Agitations-Textilien aussieht". Der Zufall wollte es, dass er ein paar Jahre später in Hamburg auf Wiebke traf; gemeinsam machten sie sich kurz darauf an die konkrete Planung eines Labels mit Hintergrund.
Während Mathias sich vorwiegend um Geschäftliches kümmert, deckt Wiebke, die ein abgeschlossenes Studium als Modejournalistin vorzuweisen hat, den kreativen Part ab, indem sie designt, entwirft und modelliert. "Viele glauben, die herrschende Verwertungslogik wäre gottgegeben und es wäre der einzige Sinn und Zweck des Lebens, innerhalb diesen Systems Glück und Erfolg zu finden", kritisiert der VWL-Student und Musikliebhaber die der Take-Away Bewegung und Euphemismen unterworfene Gesellschaft.
Um nicht völlig unterzugehen in einer Generation, wo der Kapitalismus immer widerstandsloser akzeptiert wird, halten er und Wiebke an ihrem Projekt fest, investieren jeden Euro in neue Artikel und sorgen somit dafür, dass diese Welt ein kleines Stückchen besser wird.
Und jetzt? Unsere Herzen sind nach wie vor Plastiksäcke im Wind. Aber immerhin haben sie es jetzt schön warm. Und gut aussehen, das tun sie auch. Fazit: Wir sind verliebt in fairliebt.
foto: fairliebt
fairliebt
fühlt sich gut an